„Man braucht Kraft und ziemlich oft die Unterstützung von anderen“ Felix Krasser, Freier Schauspieler _ Wien 12.2.2022

Lieber Felix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit bereite ich mich für die kommende sehr intensive Zeit vor, da ich in der glücklichen Situation stehe und von Februar bis August in 5 Produktionen mitwirken darf. Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass Produktionen verschoben worden sind und jetzt kumuliert sich einiges.

Daher bestehen mein Tage derzeit aus Stücke lesen, Texte lernen, Recherche, Feldenkrais und Sport betreiben, Tanzkurs und Theater gehen.

Aber hauptsächlich mit den Textmassen umgehen, für:

Margarete” im Theater Forum Schwechat, ab 4. März zu sehen.

Urfaust” in der neuen Spielstätte Scalarama vom Scala Theater, ab Anfang April zu sehen.

Trümmerherz” im Werk X am Petersplatz, ab 12. Mai zu sehen.

Tartuffe” bei den Komödienspielen Porcia, ab 8. Juli zu sehen.

Das perfekte Geheimnis” bei den Komödienspielen Porcia, ab 22. Juli zu sehen.

Ich freue mich über alle die kommen!

Felix Krasser, Freier Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich leider nicht genau…was JETZT für uns alle besonders wichtig ist. Ich kann nicht in alle hineinschauen und -fühlen.

Aber ich bin großer Fan von gegenseitiger Unterstützung, von Respekt und Liebe.

Vielleicht sollten wir alle einen Schritt zurück gehen, statt nach vorne?

Oder einen Schritt auf die Seite, um auch anderen Platz zu geben/machen. Menschen die auch da sind, aber Hilfe und Unterstützung brauchen, weil sie es alleine nicht schaffen.

Vielleicht wärs wichtig endlich eine Balance von Individualismus und Naturverbundenheit für uns alle zu finden. Ein gemeinschaftlich gesundes und für die Welt nachhaltig ökologisches Spiel von “gegen und mit dem Strom schwimmen”?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aufbruch/Neubeginn klingt für mich so apokalyptisch. Ich habe etwas beendet oder es wurde mir beendet, und ich muss mir eine neue Basis aufbauen; einen neuen Plan überlegen, umsatteln, umziehen, Segel setzen, weil ich hier nicht mehr sein kann. Ich sehe diesen “Aufbruch” nicht. Aber vielleicht bin ich da auch nicht so visionärisch und sehe etwas nicht. Vielleicht fehlt mir das Gefühl dafür, die Vogelperspektive oder auch das Wissen – zumindest was das Theater angeht. Ich sehe sehr wohl und spüre Veränderungen, leichte Brisen und dezente Kurswechsel von einzelnen Menschen und Gruppen. Und während ich so darüber nachdenke begleitet mich eine Art Enttäuschung. Denn es könnten viel mehr sein! Die eben einen Aufbruch oder Neubeginn wovon auch immer bewirken könnten, den ich mir in manchen Bereichen sehr wünsche:

Gegenseitiger Respekt, Mitmenschlichkeit, einander zuhören und -sehen, aber auch der Natur zuhören und -sehen, weniger Konsum & mehr Minimalismus sowie Kreativität, weniger Globalisierung & mehr Regionalität (aber bitte nicht mit Schwarz/Weiß-Praxis zu vergleichen – alles in einem gesunden Ausmaß), Abfallwirtschaft, Mülltrennung, live the rrr´s – reduce, reuse, recycle, Lebensmittelkonsum, zurückschrauben und aktiver sein, das gemeinsame schließen der Schere zwischen Arm und Reich, bedingungsloses Grundeinkommen (für die ganze Welt – warum nicht aufbrüchisch denken),…

Ich weiß, diese Themen sind schon ziemlich ausgelutscht. Sie sind gigantisch romantisch und klingen nach dem naiven Wunsch in einer schönen heilen Welt zu leben. Aber das verstehe ich unter einem Aufbruch und Neubeginn.

„Wir wissen so viel, wie es besser laufen könnte. Warum tun wir dann nicht das, was wir wissen? Wir sind Wissensgiganten, aber Umsetzungsdilettanten.“

So wie es jetzt läuft, ist es für mich eher der ständige Strudel, mit vielen Veränderungen, Anpassungen und “Weiter”entwicklungen. So wie sich die Welt halt dreht. Sie bewegt sich. Sie verändert sich. Mit oder ohne Pandemie. Und wir verändern uns mit ihr – sehr oft in einem sehr/zu hohen Tempo. Es ist ein Strudel, der immer heftiger wird. Ich persönlich habe schon bisschen Wasser geschluckt und etwas schwindelig ist mir auch schon geworden. Ich habe das Gefühl, dass wir immer mehr über unsere eigenen Beine des vor allem technischen Fortschritts stolpern.

