Liebe Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe mir einen strengen Arbeitsplan auferlegt, um das von mir entwickelte solistische Aufführungskonzept, in dem ich virtuoses Instrumentalspiel auf der Gitarre mit klassischem Gesang, Flamenco-Tanz und Sprechen verbinde, erfüllen zu können. Feinmotorik, Stimme und Körper müssen genau aufeinander abgestimmt werden. Am Vormittag stehen meistens zwei bis drei Stunden technische Übungen auf dem Plan, nachmittags und Abends widme ich mich dem Werkstudium und Tanzen. Dazwischen benötige ich natürlich mehrere Pausen, um mich physisch und mental nicht zu überlasten. Phasenweise arbeite ich an eigenen Arrangements und kommuniziere mit Veranstaltern.
Wahrscheinlich fragt man sich, warum ich mir eine derartige Rosskur antue und nicht einfach beim Repertoire für klassische Gitarre bleibe. Einerseits möchte ich eine im 20. Jahrhundert weitgehend verloren gegangene Aufführungspraxis wiederbeleben: die eigenständige Instrumentalbegleitung während eines mit Belcanto-Technik vorgetragenen Kunstliedes, eine Praxis, die wir nur mehr aus Werken der bildenden Kunst und historischen Aufzeichnungen kennen. Zum anderen erweitert diese Kombination von Techniken die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und eröffnet somit neue Perspektiven in der Gestaltung von Soloprogrammen. Ich kann nun ein Rezital nicht nur unter ein bestimmtes Thema zu setzen, sondern auch im Rahmen eines durchgehenden Handlungsablaufes präsentieren. Vom Publikum erhalte ich dafür viele positive Reaktionen, die mich bestärken, dieses innovative Konzept weiterzuentwickeln.
Johanna Beisteiner, klassische Gitarristin und Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir leben in einer Zeit gesellschaftlicher Spaltung, die sich Tag für Tag vertieft. Ich glaube, dass wir innehalten müssen, um uns zu fragen, wie es dazu gekommen ist, und wie wir diese negative Entwicklung umkehren können. Es findet ein enormer globaler Umbruch statt, der nicht nur von Digitalisierung und Klimawandel geprägt ist. Ich habe den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft das Gefühl für sozialen Zusammenhalt, Freiheit, Demokratie und gesunder Alltagskultur zunehmend schwindet. Die immer derbere Umgangskultur fängt bei dem in jüngerer Zeit salonfähig gemachten Gruß mittels Faust- und Ellbogentechnik an und zieht sich in gesteigerter Form durch Bereiche, die unser aller Grund- und Freiheitsrechte betreffen. Politische oder wirtschaftliche Ziele, die nicht mittels Verordnung durchgebracht werden können, werden zunehmend durch Drohungen zu erreichen versucht. Wir alle sollten uns Gedanken darüber machen, ob solche Drohungen das gesunde Zusammenleben der Menschen fördern oder diesem vielmehr schaden. Warum greift man überhaupt zu derart aggressiven rhetorischen Mitteln? Gibt es einen Mangel an aus Vernunft erwachsenen Argumenten, um angestrebte Ziele durchzusetzen?
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Im Zusammenhang mit Aufbruch erinnere ich mich an eine der prägendsten Erfahrungen meiner frühen Jugend. Im Alter von etwa dreizehn Jahren ist mein Gitarrenspiel soweit entwickelt gewesen, dass mein Umfeld begonnen hat, mir dabei gebannt zuzuhören, und diese Konzentration auf den Klang der Musik hat die Atmosphäre in einem Raum verändert. Menschen unterschiedlichen Alters, denen man davor eine gewisse Unausgeglichenheit oder Nervosität angemerkt hat, sind beim Zuhören ruhiger und entspannter geworden, haben vielleicht auch zu klareren Gedanken gefunden. Ich habe die Musik nicht nur aus persönlicher Leidenschaft zu meinem Beruf gemacht, sondern ebenso aus dem Bewusstsein heraus, mit ihr etwas bewirken zu können. Für einen gelungenen gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Aufbruch braucht man sowohl mentale Kraft als auch Besonnenheit. Ich bin überzeugt, dass die positive Wirkung, die Musik und Kultur auf unseren Gemüts- und Geisteszustand ausüben können, eine äußerst wichtige Rolle in unserem Leben spielen wird, um die nötigen Grundlagen zum Erreichen von innerer Balance zu schaffen. Nur so können wir die Herausforderungen des bevorstehenden Aufbruchs meistern.
