Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufgrund der Auswirkungen der Covid-Pandemie mussten im vergangenen Jahr viele Ausstellungen, Veranstaltungen sowie Reisen abgesagt werden. Ich konzentriere mich daher auf das künstlerische Schaffen. Grundsätzlich pendele ich jeden Tag zwischen dem Zuhause und dem Atelier. Mein Zuhause ist ungefähr 3 Kilometer vom Atelier entfernt. Manchmal, wenn das Wetter gut ist, gehe ich gerne zu Fuß hin, um meinen Körper mehr zu bewegen und gleichzeitig auch frische Luft zu schnappen. Während des Malprozesses werde ich ruhiger und achte mehr darauf, wie das Werk und seine Entwicklung voranschreitet, sodass ich die durch die Einschränkungen des Lockdowns verursachte negative Atmosphäre oder den Frust vergessen kann. Die häufige Kommunikation mit Freunden und Familie hilft mir auch dabei, ein gesundes Leben und eine positive Arbeitseinstellung aufrechtzuerhalten.
Patrick Li, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir sollten mehr auf die Freuden und die positiven Aspekte des Lebens achten, damit wir nicht zu einem Magneten werden, der stets negative Energie absorbiert. Wir stellen uns geduldig den Einschränkungen und Schwierigkeiten, die durch die Pandemie verursacht werden. Wir schätzen die Freunde, Verwandten und Lebenspartner um uns herum sowie sie die positive Energie, die es uns bringt. Wir versuchen, unsere Arbeit gut zu machen und behandeln sie als Hobby. Selbst wenn wir nur eine kleine Arbeitsleistung erzielt haben, sollten wir uns eine entsprechende Bestätigung und Belohnung geben. Wenn Sie gerade arbeitslos sind, sollten Sie in dieser Zeit überlegen, etwas Neues zu lernen, da neues Wissen unser eigenes Wertgefühl verbessern kann. Oder Sie können endlich Dinge tun, die zwar seit mehreren Jahren anstehen, wofür Sie aber nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden haben. Kurz gesagt, wir müssen nach vorne schauen. Diese schwierige Zeit wird vergehen, und alles wird wieder zur Normalität zurückkehren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die globale Pandemie wird irgendwann vorübergehen, und jeder wird vor einem neuen Ausgangspunkt stehen. Unser tägliches Leben wird anders sein als vor der Pandemie. Unser künftiges Leben wird in der Postpandemie existieren, in der es kontinuierliche technologische Fortschritte und die Koexistenz des Covid-Virus geben wird. Daher wird sich auch die zeitgenössische Kunst in der Welt entsprechend verändern. Gleichzeitig sind wir es seit langem gewohnt, die ganze Welt egozentrisch zu betrachten. Wir stehen an einem neuen Ausgangspunkt und beginnen, über neue künstlerische Ausdrucksformen nachzudenken und zu fragen. Kunst hat immer den höchsten mentalen Zustand der Menschheit reflektiert und ist daher unverzichtbar. Ich glaube, dass die Kunst der Postpandemie unser Verständnis und unsere Erkenntnis des Lebens und der Welt auf eine höhere Ebene bringen wird.
Was liest Du derzeit?
„Die Pest“ von Albert Camus. „Journals“ von Keith Haring.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Aufstehen, Straßenbahn, Büro, Essen, Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, immer derselbe Rhythmus – das ist sehr lange ein bequemer Weg. Eines Tages aber steht das Warum da, und mit diesem Überdruss, in dem sich Erstaunen mischt, fängt alles an.“ Albert Camus, Sisyphos
Vielen Dank für das Interview lieber Patrick, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Clara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe das Glück momentan am Theater Freiburg proben zu können. Daher hat sich für mich nicht allzu viel verändert und meistens findet man mich morgens ab 10 auf der Probebühne. Da aber natürlich keine Vorstellungen möglich sind, proben wir meist am Stück bis 18 Uhr. Abends koche ich, zoome mit engen Freunden und lerne Text oder gucke einen guten Film!
Clara Schulze-Wegener, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
So abgedroschen es auch klingen mag: den Mut nicht zu verlieren!
