„Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen“ Katharina Kummer, Regisseurin_Wien 5.4.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Funktionierend im Schreibmodus: aufstehen, bewegen. Grüntee trinken Bürokratie und Telefonate erledigen. Interviews führen, schreiben. Mich nach nahen Menschen erkundigen. Rausgehen. Essen. Eventuell weiterschreiben, lesen, schlafen. Glücklicherweise habe ich extrem geringe Fixkosten, keine Kinder etc. und bin seit jeher ohnehin am liebsten allein, außer wenn ich inszeniere, beim Proben.

Funktionierend im Regiemodus: Aufstehen und ins Theater rennen. Ab 10 Uhr Proben. Während die Spieler Nachmittagspause machen, an der Fassung sitzen, Beleuchtung, Arbeitsgespräche führen. Nach der Probe Wein trinkend weiterarbeiten. Schlafen gehen. Alles wie immer nur ohne Premieren.

Oder völlig lost und beyond sein. Tage damit verbringen, mit Monstren zu kämpfen. Mich verstecken. Wüten. Im Kreis drehen. Versuchen immer schwierigere Level weirdester mindspaces zu durchqueren. Compulsive behaviours verschiedenster Art. Nicht funktionieren.

Oder Abläufe, von denen ich noch gar nicht wußte, dass ich sie mag. Wie etwa, mich ohne Arbeitsbezug mit Leuten treffen. Weder funktionieren noch nicht-funktionieren also. Leben. Ohne Produktivitätsanspruch.

Katharina Kummer _ Toihaus _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage habe ich delegiert. An den kommunistischen Freund meines Vertrauens: Linke Parteien unterstützen, sie in Richtung radikalerer Ziele pushen, wie etwa die Kollektivierung von Land und Eigentum. Klassenbewusstsein und ein Bewusstsein für die Dynamiken des Kapitalismus in Europa und der imperialistischen Gewalt im globalen Süden schärfen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel/Theater, der Kunst an sich zu?

„Aufbruch“, „Neubeginn“, „alle gesellschaftlich und persönlich“… zu diesen Phrasen habe ich nicht das geringste Verhältnis. Sie sind wie mottenzerfressene Pullover, die nicht mal mehr für die Altkleidersammlung taugen.

Zu Theater allerdings habe ich durchaus ein Verhältnis und „dem Theater“ hätte meines Erachtens nach nichts Besseres passieren können, als die Totalzerstörung durch diese Pandemie.

Als ich als Jurymitlglied an Vorsprechen an einer Schauspielschule teilnahm, haben Bewerberinnen auf meine Frage, warum sie Theater machen wollen, oft etwas gesagt wie: „Weil ich keine Lust auf so einen langweiligen Bürojob habe“. Als Motivation eines Kunstschaffens, das etwas hervorbringt, was für irgendeinen Rezipienten auch nur ansatzweise von Wert sein könnte, ist das selbstverständlich ziemlich mager. Als Aussage, die Rückschlüsse auf den Status Quo der Kulturproduktion unserer Gesellschaft zulässt, ist es umso aufschlussreicher:

Was für ein Armutszeugnis stellt sich eine sich als ungemein fortschrittlich gerierende Zivilisation aus, wenn unzähligen jungen Menschen lediglich völlig entfremdete und als sinnlos empfundene Tätigkeiten als Alternative dazu erscheinen, einer winzigen Kulturelite anzugehören? Wie krass ist der Rückschluss auf die Alltagskultur einer Welt, in der man entweder völlig sinnlose Dinge herstellen oder sich an deren Vermarktung, Verwaltung oder Vermüllung beteiligen kann oder auch an den Abläufen der Organisation dieser Sinnlosigkeiten oder an der Vollstreckung des Schutzes dieser inhaltlichen Armseligkeiten! Nichts von alledem eröffnete den Bewerberinnen – zu Recht – eine Lebensperspektive, in der irgendeine Möglichkeit von Selbstausdruck zu finden war oder die ein als sinnvoll empfundenes Gestalten der Energie in Aussicht stellte, die die Verdichtung von Raum zu einem Körper innerhalb einer gewissen Zeitspanne bereithält, die man ein menschliches Leben nennt.

Die kleine Berufs-Kulturelite hingegen befindet sich mit ihren Stimmen, ihrem Schaffen, ihrem Ausdruck, ihren Persönlichkeiten und ihren Perspektiven völlig im Rampenlicht und führt dort gleichzeitig einen von der besagten entfremdeten Alltagskultur zu großen Teilen abgetrennten Spezialdiskurs.

Die Unkultur unser Lebensart wird jetzt im tiefen Fall sichtbar, den viele erleben, wenn es darum geht, überhaupt mit seiner Zeit und Energie umzugehen. Selbstverständlich wäre es perfide, das den Einzelnen anzulasten. Die ökonomische Struktur, die soziale Architektur, die inneren – sowohl geistigen als auch affektiven -Kapazitäten sind derart unterentwickelt, dass so viele ins Schleudern geraten angesichts des Wegbrechens eines ohnehin als sinnlos empfundenen äußersten Gerüsts. Wie gesagt: ein Armutszeugnis für eine Zivilisation.  

Warum ich schon seit Jahren, wenn ich nicht gerade selber Theater mache, kaum mit Theaterleuten befasst bin, ist weil mich die Homogenität dieser Szene zutiefst langweilt. Ihre Zusammenkünfte, an denen die immer gleichen teilhaben, erfüllen meist in erster Linie die Funktion, sich im vom Inner Circle hervorgebrachten Spezialdiskurs in den eigenen Anschauungen selbst zu vergewissern, zu beruhigen und zu bestätigen.

Verstehen Sie mich richtig: eine elitäre Kultur und Spezialdiskurse ermöglichen die Entwicklung ästhetischer Qualitäten, die nur in dieser Konzentration gedeihen können. Das hat einen großen Wert, nur ist der Spalt zwischen den sich Ausdrückenden und den in die entfremdete Sinnlosigkeit Verbannten riesig. Und ich meine das im globalen Sinn, nicht nur in unserem spezifischen kulturellen Zusammenhang. Aber auch. Die Diversität, die ich in meinen selbst gewählten anderen Kontexten erlebe ist keineswegs da vorhanden, wo hörbar gedacht und gestaltet wird.