Ich habe nichts gegen einen “vernünftigen” technischen Fortschritt. Ich finde den Fortschrittsdrang des Menschen faszinierend und er katapultiert uns in eine unglaubliche Zukunftswelt – vlt. a la A. Huxley oder G. Lucas. Aber vieles ist einfach nur Schrott, im wahrsten Sinne des Wortes, der nach einer minimalen Lebensdauer zu Schrott-Schrott wird.

Felix, stop!”

Aber es gibt noch soviel?!”

Neubeginn

Neu beginnen

– muss auf der anderen Seite nicht heißen, alles stehen und liegen zu lassen und eine 180 Grad Wendung zu machen. Man kann natürlich auch mit etwas Altem neu beginnen. Es noch einmal probieren. Von vorn beginnen. Weil man eben vielleicht unterbrochen wurde. So wie es z.B. vielen Theatern und allen rundherum, wie z.B. freien SchauspielerInnen, in letzter Zeit ergangen ist. Aber dafür braucht man Kraft, einen langen Atem und ziemlich oft die Unterstützung von anderen. Auch wenn vieles die letzten 2 Jahre komplett auf den Kopf gestellt wurde und neue Wege gesucht und ausprobiert wurden Theater neu zu gestalten um es der eingesperrten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen, sehe ich keinen Neubeginn im Theater. Es geht weiter.

Die Wesentlichkeit und die Rolle

Simpel gesagt würde ich es jetzt gerade so erklären, dass Theater und allgemein die Kunst die Rolle haben, den Praktizierenden ein Ventil und einen Sinn, und den Konsumierenden Vergnügen, Bildung und ebenfalls aber auch ein Ventil zu geben. Der Mensch will sich schon seitdem er denken kann die innere und äußere Welt erklären und sich ausdrücken – dafür ist unter anderem Theater da, welches schon im Feuertanz oder in den Jagdgeschichten der Urmenschen vor tausenden von Jahren seine Ursprünge hat.

Theater ist vielfältig (einsetzbar). Manche Menschen gehen stattdessen in den Prater, oder ins Kino, oder Laufen, oder ins Kabarett, oder ins Fitnessstudio, oder in die Bibliothek, oder ins Restaurant, oder ins Museum, oder in die Schule, oder ins Fußballstadion, oder in die Kirche, oder in die Sauna, oder zur Massage, oder lesen stattdessen ein Buch, oder eine Zeitung, oder schauen sich die ZIB an, oder Pornos, oder spielen Playstation, oder scrollen auf TikTok rum, oder treffen sich mit Freunden um sich auszutauschen, Geschichten einander zu erzählen, Spaß zu haben, zu lachen, zu weinen, von einander zu lernen, und und und, oder oder oder

– das alles kann und ist auch Theater!

Ich gehe meistens ins Theater, weil ich angeregt werden und andere Sichtweisen, die man vielleicht im real-normalen Leben nicht so zu sehen bekommt, sehen möchte, welche ich dann aber wiederum ins real-normale Leben einfließen lassen möchte, wenn diese sozial vertretbar sind und nicht gegen unsere Grundgesetze der Menschenrechte verstoßen. Ich möchte neue Welten kennenlernen, Spaß haben, mich inspirieren und überraschen lassen.

Kunst macht auf, regt an, stellt Fragezeichen, provoziert, sticht, umarmt, bringt uns in die Gegenwart und in den Moment, ist manchmal unverständlich und unzugänglich. Aber genau das regt einen dann ja auch an – zu hinterfragen, offen zu sein, Weltmensch zu sein. Ein Mensch dieser großen, fantastischen, unglaublich schönen und bunten Weltbevölkerung zu sein. Also ein Mensch unter vielen Menschen zu sein, die sich gegenseitig sehen und tolerieren.

Was liest Du derzeit?

Urfaust” – Johann Wolfgang von Goethe

Alles könnte anders sein” – Harald Welzer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Machen!!! – nicht immer denken. Aber hinterfragen ist auch wichtig. ->?”

Und:

„Wenn ihrs nicht fühlt ihr werdets nicht erjagen.

Wenns euch nicht aus der Seele dringt

Und mit urkräftigen Behagen

Die Herzen aller Hörer zwingt.

Sizzt ihr einweil und leimt zusammen,

Braut ein Ragout von andrer Schmaus,

Und blast die kümmerlichen Flammen

Aus eurem Aschenhäufgen aus

Bewundrung von Kindern und Affen

Wenn euch darnach der Gaumen steht!

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,

Wenn es euch nicht von Herzen geht.”

J.W. von Goethe

Felix Krasser, Freier Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Felix, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke fürs Journaling.

Alles Liebe

5 Fragen an Künstler*innen:

Felix Krasser, Freier Schauspieler _Wien

Fotos_1-3, 6 Barbara Wirl; 4,5 Tom Weilguny

2.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com


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