„Dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben“ Susanne Wawer, Schriftstellerin, Berlin 9.4.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Weil die Kinder im Moment noch kaum zur Schule und zur Kita gehen, begleiten sie mich meist durch den Tag und ich versuche, wenn sie ins Spiel vertieft sind, zu arbeiten und zum Schreiben zu finden. Die Tage sind dahingehend seit Wochen eintönig. Aber es gibt vereinzelt Lichtpunkte, wenn wir etwa draußen sind und neue Wege und Orte entdecken oder Spiele erfinden. Das hilft dabei, sich gegen die eigene Horizontverengung zu stemmen.

Susanne Wawer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Früher war es das Schlimmste für mich, gewöhnlich zu sein. Ich wollte mich abgrenzen, einen möglichst exquisiten Geschmack entwickeln und guten Gewissens auf andere hinabschauen. Heute denke ich: Wie gut, dass wir Menschen einander so ähnlich sind, wie gut, dass fast alle leiden, wenn sie sich unverstanden und allein fühlen. Denn dadurch, dass viele unserer Bedürfnisse so menschlich und gewöhnlich sind, sind wir in der Lage, uns gegenseitig zu verstehen, zu helfen und der Tatsache zu versichern, dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben, aus dem wir versuchen, das Beste zu machen. Von daher ist es jetzt und immer besonders wichtig für uns alle, uns verstanden zu fühlen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich stelle mir die eigene Welt gern wie von einem Tuch umspannt und von ihm begrenzt vor. Am Anfang des Lebens bilden unsere Eltern dieses Tuch, aber jeder Blick in fremde Welten, jede Erfahrung, die über diese Grenze hinausweist, dehnt das Tuch und weitet die eigenen Möglichkeiten, das Denken und das Verständnis. Nicht nur der Welt, sondern auch der Innenwelten. Kunst ist deshalb eine wichtige Schule für unser Fühlen, Denken und unsere Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, zu geben, zu helfen und dafür Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Berührung durch fremde Welten weitet unseren Blick und unser Fühlen, im Grunde die Voraussetzung für ein gelingendes Leben und für die Bewältigung derzeitiger gesellschaftlicher Missstände.

Was liest Du derzeit?

„Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen“ von Dr. Carlotta Welding

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“ —  Thomas Bernhard, Buch Frost

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Wawer, Schriftstellerin

BEZIEHUNGSKILLER KIND? von Susanne Wawer – faltershop.at

Foto_privat

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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