„Vielleicht kommt jetzt eine Literatur, die vergnügt, verspielt ist“ Paul-Henri Campbell, Schriftsteller _ Wien 7.2.2022

Lieber Paul-Henri, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gefühlt, improvisiert. Was mich immer mehr belastet.

Paul-Henri Campbell, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Die Gegenwart bietet ja viele Chancen für Poesie. Während die Ästhetik der letzten drei Jahrzehnte aus einer Art technokratischen Hermetik bestand, gepaart mit so einem nüchternen Naturalismus, besteht jetzt die Möglichkeit die Lyrik neu auf Basis von Ritual und Zelebration zu begründen. Was heißt das? Dezidiert keine Ideen- oder Gedankengedichte. Sollte man eh vermeiden. Auch nicht rumzitieren. Oder wie eine arme unverstandene Anspielung dahinschleichen. Stattdessen: Ansteckung, Sog, Beat, Drive und Magnetismus. Also, kurzum, lieber Ritual statt Hermetik. Du fragst, was tun? Gedichte schreiben, die wie Spike-Proteine sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sollten sich nicht als Lösungen präsentieren. Oder Labore. Oder Problemsimulationen. Literatur und Kunst können im besten Fall meine Zeit okkupieren. So dass ich es nicht bereue bzw. nur ein bisschen.

Ansonsten liegt es ja auf der Hand: sehr präsentische, sehr verortete, sehr sinnliche Erlebnisse schaffen. Die problemorientierte Pädagogik hat vor der Pandemie, wo die Probleme zwar nicht kleiner, aber verdeckter waren, so eine zerknirschte Literatur in die Bücherregale gebracht. Ich hatte bei jedem Gedicht und jedem Roman den Eindruck, mich verdonnert gerade irgendein Lehrer zur Pflichtlektüre. Ständig sollte mich irgendein Text „verändern“ oder „berühren“ oder sonst wie reformieren. Sicher sind da auch unter Umständen tolle Texte entstanden. Was total super ist, viel Glück damit. Vielleicht kommt jetzt angesichts einer permanent beklemmenden Gegenwart jedoch eine Literatur, die vergnügt ist, die inspiriert, die verspielt ist. Jedenfalls eine Literatur, die ihre Konsumenten nicht depressiver oder ohnmächtiger zurück lässt als vor der Lektüre oder jeden Leser zu einem kleinen Advokaten mutieren lässt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese augenblicklich viel Kurzprosa: Essay und Erzählungen. Gestern beispielsweise habe ich short stories von Ernest Hemingway nach langer Zeit wieder gelesen. Viele finden Hemingway oberflächlich. Er ist aber ein großartiger Erzähler. Hemingway ist der Typ, den Du in der Kneipe triffst und dann erzählt er dir die Geschichte von einem wohlhabenden Paar, das auf Safari ging; ihre ganze Beziehung steht auf der Kippe; überall tun sich mehr und mehr Risse auf; schließlich kommt so eine Szene, wo ein Bison auf die Jäger zustürmt und die Frau aus dem Auto erst auf das Tier und dann auf ihren Mann schießt und ihn tötet. Dann ist diese Sache da vom Arzt in Michigan, irgendwann so um 1900, der mit seinem Sohn zu einer Indianersiedlung gerufen wird, um bei einer komplizierten Entbindung zu assistieren. Als das Kind schließlich durch einen Kaiserschnitt geboren wird, finden sie den Vater – der aber nicht der Vater ist – mit durchschnittener Kehle im anderen Zelt. Oder die Geschichte vom kanadischen Schmied, der seine Chance, eine glückliche Liebe mit der einzigen jungen Frau im Holzfällerdorf am Lake Superior zu haben, im Suff verspielt. Es gibt den Jungen aus der galizischen Provinz, der auf der Suche nach Arbeit in einem Hotel in Madrid Kellner wird, sich wünscht Stierkämpfer zu sein, deshalb die drittklassigen Toreros und Picadores im billigen Hotel besonders ehrfürchtig bedient, aber durch ein zufälliges Spiel in der Hotelküche mit dem Fleischmesser von seinem Kumpel erstochen wird. Die englischen Marineoffiziere, die am Bosporus nicht mehr an Land dürfen, weil sie eine ziemliche Scheiße gebaut hatten. Oder dann ist ja noch der beliebte Torero, der an einem Tag fünf Stiere töten soll und beim letzten Tier so müde ist, dass er das Schwert nicht in den Nacken kriegt. Ständig tragen sich kleine Theodizeen, Revolutionen, Abgründe und verschleppte Triumphe zu. Alles entspinnt sich in den Handlungen und Dialogen. In Hemingway kann ich etwas schätzen, was mir oft bei anderen Narrativen fehlt: eine weltgewandte Urteilskraft. Da ist nicht eine kluge, beflissene, humanistisch verwöhnte Erzählstimme, die zu viel Zeit in der Bibliothek mit Ringelblumentee verbracht hat und dir die Welt erklären will, ohne sie zu erkennen bzw. ohne zu wissen, was sie selbst in ihr will, oder die dir Figuren vorsetzt, ohne selbst Charakter zu besitzen; Hemingway – und man könnte eine ganze Reihe weiterer Autor*innen anführen – war wirklich ein Original. His sin was original. Ich glaube Hemingway war jemand, von dem William Carlos Williams oder Carl Shapiro in ihren Essays geschwärmt haben, ohne dass sie überhaupt über ihn sprechen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte empfehlen mehr John Cowper Powys (1872-1963) zu lesen. Wenn James Joyce früh gestorben wäre, ohne Ulysses und Finnegan’s Wake zu schreiben, vielleicht hätte die Weltliteratur John Cowper Powys Modernisten-Roman A Glastonbury Romance (1932) mehr schätzen können. Ich glaube, es gibt auch eine deutschsprachige Übersetzung davon, bin aber gerade nicht sicher.

Vielen Dank für das Interview lieber Paul-Henri, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Paul-Henri Campbell, Schriftsteller

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul-Henri_Campbell

Foto_Tamara Stajner

5.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s