„Die Literaturszene braucht gemeinsame Strategien“ Katherina Braschel, Schriftstellerin_22.5.2020

Liebe Katherina wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf wurde durch die Covid-Krise vielleicht ein wenig kompatibler mit anderen Menschen als er sonst ist. Wenn ich es mir einrichten kann, beginnen meine Tage um ca. 11 Uhr am Vormittag und enden um ca. 2 Uhr in der Nacht. Diesen Rhythmus beizubehalten ging jetzt relativ gut, da Termine am Vormittag ohnehin quasi ganz wegfallen.
Ich stehe auf, frühstücke, lese Nachrichten oder höre Radio, erledige dann Mails und so weiter, verbringe einen großen Teil jedes Tages mit dem Telefonieren, Sprach- oder Textnachrichten austauschen mit Freund*innen und meiner Familie, gehe eventuell spazieren, einkaufen und setze mich, wenn es geht, gegen Abend ans Schreiben. Allerdings hemmt mich die anhaltende Ungewissheit der Gesamtsituation momentan sehr dabei.
Ich lese momentan auch viel, mehr als zuvor oder verbringe den Abend mit den Menschen, mit denen ich zusammen wohne. Die ersten fünf Isolationswochen war ich alleine isoliert, hatte nur Kontakt mit meiner Mutter und das stets mit zwei Metern Abstand. Das war eine sehr aufreibende, intensive Erfahrung, dieses Fehlen von Anderen, das Fehlen von Berührungen etc. Bei der ersten Berührung nach fünf Wochen, eine Umarmung einer Freundin, hatte ich Tränen in den Augen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das aufeinander Schauen, aneinander Denken, nachfragen, füreinander da sein. Besonders für Menschen, die alleine sind, alleine wohnen oder die jetzt besonders gefordert sind. Menschen mit psychischen Problemen, die sich jetzt eventuell intensivieren, Menschen mit Kindern, die seit Wochen nicht mehr durchatmen können. Menschen mit finanziellen Problemen, gravierenden Zukunftsängsten. Ungewollt Schwangere. Die Liste ist lang.
Besonders wichtig finde ich auch, gerade angesichts der ständigen Betonung des Nationalen, insbesondere durch den Kanzler, nicht den Blick für andere Geschehnisse zu verlieren. Dass Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa bewusst dem Sterben überlassen werden, das ist Mord (und gleichzeitig nichts Neues, die Situation wird durch den Virus nur nochmals verschärft). Dass viele Menschen keine Wohnung haben, in der sie #stayathome machen können.

 

Katherina Braschel _ Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Covid-Krise hat sehr viele Mechanismen und Dynamiken, die in unserer Gesellschaft ohnehin bestehen, verdeutlicht und verstärkt zu Tage treten lassen, zumindest habe ich das sehr stark so erfahren. Diese Dinge werden „nach Corona“ (wie und wann auch immer das sein wird) nicht weg sein, im Gegenteil. Wichtig wird das sein, was jetzt auch wichtig ist, insofern: siehe meine letzte Antwort.
Es fallen jetzt schon so viele durch den Rost, wesentlich wird sein, das weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren und so gut es geht etwas dagegen zu unternehmen.
Ich weiß nicht, ob der Literatur speziell eine andere Aufgabe als sonst zukommen wird. Die Verantwortung, die man als Schreibende*r den Figuren, dem Stoff, der Sprache etc. gegenüber hat, bleibt dieselbe.

Natürlich würde ich mir aber wünschen, dass die Literaturszene sich auf die eine oder andere Weise gemeinsam Strategien des Abfederns überlegt. Für diejenigen, die bei allen Förderungen herausgefallen sind, für uns Frühjahrserscheinungen von 2020, für diejenigen, die aufgrund anderer Verpflichtungen wie Care-Arbeit Monate an Arbeitszeit verloren haben…

 

Was liest Du derzeit?

Viel. Und sehr unterschiedliches.
Ich habe einige Frühjahrserscheinungen gelesen, z.B. „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher oder „Und wie wir hassen!“ herausgegeben von Lydia Haider.
Zudem lese ich immer wieder Texte von befreundeten Schriftsteller*innen, an denen gerade gearbeitet wird.
Außerdem lese ich „Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl“ von Erica Fischer über NS-Widerstand. Dann immer wieder ein paar Seiten in „Das obszöne Werk“ von Georges Bataille und vor ein paar Tagen habe ich auch noch „The Terrible“ von Yrsa Daley-Ward angefangen. Es ist momentan ein bisschen viel, aber ich genieße es auch.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kein Mensch ist illegal.“
Das ist vielleicht kein klassisches Textzitat, aber eine Tatsache, derer wir uns immer wieder bewusst werden müssen. Menschen sind nicht illegal, können es nicht sein, es ist ein System, das über (Il-)Legalität und Legitimität entscheidet und dieses System ist auch nur eine Erzählung.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katherina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katherina Braschel, Schriftstellerin

Foto_ Mark Daniel Prohaska

 

12.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es“ Verena Stauffer, Schriftstellerin _ Wien 21.5.2020

