„Angst ist der Brennstoff der Demagogen“ Ferdinand Schmalz, Dramatiker, Schriftsteller_20.5.2020

Lieber Ferdinand, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit habe ich keinen geregelten Tagesablauf. Viel Lesen, viel Zeit mit den Kindern, viel Draußensein.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe das Gefühl, dass diese Krise uns alle auf eindringlichste Weise mit unseren tiefsten Ängsten konfrontiert. Die Angst vor der Ungewissheit, die Angst unsere Liebsten zu verlieren, die Angst selbst betroffen zu sein, die Angst vor dem Tod. Darauf reagieren wir unterschiedlich, manche flüchten sich in den Fitnesswahn, manche ziehen sich zurück in die Depression, andere produzieren wie verrückt. Ich fände es besonders wichtig, diese Angsterfahrungen als Gesellschaft zu verarbeiten, zu kanalisieren, die Toten zu betrauern. Denn Angst ist der Brennstoff der Demagogen.

 

IMG_20190712_191637 1 11mj8 - Kopie

 

Dein aktuelles Theaterstück „Jedermann stirbt“ bekommt derzeit ja eine besondere Aktualität in Ereignis und realen Erfahrungen von Tod, Leiden und Fragen nach Zukunft und Lebensveränderungen. Was ist in diesen gesellschaftlichen Prozessen jetzt wesentlich und welche Perspektiven können wir gewinnen?

Mein Jedermann hatte vor kurzem im Schauspiel Frankfurt Premiere, mit Wolfram Koch in der Hauptrolle. Am letzten Tag vor dem Shutdown war das Stück angesetzt. Das muss schon eine seltsame Stimmung gewesen sein, wenn es da heißt: „für all die toten, die noch leben, die glauben noch zu leben. die innerlich schon längst verrottet sind, obwohl sie immer noch nicht aus den rollen fallen. aus allen totenstädten kommen sie. die toten, die in ubahnen, in den cafes, die im theater da auf nebensitzen sitzen.“

Was wir in dieser Krise hautnah erleben mussten, ist, dass der Reichtum eines Landes nicht nur am BIP zu bemessen ist. Dort wo die sozialen Netze in den letzten Jahren kaputt gespart wurden, hat der Virus am verheerendsten zugeschlagen. Bei den Milliardenpaketen an Wirtschaftshilfen, die in Windeseile geschnürt wurden, darf man befürchten, dass sie wieder an den falschen Stellen reingespart werden.

 

Was liest Du derzeit?

Miranda July – der erste fiese Typ, Rachel Cusk – Outline, Wladimir Majakowski – Wie macht man Verse?

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem Theater- , Schreibprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Ferdinand, viel Freude und Erfolg für alle Theater- und Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ferdinand Schmalz, Schriftsteller

https://www.fischerverlage.de/autor/ferdinand_schmalz/22840

 

8.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Ferdinand Schmalz _Dom Maria Saal/Ktn. anlässlich der Aufführung „Jedermann stirbt“ im Thonhof vom Theater WalTzwerk_2019.

Foto_Walter Pobaschnig.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s