In diesem Sinne begrüße ich eine Totalzerstörung der bestehenden Theaterstruktur durch die Pandemie. Wie ein Neubeginn aussieht, wird sich zeigen. Es ist oft hinderlich, dem schon inmitten des Zusammenbruchs krampfhaft vorzugreifen. Erstmal gilt es, den Niedergang zu genießen und vollständig geschehen zu lassen. Dann Schneefall, Ruhe.

Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen. Das halte ich allerdings für maximal unwahrscheinlich. Mich interessiert Theater in der Hinsicht, wie und wo es von Ritual stammt. Das mit besagten Skills zu kreuzen, die ich ja selbst im Eliteprofidiskurs erworben habe, ist meine Spezialität. Ich mache Theater, wo immer es einen Rahmen gibt, der mich interessiert und dann, wenn es mir ohnehin angetragen wird. I love it. The essence of theatre itself is not to blame. Im Angesicht dessen, dass völlige Konsistenz virtuell ist, ist die Konsequenz, die ich aus meiner Kritik ziehe nicht, dass ich den Griffel aus der Hand lege, sondern lediglich that I stick to what I wanna say, dass ich darauf verzichte, aktiv irgendeine Karriere voranzutreiben, dass ich sowohl in meinen Arbeiten als auch in meinem sozialen oder oft auch asozialen Verhalten die Heterogenität suche und herstelle, die ich in bestehenden Kulturzusammenhängen vermisse. 

Anyway: um den Samen der Theatralität, der in vielen schlummert und der auf neue Weise Blüten treiben wird, mache ich mir gar keine Sorgen. Meine ehemalige Studentin Ruchi Bajaj schrieb mir neulich: „Wir verdauen unser gegenwärtiges Selbst, das wir erfunden haben. Aber es war alles nur Illusion. Es bricht noch das Alter der Teezeremonie an.“  

Achso – die materielle Perspektive des hier Gesagten betreffend: siehe Antwort auf die Frage davor.

Was liest Du derzeit?

Caliban and the Witch von Silvia Federici, Der Gebrauch der Körper von Giorgio Agamben, Oblomow von Iwan Gontscharow, die philosophischen Chroniken von Nancy, was Marcus Steinweg gerade auf Facebook postet, eine Aufsatzsammlung über Lady Di. Ich vermisse als einziges die Bibliotheken!! Dass man gemeinsam in einem Raum ist, aber jeder in seiner geistigen Welt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kathy Acker – schon voll von Krebs und auf ihren Tod zugehend – hielt bei einem Roadtrip am Straßenrand, um zu pinkeln, legte sich in die Wiese und sagte: “the sun feels so good on my cunt!”

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Kummer, Regisseurin, Autorin

Zur Person: Die Regisseurin und Autorin Katharina Kummer ist Jahrgang 1981. Bereits während ihres Linguistikstudiums an der HU Berlin Gastengagements bei Film und Theater. Auf der Suche nach einer Kombination aus performativem und konzeptuellem Arbeiten fand sie beim Puppen-, Figuren- und Objekttheater die Möglichkeit, die Bühne als Szene exzessiven Denkens zu nutzen. 2011 machte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ihr Diplom. Während ihres Festengagements als Spielerin am Puppentheater Halle (2011- 2017) realisierte sie bereits diverse Uraufführungen als Regisseurin und Autorin, darunter für sie wichtige Arbeiten wie „Ach und Weh – eine Liebesmüllabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek“ (Soloproduktion 2009), „wir werden alle unsre mütter“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2014), „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ (Text: N. Esinencu, Maxim Gorki Theater 2015, erster Preis des Secondo Theaterfestivals in Zürich), „MIRJAM & MYRIAM oder: Sieh dich vor, im Traum eines kleinen Mädchens gefangen zu sein“ (Uraufführung DSCHUNGEL WIEN 2016) und „Bei uns ist alles un Ordnung!“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2017). „Rote Sonne oder: Dieser Planet geht mir auf die Nerven“ (Uraufführung, Staatstheater Augsburg 2018), „Turm /Schleier, Puppe /Fleisch“ (Uraufführung, TOIHAUS Salzburg, 2020). Derzeit lebt sie als freie Regisseurin und Schauspieldozentin in Wien und Bayern.

Regie | Theater Chemnitz (theater-chemnitz.de) 11.3.2021

Foto_Ela Grieshaber

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, möglichst lange „sehend“ zu bleiben“ Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin_Avrillé bei Angers/F 4.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment gar nicht so viel anders als sonst, da wir in Frankreich im Moment keinen harten Lockdown mehr haben und die Schulen seit September auch offen geblieben sind. Richtig schwierig war es im März/April 2020, mit 100 Prozent Distanzunterricht, Homeoffice auch für meinen Mann und Sechsjährigem, der schon massenweise Aufgaben bekam. Glücklicherweise gab es in letzter Zeit weder in meinem Lycée noch in der Vorschule meines Sohnes Corona-Fälle. Ich weiß aber, dass diese Ruhe trügerisch ist.

Morgens ziehe ich mein Wildkind an, obwohl es das längst selbst kann, trinke einen Kaffee, dann arbeite ich entweder zu Hause oder fahre gleich (je nach Unterrichtsbeginn) mit Bus oder Straßenbahn nach Angers in die Schule. In unserem Département ist die Maske auch draußen überall Pflicht. Die ständig beschlagene Brille am Morgen erinnert daran, dass etwas anders ist. Der Unterricht ist meistens harmonisch, die Schüler*innen sind froh, dass sie da sein können. Ich möchte, dass sie trotz allem schöne Erinnerungen an ihre Schulzeit haben. Mittags gehe ich in die Kantine, mit Sicherheitsdistanz zu den anderen und immer mit einem komischen Gefühl im Bauch, aber im Lehrerzimmer wäre es noch schlimmer, weil wir da noch mehr aufeinander hocken. Ab und an gibt es ein Picknick mit einem guten Freund und Kollegen, der auch Deutscher ist, in einem Vorbereitungsraum, den ich ganz pikant Kabuff nenne, wir essen dann mit anderthalb Meter Distanz und offenem Fenster. Ins Café können wir ja nicht.

Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin

Wenn ich – meist vor der Sperrstunde um 18 Uhr – nach Hause komme, sind mein Mann und Wildkind da, dann ist Familienzeit, gemeinsames Kochen, Tanzen, Fernsehen, Legoteile suchen etc. Später das Kuschelritual und Abendlektüre, im Moment lesen wir „Das kleine Gespenst“. Meistens ist es danach schon halb zehn und ich muss entscheiden, ob ich noch korrigiere, was meistens nötig ist. Ansonsten schaue ich mit meinem Mann Filme und Serien auf ARTE, beantworte Mails, chatte oder arbeite an meinen Gedichten. Letzteres ist allerdings eher am Wochenende oder in den Ferien möglich. Es passiert nämlich, dass ich mich festschreibe bis in die Morgenstunden … seltsamerweise habe ich gerade eine eher produktive Phase, trotz der Pandemie.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich antworte mal ganz subjektiv: Barmherzigkeit, anderen und sich selbst gegenüber. Lächeln, auch unter der Maske, ein Leuchten in die Augen legen und verschenken, wenn es passt. Offen bleiben für Überraschungen. Sich schützen, auf sich achten, so gut es geht. Die Kinder und Jugendlichen im Blick behalten, ihnen Möglichkeiten bieten, zusammen kreativ zu sein, sie reden und fragen lassen. Der Trauer Raum und Worte geben, wenn sie über uns kommt. Sich klarmachen, dass alles endlich ist. Seinen Lieben Zärtlichkeit schenken, und allen, die es brauchen, ein offenes Ohr. Das Leben genießen, wie es eben möglich ist, das Glas gerne halbvoll mit Sauvignon blanc füllen. Die Natur und ihr derzeitiges Erwachen bewusst erleben. Ich bin so dankbar, dass ich ins Grüne kann und ans Wasser, das war vor einem Jahr in Frankreich unmöglich, da waren Wälder, Wege an Flüssen entlang und Strände gesperrt und wir durften uns nur mit selbstausgestellter Bescheinigung in einem Ein-Kilometer-Radius um unser Domizil bewegen, eine Stunde am Tag. Diese Erfahrung wirkt noch nach. Deshalb verreisen wir jetzt im Rahmen des Erlaubten auch mal für ein paar Tage, ans Meer, in die benachbarte Bretagne und gehen viel an die Loire. Ansonsten auch wichtig, gerade für Künstler*innen: Mehr kommunizieren, sich vernetzen, einander schreiben, gemeinsame Ideen verwirklichen. Bücher und Gedanken tauschen. Sich trauen, auf die anderen zuzugehen, Dinge aussprechen, die man immer schon sagen wollte, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht gewagt hat. Vor allem wenn es nette Dinge sind. Und sich gegenseitig trösten. Es gibt im Moment viele Menschen, die Trost brauchen. Last but not least, Pläne machen für später: Reisen, Museumsbesuche, Konzerte, Lesungen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ingrandes sur Loire, zwischen Angers und Nantes

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gestern haben wir im Literaturunterricht über die Frauen der Romantik gesprochen, für die noch jede Geburt eine Gratwanderung zwischen Diesseits und Jenseits war, jeder Schnupfen des Kindes zu einem Urteil werden konnte. Wir können uns das heute vielleicht besser vorstellen als noch vor einem Jahr. Der Tod, den wir so schön aus unserem Alltag verbannt hatten, ist ein Stück weit in die Mitte der Spaßgesellschaft gerückt. Ich denke, viele kennen mittlerweile jemanden, der an Corona gestorben ist. Wenn wir Pech haben, stand dieser Jemand uns nahe und wir konnten nicht zur Beerdigung. Wir werden hier gerade alle mehr oder weniger auf unsere eigene Verletzlichkeit zurückgeworfen, körperlich, seelisch, beruflich, privat.  Das Leben fühlt sich paradoxerweise intensiver an. Wir stellen vielleicht tiefgründiger Fragen, verschieben Prioritäten, rücken im Idealfall enger zusammen. Oder werden einsamer, ängstlicher, wütender. Nach dem Lockdown hoffen wir auf den Rausch, die Freudentänze, den Überschwang des Irgendwann. Auf der anderen Seite wissen wir um die Resignation, die Enttäuschung, das Hadern mit dem, was kaputtgegangen ist. All diese sich überschneidenden Befindlichkeiten wird die Kunst einfangen, wie sie es immer schon getan hat, aber die so erzählten Geschichten, Töne und Bilder werden in ein weltumspannendes kollektives Gedächtnis eingehen; die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, dass die, die durch die Erfahrung der Pandemie „sehend“ geworden sind, auch möglichst lange „sehend“ bleiben. Um es mal frei nach Bachmann zu sagen.  

Was liest Du derzeit?

Sehr viel Lyrik durcheinander, neben dem eben erschienenen Jahrbuch Gedichtbände ganz verschiedener Autorinnen, die ich alle gerade mit Bewunderung entdecke. Heute zum Beispiel liegen hier „Sansibar und andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt und „Die idiotische Macht deiner Wimpern“ von Sünje Lewejohann.

Und natürlich lese ich das POEDU, das eben erschienene Buch zum Projekt von Kathrin Schadt, wo Kinder zu Aufgaben erwachsener Dichter*innen wirklich göttlich gute Gedichte verfasst haben.

Außerdem den Roman „Elbwärts“, von Thilo Krause, der wie ich aus Sachsen stammt und die Handlung in der Landschaft der Sächsischen Schweiz ansiedelt, in Dörfern, Städtchen und auf Bergen, die ich gut kenne.

Und schließlich den zauberhaften Briefwechsel zwischen der Dichterin und Malerin Johanna Hansen und dem amerikanischen Schriftsteller David Oates. „Schreiben ist eine Art von Luftwiderstand“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe Ingeborg Bachmann ja vorhin erwähnt. Ihre „härtere(n) Tage“ aus „Die gestundete Zeit“ sind leider eingetroffen, es werden auch nicht die letzten sein, nun warten wir alle auf diesen anderen, den guten Tag, „an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben.“

Und es gibt ein bekanntes Gedicht von Rilke, das mir schon immer sehr viel bedeutet hat. Im heutigen Kontext erschließt sich da noch einmal eine ganz neue Lesart, finde ich.

Wandelt sich rasch auch die Welt

Wandelt sich rasch auch die Welt

wie Wolkengestalten,

alles Vollendete fällt

heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,

weiter und freier,

währt noch dein Vor-Gesang,

Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,

nicht ist die Liebe gelernt,

und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.

Einzig das Lied überm Land

heiligt und feiert.