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage, seit sich die Kronenkrankheit auf die Länder gesetzt hat, sind spitz geworden, hart, glatt an den Kanten, mit hohen Zacken und blendenden Spiegelungen. Sie sind ungerecht, brutal und bekränzt. Wenn man aber in ihnen sitzt, dann fühlen sie sich groß und weich an. Sie dehnen sich aus, erweitern sich wie Kolonialbestrebungen früherer Königreiche, werden größer und entfernen sich von ihren nächsten. In einem Tag sind jetzt viele, ihre Namen verschlucken sie selbst. Auch halten sie nicht, was sie einst versprochen haben, sondern tragen Neues heran. Die neuen Tage setzen über, in ein scheinbar fremdes Land, denn ich fühle, wie sich die zu den Handlungen gehörenden Gedanken verändert haben, das führt zu einer Veränderung der gesamten Ansicht

Die Zukunft könnte ein Bär auf zwei Pfoten sein, und niemand weiß, welches Gebiet er bewandern will, sage ich zu einer Freundin. Besser wir halten viel Honig bereit. Die Zukunft wohnt auf einem zu hohen Berg, niemand kann sagen, wie sie zu bergen ist, man kann ja nicht in die Zukunft hineingraben wie in einen Stollen, um aus ihr das Glitzernste herauszuholen – aber, warum eigentlich nicht?, frage ich sie. Ich setze meine Maske auf, zum Schutz gegen den feinen Staub, den Schutt und den Dreck, den ich fortzukarren habe

Das mache ich für die Neugeborenen und für die Föten, damit ihre Augen das Schönste sehen, von der Welt

Die alte Zeit holt niemanden mehr ein, wir sind ihr davongezogen, glanzlos. Leb wohl! Ich stehe am Fenster und blicke ihr hinterher, jetzt liegt sie schon weit zurück, ein Teil von mir ist in ihr geblieben

 

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Die Tage, die jetzt sind, sie bringen die Holunderaugen zum Schaukeln, die Wolken wippen auch, sie wiegen sich hin und her wie die Fragen, die ich mir stelle. Deshalb begann ich ihren Lauf auszuheben, herauszuschaufeln die Aussagen der Vergangenheit aus ihren Gruben. Sie kamen in den letzten Wochen auf mich zu, auch jene der Verstorbenen und jetzt entschwinden sie langsam wieder. Sie und ich, wir konnten einander in dieser Zeit noch einmal begegnen, auch das haben die großen Tage hervorgebracht. Nur Antworten gab es keine, die Verstorbenen können nichts mehr über die Gegenwart sagen, sie standen seltsam ratlos vor mir.

Es ist immer noch heuer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Gesellschaft ist in ihrem Denken entzweigerissen – eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es –

da denke ich an das Wesen der Demokratie, für deren Erhalt eine Meinungs- und Gesinnungspluralität notwendig ist, denn stünden alle hinter einer Ansicht, dann würde eine Kraft zu mächtig und wir liefen Gefahr totalitären Ansprüchen ausgesetzt zu werden

 

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Es ist wichtig für mich an den Gebirgsgraten dieser Zeit mich aufzuschürfen, zur eigenen Stimme in der Tiefe, im Inneren, im Erinnern sich selbst wiederzufinden:

die Eselin, den Glückskerl, den Clown

 

die Wüterin

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Nun aber setze ich lieber wieder meine Maske auf, die Maske der Belustigung ist es nicht, denn wer von Belustigung spricht, der schwebt meist schon in Gefahr, weil es ihm ernst ist

 

Das mag ich, wenn jemand über ihm ernste Dinge scherzen kann

 

Es ist mir, als wüchse tags Neues aus den sich verwandelnden Geschehnissen, nachts schlafe ich in einer Krone aus Erde

 

Glitzernd vor mir die Zukunft, ein Fisch, oder ein Bär mit einem Fisch in der Hand, oder ein glänzender Berg, mit einem Bären mit einem Fisch in der Hand, oder wie die Kronenkrankheit mit uns in der Hand, oder wie der Kronenkrankheitskönig auf einem glänzenden Berg mit einem Bären mit einem Fisch, der Kronenkrankheit und uns in der Hand

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

 

Es ist einerseits wichtig niemanden zurückzulassen, sich für soziale Gerechtigkeit noch stärker einzusetzen. Es ist auch an der Zeit nicht weniger, sondern mehr zu verlangen: noch mehr Freiheit. Noch mehr Unterstützung. Eine Umverteilung von Kräften und Macht

Weniger Massenkonsum, weniger Flugzeuge, weniger Verkehr

Die Welt noch einmal neu zu bauen!

Bücher sind Staumauern gegen totalitäre Bestrebungen der Staaten, gegen eine Radikalisierung der Bevölkerung gegenüber Minderheiten. Vor den Büchern stehen die Schriftsteller*innen, die Dichter*innen, hinter den Büchern die Leserschaft, so bildet sich ein dicker Wall, der dagegenhält

Manchmal sind es Bücher allein, die Trost oder Freude spenden, die einen über schwierige Zeiten retten, mich retten sie

 

Was liest Du derzeit?