Je nach dem in welcher Form das ganz individuell möglich ist…vielleicht bedeutet es eine tägliche Routine beizubehalten, sich jeden Tag etwas Gutes zu tun oder sich mal wieder bei Freunden zu melden, die man ewig nicht gehört hat
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel/Theater, der Kunst an sich zu?
Ich würde mir wünschen, dass wir aus dem Umgang mit der Pandemie auch etwas gelernt haben! Seid gut zu euren Mitmenschen, nehmt die Bedürfnisse der Anderen ernst. Nehmt euch selbst nicht zu wichtig. Kunst schafft Räume, in denen das Miteinander wieder möglich ist. Wo wir gemeinsam erleben, erfahren und unbeschwert sein dürfen. Kunst ist sehr wohl systemrelevant!
Was liest Du derzeit?
„Gegen den Hass“ von Carolin Emcke
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„[…] Menschenrechte gelten für alle. Nicht nur für diejenigen, die einem ähnlich sind. […] Und so gilt es zuzuhören, wenn diejenigen, die abweichen von der Norm, erzählen, wie es sich im Alltag anfühlt, ausgegrenzt und missachtet zu werden- und sich in diese Erfahrung erst einmal hineinzuversetzen, auch wenn sie einem selbst nie widerfahren sein mag.“
(Emcke 2016, S. 97/98)
Vielen Dank für das Interview liebe Clara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist eine Zeit der Herausforderungen, Veränderungen und Ungewissheiten. Eine Zeit, in der eine Gesellschaft auf dem Prüfstand steht und ihre Werte, ihr Zusammenhalt über Schritte in die Zukunft entscheiden. Es ist eine Zeit, sich der Wurzeln einer Gesellschaft bewusst zu werden, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, ihrer hellen und dunklen Seiten des Lebensbuches in Zeit und Generationen, um darauf weiterzubauen in Demokratie und Optimismus. Der Blick in die dunkleste Zeit unserer Gesellschaftsgeschichte ist dabei ganz bedeutsam. Der Blick auf Lebensgeschichten darin veranschaulicht das Schreckliche, Unbegreifbare und ist Mahnung und Auftrag in Gegenwart und Zukunft.
Mag.a Dr.in Nadja Danglmaier, studierte Pädagogik und Publizistik an der Universität Klagenfurt; Leiterin des _erinnern.at_-Netzwerkes Kärnten; Lehrbeauftragte an der Universität Klagenfurt legt mit „Von Klagenfurt nach Israel“ eine Spurensuche und Dokumention jüdischen Lebens in Kärnten anhand exemplarischer Lebensgeschichten vor, die in ihrer Aufbereitung in Wort und Bild beeindruckend ist. Es ist gleichsam ein visuell-dokumentarischer Rundgang in konkreten Zeit- und Lebensetappen, der in Zeiten einer Pandemie, einen Museumsbesuch sehr nahe kommt und Information und visuelle Dokumentation außergewölhnlich gelungen verbindet.
Der Überblick umfasst dabei Leitlinien jüdischer Geschichte in Kärnten wie die exemplarische Dokumentation einer Familiengeschichte in der Zeit der Shoa wie der persönlichen Folgeschichte und der gesellschaftlichen Aufarbeitung.
„Ein ganz wertvoller Beitrag zur Geschichte wie Demokratie Österreichs in beeindruckender Dokumentation und Edition in Wort und Bild “
Lieber Joachim, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe früh auf, setze mich an meinen Schreibtisch und schreibe bis die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat. Dann setze ich mich auf mein Rennrad und fahre bis die Sonne wieder untergeht. Insofern hat sich durch den Lockdown in meinem Leben nicht viel verändert. Autor*innen befinden sich bereits qua ihrer Profession in einem permanenten Lockdown.
Joachim Zelter_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was für uns alle wichtig ist, das kann ich kaum beantworten, weil ich die Menschen alle ja nicht kenne (eigentlich nur sehr wenige) und wir sehr unterschiedlich sind. Wichtig ist vielleicht eine Perspektive, aus der Ohnmacht, Einsamkeit und finanziellen sowie sozialen Not irgendwann einmal wieder herauszukommen, und sei es nur in der Form, andere Menschen auch einmal wieder berühren zu dürfen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur macht die Welt nicht unbedingt besser, ist aber vielleicht ein Beitrag, es in ihr besser auszuhalten oder (noch besser) ihr andere, alternative Welten gegenüberzustellen. Aktuell leben wir ja in einer Welt permanenter Zahlen: Fallzahlen, Infektionszahlen, Inzidenzzahlen … Die Literatur stellt der Sprachlosigkeit dieser überbordenden Zahlenwelt Worte gegenüber, bis Zahlen wieder ein menschliches Gesicht erhalten.
