„Nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin, Salzburg 28.4.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich hat sich an meinem Tagesablauf nicht so viel geändert. Ich setze mich gleich in der Früh an den Schreibtisch, schreibe, lese, später mache ich Erledigungen, gehe raus, treibe Sport. Was schwieriger geworden ist, ist, die Herausforderung, nicht in einen Leerlauf zu verfallen. Die Inspirationen und zufälligen Begegnungen, die sich sonst auf der Straße und bei Veranstaltungen begeben, gibt es in einer gewissen Form auch im Netz, aber das ist selbstverständlich nicht mit dem persönlichen Kontakt zu vergleichen. Was sich gravierend verändert hat, ist, dass meine Reisetätigkeit von beständig auf null gesunken ist. Das stört die Arbeitsruhe insofern, weil die ständige Bewegung und Neuverortung Teil meines Schreibprozesses sind.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Geduld. Achtsamkeit. Solidarität.

Aber auch: kritisches Denken. Politisches Denken und nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen.

Katharina J-Ferner_ Foto_Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Gesellschaftlich fände ich es wichtig, die Berufe, die durch die Krise in den Fokus gerückt sind, nicht nur mit Dankesworten, sondern auch mit finanzieller Unterstützung und besseren Arbeitsbedingungen auszustatten. Die Aufwertung insbesondere im Gesundheitsbereich, und zwar gerade in jenen Bereichen, die gesellschaftlich sehr relevant sind, aber in öffentlichen Diskussionen gerne ausgeklammert werden, wie der Palliativbereich oder die 24-Stunden Pflege.

Im Kulturbereich sehe ich die prekären Verhältnisse einmal mehr aufgezeigt. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist nur eine der Wunden, die hier aufgemacht wurden. Eine Rolle für „die Literatur“ zu definieren finde ich schwierig, da ich mich auch hier an der Begrifflichkeit stoße. Literatur, so wie alle Künste, darf und soll sich auch keiner „Rolle“ zuordnen müssen.

Persönlich sehe ich die Sprache, aber als Möglichkeit, Anstöße zu geben und Themen anzusprechen, die nicht unter den Tisch fallen dürfen. Mit Corona verschwindet weder die Situation an Europas Grenzen, noch die Klimakrise. Eine klare Positionierung zu gesellschaftlichen und politischen Themen, kann ein gemeinschaftliches, kritisches und solidarisches Denken durchaus befördern.

 

Was liest Du derzeit?

„Die Erzählungen“ von Gabriel García Márquez.

„Tiefschwarz zu unsichtbar“ Gedichte von Isabella Feimer.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Lost ist nicht nur ein Raum, sondern auch ein Zustand. Verlorenheit im Inneren. Verlorenheit, die die letzten Stärkefünkchen auffordert sich auf den Weg an die Oberfläche zu machen. Am tiefsten Punkt liegt der alte Anfang, wartet wie ein Überwurf auf Tage voller Fragwürdigkeiten. Testen ob die Haut noch da ist, testen ob die Muskeln noch da sind, ob der Körper noch mitmacht. Unsicherheiten im Kopf ausbügeln. Konzentration. Den Tag- Nachtrhythmus einfangen.“

 Ein Zitat aus der Serie „Lost“ aus einer Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Yves Noir. https://yves-noir.de/lost.html

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina J.Ferner, Schriftstellerin

Lyrik: „nur einmal fliegenpilz zum frühstück“ Limbus Verlag

Prosa: „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste.“ Roman. Verlag Wortreich

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Mark Daniel Prohaska

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