 

Oh, so viel, viele der Neuerscheinungen, ich möchte lesen und lesen, auch deshalb ist es gut, dass die Tage größer geworden sind

Poschmann, Warzecha, Küchenmeister, Bulucz, Szalay, Okopenko … Adler, Helfer, Meschiks Vaterbuch. Valerie Fritsch, Adalbert Stifter, Hendrik Jackson, Yevgeniy Breyger, Daniel Falb, Sonja vom Brocke, Uljana Wolf und viele mehr …

… aber auch Wissenschaftstheorie, Waldenfels „Erfahrung, die zur Sprache drängt“, über Jean Amery und Paul Feyerabend und ein sehr interessantes Buch über die Geschichte des Transithandels von Lea Haller

 

Welche Textstelle, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Gedichtband möchtest Du uns mitgeben?

 

„Vorurteile ohne Kausalität oder die Diskreditierung weiblicher Kronen:

Für den Krokus dieser Welt. Und plötzlich in der Lage zu sein

sie doch noch einmal neu zu bauen“

 

Aus: OUSIA; Verena Stauffer. Kookbooks, März 2020.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Lyrikband und Deine kreativen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Verena Stauffer, Schriftstellerin

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https://literaturoutdoors.com

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Weitere Informationen:

 

Die aktuelle Rezension zu OUSIA von Jürgen Brôcan auf fixpoetry:

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/verena-stauffer/ousia-1

 

Online-Auftritt von Verena Stauffer beim Literaturfestival Viral:

https://www.facebook.com/glitteratur/videos/278919649771734/UzpfSTcwMzkyNDgxMToxMDE1ODIzMzIxMTcyNDgxMg/

 

OUSIA, zu bestellen u.a. bei:

https://www.graetzlbuchhandlung-lainz.at

 

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948336042/Stauffer-Verena/Ousia?bpmctrl=bpmrownr.1%7Cforeign.193171-1-0-0

 

https://autorenbuchhandlung.buchkatalog.de/Product/3000002745991/18705/10002/-3/Buecher_Drama-und-Lyrik_Lyrik/Verena-Stauffer/Ousia/4099276460822241232/4099276460822241224/4099276460822241224

 

 

„Angst ist der Brennstoff der Demagogen“ Ferdinand Schmalz, Dramatiker, Schriftsteller_20.5.2020

Lieber Ferdinand, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit habe ich keinen geregelten Tagesablauf. Viel Lesen, viel Zeit mit den Kindern, viel Draußensein.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe das Gefühl, dass diese Krise uns alle auf eindringlichste Weise mit unseren tiefsten Ängsten konfrontiert. Die Angst vor der Ungewissheit, die Angst unsere Liebsten zu verlieren, die Angst selbst betroffen zu sein, die Angst vor dem Tod. Darauf reagieren wir unterschiedlich, manche flüchten sich in den Fitnesswahn, manche ziehen sich zurück in die Depression, andere produzieren wie verrückt. Ich fände es besonders wichtig, diese Angsterfahrungen als Gesellschaft zu verarbeiten, zu kanalisieren, die Toten zu betrauern. Denn Angst ist der Brennstoff der Demagogen.

 

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Dein aktuelles Theaterstück „Jedermann stirbt“ bekommt derzeit ja eine besondere Aktualität in Ereignis und realen Erfahrungen von Tod, Leiden und Fragen nach Zukunft und Lebensveränderungen. Was ist in diesen gesellschaftlichen Prozessen jetzt wesentlich und welche Perspektiven können wir gewinnen?

Mein Jedermann hatte vor kurzem im Schauspiel Frankfurt Premiere, mit Wolfram Koch in der Hauptrolle. Am letzten Tag vor dem Shutdown war das Stück angesetzt. Das muss schon eine seltsame Stimmung gewesen sein, wenn es da heißt: „für all die toten, die noch leben, die glauben noch zu leben. die innerlich schon längst verrottet sind, obwohl sie immer noch nicht aus den rollen fallen. aus allen totenstädten kommen sie. die toten, die in ubahnen, in den cafes, die im theater da auf nebensitzen sitzen.“

Was wir in dieser Krise hautnah erleben mussten, ist, dass der Reichtum eines Landes nicht nur am BIP zu bemessen ist. Dort wo die sozialen Netze in den letzten Jahren kaputt gespart wurden, hat der Virus am verheerendsten zugeschlagen. Bei den Milliardenpaketen an Wirtschaftshilfen, die in Windeseile geschnürt wurden, darf man befürchten, dass sie wieder an den falschen Stellen reingespart werden.

 

Was liest Du derzeit?

Miranda July – der erste fiese Typ, Rachel Cusk – Outline, Wladimir Majakowski – Wie macht man Verse?

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem Theater- , Schreibprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Ferdinand, viel Freude und Erfolg für alle Theater- und Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ferdinand Schmalz, Schriftsteller

https://www.fischerverlage.de/autor/ferdinand_schmalz/22840

 

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„Werte müssen überdacht und neu definiert werden“ Martina Clavadetscher, Schriftstellerin, Schweiz_19.5.2020

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst, ich stehe auf, arbeite, lese, recherchiere und schreibe; die öffentliche Seite meiner Arbeit fällt nun weg, die Reisen, die Auftritte bzw. die Theaterbesuche; die Abende verbringe ich jetzt eben zu Hause, lesend oder ich schaue Filme und Serien.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Vernunft. Und ein Umdenken, das gilt für die Individuen wie auch für die gesellschaftlichen und politischen Systeme. Werte müssen überdacht und neu definiert werden; persönlich hilft es, neue Pläne zu schmieden, damit wieder Perspektiven entstehen, wobei das Gefühl der Unsicherheit und Unzuverlässigkeit sehr lähmend sein kann, muss ich zugeben.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur ist langsam, Fiktion braucht eine Distanz zur Aktualität, eine Weite zur Wirklichkeit, alles andere ist Dokumentation. Dennoch soll Literatur ihre Finger auf die Wunde legen und erzählen, darüber erzählen, darunter, dahinter, alles verdrehen und in neue Formen gießen.