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Beyer-Lallauret, Schriftstellerin

Franziska Beyer-Lallauret (franziska-beyerlallauret.eu)

Foto_Charles Moreau

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen Literatur, Musik, Theater, Kunst, um unser Leben entfalten zu können“ Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin _Bonn 4.4.2021

Liebe Ingeborg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe noch mehr Zeit für mich und lerne, da ich alleine lebe, gerade den wichtigsten Menschen in meinem Leben ganz besonders gut kennen. Mit all seinen Hoffnungen für die Zukunft, all seinen Sehnsüchten, auch nach Vergangenem und Verlorenem. Mag sein, dass mir, als älterem Menschen, gar nicht so viel fehlt, wie den jungen Leuten. Mein Radius ist kleiner geworden. Und wenn sich doch das negative Gedankenkarussell zu drehen beginnt, teile ich meine Sorgen mit meinen liebsten Menschen, die, dank  moderner Technik, immer erreichbar sind. Dann habe ich im Mai eine Woche Urlaub gebucht, in einem schönen Hotel am Meer. Ich hoffe das klappt. Ich brauche etwas, worauf ich mich freuen kann. Immerhin: Ich lebe! Dafür bin ich angesichts der vielen armen Menschen, die an Corona sterben mussten, sehr dankbar.

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ich habe einen relativ festen Tagesplan. Morgens schreibe ich, bzw. ich versuche, Gedichte zu schreiben, auch wenn die Wörter sich seit längerer Zeit vor mir zu verstecken scheinen. Ich bin geduldig und warte auf sie. Wenn sie ausbleiben, versuche ich es am nächsten Tag wieder. Am Nachmittag lese ich sehr viel. Bei schönem Wetter gehe ich am Rhein spazieren. Ich hänge mehr vor dem Fernsehen als sonst. Schaue viele Talkshows. Wenn sich Menschen über ein Thema unterhalten, fühle ich mich mit ihnen im Gespräch und nicht so alleine. Ich habe aber immer weniger Lust auf Online-Veranstaltungen. Es ist einfach nicht dasselbe. Es fehlen die direkten Kontakte, Berührungen, Umarmungen, persönliche Gespräche, Nähe und Wärme. Um ruhig zu werden und in den Schlaf zu kommen meditiere ich am Abend. 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, vielen Menschen ist deutlich geworden, wie sehr wir uns alle brauchen.  Die soziale Distanzierung, die Abgrenzung  von Freunden und Familienangehörigen, die Arbeit im Homeoffice, das Fehlen der sonst  täglichen Routine, als wäre jeder auf einer einsamen Insel gelandet, darf nicht zum Lebensprinzip werden. Ich glaube aber, es wird lange dauern, bis wir uns wiedererkennen und wieder Vertrauen in uns und das Leben allgemein haben.

Vielleicht hilft uns allen eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt, vielleicht geht auch von dieser schlimmen Zeit eine Hoffnung aus. Viele Menschen sind in ihrer Seele zutiefst verletzt. Die vielen negativen Schlagzeilen, die wir täglich hören: Schicksalsschläge, Todesfälle, in einigen Ländern überfüllte Krankenhäuser, Angst um Arbeitsplätze und die Existenz. Wir sind unserer Freiheit beraubt, zu tun, was wir möchten, hinzugehen wohin auch immer wir wollen, Menschen zu treffen, auch in großer Zahl. Das ist eine sehr giftige Mischung für die Psyche.  Wichtig für uns alle ist, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass bald wieder Leichtigkeit und Unbeschwertheit  zurückkehren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nach diesem tiefen Einschnitt durch die Pandemie sind wir alle mehr als sonst gefragt, unser eigenes zukünftiges Tun und Vorhaben zu reflektieren. Ein glückliches und reiches Leben ohne Musik und Theater, ohne Literatur und Kunst ist für die meisten von uns kaum möglich. Wir brauchen das alles, um unser Leben entfalten zu können. Diese Bedürfnisse sind so wichtig und wesentlich wie elementare Bedürfnisse  nach einem Zuhause, nach Essen und Schlafen. Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, man könne darauf verzichten. Dies ist uns in Coronazeiten sehr deutlich geworden, vor allem in Italien, wo Menschen sich solidarisch zeigten durch ihren Balkongesang. Von Süd-  bis Norditalien sangen und spielten die Menschen auf ihren Instrumenten. Dieser Trend breitete sich in ganz Europa aus.

Kunst repräsentiert und entwickelt unsere Träume und unsere Lebenswirklichkeit. Sie liefert innovative und kreative Ideen für unsere Gesellschaft. Sie macht unser Leben lebenswert und schenkt uns individuelle Identität und sorgt gleichzeitig für Verständigung unter Menschen verschiedener Herkunft. Sie bietet Anlass, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu feiern und sich zu begeistern.

Was liest Du derzeit?

Ich lese täglich Gedichte. Im Augenblick vor allem:

Johanna Hansen: Zugluft der Stille

Klara Hurkova: Der offene Raum

Franziska Beyer-Lallauret: Warteschleifen auf Holz

Dann:

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit
gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind
um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt.

(Hilde Domin)

Vielen Dank für das Interview liebe Ingeborg, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ingeborg Brenne-Markner Archive – Lektorat Wortgut (lektorat-wortgut.de)

Foto_privat

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst wird sich zunehmend bemühen, neue Denkweisen sichtbar zu machen“ Jón Thor Gíslason, Künstler_ Düsseldorf 3.4.2021

Lieber Jón Thor, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?   

Seit Einbruch der Pandemie hat mein Tagesablauf sich nicht schwer geändert. Ich tue das, was ich sonst immer tue – Kunst. Stehe morgens auf, trinke einen Kaffee und fange mit der Arbeit an.

Wenn sich etwas geändert hat, dann dass ich jetzt noch mehr arbeite als früher, da ich jetzt mehr Zeit zu Verfügung habe, häufig auch abends, bis ich ins Bett gehe.

Jón Thor Gíslason_Künstler

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als Maler bin ich im Atelier noch einsamer als vorher. Man trifft keine Menschen. Es kommt keiner vorbei und kauft ein Bild. Es finden keine Ausstellungen statt, also auch keine Eröffnungen wo Menschen zusammenkommen. Ich glaube so ähnlich wie mir geht es vielen meiner Kollegen. Daher müssen wir gut auf uns aufpassen, dass wir nicht in so ein „schwarzes Loch“ fallen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst ans sich zu?