Was liest Du derzeit?
Thomas Kunsts Zandschower Klinken (Suhrkamp: 2021)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Den Satz von Oscar Wilde: „Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns betrachten die Sterne.“
Vielen Dank für das Interview lieber Joachim, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Klaus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Fixer Bestandteil in meinem momentanen Tagesablauf sind zwei, drei Zeit Inseln in denen ich versuche gar nichts zu tun – ganz zu entspannen, selbst das geschwätzige Denken ein Weilchen herunter zu fahren und dem Moment zu seinem Recht zu verhelfen. Nicht immer einfach, doch wenns gelingt sehr beglückend.
Klaus Rohrmoser_Regisseur, Schauspieler, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Unsere Lebenskraft bewusst zu spüren und der alltäglichen Wirklichkeit zum Trotz unsere Seelen und Herzen füreinander aufzumachen. Spüren, dass wir alle Menschen sind, geformt aus dem gleichen Stoff. Das halte ich für ein erstrebenswertes Ziel.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Kunst bleibt nur dann Kunst, wenn wir es schaffen ihre Freiheit zu bewahren. Diese Freiheit scheint mir im Augenblick mehr und mehr in Gefahr zu geraten. Darumist die essentielle Aufgabe aller Künstler mit ihren Werken auf die Barrikaden zu steigen – für eine unabhängige, wilde und provokante Kunst, die nichts mit Systemrelevanz und ähnlichem Quatsch zu tun hat und nie zu tun haben darf.
Was liest Du derzeit?
Im Augenblick lese ich „2666“ von Roberto Bolaño und „Mysterien“ von Knut Hamsun.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
THE EARTH WITHOUT ART IS JUST EH
Vielen Dank für das Interview lieber Klaus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Klaus Rohrmoser_Regisseur, Schauspieler, Schriftsteller
Victor und Iris in der Küche. Allein. Nicht ganz. Der schwarze Ordner ist auch da. Da ist das andere Leben für Iris drin. Das mit einem Kind. Iris spricht jetzt davon. Die Namensgebung. Xaver oder Caroline. Das steht also fest. Doch für Victor steht die Geschichte fest, seine Geschichte, jene der Familie. Die Erinnerung und die Tradition. Und das wache Denken zu Zeit und Gesellschaft. Das Erbe der Generationen. Der Kinderwunsch von Iris hat da keinen Platz. Der Ordner landet im Papierkorb und Victor packt seine Sporttasche. Stößt Iris zur Seite. Blut fließt auf seiner Flucht…
Dann der Anruf bei Karoline, seiner Cousine. Jetzt steht der Besuch bevor, alleine…
Und immer wieder Gedanken bei Victor an die Vergangenheit, den Urgroßvater und die Heidelbeeren am Markt. Oder doch Walderdbeeren? Und jetzt die Gegenwart. Die Gesellschaft wieder im Wandel. Dazu das private Drama. Unlösbarkeiten. Doch auch der Blick nach Vorne, zum Leben, zum Erleben…wollen…
Daniel Wisser, österreichischer Buchpreisträger 2018, legt mit „Wir bleiben noch“ eine mitreißende facettenreiche wie raffinierte Lebens- und Zeitgeschichte vor, die in ihrem Witz wie Tiefsinn begeistert. Individuelle moderne Biographie in ihren Spannungspolen von Identitätssuche und Generationenerbe wird in sprachlicher Inovation und Rasanz meisterhaft veranschaulicht. Der Autor packt Mensch, Wert und Zeit am Kragen und schüttelt sie mit dem Riffel der Sprache so gekonnt, dass Blatt und Frucht von Sein und Schein nur so kullern und springen – ein Buchgenuss wie ein Festmenü der Sprache!