 

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Was liest Du derzeit?

Verschiedenes; Jean Baudrillard – Das radikale Denken, und Erzählungen von Edgar Allan Poe.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Ziel der Schreibkunst ist es, ihren Gegenstand zu verfremden, ihn zu verführen, ihn vor seinen eigenen Augen verschwinden zu lassen.

Jean Baurdillard. Das radikale Denken.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater- und Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Martina Clavadetscher, Schriftstellerin, 

Startseite

 

8.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Now is the time to take time. Or forever like that …“ Akemi Takeya, performer, choreographer_Wien 18.5.2020

Liebe Akemi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zwischen 7 und 8h wache ich auf. Dann lese ich. Ich habe immer Zeitungen und Bücher um mich. Ich sehe auch manchmal gleich ins Internet, um Nachrichten zu lesen, ORF, aber auch was gerade in Japan passiert.

Für mich persönlich ist es wichtig zu verstehen, was das Corona Virus ist und dabei möglichst verschiedene Aspekte von Medizin, Wirtschaft bis zu Politik zu beachten und aufzunehmen. Das betrifft die ganze Welt – aber speziell für mich Japan. Darüber informiere ich mich, etwa mit Fernsehsendungen oder Fachartikeln. Das ist mein tägliches Corona-Training (lacht).

Das Klavierspiel ist ebenso fixer Bestandteil des Tages. Jeden Tag gehe ich auch einkaufen in den Supermarkt. Das ist ein Ritual. Dann koche ich – also richtig, etwa Schweinsbraten. Ich habe dazu Kochbücher, auch das Internet verwende ich für Rezeptanregungen. Das tägliche gute und viele Kochen ist mir sehr wichtig.

Abends sehe ich einen Film oder eine Dokumentation. Schlafen gehe ich aber sehr spät – zwischen 2 und 3h.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles so wird wie vor der Corona-Krise. Es wird um etwas Neues gehen und ich bin sehr neugierig was da passieren wird.

Ich denke, wir sind in einem Prozess der Reinigung. So wie wir jetzt das alte Gewand wegwerfen, werden wir es auch persönlich und in der Gesellschaft tun müssen.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

 Ich frage mich jetzt, wo ist mein Publikum und wer ist mein Publikum in Zukunft? Welche Wege muss meine Kunst gehen?

Kunst hat immer mit dem Ich zu tun, das ist der Ausgangspunkt und dann die Frage nach dem Weg zum Wir. Das „ Ich“ ist ein Japan ein fake und die Gesellschaft hat eine Maske. Die Ortsveränderung, mein Weg nach Europa war dabei ein wichtiger Schritt der Auseinandersetzung. Hier in Europa gibt es so ein starkes Ich, jeder sagt „Ich denke, Ich spüre“ – das sagen wir nicht in Japan und ich habe es hier auch noch immer nicht geschafft dies zu sagen. In mir kämpfen jetzt immer wieder diese zwei „Ichs“, jenes der Herkunft und jenes der Gegenwart. Das ist mein Schicksal.

Der Ausdruck der Sprache ist in diesem Prozess auch ganz wesentlich. Ich schreibe derzeit songs und konzentriere mich auf diese Möglichkeit.

Meine Kunst muss generell nach Ich und Wir fragen. Als inneren und äußeren Anspruch und dabei über bloße Ansagen in Reden hinausgehen. Das ist für Kunst an sich so.

 

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Was liest Du derzeit?

Japanese history from ancient times to modern times (Manga Version)

 

Welchen Impuls/Text aus Deinen Kunstprojekten möchten Sie uns mitgeben?

„To be capricious“ is the most essential universal force for my artwork: It leads to natural decisions by chance or impulse, not by logical needs or reasons. I can say that it is a magical remedy that could bring me provocative essence! Now is the time to take time. Or forever like that …“

„Kapriziös zu sein“ ist die wesentlichste universelle Kraft für mein Kunstwerk: Sie führt zu natürlichen Entscheidungen durch Zufall oder Impuls, nicht durch logische Bedürfnisse oder Gründe. Ich kann sagen, dass es ein magisches Mittel ist, die mir provokative Essenz bringen könnte! Gerade jetzt ist die Zeit, sich dafür Zeit zu nehmen. Oder für immer so …

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Akemi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Akemi Takeya, Choreographer, Performer

http://www.akemitakeya.com/news

 

 

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Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Cafe Prückel Wien, 30.4.20.