Mit dem Experiment, der Abwendung von der „reinen“ Theorie zu Gunsten der positivistisch-materialistischen Grundhaltung, müssen wir den Verlust der Vertrautheit mit der Natur teuer bezahlen. Das aus den Fugen geratene Gleichgewicht unserer Flora und Fauna ist ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass diese Herausforderung des Experiments alle Grenzen gesprengt hat. Auch die Umweltverschmutzung und die Häufung dramatischer Naturereignisse durch den Klimawandel sind eine klare Botschaft an die Menschheit, ein Menetekel. Dass Mensch und Natur zusammengehören, dass wir ein Teil dieser Natur sind und sie daher nicht ignorieren dürfen oder mit ihr machen können, was wir wollen, müsste uns spätestens gegenwärtig klar geworden sein. Was wir der Natur antun, tun wir uns selber an.

So gesehen, ist ein notwendiges Umdenken unvermeidbar.  In Zukunft wird sich daher die Kunst zunehmend damit bemühen, dem Menschen -auf verschiedene Art und Weise und mit verschiedenen künstlerischen Mittel – neue Denkweisen sichtbar zu machen.

 Was liest du derzeit?

Emmanuel Lévinas: Ethik und Unendliches

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

 Seit realistisch, werdet romantisch.

Vielen Dank für das Interview lieber Jón Thor, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jón Thor Gíslason, Künstler

Jón Thor Gíslason | Der Maler, Künstler Jon Thor Gislason aus Island, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Foto_privat.

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst regt an. Kunst zeigt auf!“ Carina Herbst, Tänzerin_Wien 3.4.2021

Liebe Carina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Momentan erinnert mich jeder Morgen an ein Wochenende oder an Urlaubszeit, nur fehlt das locker leichte, positive Gefühl dabei. Das Weckerläuten in der Früh soll mich an einen geregelten Tagesablauf erinnern. Aber meistens ignoriere ich den Wecker, denn es ist momentan relativ egal, wann ich tatsächlich aufstehe.

Der Alltag gleicht dem Lauf im Hamsterrad, obwohl die Tage trotzdem sehr unterschiedlich verlaufen. In gewisser Weise fühle ich mich eingegrenzt, eingeschränkt und auf der Ersatzbank abgestellt. Wartend, dass das „normale“ Leben wieder beginnt. Ahnend, dass es nicht wie zuvor weitergehen wird. Hoffend, dass es doch möglich ist.

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Dann raffe ich mich auf und besinne mich auf die Tatsache, dass es mir grundsätzlich gut geht. Ich bereite meine Online-Stunden vor, überlege welche Art von Training ich für mich selbst machen möchte, und kümmere mich auch um alltägliche Dinge, wie den Haushalt, Einkaufen gehen etc.

Donnerstags geht es frisch getestet und mit FFP2-Maske in den einzigen Präsenzunterricht, den ich momentan halten darf, nämlich „Körpertraining und Körperarbeit“ für Schauspieler*innen. Dafür bin ich sehr dankbar. Der Austausch mit meinen Schüler*innen gehört zu meinen Wochen-Highlights!

Ich habe jetzt wieder mehr Zeit, meinem künstlerischen Schaffen – der Tanzimprovisation – nachzugehen. Sie begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Die körperliche künstlerische Auseinandersetzung ist eine Konstante, die mich durch viele Höhen und Tiefen getragen hat. Aus ihr entstehen oft Ideen für Choreographien, Tanzprojekte und Inhalte für meinen Unterricht. Vor allem ist sie für mich eine Art Meditation. Wenn ich frei und ohne Leistungsdruck tanze, kann ich alles rundherum vergessen. Das Tanzen hilft mir Gefühle und Gedanken auszudrücken, die ich nicht in Worte fassen kann. Es macht mich glücklich, verbindet mich mit meinem Körper und bringt mich in meine Mitte. Diese Improvisationen sind meine Kraftquelle.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In gewisser Weise müssen wir die Situation annehmen, wie sie ist, und uns dem, was noch kommt, stellen, um den eigenen Fortschritt nicht zu blockieren. Um weitermachen zu können, müssen wir für Alternativen und neue Lösungsansätze offen sein. Denn genau dieses „Weitermachen“ brauchen wir – vor allem in der Kunst!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist es zu erkennen, wie kostbar die Kunst ist und was für eine Kraft und Tiefe in Live-Performances steckt. Wir brauchen die Bühne. Wir brauchen das „echte Erlebnis“. Wir sind übersättigt vom digitalen, distanzierten Alltag. Kunst setzt dort an, wo das Verlangen nach „echten Erlebnissen“, persönlich und hautnah, größer wird. 

Generell denke ich, dass uns die Kunst in all ihren Facetten helfen kann, die unterschiedlichsten Situationen – wie auch die aktuelle – mit all den damit verbundenen Befindlichkeiten zu verarbeiten. Kunst regt an; Kunst zeigt auf! Oder regt auf und zeigt an? In jedem Fall löst sie etwas in uns aus.

Der Tanz ist für mich ein Ventil. Der Körper kann kraftvoll, zart, energiegeladen, sanft, aufbäumend, behutsam oder explosionsartig das Innere zum Ausdruck bringen. Tanz ist die Poesie des Körpers. Tanz sagt so viel aus, ohne dafür Worte zu verwenden. Gleichzeitig transportiert er noch viel mehr und lädt ein, die eigene subjektive Interpretation hineinzulegen. Wenn mehrere den gleichen Tanz betrachten, wird niemand das Gleiche sehen. Seine Rolle ist es zu inspirieren, damit etwas Neues entstehen kann.

Was liest du derzeit?

Ich lese momentan wenig und wenn dann meistens Fachliteratur für meine Unterrichtsgestaltung. Thematisch reicht das von Körperarbeitsmethoden nach Michael Tschechow bis zu „Functional Anatomy of Yoga“ diverser Autoren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mit geben?

Ein Zitat, das mir gerade jetzt noch viel wichtiger erscheint, von der großartigen Pina Bausch.

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Vielen Dank für das Interview liebe Carina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carina Herbst, Tänzerin, Tanzpädagogin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Palais Auersperg_Wien 19.3.2021.

25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Theater muss sich radikal erneuern“ Ute Liepold, Regisseurin_ Klagenfurt 2.4.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit arbeite ich viel am Schreibtisch, als freiberufliche Regisseurin und Theaterleiterin habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig in Arbeit. Manchmal treffe ich Autor*innen und andere Künstler*innen für mein aktuelles Projekt „Fluid Identities“. Mir scheint, dass sich gerade jetzt viele Beteiligte noch mehr freuen, analog mit Menschen arbeiten zu dürfen.

