„Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind“ Robert Prosser, Schriftsteller, 17.5.2020

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Beginn der Pandemie bin ich in Tirol. Ich habe mal nachgerechnet: Seit der Matura war ich nicht mehr so lange durchgehend im Dorf. Während der Quarantäne war es ein Pendeln zwischen einem Gefühl des vollkommenen Abgeschnittenseins und einer angenehm surrealen Stimmung inmitten der zugesperrten Hotelbauten, der verlassenen Pisten, der fast menschenleeren Berge und Wälder. Ich versuche, die aufgezwungene Freizeit möglichst sinnvoll zu nützen. Gerade wird ein längerer Essay fertig – eine Art Journal, vor allem über eine Recherchereise durch den Libanon im Juni 2019 – und ein Roman ist im Entstehen, das beschäftigt mich sehr.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mental möglichst stabil zu bleiben, trotz der Ungewissheit, der ökonomischen Ängste und der Langeweile. Und trotz aller Enttäuschung, die ich persönlich aufgrund der desaströsen Flüchtlingspolitik empfinde, scheint es mir in Anbetracht der wiedererstarkten Nationalstaaten wichtig, jetzt besonders an der Idee der Europäischen Union festzuhalten. Der Rudelwahn zeigt sich auch auf lokaler Ebene. In meinem Bekanntenkreis verfallen einige in eine Art Herdentrieb und verteidigen Tirol samt Landesregierung und Touristikern gegen die Angriffe von Außen (gegen „die Wiener“ oder „die deutschen Medien“). Das man uns nichts vorwerfen könne, die Schigebiete nicht als Virenherde verunglimpft werden dürfen. Aber es ist eine Schande, was für den Wintertourismus gemacht und was diesem ermöglicht wird, die Verflechtungen von Seilbahn, Hotellerie und Politik sind durch die Corona-Krise öffentlich geworden, es bleibt zu hoffen, dass es zu einem Umdenken kommt, hin zu einem ökologisch verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das schließt an die vorige Antwort an. Im besten Fall behalten wir im Kopf, was die jetzige Situation klar gemacht hat. Wie wichtig ein Sozialsystem ist und wie eilfertig Regierungen Grundrechte beschneiden, eine Entwicklung, die zu Verhältnissen wie in Ungarn führen kann. Wie schnell sich Maßnahmen weltweit durchsetzen lassen, wie nötig eine solche Entschlossenheit im Bezug auf den Klimawandel wäre. Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind und wie viel Berechtigung das bedingungslose Grundeinkommen hat. Derartige Ideen und Entwicklungen sicht- und erfahrbar zu machen, zu zeigen, wie sie auf den Einzelnen wirken, das, glaube ich, ist eine der Möglichkeiten von Literatur.

 

Was liest Du derzeit?
Apeirogon von Column McCann und Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld

 

Welches Zitat, welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Let us consider the view:
a house where white clouds
decorate the muddy halls.
Oh, put away your good words
and your bad words. Spit out
your words like stones!
(Aus: From the Garden, Anne Sexton)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Gemma Habibi“ und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Robert Prosser, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Gemma Habibi“ Verlag Ullstein fünf, 2019. 

http://www.robertprosser.at/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Robert Prosser

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