 

 

„Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind“ Robert Prosser, Schriftsteller, 17.5.2020

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Beginn der Pandemie bin ich in Tirol. Ich habe mal nachgerechnet: Seit der Matura war ich nicht mehr so lange durchgehend im Dorf. Während der Quarantäne war es ein Pendeln zwischen einem Gefühl des vollkommenen Abgeschnittenseins und einer angenehm surrealen Stimmung inmitten der zugesperrten Hotelbauten, der verlassenen Pisten, der fast menschenleeren Berge und Wälder. Ich versuche, die aufgezwungene Freizeit möglichst sinnvoll zu nützen. Gerade wird ein längerer Essay fertig – eine Art Journal, vor allem über eine Recherchereise durch den Libanon im Juni 2019 – und ein Roman ist im Entstehen, das beschäftigt mich sehr.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mental möglichst stabil zu bleiben, trotz der Ungewissheit, der ökonomischen Ängste und der Langeweile. Und trotz aller Enttäuschung, die ich persönlich aufgrund der desaströsen Flüchtlingspolitik empfinde, scheint es mir in Anbetracht der wiedererstarkten Nationalstaaten wichtig, jetzt besonders an der Idee der Europäischen Union festzuhalten. Der Rudelwahn zeigt sich auch auf lokaler Ebene. In meinem Bekanntenkreis verfallen einige in eine Art Herdentrieb und verteidigen Tirol samt Landesregierung und Touristikern gegen die Angriffe von Außen (gegen „die Wiener“ oder „die deutschen Medien“). Das man uns nichts vorwerfen könne, die Schigebiete nicht als Virenherde verunglimpft werden dürfen. Aber es ist eine Schande, was für den Wintertourismus gemacht und was diesem ermöglicht wird, die Verflechtungen von Seilbahn, Hotellerie und Politik sind durch die Corona-Krise öffentlich geworden, es bleibt zu hoffen, dass es zu einem Umdenken kommt, hin zu einem ökologisch verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das schließt an die vorige Antwort an. Im besten Fall behalten wir im Kopf, was die jetzige Situation klar gemacht hat. Wie wichtig ein Sozialsystem ist und wie eilfertig Regierungen Grundrechte beschneiden, eine Entwicklung, die zu Verhältnissen wie in Ungarn führen kann. Wie schnell sich Maßnahmen weltweit durchsetzen lassen, wie nötig eine solche Entschlossenheit im Bezug auf den Klimawandel wäre. Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind und wie viel Berechtigung das bedingungslose Grundeinkommen hat. Derartige Ideen und Entwicklungen sicht- und erfahrbar zu machen, zu zeigen, wie sie auf den Einzelnen wirken, das, glaube ich, ist eine der Möglichkeiten von Literatur.

 

Was liest Du derzeit?
Apeirogon von Column McCann und Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld

 

Welches Zitat, welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Let us consider the view:
a house where white clouds
decorate the muddy halls.
Oh, put away your good words
and your bad words. Spit out
your words like stones!
(Aus: From the Garden, Anne Sexton)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Gemma Habibi“ und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Robert Prosser, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Gemma Habibi“ Verlag Ullstein fünf, 2019. 

http://www.robertprosser.at/

 

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„Ambivalenz ist ok – don`t judge yourself“ Sophia Hörmann_Performerin_Wien 16.5.2020

Liebe Sophia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Inzwischen hab ich mich etwas eingelebt. Mach meine online Workouts, gehe viel spazieren, beobachte ein bisschen die Leute, das mach ich überhaupt sehr gerne. Ich hab mich in den letzten Wochen wie ein Gangster gefühlt, wenn ich raus gegangen bin. Bücher stapeln sich auch schon.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gegenseitige Wertschätzung, Anerkennung und Solidarität. Schon sehr oft gesagt, aber trotzdem sag ich es auch nochmal. Vor allem in der Tanz und Performance Szene gibt es sehr viel Unklarheit, existenzielle Sorgen und Ängste. Ich persönlich habe das Glück eine Anstellung an einer Musikschule zu haben, die mich finanziell auffängt. Es gibt da gerade eine Petition, die ich gerne erwähnen möchte, sie heißt „Rescue the Arts“ und wurde von der Wiener Perspektive, der IG Freie Theater und der Wiener Freien Performance Szene initiiert: „Die Kultur- und Kreativbranche, insbesondere die darstellenden Künste, sind diejenigen, die als erste die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie zu spüren bekommen haben. Zudem werden sie wohl auch die letzten sein, die zu ihren normalen Arbeitsbedingungen zurückkehren können.“ Man ist herzlich eingeladen, sich das mal durchzulesen.

 

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Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Eine Art Neubeginn wäre schön, aber ich weiß nicht ob das so stattfinden wird. Künstler*Innen und Beschäftigte im Kunst- und Kulturbereich haben bereits ein hohes Maß an Solidarität untereinander gezeigt sowie Kreativität im Umgang mit der Krise. Hier möchte ich nochmal „Rescue the Arts“ zitieren: „Aber es liegt ganz klar an den Regierungen, den Kunstsektor zu retten.“ Dass Künstler*Innen weiterhin wie Seismographen Dinge aufgreifen und thematisieren, darüber mache ich mir keine Sorgen. Wir brauchen aber vermutlich „ein langfristiges, flexibles und direktes Fördersystem, welches die Möglichkeit bietet, schneller künstlerisch auf (aktuelle) Situationen zu antworten.“

 

Was liest Du derzeit?

Stoner“ von John Williams und „Ein sanfter Tod“ von Simone de Beauvoir vorm schlafen gehen, nicht gerade die beste Abendlektüre, aber ich bin eh eher nachtaktiv.

