„Dass wir wieder merken, da sind ja noch andere“ Daniel Foerster Regisseur _ Leipzig 11.2.2022

Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Von außen betrachtet nicht anders als vor der Pandemie – ich befinde mich zwischen den Projekten und sitze am Schreibtisch, um Inszenierungen vorzubereiten, lese viel oder schreibe Konzepte, versuche gut zu kochen, zu wandern und treffe Freund*innen. All das mit einem Unterschied zu Vor-Corona-Zeiten: Jeder dieser Tage ist noch immer von seinem Wesen her nach innen gerichtet, in meine eigene Wohnung oder die vier Wände einer Freundin, eines Freundes. Was mir fehlt ist die unbedachte Leichtigkeit, das Draußen, das öffentliche Leben, die Begegnung mit anderen, fremden Menschen. Bierchen, Partys, überfüllte Räume; der „vibrierende Draht zwischen uns und der Welt“ (Hartmut Rosa) – es scheint (noch) die Zeit zu sein, in der er durchschnitten bleiben muss.

Daniel Foerster Regisseur/ Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, Gesellschaft. Auf der einen Seite meine ich damit, dass uns die Präsenz von Menschen fehlt und wir uns alle wieder mehr physisch wahrnehmen und (an)erkennen sollten, um uns bald wieder ohne Abbremsmechanismus in die Arme fallen zu können. Dass wir wieder merken, da sind ja noch andere. Auf der anderen Seite meine ich Gesellschaft nämlich als demokratische Gesellschaft, die aus mehr besteht als aus einer Masse singulären, möglichst kaufkräftigen Individuen, die sich als abstrakte Annahmen voneinander aus der eigenen Isolation heraus online oder ganz real mit Hass und Hetze oder kruden Weltdeutungen herabwürdigen, zurechtweisen und übereinander herfallen. Ich mache mir Sorgen, dass Corona bereits stattfindende gesellschaftliche Erosionen noch verstärkt. Dass wir uns in Hass und verrückte Weltbilder hineinsteigern. Dass die Vereinzelung, die Kapitalisierung alles Zwischenmenschlichen sich noch intensiver entwickelt. Dass wir uns zunehmend misstrauen und gegenseitig mustern. Dass wir mehr und mehr darauf achtgeben, was ein anderer Mensch uns bringt im Sinne der eigenen Wertsteigerung auf den Attraktivitätsmärkten. Dass wir, ohne es zu merken, in der sozialen Interaktion wie Großkonzerne handeln. Ich denke, gegen all diese unmenschlichen Entwicklungen hilft nur der Mensch. Der bereit ist, sich einzulassen, zuzuhören, der durchlässig, neugierig und wach bleibt unter der Oberfläche der glänzenden oder bisweilen ätzenden Inszenierung in seinen sozialen Medien und halbdunklen Innenstädten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aufbruch klingt mutmachend. Nur frage ich mich, trauen wir uns das noch, wenn sich einmal tatsächlich die Zeit nach Corona einstellt? Schon vor der Pandemie dachte ich, wie unglaublich wichtig die Live-Begegnung für uns ist: so viele Aufführungen im Theater ausverkauft, Konzerte in verschiedensten Besetzungen und Größen allerorten; Ausstellungen, Museen, Galerien, Performances – Austausch, Gespräch, Begegnung; das Smartphone in wertvollen Momenten mal nicht gleich zur Hand, um sich in Digitalität zu flüchten. Ich hoffe, dass wir wieder dahin zurückkommen und dass wir es nicht verlernt haben. Ich glaube dabei nach wie vor an das Potenzial des Theaters als Raum gesellschaftlicher Selbstbefragung, als Raum sinnlichen Durchlebens unserer Ängste und Begierden, als Ort des Rausches, der Konfrontation und der Umarmung, als Ort eines Ereignisses, das zunächst nichts soll und nichts muss, außer uns unser Mensch-Sein in all seinen Facetten, Abgründen und Lichtungen spüren zu lassen und zuzugestehen. Ein Fest, das uns unsere Menschlichkeit im wahrsten Wortsinn zurückspielt. Ich wünsche mir, dass die Kunst und das Theater den Platz in unserer Mitte behält bzw. endlich bekommt, den es verdient und den es braucht. Und dass Barrieren niedergerissen werden, dass wir die Tempelhaftigkeit der städtischen Bühnen überwinden und die Kunst von allen geteilt werden kann.

Was liest Du derzeit?

Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten; Hengameh Yaghoobifarah – Ministerium der Träume; Diana Kinnert – Die neue Einsamkeit; Hartmut Rosa – Resonanz; Lew Tolstoi – Krieg und Frieden; und demnächst: Mein Lieblingstier heißt Winter von Ferdinand Schmalz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zeitvertreib oder Lebenswerk – auf einer langen Skala der Metaphorik findet das Kartenhaus überall Platz, je nachdem, wo wir geneigt sind, es hinzudenken.

(Caren Jeß – Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen)

Daniel Foerster_ Regisseur/ Autor

Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Daniel Foerster_ Regisseur/ Autor

https://www.foersterregie.de/

Fotos_privat.

3.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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