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wege zu finden, diese Situation physisch und psychisch auszuhalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir werden nie wieder so leben, wie wir gelebt haben. Das, was gerade passiert, hat auf allen Ebenen langfristige Auswirkungen.  Ich denke, es ist jetzt wichtig, Fragen zuzulassen: Was passiert mit einer Welt, die dem schnellen Wirtschaftswachstum alles andere unterordnet? In der noch immer Männer das Sagen und die Ressourcen haben. Theater als eine der letzten großen Bastionen des Patriarchats muss sich radikal erneuern: Intendant*innen, Regisseur*innen und Autor*innen müssen ein vielstimmiges Zukunftsnarrativ entwickeln um von einer Welt zu erzählen, in der die weißen, gesunden, männlichen Stadtbewohner endlich Platz machen für alle anderen Menschen dieser Welt.

Was liest Du derzeit?

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier.

Annie Ernaux: Die Scham.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Fremder: erstickte Wut tief unten in meiner Kehle, schwarzer Engel, der die Transparenz trübt, dunkle, unergründliche Spur. Der Fremde, Figur des Hasses und des anderen, ist weder das romantische Opfer unserer heimischen Bequemlichkeit noch der Eindringling, der für alle Übel des Gemeinwesens Verantwortung trägt. Er ist weder die kommende Offenbarung noch der direkte Gegner, den es auszulöschen gilt, um die Gruppe zu befrieden. Auf befremdliche Weise ist der Fremde in uns selbst: Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum der unsere Bleibe zu nichte macht, die Zeit, in der das Einverständnis und die Sympathie zugrunde gehen. Wenn wir ihn in uns erkennen, verhindern wir, dass wir ihn selbst verabscheuen.

Julia Kristeva

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Über uns (wolkenflug.at)

Fotos_Johannes Puch

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss in Zeiten der Veränderung mit Humanismus vorangehen“ Nadine Breitfuß, Schauspielerin_ Linz 2.4.2021

Liebe Nadine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin am Theater Phönix in Linz im Festengagement. Wir haben gerade ein neues Stück „Draußen vor der Tür“ fertig geprobt und warten jetzt darauf, dass wir wieder spielen können. Im März war ich ein Monat auf Kurzarbeit. Ich nutzte diese Zeit für mich: mit Sport, Literatur und Meditation.

Jeden Morgen lese und schreibe ich in das Buch Glücksperiment.

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und sich sinnvoll weiterentwickeln. Fast jeder hat jetzt die Zeit dazu, die bisherigen Lebensroutinen zu hinterfragen. Sich zu fragen, was macht mich richtig glücklich und was brauche ich wirklich dazu.

Mir persönlich hilft gerade Sport, Bewegung, Meditation, Tanzen und frische Luft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Seit Corona ist viel mehr Menschen klar, dass sich in unserer Gesellschaft was verändern muss. Die Kunst muss die Gesellschaft mit ihren Missständen und Fehlern porträtieren, um in Zeiten der Veränderung, dieser mit Beispiel an Humanismus voranzugehen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher. Zurzeit: „Frag den Buddha“ von Jack Kornfield, „Ich bin der Sturm“ von Michaela Kastel und „Das Buch der Freude mit Dalai Lama & Desmond Tutu“ von Douglas Abrams

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Der Regen hat aufgehört,

die Wolken haben sich verzogen,

und es ist wieder klar.

Ist dein Herz rein,

dann sind alle Dinge in deiner Welt rein…

Dann wirst du vom Mond und den Blumen

auf deinem Weg geführt.

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Nadine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

theater-phönix (theater-phoenix.at)

Fotos_Stefan Weiss

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer“ Violetta Zupancic, Schauspielerin_Wien 1.4.2021

Liebe Violetta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich seit 14 Monaten für einen kleinen Menschen sorge, sieht mein Tagesablauf auch ohne Pandemie sehr sehr anders aus, wie er als Vollzeit Schauspielerin ausgesehen hat. Er wird nicht mehr von IntendantInnen und RegisseurInnen und Spielplänen dominiert, sondern von einem Wesen, das die Welt entdeckt. Ebenfalls ein sehr schönes und anstrengendes Schauspiel.

Zwischen 6 und 7 Uhr werde ich aufgeweckt, weil der besagte kleine Mensch auf mir herumturnt und in den Tag starten möchte. Ich eher immer nicht so. Über ein Jahr Babywecker hat meinen vom Theater indoktrinierten Rhythmus noch nicht in den eines Morgenmenschen verwandeln können. Aber es wird wohl oder übel das Bett verlassen. Danach wird Zähne geputzt und Frühstück gemacht und gespielt und so gut wie möglich für den Tag vorgekocht und Wäsche aufgehängt und auch sonst langweiliger langweiliger Haushalt erledigt.

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Dann gibt es ein Vormittagsschläfchen und da lege ich mich gleich mit dazu. Ich finde ich habe das verdient, da ich in der Nacht ohnehin mehrmals geweckt werde. Es ist mir sowieso unbegreiflich, dass ich seit 14 Monaten eigentlich nie länger als drei Stunden am Stück geschlafen habe (und tendenziell sind es eher 1 ½ Stunden) und dass ich noch am Leben bin.

Am späten Vormittag geht es raus Besorgungen machen und einen nahegelegenen Spielplatz stürmen. Sandkiste ist neuerdings hoch im Kurs. Sowie allen Menschen winken. Ein freundliches Kind. Dann geht es wieder heim und es gibt Mittagessen und ein Mittagschläfchen. Das nehme ich meistens auch in Anspruch. Weil ich kann. Und will. Und muss.

