„Die Literaturszene braucht gemeinsame Strategien“ Katherina Braschel, Schriftstellerin_22.5.2020

Liebe Katherina wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf wurde durch die Covid-Krise vielleicht ein wenig kompatibler mit anderen Menschen als er sonst ist. Wenn ich es mir einrichten kann, beginnen meine Tage um ca. 11 Uhr am Vormittag und enden um ca. 2 Uhr in der Nacht. Diesen Rhythmus beizubehalten ging jetzt relativ gut, da Termine am Vormittag ohnehin quasi ganz wegfallen.
Ich stehe auf, frühstücke, lese Nachrichten oder höre Radio, erledige dann Mails und so weiter, verbringe einen großen Teil jedes Tages mit dem Telefonieren, Sprach- oder Textnachrichten austauschen mit Freund*innen und meiner Familie, gehe eventuell spazieren, einkaufen und setze mich, wenn es geht, gegen Abend ans Schreiben. Allerdings hemmt mich die anhaltende Ungewissheit der Gesamtsituation momentan sehr dabei.
Ich lese momentan auch viel, mehr als zuvor oder verbringe den Abend mit den Menschen, mit denen ich zusammen wohne. Die ersten fünf Isolationswochen war ich alleine isoliert, hatte nur Kontakt mit meiner Mutter und das stets mit zwei Metern Abstand. Das war eine sehr aufreibende, intensive Erfahrung, dieses Fehlen von Anderen, das Fehlen von Berührungen etc. Bei der ersten Berührung nach fünf Wochen, eine Umarmung einer Freundin, hatte ich Tränen in den Augen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das aufeinander Schauen, aneinander Denken, nachfragen, füreinander da sein. Besonders für Menschen, die alleine sind, alleine wohnen oder die jetzt besonders gefordert sind. Menschen mit psychischen Problemen, die sich jetzt eventuell intensivieren, Menschen mit Kindern, die seit Wochen nicht mehr durchatmen können. Menschen mit finanziellen Problemen, gravierenden Zukunftsängsten. Ungewollt Schwangere. Die Liste ist lang.
Besonders wichtig finde ich auch, gerade angesichts der ständigen Betonung des Nationalen, insbesondere durch den Kanzler, nicht den Blick für andere Geschehnisse zu verlieren. Dass Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa bewusst dem Sterben überlassen werden, das ist Mord (und gleichzeitig nichts Neues, die Situation wird durch den Virus nur nochmals verschärft). Dass viele Menschen keine Wohnung haben, in der sie #stayathome machen können.

 

Katherina Braschel _ Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Covid-Krise hat sehr viele Mechanismen und Dynamiken, die in unserer Gesellschaft ohnehin bestehen, verdeutlicht und verstärkt zu Tage treten lassen, zumindest habe ich das sehr stark so erfahren. Diese Dinge werden „nach Corona“ (wie und wann auch immer das sein wird) nicht weg sein, im Gegenteil. Wichtig wird das sein, was jetzt auch wichtig ist, insofern: siehe meine letzte Antwort.
Es fallen jetzt schon so viele durch den Rost, wesentlich wird sein, das weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren und so gut es geht etwas dagegen zu unternehmen.
Ich weiß nicht, ob der Literatur speziell eine andere Aufgabe als sonst zukommen wird. Die Verantwortung, die man als Schreibende*r den Figuren, dem Stoff, der Sprache etc. gegenüber hat, bleibt dieselbe.

Natürlich würde ich mir aber wünschen, dass die Literaturszene sich auf die eine oder andere Weise gemeinsam Strategien des Abfederns überlegt. Für diejenigen, die bei allen Förderungen herausgefallen sind, für uns Frühjahrserscheinungen von 2020, für diejenigen, die aufgrund anderer Verpflichtungen wie Care-Arbeit Monate an Arbeitszeit verloren haben…

 

Was liest Du derzeit?

Viel. Und sehr unterschiedliches.
Ich habe einige Frühjahrserscheinungen gelesen, z.B. „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher oder „Und wie wir hassen!“ herausgegeben von Lydia Haider.
Zudem lese ich immer wieder Texte von befreundeten Schriftsteller*innen, an denen gerade gearbeitet wird.
Außerdem lese ich „Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl“ von Erica Fischer über NS-Widerstand. Dann immer wieder ein paar Seiten in „Das obszöne Werk“ von Georges Bataille und vor ein paar Tagen habe ich auch noch „The Terrible“ von Yrsa Daley-Ward angefangen. Es ist momentan ein bisschen viel, aber ich genieße es auch.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kein Mensch ist illegal.“
Das ist vielleicht kein klassisches Textzitat, aber eine Tatsache, derer wir uns immer wieder bewusst werden müssen. Menschen sind nicht illegal, können es nicht sein, es ist ein System, das über (Il-)Legalität und Legitimität entscheidet und dieses System ist auch nur eine Erzählung.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katherina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katherina Braschel, Schriftstellerin

Foto_ Mark Daniel Prohaska

 

12.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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