„Wissers Sprache, das heißt Sahne und Pfeffer in Wortspiel und Sinn – genial und einzigartig!“
Gerade ist es bei mir von außen betrachtet ziemlich eintönig. Nicht nur wegen Corona, sondern auch weil unsere erwachsenen Kinder ausgezogen sind und ich derzeit keinen Lehrauftrag oder dergleichen habe. Zuletzt, also letzten Sommer habe ich noch einmal die Woche über Skype am DLL unterrichtet. Da hat mir natürlich der unmittelbare Kontakt sehr gefehlt. Die Zeit vor und nach dem Seminar, vor dem Gebäude. Und auch die Gesten, Blicke, all das Nonverbale, Körperliche. Jetzt stehe ich auf, lese, schau in die Mails, versuche das eine oder andere aufzuschreiben. Rede hin und wieder mit meiner Frau. Ich lese sehr sehr viel gerade. Für mich ist das eine Art Rettung. Allerdings kam das schon vor Corona. Da ich Multiple Sklerose habe, ist lesen meine Art spazieren zu gehen. Das kommt mir jetzt natürlich zu Gute.
Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das was immer wichtig ist, wir sollten kommunikationsbereit sein. Und vor allem einander hin und wieder fragen, wie wir klar kommen.Und alle Kanäle nutzen. Telefon, Chats. Was geht halt und das ist ja nicht wenig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich fürchte, wir werden die Pandemie schnell vergessen haben und in alte Spielformen zurückfallen. Dabei stünde eine Veränderung unserer Lebensweise an, dass wir den Planeten für uns nicht unlebbar machen. Wir sollten die Pandemie in dieser Hinsicht als Training betrachten.
Was liest Du derzeit?
Mary Shelleys „Der letzte Mensch“ unter anderem. Das ist ein Scencefiction, der vom Ende der Menschheit berichtet. Am Ende des 21. Jahrhunderts und das Verblüffende ist, dass Shelley noch nix vom Siegeszug des Verbrennungsmotors wusste, als sie das schrieb. Ich bin ein Fan ihrer Literatur und schon in „Frankenstein“ hat sie sich als geradezu prophetische Autorin erwiesen und die Frage formuliert, wie wir uns dem von uns Geschaffenen gegenüber verhalten sollten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das ist sehr schwierig, weil ich Allgemeinem misstraue. Aber es gibt eine Kürzestgeschichte des Guatemalteken Augusto Monerroso. Sie heißt „Der Dinosaurier“ und geht so: „Als ich erwachte, war der Dinosaurier noch da.“ So wird es sein. Wir werden uns nach der Öffnung als die wiederfinden, die wir waren.
Vielen Dank für das Interview lieber Jan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Weitermachen. Nicht nachdenken“. Dora und die schwere Erde vor, unter ihr. Den Spaten in ihrer Hand. Und das Ziel, eine Vision im Kopf. Raus aus der Großstadt. Das war ihr Plan. Doch jetzt ist die Herausforderung groß. Jeden Tag. „Hier draußen auf dem Land herrscht eine Anarchie der Dinge. Dora ist umgeben von Sachen, die tun, was sie wollen…“.
Es ist ein typisches ostdeutsches Straßendorf, in dem sie jetzt ein neues Leben baut. Ein Haus und 4000Quadratmeter Grund. Sie hat es gegoogelt. Und landete dann hier…
Und dann diese Pandemie. Corona. Die Begriffe und Worte schwirren im Kopf. Die Nachrichten, Gespräche. Die Ängste der Menschen. Auch hier. Beim Spazieren. Alles verändert sich…
Jetzt geht Dora hier ihren eigenen Weg. Es gibt Herausforderungen, Gedanken und Begegnungen. Die Welt ist im Fluß. Im Großen und hier im Kleinen. Jeder Tag ist eine Überraschung…
Die vielfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Juli Zeh legt mit Ihrem neuesten Roman „Über Menschen“ eine spannende Geschichte von Selbst- und Weltreflexion in der Gegenwart vor. In spannender Erzählung folgen Leserin und Leser einer Lebensgeschichte und –entwicklung im Kontext von Entscheidungen und Begegnungen. Die Autorin bezieht dabei auch das unmittelbare Zeitgeschehen in all den Herausforderungen mitein. Es ist ein Roman, in dem es um Welt- und Menschenbilder geht, und das in einer wunderbaren Erzählweise.