 

Welchen Impuls aus Deinen Performanceprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Aufs Bauchgefühl und die eigene Intuition zu hören ist immer gut, glaube ich. Ambivalenz ist auch ok, aber don´t judge yourself.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sophia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Performance- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sophia Hörmann, Performance Künstlerin

https://www.sophiahoermann.com/

https://mein.aufstehn.at/petitions/rettung-der-kunste-rescue-of-arts

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„Wie stark eine Person von der Corona-Krise betroffen ist, hängt immer von ihren Privilegien ab“ Lennardt Loß, Schriftsteller_Frankfurt/Main 15.5.2020

Lieber Lennardt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als vor Covid-19. Meinen Arbeitstag verbringe ich wie immer zu Hause am Schreibtisch. Gerade recherchiere ich für mein zweites Buch: Ein Anti-Heimat-Roman, der im bayrischen Lederhosensexfilmmilieu der 1970er Jahre spielt. Zwischendurch bin ich damit beschäftigt, „Die Geschichte der Kunst“ von H. C. Gombrich, die ich in der Quarantänezeit endlich, endlich, endlich zu Ende lesen wollte, doch nicht weiterzulesen. Als ich das Buch vor einer gefühlten Ewigkeit beiseitegelegt habe, galt Karl-Theodor zu Guttenberg hierzulande noch als „heißer Kanzlerkandidat“.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wir sollten daran denken, dass die Probleme und Konflikte in dieser Welt nicht verschwinden, auch wenn wir uns gerade zu Hause einschließen. Die Geflüchteten auf den griechischen Inseln sind auch weiterhin gezwungen, in erbärmlichen und menschenunwürdigen Verhältnissen zu leben, während es hier die größte Sorge zu sein scheint, dass man diesen Sommer sein Ferienhaus in Schleswig-Holstein wohl nicht beziehen darf. Ich glaube, gerade zeigt sich eines überdeutlich: Wie stark eine Person von der Corona-Krise (oder von jeder anderen Krise auch) betroffen ist, hängt immer von ihren Privilegien ab. Wir könnten das zum Anlass nehmen, uns ehrlich zu fragen, warum wir so privilegiert sind – und warum es so viele andere Menschen nicht sind. Und wie das vielleicht zusammenhängt.

 

Lennardt Loß

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass die Literatur oder die Kunst im Allgemeinen einen Aufbruch oder einen Neubeginnen begleiten kann. Jedenfalls nicht synchron. Das ist die Aufgabe des Journalismus. Ein kluger Feuilletontext ist viel erkenntnisreicher als jeder hastig-heruntergetippte Covid-19-Roman. Literatur braucht Zeit und Abstand zu ihrem Erzählgegenstand. Der erste gute Wenderoman ist ja auch erst etwa 20 Jahre nach der Wende entstanden.

 

Was liest Du derzeit?

Den Short-Story-Band „Heimweh nach einer anderen Welt“ von meiner aktuellen Lieblingsautorin aus den Vereinigten Staaten Ottessa Moshfegh. (Nur Killersätze wie: „Manchmal steckte ich mir den Finger in den Hals. Außerdem drückte ich an meinen Pickeln herum. Die roten Stellen deckte ich mit flüssigem Make-up für Mädchen ab, das ich bei Walgreens klaute. Der Farbton, den ich benutzte, nannte sich ‚Classic Tan‘. Ansonsten hatte ich wahrscheinlich keine Geheimnisse.“)

 

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Wolfgang Herrndorfs „Stimmen“: „In 200 Jahren wird außerdem völlig klar sein, dass die Spitzenleistung der bildenden Kunst der Jahrhundertwende ‚Grand Theft Auto‘ war und nicht dieser subventionierte Nachdenkquatsch in zehn Meter hohen Hallen, hergestellt von Leuten mit drei Zahnrädern im Gehirn und begutachtet von Leuten ohne ein einziges.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Lennardt, viel Freude und Erfolg für Dein aktuelles großartiges Buch „Und andere Formen menschlichen Versagens“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lennardt Loß, Schriftsteller

Aktuelles Buch des Autors: „Und andere Formen menschlichen Versagens“ 2019, Weissbooks

Weitere Informationen:

„Und andere Formen menschlichen Versagens“ Lennardt Loß. Roman. Neuerscheinung weissbooks.

 

 

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„Wichtig wäre es daher, zuallererst einmal anzuerkennen, dass etwas fehlt“ DARUM, Kunstkollektiv_14.5.20 Wien

Liebe Laura, Liebe Victoria, Lieber Kai, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

