„Wichtig wäre es daher, zuallererst einmal anzuerkennen, dass etwas fehlt“ DARUM, Kunstkollektiv_14.5.20 Wien

Liebe Laura, Liebe Victoria, Lieber Kai, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

Momentan sieht unser Tagesablauf nicht viel anders aus als in der Zeit vor Corona – nur zu unserem Leidwesen mit weniger Frischluft und Bewegung. Da wir mit der Adaption von AUSGANG: OFFEN zum experimentellen Performancefilm nach wie vor allerhand zu tun haben, fühlen sich die Tage nach einer kurzen „Schockstarre“ Mitte März, die in der ganzen Szene zu spüren war, seit ein paar Wochen einem Arbeitsalltag wieder sehr nahe. Da wir gerade mit der Postproduktion des Films beschäftigt sind – Schnitt, Sounddesign, Onlinemarketing und so weiter – findet unsere Hauptarbeit nun an unseren Schreibtischen vor den Computerbildschirmen statt. Das mit der Heimisolation ist für uns also derzeit notgedrungen recht einfach. Etwas mehr Abwechslung gab es dafür vor ein paar Wochen an unseren fünf Drehtagen. Wir haben im kleinen Team im 10. Bezirk gefilmt und trotz Sicherheitsabstand und Masken war es für alle merklich erfrischend, zumindest wieder unter Menschen zu sein. Vor allem war es ein schöner Moment, unsere Spieler*innen nach wochenlangen Online-Proben zum ersten Mal live und am Spielort spielen zu sehen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die momentane Zeit konfrontiert uns mit vielen Herausforderungen – ob privat oder gesamtgesellschaftlich – und macht auf verschiedenen Ebenen deutlich, welche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten unsere Gesellschaft durchziehen. So eine Ausnahmesituation birgt ja immer auch ein enormes Potential für erneutes kritisches Hinterfragen und kann schon mal den einen oder anderen blinden Fleck der eigenen Position lösen. Wünschenswert wäre nun, die zahlreich angestoßenen öffentlichen Diskurse konsequent weiterzuführen. Wenn uns die letzten Wochen etwas gezeigt haben, dann womöglich, dass die eigenen Handlungen tatsächlich einen größeren gesamtgesellschaftlichen Einfluss haben können, als wir uns vielleicht hätten vorstellen können.

DARUM-Teamfoto-∏ DARUM

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ob und inwieweit die derzeitige Krise in einen Neubeginn mündet, muss sich noch zeigen. Derzeit sehen wir vor allem Tendenzen, auf Biegen und Brechen zum bisherigen gesellschaftlichen Zustand mit seiner alten Logik zurückzukehren. Es stimmt aber, dass ein Ereignis wie die Coronakrise zumindest das Potential birgt, neue Ideen von Gesellschaft zu denken und im besten Fall auch in die Tat umzusetzen.

Die Rolle, die dem Theater und der Kunst dabei zukommt, sehen wir gerade sehr widersprüchlich und ambivalent verhandelt. So schön und begrüßenswert es auch ist, dass Online-Streaming-Plattformen wie Pilze aus dem Boden schießen, Häuser ihre Archive öffnen und ganze Ensembles aus ihren privaten Bücherschränken vorlesen, so deuten diese kreativen Notlösungen (neben ihrem demokratischen und niederschwelligen Potential, große Zuschauerschichten zu erreichen, die sich so manche Theaterkarte sonst nicht leisten könnten) doch auch gleichermaßen auf eine große Lücke. Deutlich wird: Die Gemeinschaft, das Versammeln, Verhandeln und Begegnen an einem Ort – das alles kann eben nicht durch rein digitale Angebote ersetzt werden. Ein Glück, könnte man hinzufügen.

