„Es ist für jede(n) wichtig wahrgenommen zu werden, zu wissen, dass die eigene Existenz zählt“ Emily Stewart, Violinistin, Wien 5.4.2021

Liebe Emily, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe unter der Woche kurz vor 7 auf. Bis 8 Uhr morgens erleben wir den üblichen Familienwirbelsturm, den man hat, wenn man Kinder pünktlich zur Schule bringen muss. Danach fahre ich in mein kleines Studio im 2. Bezirk, meistens mit dem Rad aber wenn ich Zeit habe mache ich kurze Spazierpausen dazwischen um die Stadt ein bisschen zu genießen. Dann erledige ich Email kram, oder schreibe ein paar Ideen auf, oder fang an zu üben, hängt davon ab was mir in dem Moment durch den Kopf geht – wobei ich gestehen muss, dass ich in letzter Zeit sehr unkreativ und unproduktiv war. Zum Glück habe ich jetzt neue Projekte auf die ich hinarbeiten kann, und ich freue mich sehr wieder konkrete Aufgaben zu haben. In nächster Zeit muss ich mich mehr aufs komponieren konzentrieren, eine willkommene Herausforderung. Da ich gerade wieder studiere muss ich auch für die Uni einiges lesen und vorbereiten. Hin und wieder treffe ich gute Freunde und Bekannte zum spazieren und Ideen auszutauschen – in den Fällen gibt es zusätzlich den mittlerweile üblichen Corona-Test-Boxenstopp. An manchen Tage kann es die eine oder andere Studioaufnahme geben. Aber grundsätzlich ist die musikalische Arbeit mit anderen eher selten.

Emily Stewart, Violinistin

 Am Nachmittag hole ich die Kinder ab und dann ist wieder Wirbel.

Ansonsten gibt es Wäsche. Wäsche, sowohl schmutzige als auch saubere, ist ein großer Bestand meines Lebens.  Jede(r), der/die in einem Haus mit Kindern lebt wird mir Recht geben: Sysiphus hat mit dem Stein Glück gehabt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde sagen Ruhe und Geduld. Es sind nicht unbedingt meine Tugenden, aber ich versuche sie zu verinnerlichen. Es gibt zurzeit zu viele Dinge, die man nicht ändern kann, dagegen zu kämpfen ist verlorene Energie. Je ruhiger und geduldiger man ist, nicht nur mit der Außenwelt sondern mit sich selber, umso einfacher ist es einen positiven Ausblick zu bewahren – und das brauchen wir auf alle Fälle.

Wichtig ist aber auch der Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen, in welcher Form auch immer. Es ist gerade sehr leicht zu vereinsamen und in Depressionen zu fallen. Ein Anruf, ein Brief, eine Nachricht können den Tag unglaublich versüßen, sogar retten – hier gilt wirklich „a little goes a long way“. Es ist für jede(n) wichtig wahrgenommen zu werden, zu wissen, dass die eigene Existenz zählt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die moderne, globalisierte Welt hat vor allem uns im Westen ein sehr sicheres, komfortables Leben geschenkt. Ich behaupte wir sind dadurch etwas träge geworden. Wir können alles zu jeder Zeit haben. Wir brauchen wieder Ecken und Kanten. Die Musik hat es oft geschafft, diese zu zeichnen. Musik hat innerhalb der Künste eine besondere Kraft, weil sie in uns eindringt und Gefühle herauskitzelt, die vielleicht lang nicht mehr greifbar waren. Sie hat einen viszeralen Effekt, wir reagieren intuitiv auf sie auf. Ich denke Musik muss wieder in der Lage sein uns alle wieder wach zu rütteln und nicht mehr so selbstgefällig zu sein.

Ich glaube was mir derzeit am meisten fehlt ist Inhalt. Wir reden alle von „Content“ aber gemeint ist hauptsächlich die Optik – und dies nicht nur in der Kunst sondern auch im Alltag. Wir sind dennoch gesättigt von diesem Übermaß an sogenannte Perfektion und Illusion. Es berührt einem nicht. Und um an einem Aufbruch teil zu nehmen muss man eine gewisse Dringlichkeit spüren, sich angesprochen fühlen, die Dinge beim Namen nennen können. Kunst und Musik haben es z.B. in den 60ern geschafft die Stimmungen der Zeit zu erfassen und gesellschaftliche Impulse zu geben, die tatsächlich was bewirkten. Ich hoffe das passiert wieder.

Was liest Du derzeit?

Ich lese oft mehrere Bücher parallel. Gerade sind es Eddie Izzards Autobiographie „Belive Me – a memoir of love, death, and jazz chickens„, „A Season in Hell“ von Arthur Rimbaud, und gerade am Start „England, My England“ von D.H.Lawrence. Nebenbei habe ich als Corona Projekt alle Bücher von Raymond Chandler zu lesen – derzeit ist „The High Window“ im Programm.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Listen to the hummingbird

Whose wings you cannot see

Listen to the hummingbird

Don’t listen to me“

– Leonard Cohen

Emily Stewart, Violinistin

Vielen Dank für das Interview liebe Emily, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Emily Stewart, Violinistin, Musikerin

Emily Stewart (emily-stewart.com)

Fotos_1,3,4 _ Maria Frodl; 2_Rania Moslam

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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