Momentan sieht unser Tagesablauf nicht viel anders aus als in der Zeit vor Corona – nur zu unserem Leidwesen mit weniger Frischluft und Bewegung. Da wir mit der Adaption von AUSGANG: OFFEN zum experimentellen Performancefilm nach wie vor allerhand zu tun haben, fühlen sich die Tage nach einer kurzen „Schockstarre“ Mitte März, die in der ganzen Szene zu spüren war, seit ein paar Wochen einem Arbeitsalltag wieder sehr nahe. Da wir gerade mit der Postproduktion des Films beschäftigt sind – Schnitt, Sounddesign, Onlinemarketing und so weiter – findet unsere Hauptarbeit nun an unseren Schreibtischen vor den Computerbildschirmen statt. Das mit der Heimisolation ist für uns also derzeit notgedrungen recht einfach. Etwas mehr Abwechslung gab es dafür vor ein paar Wochen an unseren fünf Drehtagen. Wir haben im kleinen Team im 10. Bezirk gefilmt und trotz Sicherheitsabstand und Masken war es für alle merklich erfrischend, zumindest wieder unter Menschen zu sein. Vor allem war es ein schöner Moment, unsere Spieler*innen nach wochenlangen Online-Proben zum ersten Mal live und am Spielort spielen zu sehen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die momentane Zeit konfrontiert uns mit vielen Herausforderungen – ob privat oder gesamtgesellschaftlich – und macht auf verschiedenen Ebenen deutlich, welche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten unsere Gesellschaft durchziehen. So eine Ausnahmesituation birgt ja immer auch ein enormes Potential für erneutes kritisches Hinterfragen und kann schon mal den einen oder anderen blinden Fleck der eigenen Position lösen. Wünschenswert wäre nun, die zahlreich angestoßenen öffentlichen Diskurse konsequent weiterzuführen. Wenn uns die letzten Wochen etwas gezeigt haben, dann womöglich, dass die eigenen Handlungen tatsächlich einen größeren gesamtgesellschaftlichen Einfluss haben können, als wir uns vielleicht hätten vorstellen können.

DARUM-Teamfoto-∏ DARUM

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ob und inwieweit die derzeitige Krise in einen Neubeginn mündet, muss sich noch zeigen. Derzeit sehen wir vor allem Tendenzen, auf Biegen und Brechen zum bisherigen gesellschaftlichen Zustand mit seiner alten Logik zurückzukehren. Es stimmt aber, dass ein Ereignis wie die Coronakrise zumindest das Potential birgt, neue Ideen von Gesellschaft zu denken und im besten Fall auch in die Tat umzusetzen.

Die Rolle, die dem Theater und der Kunst dabei zukommt, sehen wir gerade sehr widersprüchlich und ambivalent verhandelt. So schön und begrüßenswert es auch ist, dass Online-Streaming-Plattformen wie Pilze aus dem Boden schießen, Häuser ihre Archive öffnen und ganze Ensembles aus ihren privaten Bücherschränken vorlesen, so deuten diese kreativen Notlösungen (neben ihrem demokratischen und niederschwelligen Potential, große Zuschauerschichten zu erreichen, die sich so manche Theaterkarte sonst nicht leisten könnten) doch auch gleichermaßen auf eine große Lücke. Deutlich wird: Die Gemeinschaft, das Versammeln, Verhandeln und Begegnen an einem Ort – das alles kann eben nicht durch rein digitale Angebote ersetzt werden. Ein Glück, könnte man hinzufügen.

Die Krise führt uns also zeitgleich die Relevanz wie auch die Verwundbarkeit der Darstellenden Kunst vor Augen. Und ebenso die seiner Akteur*innen. Von Künstler*innen wird aber oftmals eine gewisse Kreativität, eine Flexibilität und ein nahezu aktivistischer Idealismus im Umgang mit der Krise erwartet, die in Anbetracht der desaströsen finanziellen Situation vieler Künstler*innen und der teils undurchdachten und intransparent kommunizierten Rettungspakete bestenfalls an Naivität, viel mehr jedoch an Unverschämtheit grenzen. Wichtig wäre es daher, zuallererst einmal anzuerkennen, dass etwas fehlt. Diese Lücke dann zu schließen und Kunst zu ermöglichen wird zukünftig heißen müssen, die Bedürfnisse der Akteur*innen und ihre Arbeitsumstände tatsächlich ernst zu nehmen.

 

Was lest Ihr derzeit?

Momentan lesen wir neben der Zeitung arbeitsbedingt hauptsächlich die Timecodes von Film und Sound im Schnittprogramm. Wir haben aber im Vorfeld unserer Recherche viele Bücher zum Thema Tod und Sterben gelesen. So etwa So stirbt man also von Marc Ritter und Tom Ising, Über den Tod, eine Sammlung poetischer und philosophischer Texte zum Thema, Die Tränen des Eros von Georges Bataille und Recht auf Trauer von der Kulturanthropologin Francis Seeck. Besonders empfehlen können wir auch Letzte-Hilfe-Kurs von Martin Prein, der praktische Empowerment-Tipps im Umgang mit dem Tod mit auf den Weg gibt, den Roman Nebel des Schriftstellers und Totengräbers Mario Schlembach und Das Leben beginnt mit dem Tod von Lotte Ingrisch. Mit letzteren dreien haben wir uns für AUSGANG: OFFEN auch getroffen und Gespräche geführt.

 

Welchen Impuls aus Euren Theaterprojekten möchtet Ihr uns mitgeben?

