„Wie stark eine Person von der Corona-Krise betroffen ist, hängt immer von ihren Privilegien ab“ Lennardt Loß, Schriftsteller_Frankfurt/Main 15.5.2020

Lieber Lennardt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als vor Covid-19. Meinen Arbeitstag verbringe ich wie immer zu Hause am Schreibtisch. Gerade recherchiere ich für mein zweites Buch: Ein Anti-Heimat-Roman, der im bayrischen Lederhosensexfilmmilieu der 1970er Jahre spielt. Zwischendurch bin ich damit beschäftigt, „Die Geschichte der Kunst“ von H. C. Gombrich, die ich in der Quarantänezeit endlich, endlich, endlich zu Ende lesen wollte, doch nicht weiterzulesen. Als ich das Buch vor einer gefühlten Ewigkeit beiseitegelegt habe, galt Karl-Theodor zu Guttenberg hierzulande noch als „heißer Kanzlerkandidat“.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wir sollten daran denken, dass die Probleme und Konflikte in dieser Welt nicht verschwinden, auch wenn wir uns gerade zu Hause einschließen. Die Geflüchteten auf den griechischen Inseln sind auch weiterhin gezwungen, in erbärmlichen und menschenunwürdigen Verhältnissen zu leben, während es hier die größte Sorge zu sein scheint, dass man diesen Sommer sein Ferienhaus in Schleswig-Holstein wohl nicht beziehen darf. Ich glaube, gerade zeigt sich eines überdeutlich: Wie stark eine Person von der Corona-Krise (oder von jeder anderen Krise auch) betroffen ist, hängt immer von ihren Privilegien ab. Wir könnten das zum Anlass nehmen, uns ehrlich zu fragen, warum wir so privilegiert sind – und warum es so viele andere Menschen nicht sind. Und wie das vielleicht zusammenhängt.

 

Lennardt Loß

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass die Literatur oder die Kunst im Allgemeinen einen Aufbruch oder einen Neubeginnen begleiten kann. Jedenfalls nicht synchron. Das ist die Aufgabe des Journalismus. Ein kluger Feuilletontext ist viel erkenntnisreicher als jeder hastig-heruntergetippte Covid-19-Roman. Literatur braucht Zeit und Abstand zu ihrem Erzählgegenstand. Der erste gute Wenderoman ist ja auch erst etwa 20 Jahre nach der Wende entstanden.

 

Was liest Du derzeit?

Den Short-Story-Band „Heimweh nach einer anderen Welt“ von meiner aktuellen Lieblingsautorin aus den Vereinigten Staaten Ottessa Moshfegh. (Nur Killersätze wie: „Manchmal steckte ich mir den Finger in den Hals. Außerdem drückte ich an meinen Pickeln herum. Die roten Stellen deckte ich mit flüssigem Make-up für Mädchen ab, das ich bei Walgreens klaute. Der Farbton, den ich benutzte, nannte sich ‚Classic Tan‘. Ansonsten hatte ich wahrscheinlich keine Geheimnisse.“)

 

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Wolfgang Herrndorfs „Stimmen“: „In 200 Jahren wird außerdem völlig klar sein, dass die Spitzenleistung der bildenden Kunst der Jahrhundertwende ‚Grand Theft Auto‘ war und nicht dieser subventionierte Nachdenkquatsch in zehn Meter hohen Hallen, hergestellt von Leuten mit drei Zahnrädern im Gehirn und begutachtet von Leuten ohne ein einziges.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Lennardt, viel Freude und Erfolg für Dein aktuelles großartiges Buch „Und andere Formen menschlichen Versagens“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lennardt Loß, Schriftsteller

Aktuelles Buch des Autors: „Und andere Formen menschlichen Versagens“ 2019, Weissbooks

Weitere Informationen:

https://literaturoutdoors.com/2019/04/01/und-andere-formen-menschlichen-versagens-lennardt-loss-roman-neuerscheinung-weissbooks/

 

 

3.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online/per Mail  geführt.

Foto_Lennardt Loß

 

 

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