Die Krise führt uns also zeitgleich die Relevanz wie auch die Verwundbarkeit der Darstellenden Kunst vor Augen. Und ebenso die seiner Akteur*innen. Von Künstler*innen wird aber oftmals eine gewisse Kreativität, eine Flexibilität und ein nahezu aktivistischer Idealismus im Umgang mit der Krise erwartet, die in Anbetracht der desaströsen finanziellen Situation vieler Künstler*innen und der teils undurchdachten und intransparent kommunizierten Rettungspakete bestenfalls an Naivität, viel mehr jedoch an Unverschämtheit grenzen. Wichtig wäre es daher, zuallererst einmal anzuerkennen, dass etwas fehlt. Diese Lücke dann zu schließen und Kunst zu ermöglichen wird zukünftig heißen müssen, die Bedürfnisse der Akteur*innen und ihre Arbeitsumstände tatsächlich ernst zu nehmen.

 

Was lest Ihr derzeit?

Momentan lesen wir neben der Zeitung arbeitsbedingt hauptsächlich die Timecodes von Film und Sound im Schnittprogramm. Wir haben aber im Vorfeld unserer Recherche viele Bücher zum Thema Tod und Sterben gelesen. So etwa So stirbt man also von Marc Ritter und Tom Ising, Über den Tod, eine Sammlung poetischer und philosophischer Texte zum Thema, Die Tränen des Eros von Georges Bataille und Recht auf Trauer von der Kulturanthropologin Francis Seeck. Besonders empfehlen können wir auch Letzte-Hilfe-Kurs von Martin Prein, der praktische Empowerment-Tipps im Umgang mit dem Tod mit auf den Weg gibt, den Roman Nebel des Schriftstellers und Totengräbers Mario Schlembach und Das Leben beginnt mit dem Tod von Lotte Ingrisch. Mit letzteren dreien haben wir uns für AUSGANG: OFFEN auch getroffen und Gespräche geführt.

 

Welchen Impuls aus Euren Theaterprojekten möchtet Ihr uns mitgeben?

Wir leisten uns im Rahmen unserer Projekte eine in der Darstellenden Kunst eher unüblich lange Recherchephase, die uns nicht nur mit Positionen aus der Literatur, sondern auch mit Menschen unserer eigenen Stadt in Berührung bringt, die sich beruflich wie privat mit den Themen unserer Stücke beschäftigen. Wir haben an viele Türen geklopft, Institutionen besucht, Interviews geführt, Bücher gewälzt – wir sehen unsere künstlerische Arbeit immer auch als Anlass, uns mit einem Thema tiefergehend zu beschäftigen und das eigene Halbwissen zu erschüttern. Unsere Projekte leben sehr von diesem Aspekt, Expert*innen ihrer Gebiete zu befragen und uns von ihren Erzählungen inspirieren zu lassen. Wer stand selbst schon mal in der Pathologie vor einer Leiche? Wer hatte schon ein Nahtoderlebnis? Wer spannende Geschichten über das Leben erzählen will, stößt schnell an Grenzen, wenn er oder sie sich ausschließlich auf eigene Erfahrungen reduziert. Dazu kommt, dass diese oft sehr persönlichen Geschichten und Erkenntnisse nicht einfach in Büchern nachgelesen werden können. In unseren Augen lohnt es sich daher, die Theaterhäuser und Schreibtische zu verlassen und der Welt und ihren Menschen zu begegnen.

 

Vielen Dank für das Interview liebes Kunstkollektiv DARUM, viel Freude und Erfolg für Euer großartiges Kunstprojekt AUSGANG: OFFEN und die Filmpremiere am 20.Mai 2020 wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kunstkollektiv DARUM: Victoria Halper, Kai Krösche, Laura Andreß.

Aktuelles Projekt: AUSGANG: OFFEN _Ein experimenteller Performancefilm über den Tod_ Premiere: 20.Mai 2020

https://facebook.com/events/s/nachtkritikstream-filmpremiere/233126391301319/?ti=as

https://www.darum.at/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Credit: @DARUM.

 

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