Wir leisten uns im Rahmen unserer Projekte eine in der Darstellenden Kunst eher unüblich lange Recherchephase, die uns nicht nur mit Positionen aus der Literatur, sondern auch mit Menschen unserer eigenen Stadt in Berührung bringt, die sich beruflich wie privat mit den Themen unserer Stücke beschäftigen. Wir haben an viele Türen geklopft, Institutionen besucht, Interviews geführt, Bücher gewälzt – wir sehen unsere künstlerische Arbeit immer auch als Anlass, uns mit einem Thema tiefergehend zu beschäftigen und das eigene Halbwissen zu erschüttern. Unsere Projekte leben sehr von diesem Aspekt, Expert*innen ihrer Gebiete zu befragen und uns von ihren Erzählungen inspirieren zu lassen. Wer stand selbst schon mal in der Pathologie vor einer Leiche? Wer hatte schon ein Nahtoderlebnis? Wer spannende Geschichten über das Leben erzählen will, stößt schnell an Grenzen, wenn er oder sie sich ausschließlich auf eigene Erfahrungen reduziert. Dazu kommt, dass diese oft sehr persönlichen Geschichten und Erkenntnisse nicht einfach in Büchern nachgelesen werden können. In unseren Augen lohnt es sich daher, die Theaterhäuser und Schreibtische zu verlassen und der Welt und ihren Menschen zu begegnen.

 

Vielen Dank für das Interview liebes Kunstkollektiv DARUM, viel Freude und Erfolg für Euer großartiges Kunstprojekt AUSGANG: OFFEN und die Filmpremiere am 20.Mai 2020 wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kunstkollektiv DARUM: Victoria Halper, Kai Krösche, Laura Andreß.

Aktuelles Projekt: AUSGANG: OFFEN _Ein experimenteller Performancefilm über den Tod_ Premiere: 20.Mai 2020

https://facebook.com/events/s/nachtkritikstream-filmpremiere/233126391301319/?ti=as

https://www.darum.at/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Credit: @DARUM.

 

„Wo zur Hölle ist der Rochen!“ Birgit und Nicole Radeschnig, Kabarettduo RaDeschnig, Wien 13.5.20

Liebe Birgit und Nicole Radeschnig, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

B (Birgit) : Wir sind Homeoffice gewöhnt, daher ist der Ablauf im Großen und Ganzen gleich geblieben: Zuerst den Pyjama ausziehen für eine klare Trennung zwischen beruflich und privat, Kaffee trinken und unzählige Sätze produzieren, um schließlich eine Essenz rauszuquetschen, mit der es sich arbeiten lässt. Die kleine Abweichung: Wir werden wesentlich öfter gefragt, wie unser Tagesablauf aussieht, starren öfter auf Kurven und sind plötzlich gerührt, wenn irgendwo Applaus erklingt – wohl eine Symptomatik des kalten Entzugs.

N (Nicole) : Dazwischen versuche ich meinen 6 Monate alten Sohn als sozialen Kontakt und momentanen Arbeitgeber unbeschadet durch den Tag zu bringen.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

B: Über diese Frage nachzudenken.

 

Birgit und Nicole Radeschnig_Stefan Grauf-Sixt

 

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett und Kunst an sich zu?

B: Da ein Teil der Kreativität momentan in die Frage fließt, wie man die nächsten Monate finanziell bewältigen kann, wäre eine Art der sozialen Absicherung wünschenswert, die die monetären Ausfälle unseres Berufes auch realistisch kompensiert.

N: Wobei sich die Rolle des humoristischen Ventils ja durchaus auch digital einnehmen lässt…

B: Schon, aber gratis Content zu produzieren macht auch wesentlich mehr Spaß, wenn man damit nicht dringend Geld verdienen muss. Außerdem fehlt mir die Dynamik der unmittelbaren Reaktion des Publikums. Gottesdienste sind ja ab Mitte Mai wieder erlaubt – da ist die Kollegschaft aus der Showbranche irgendwo richtig abgebogen.

 

Was lest Ihr derzeit?

B: Karlheinz Deschner „Der gefälschte Glaube. Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergründe.“

N: Schwager & Steinlein „Mein Fühlbuch – Streicheltiere.“

B: Wollen wir tauschen, sobald wir fertig sind?

N: Gern. Ich sags aber gleich, der Hase ist schon sehr abgegriffen und fühlt sich mittlerweile an, wie Beton.

B: Ich mag Beton eh lieber, als Hasen. Wenn ich dich grad hier hab: Mir ist aufgefallen, dass die Mundschutzmaske den Rosenkranz als Windschutzscheibendekor großteils abgelöst hat. Vielleicht lässt sich daraus ablesen, dass der Glaube an die Wissenschaft allmählich zunimmt…?

N: Glaub nicht.

 

Welchen Impuls möchtet Ihr uns mitgeben?

B: Als Anreiz zur gehobenen Zerstreuung empfiehlt sich die Haus des Meeres WebCam aus dem Haifischbecken. Es war Balsam für die Seele, sich nach der wirren und frustrierenden Pressekonferenz der Staatssekretärin für Kunst und Kultur einfach auf die Frage zu konzentrieren: „Wo zur Hölle ist der Rochen!“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Birgit und Nicole Radeschnig, viel Erfolg für Eure großartigen Kabarettprogramme und Kunstprojekte und persönlich alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Birgit und Nicole Radeschnig, Kabarettduo

Weitere Informationen: 

https://www.radeschnig.net/

Für „Doppelklick“ erhielten RaDeschnig 2019 den Österreichischen Kabarettpreis für das beste Programm.

 

26.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Stefan Grauf-Sixt