Am Nachmittag geht es meistens wieder nach draußen und Freunde treffen. Nur draußen wird sich getroffen, wenn nicht getestet worden ist. Wenn getestet wurde und wenn alle negativ getestet sind dann gehen wir zu uns in die Wohnung und ich koche für uns alle und der Besuch darf den kleinen Menschen bespaßen. Spielen, essen, baden, spielen, ein Buch anschauen, in den Schlaf stillen … und wenn der kleine Mensch friedliche eingeschlafen ist, wird das Babyphone angemacht und auf Zehenspitzen rausgeschlichen. Danach wird alles erledigt, was den Tag über liegen geblieben ist im Haushalt. Oder es wird Bürokratisches abgearbeitet. Oder wenigstens ein bisschen versucht die Website endlich neu zu gestalten und zu aktualisieren und neue Showreel Szenen zu schneiden und Mails zu schreiben mit „Hallo es gibt mich noch ich möchte gerne wieder arbeiten, wenn man eines Tages wieder arbeiten kann und darf“ … was man eben so macht, also freischaffende arbeitslose Künstlerin während einer Pandemie, die gerade auch noch ein Kind bekommen hat. Manchmal muss man dann auch versuchen, die Existenzängste nicht überhand gewinnen zu lassen. Und dann macht man Yoga. Und liest. Und schaut was auf dem Laptop. Und dann geht man ins Bett. Ohnehin viel zu spät. Und wenn man gerade sanft am Einschlafen ist, dann wird der kleine Mensch daneben wach und will wieder zurück ins Land der Kinderträume begleitet werden. Ob sie von weißen Masken in der Straßenbahn handeln? Meine handeln gelegentlich davon. Und dann wiederholt sich alles von vorne.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde gerne sagen durchhalten. Aber ich kann eigentlich fast auch nicht mehr. Aber trotzdem. Durchhalten!

Lieb zueinander sein. Auch mit Maske und Abstand. Aber trotzdem: an die Regeln halten und brav testen gehen!

Humor Kinder. Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke bitter notwendig wäre eigentlich ein Systemwechsel. Diese Pandemie hätte eine Chance sein können aber dafür haben wir leider eine falsche Regierung. Weg vom Kapitalismus und der Leistungsgesellschaft. Systemrelevante Berufe aufwerten vor allem in der Bezahlung. Bedingungslosen Grundeinkommen einführen. Endlich klare radikale Klimaziele schaffen und durchziehen. Und ich meine RADIKAL. Ich vermute, die Pandemie ist ein Witz im Gegensatz zu dem, was mit einer Klimakrise noch auf uns zukommen wird. Da kommen dann wahrscheinlich auch noch ein paar mehr Pandemien. Und man hat ja gesehen, wie schnell plötzlich Gesetzte beschlossen werden können und die Staaten zu einer Zusammenarbeit fähig sind. Und dass auch die Menschen sich adaptieren können, wenn es sein muss. Das bitte auch bei der Klima- oder zum Beispiel auch der Flüchtlingsthematik. Ich könnte die Liste noch weiter fortführen … Und eigentlich hab ich wahrscheinlich auch gar keine Ahnung von gar nichts …

Das Theater und die Kunst allgemein müssen diese Themen weiter im Diskurs halten und im Idealfall auch vorantreiben. Das Theater muss weiterhin hinschauen und hinzeigen und sowohl die Utopien als auch die drohenden Dystopien erzählen. Wenn die Theater aber endlich wieder öffnen dürfen, dann sollen die Menschen auch einen Hafen der Freude und Lust und Fröhlichkeit finden. Endlich wieder kollektive Erlebnisse, die nicht aus Homeoffice und Stäbchen in der Nase bestehen. Ein Wechselspiel zwischen SchauspielerInnen und Publikum und Text live und in Person. Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer. Es ist nicht immer schlecht, wenn es menschelt nach einem Theaterabend. Es ist sogar schön.

Was liest Du derzeit?

„Dicht“ Stefanie Sargnagel

„Vegan für unsere Sprösslinge“ Carmen Hercegfi und Anna Maynert

„Dein kompetentes Kind“ Jesper Juul

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zu Ehren von Rosa Luxemburg, die dieses Jahr am 5. März 150 Jahre alt geworden wäre:

„Sieh, dass du Mensch bleibst.

Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt:

fest und klar und heiter sein, ja,

heiter trotz alledem.“

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Violetta, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Violetta Zupancic, Schauspielerin

violetta zupančič | schauspielerin

Alle Fotos_Anna Breit

5.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Bleiben wir positiv bei der Einstellung und negativ bei Corona!“ Günther Lainer, Kabarettist_Linz 1.4.2021

Lieber Günther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich sehr unterschiedlich, weil ich jeden Tag planen muss und eine Tagesstruktur schaffen will. Immer dabei ist Frühstück, Mittagessen, Abendessen, hie und da ein Spaziergang und sehr oft ein Mittagsschlaferl. Ansonsten schreibe ich sehr viel. (Soloprogramm, Buch und Kolumnen in den OÖN) Sonst habe ich wenig Termine.

Günther Lainer, Kabarettist, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns wichtig ist, kann ich nicht sagen. Ich denke das sollte jeder für sich wissen. Ich versuche trotz dieser eigenartigen Zeit positiv zu bleiben. Quellen, die einen Energie und Kraft geben zu suchen, zu finden und zu nutzen. Bleiben wir positiv bei der Einstellung und negativ bei Corona!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe wir lernen aus dieser Krise. Ich denke es hat sich viel verändert. Es ist nicht alles selbstverständlich. Nehmen wir das Positive aus der Krise mit und lassen wir das Negative zurück. Kabarett kann mit Humor die Situation erträglicher machen.

Was liest Du derzeit?

Arznei gegen die Sterblichkeit von Christoph Ransmayr. Den Falter (Abo) und die Spatzenpost (auch ein Abo – kein Witz)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gib nur so viel auf deinen Teller, wie du essen wirst. Essen ist zum Wegwerfen zu schade! (aus der aktuellen Spatzenpost, Ausgabe 7, März 2021)

Vielen Dank für das Interview lieber Günther, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Günther Lainer, Kabarettist, Schauspieler

Günther Lainer – der Kabarettist aus Linz (guentherlainer.at)

Foto_Volker Weihpold

4.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wie steht es mit unserem Doppel-Ich?“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Station bei Bachmann _ Wien 31.3.2021

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

Das Wiener Cafèhaus fehlt mir jetzt sehr. Es ist einer der Orte, an dem ich immer sehr gerne bin. Da ist eine ganz große Geschichte von Kunst und Kultur. Es ist eine Wiege der Literatur, der Kunst.

Das Wiener Cafèhaus und die Stadt Wien hängen ganz stark zusammen.

Ich bin gerne hier im Cafè Prückel mit Blick zum „Ungargassenland“ Ingeborg Bachmanns oder im Cafè Bräunerhof, das ja einen starken Bezug zu Thomas Bernhard hat. Und auch in vielen weiteren Cafès der Stadt, die Liste ist sehr lang.