„Juli Zeh ist eine Meisterin des Erzählens und des mit ganz feiner Sprachklinge Fragenstellens nach Mensch und Welt“
Liebe Mella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Corona hat die Menschen einander näher gebracht, zumindest mich und meine Familie. Nicht nur emotional, sondern vor allem örtlich. Juhuu. Wir picken aufeinander und teilen viel Zeit.
An den Vormittagen war früher, neben den banalen Tätigkeiten rund um Familie und Haushalt, Zeit für mich, fürs Schreiben und um zu komponieren. Jetzt ist diese Allein-Sein-Zeit (weil Freizeit war es nie) weg und ich bin zu einem großen Teil mit Homeschooling beschäftigt. Ein Traum.
Nachmittags unterrichte ich und abends wäre ich früher zu Proben oder Auftritten gefahren. Jetzt verbringe ich meine Abende mit einem Achterl und Netflix-Berieselung zum Entspannen, wenig spektakulär, aber gemütlich und entschleunigt. Ich mags.
Mella Fleck_Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Toleranz. Corona triggert die Menschen ganz unterschiedlich, packt die Menschen bei ihren tiefsten Ängsten. Die Angst vor dem Tod, die Angst vor gesellschaftlichem Abstieg, die Angst vor finanziellem Ruin, die Angst der Freiheit beraubt zu werden, die Angst vor Manipulation, etc.
Mit diesem schweren Gepäck beginnen sogar Freundinnen zu streiten, Familien entzweien sich und heiß ersehnte Lass-mal-die-Seele-baumeln-Treffen verkommen zu Diskussionsrunden mit nur noch einem Thema.
In Gesprächen die Brücke zum andern zu schlagen, ihm zuzuhören und versuchen zu verstehen, warum er oder sie so vehement für oder gegen eine Maßnahme sind, ist mir wichtig. Nehmen wir das Tempo raus, lassen mal die Schwere weg und vertrauen, dass wir da schon wieder raus kommen werden. Nicht unverändert, aber hoffentlich unbeschadet.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu.
Meine Lebensziele haben sich im Groben nicht verändert. Aber die Wertigkeiten schon. Mein Radius hat sich eingeschränkt und mein Augenmerk liegt viel mehr darauf, dass es mir gut geht. Punkt. Ich denke es ist wenig sinnvoll, sich an Dinge oder Pläne zu krallen und vielleicht daran zu zerbrechen, weil sie nicht mehr durchführbar sind. Biegsam und „flecksibel“ sein und ehrlich seine Bedürfnisse erkennen, ist für mich essentiell.
Musik kann ein Sprachrohr sein für z.B. Protest, sie kann Menschen mobilisieren, Musik kann beruhigen, einlullen und ablenken. Musik kann ein Ventil sein für Frust oder Angst, sie kann aber auch Hoffnung vermitteln und Verständnis schaffen. Musik ist Liebe in Tönen, also ganz nah an der mächtigsten Sache der Welt. Sie verbindet immer. Dieses feature haben wir noch nie so dringend gebraucht wie jetzt.
Was liest du derzeit?
Ich hab vor kurzem Omama von Lisa Eckhart verschlungen und muss mir jetzt was Neues suchen. Freue mich über Empfehlungen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
Einen kleinen Auszug aus meinem nächsten Song „Teppich“. Ich musste vor einiger Zeit mit einer furchtbaren Veränderung umgehen, die mir anfangs den Teppich unter den Füßen wegriss. Musikvideo dazu erscheint im April, zwinker-zwinker.
„Kaunst du bitte nochschaun
ob du auf mein Teppich stehst,
weu irgendwer hod man wegzogn!
I möcht‘ di ned verdächtign,
oba DU muasstas g‘wesn sei,
i siach sunst kan,
der so vü Kroft hod!
Um mia mein Teppich unta d‘Fiaß
so ausn Nix weg zu ziagn,
chapeau mei Freind,
du bist im Training!
I täd jo liaba lochn,
wauns ned so traurig wär,
jetzt lieg i do,
vui daschrockn!
Teppich unter die Fiaß‘ wegzogn…“ (Teppich, Mella Fleck)
Mella Fleck_Sängerin
Vielen Dank für das Interview liebe Mella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!