„Kulturelles Erleben ist eine Notwendigkeit“ Ramona Schnekenburger, Künstlerin _Wien 7.4.2021

Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich, bis auf den Wegfall diverser Termine, nicht so viel an meinen Tagesabläufen verändert. An den Tagen, wo ich mit den Künstler/innen aus Gugging arbeite, stehe ich sehr früh auf und unterstütze die Künstler/innen im offenen Atelier. Eine klare Tagesstruktur- für sie, aber auch für mich!

 An den restlichen Tagen bin ich mir selbst überlassen. Ich stehe später auf, rede mit meinem Freund viel über Nahrungsaufnahme und andere, noch wichtigere, Gedankenkonstrukte und Ideen.

Vormittags arbeite ich am Computer und ab ca. 16 Uhr gehe ich in mein Atelier, das zum Glück nur zwei Stockwerke entfernt ist. Das geht dann bis in die Nacht. Dort kann ich gut fokussieren, und egal wie groß die Motivation ist, es geht immer etwas weiter. Ein magischer Ort.

Ramona Schnekenburger_Künstlerin

Immer wieder sehe ich die Menschen, die mir wichtig sind, per Zoom und im real life, ich war auch schon auf einem ‚Soft-Opening‘ einer Ausstellung und interessant daran war, dass es sich so viel mehr anfühlt durch die Seltenheit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist schwierig eine Aussage für alle zu treffen, da es besonders derzeit so unglaublich viele, verschiedene Lebenssituationen und Betroffenheiten gibt. Und gleichzeitig gilt diese Pandemie tatsächlich ALLEN, nämlich der ganzen Welt.

Trotzdem: Die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren, und den eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Leben zu vertrauen, scheint mir eine wichtige Sache zu sein im Moment. Und damit meine ich nicht verdrängen, auch Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Unverständnis brauchen ihren Raum.

Ramona Schnekenburger_Dickhäuter,80x120cm, Öl, Bleistift und Asche auf Leinwand,2021

Das Leben wird weitergehen und es wird ein ‚nach Corona‘ geben. Dieses Danach wird anders sein, ganz einfach deshalb, weil wir alle jetzt diese neue Erfahrung der kollektiven Verletzbarkeit haben.

Und vielleicht, also ich persönlich glaube fest daran, werden wir aus dieser Erfahrung Erkenntnisse gewinnen, die die Zukunft bereichern und uns alle im Umgang mit dem eigenen Leben und der Welt, die uns umgibt, klüger machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

In dieser Pandemie, und auch der Reaktion der jeweiligen Regierungen auf die Pandemie, sind einige Realitäten ans Licht gekommen.

Dinge, die wir bereits gespürt und geahnt haben, sind zu Fakten geworden.

Wie zum Beispiel die Wertschätzung und Wichtigkeit unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche.

Der Kulturbereich wurde geopfert und als verzichtbar bewertet, ebenso wissen jetzt alle, dass die in der Pandemie für die Basisversorgung unabdinglichen Arbeitsbereiche wie der Gesundheitssektor insgesamt, aber auch der Handel, genau die sind, die schlecht bezahlt werden. Die Nationalstaaten ziehen sich in einer Notlage wieder auf sich zurück, die Meinungsdiversität in der Bevölkerung wird nach dem Motto ‚Augen zu und durch‘ abgeblockt, obwohl sie einen grundlegenden Wert der Demokratie darstellt.

Positiv fällt mir auf, dass durch die Pandemie als Folge unseres weltweiten Umgangs mit der Natur, nun EIGENTLICH niemand mehr sagen kann, dass es ihn/sie nichts angeht. Es braucht diesbezüglich einschneidende Veränderungen, die auch jedem/r Einzelnen ein bisschen weh tun werden.

Auch im persönlichen Bereich, unsere Beziehungen und Lebensgestaltung betreffend, haben sich durch die Erfahrung der Isolation und gleichzeitig höchster Dichte an Nähe (zu den Haushaltsangehörigen) viele Verschiebungen ergeben. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie wir weiterleben werden. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Leben insgesamt etwas langsamer und ausgewählter wird.

Nun zur KUNST AN SICH: Ich hätte es sehr begrüßt, wenn genau dieser Kunst- und Kulturbereich in Zeiten der Pandemie geöffnet und sogar forciert geworden wäre. Es wäre eine Chance gewesen, dass auch die, die sonst nie ins Theater, Museum oder in eine Lesung gegangen sind, auf die Idee gekommen wären.

Für mich ist das kulturelle Erleben eine Notwendigkeit und die Verbindung zur tieferen Beschäftigung mit den großen Menschheitsthemen (das heißt auch mir selbst). Immer wieder, wenn ich zum Beispiel eine gute Ausstellung sehe oder einen Beitrag im Radio höre, der mich zum Denken und/oder Handeln anregt, sage ich laut in den Raum: ‚Ich bin so dankbar für diese Tausendheit an Menschen, die mir ihr Wissen und ihre Beschäftigung mit den Dingen, die sie interessieren, zur Verfügung stellen. Was wären wir ohne Kultur!‘

Die Erkenntnisse aus der Pandemie sollten uns Kunstschaffende nicht resignieren lassen, sondern ganz im Gegenteil dazu anregen uns mehr selbst zu organisieren, uns UND ANDEREN zu begegnen und zu zeigen was Kunst und Kultur eigentlich kann, nämlich Kraft und Verbindung schaffen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese wieder seit der Pandemie!

Und zwar ‚Die Eroberung Amerikas‘ von Franzobel.

Kann es gar nicht mehr aus der Hand legen. Eine wundervolle Möglichkeit gedanklich in eine andere Welt und Zeit abzutauchen und immer wieder laut aufzulachen dabei.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

‚Es gibt nichts Gutes, außer man tut es‘

Erich Kästner

Für einen entscheidungsschwachen Menschen wie mich ein wichtiges Mantra.

Vielen Dank für das Interview liebe Ramona, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ramona Schnekenburger, Künstlerin

Ramona Schnekenburger – Portfolio

Fotos_1 Mascha Dabic; 2 Ramona Schnekenburger; 3_Alexandra Kontriner.

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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