Ich bin in Wien geboren und in Niederösterreich aufgewachsen. In der Kindheit war Wien für mich schon starker kultureller Bezugspunkt, etwa in Museumsbesuchen. Meine Großmutter war da sehr engagiert und prägte wesentlich meinen Sinn für Kunst und Kultur. Da wurden tiefe, feste Verbindungen schon sehr früh geknüpft, die bis heute tragend und bereichernd sind.

Die Theaterlandschaft Wiens ist einzigartig und unglaublich schön und inspirierend.

Auch die Natur, das Grün ist ja wesentlicher Teil dieser Stadt und sehr gut fußläufig erreichbar. Etwa der Kahlenberg, Cobenzl. Ich mag dieses über die Stadt blicken, diese Verbindung von Natur und Stadtleben, sehr gerne.

Wien ist eine wunderschöne Stadt mit unglaublich hoher Lebensqualität. Wien, das ist immer Liebe, unvergänglich.

Ich war immer sehr neugierig und vielseitig interessiert. Es war nie schwer mich für einen Museumsbesuch, Kultur zu begeistern.

Ich erinnere mich da an einen Museumsbesuch mit etwa sieben Jahren als mich ein Deckengemälde so faszinierte, dass ich mich auf die Sitzbank davor legte und es sehr lange aufmerksam betrachtete. Der Wachbeamte sagte damals zu meiner Oma, so ein Kind hat er noch nicht erlebt (lacht).

Der Besuch eines Museums ist auch heute noch sehr wichtig für mich. Auch wenn die Zeit manchmal knapper dazu ist. Anschließend geht es dann ins Cafèhaus, das gehört zusammen. Es ist auch das Ritual eines besonderen Tages. Der Geburtstag war da immer ein Fixpunkt dazu.

Wien inspiriert auch als Schauspielerin. Es ist eine Quelle der persönlichen Kraftquelle wie auch der Menschenwahrnehmung, -beobachtung. Ein Spaziergang, und eben das Cafè, sind da beste Bezugspunkte. Ich erarbeite da auch Rollen.

Ingeborg Bachmann ist mir erstmals in der Gymnasialzeit begegnet. Ich hatte eine sehr engagierte literaturaffine Deutschprofessorin, die uns über den Lehrplan hinaus Literatur, eben auch Bachmann, näherbrachte.

Bei Ingeborg Bachmann habe ich das Bild einer starken Frau vor mir. Auch eine Frau, die der Zeit voraus ist bzw. vorangeht. Und die an Grenzen geht und darüber hinaus. Kompromisslos.

Bachmann ließ keine Facetten des Menschseins im Roman aus. Und gibt ja diese Fragen nach Leben, Liebe, Sinn als Spiegel an jede Leserin/jeden Leser weiter. Wie steht es mit unserem Doppel-Ich?

Leben, Liebe, Kunst sind nicht zu trennen. Da ist eine Wechselwirkung. Bachmann wusste dies wie vielleicht keine zweite.

In den 50 Jahren seit Erscheinen von „Malina“ hat sich als Frau wahnsinnig viel verändert und gleichzeitig viel zu wenig. Es ist noch sehr viel zu tun in der Gleichberechtigung.

Das trifft unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft von Wirtschaft, etwa der Bezahlung, bis zur Bildung, zur Erziehung in starren Rollenbildern, die später schwer abzulegen sind.

Im Schauspielbereich gibt es mehr Frauen als Männer. Männer haben es von daher eine Spur leichter. Aber natürlich spielen viele andere Faktoren mit.

Frauen als Schauspielerinnen haben es im mittleren Alter bei Rollenbesetzungen oft sehr schwer. Bei Männern ist das völlig egal. Sie gelten als attraktiver mit höherem Alter. Das ist ein wesentlicher Punkt.

In der Liebe gibt es in der Gegenwart ein Bedürfnis nach Tradition und gleichzeitig eine Sehnsucht nach modernen Beziehungsformen, nach Erfahrung, Experiment. Da ist eine Zerrissenheit.

Das Beziehungsmodell in Malina, also die Affäre, ist zeitlos. Das ist heute alltäglich und wird immer mehr gesellschaftsfähiger.

In Leben und Liebe gibt es immer die Gegenwart und die Möglichkeit. Den Zweifel und das Andere, das vermeintlich Bessere?  Und die Zerrissenheit darin oder daraus. Persönlich kenne ich beides. Diese Zerrissenheit aber auch die Schönheit von Klarheit, von Halt.

Liebe ist eine Resonanz. Dann kann etwas entstehen.

Die Frau muss in ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden. Da braucht es keine Abwägung, keine Rechtfertigung.

Es geht nicht um eine Rolle in einer Beziehung sondern um Menschsein, gleichwertiges Menschsein.

Liebe ist emotionale Intelligenz und Persönlichkeit.

Eine gute Gesprächsbasis ermöglicht in der Liebe alles.

Beziehungen sind heute fragiler. Das hat auch wesentlich mit dem Arbeitsmarkt zu tun.

Eine Affäre verändert immer alle Beteiligten.

Verliebtsein auf den ersten Blick gibt es.

Der moderne Mann ist dabei traditionelle Rollenbilder loszulassen.

Warum braucht es die Befreiung aus einer Beziehung? Das ist für mich die entscheidende Frage. Wohl auch jene des Romans.

Mein Modestil ist sehr individuell und hat sich schon früh geprägt. Das bedeutet mir auch viel.

Als Schauspielerin kannst du nur spielen was in dir da ist. Jede Rolle ist letztlich jene deines Lebens. Es ist sehr spannend die schlummernden Facetten seiner eigenen Persönlichkeit zu entdecken.

Facetten eines individuellen wie möglicherweise repräsentativen Menschseins im künstlerischen Prozess, die im Privaten oft übersehen werden oder denen das Zutrauen, Vertrauen fehlt, diese zu leben.

Ich habe ein Grundvertrauen in Sinn, persönliche Entwicklung. Ereignisse und Erfahrungen versuche ich als Prozess zu verstehen und einzuordnen.

Der Rückblich ist da oft ein wesentlicher Anker des Verstehens, des guten Verstehens im Blick auf Gegenwart und Zukunft.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Valerie Anna Gruber,  Schauspielerin _Wien.

Home – Valerie Anna Gruber – Schauspielerin

Alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Cafè Prückel_Wien_5.3.2021

Walter Pobaschnig _ 3_2021

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