Was liest Du derzeit?
Ich lese Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. Der Autor fasziniert mich mit seinem scharfen Blick, mit dem er verschiedene Ereignissen der Geschichte durchleuchtet. Ebenso frage ich mich bei dieser Lektüre, wie unser Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart aus dem Blickwinkel künftiger Generationen bewertet werden wird.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat aus Zweigs Vorwort zum eben genannten Buch erscheint mir treffend: „Kein Künstler ist während der ganzen vierundzwanzig Stunden seines täglichen Tages ununterbrochen Künstler; alles Wesentliche, alles Dauernde, das ihm gelingt, geschieht immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration. So ist auch die Geschichte, in der wir die größte Dichterin und Darstellerin aller Zeiten bewundern, keineswegs unablässig Schöpferin. …. Immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.“
Johanna Beisteiner, klassische Gitarristin und Sängerin
Vielen Dank für das Interview liebe Johanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Johanna Beisteiner, klassische Gitarristin und Sängerin
Lieber Gerald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der ist nicht festgelegt: Schreiben, Recherche, musizieren, Korrespondenz, ein paar Kilometer gehen, lesen, Musik hören (sowohl ziel- und planlos wie Interpretationen von Liedern, die ich spielen will), ab und zu Zoom-Meetings, kleine Mail-Art-Projekte…
Gerald Jatzek, Autor und Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, das Bewusstsein, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Vor kurzem habe ich mir Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ wieder angesehen. Der Film zeigt die Reaktionen auf eine Seuche: Flagellanten, Eiferer, die eine Hexe verbrennen wollen, Plünderer, all das ist ein paar Hundert Jahre her, ein winziger Zeitraum der Menschheitsgeschichte.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Aufgabe der Kunst wird sich nicht ändern: Fragen zu stellen, die Möglichkeiten zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht aufzeigen, das Unbegriffene, das Unbewusste sichtbar zu machen…
Gerald Jatzek mit Thomas Raber in der MICA Austria
Was liest Du derzeit?
Eine Studie über Max Ernst; nach 30 Jahren wieder einmal Giorgio Manganellis „Irrläufe“; als Langzeitprojekt immer wieder in Norbert Elias‚ „Über den Prozess der Zivilisation“; die aktuelle Ausgabe von „Das Gedicht“, der wohl wichtigsten deutschsprachigen Lyrik-Zeitschrift; Francis J. Child: „The English and Scottish Popular Ballads“ und Miyazawa Kenji: „Poems“.
Du siehst: Ich bin beim Lesen ebensowenig konsequent wie beim Schreiben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein kurzes Gedicht darüber, wie wenig Bedeutung es hat, was ich hier sage.
Vielen Dank für das Interview lieber Gerald, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Gerald Jatzek, Autor und Musiker
Fotos_1 Gerhard Winter;
27.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Gisela Elisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mmhh…gute Frage, das ist jede Woche und jeden Monat anders. Gerade jetzt, stehe ich früher auf, bereite ich meine Proben vor – natürlich mit ein bisschen Frühstück- und gehe in die Proben für ein paar Stunden.
Ende letzten Jahres spazierte ich etwa durch die unbekannte Stadt (Timisoara, Rumänien) und ließ die Gedanken zu der Probe durch meinem Kopf fließen. Anschließend kam ich nach „Hause“ und die Gedanken flossen weiter … ich hörte Musik oder schrieb Ideen für die nächste Probe auf…
Jetzt bin ich wieder in meiner zweiten Heimat Wien…
Gisela Elisa Heredia, Tänzerin und Choreografin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht ob ich für alle sprechen kann aber ich spüre, dass die meisten von uns ihr normales Leben wieder zurückhaben wollen. Ein Leben, in dem wir nicht so viele Verbote haben, eines in dem wir uns wieder normal begegnen können. Die meisten Leute vermissen dieses Gefühl einer normalen Berührung ohne Angst.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Ja, ich warte auf diesen Aufbruch aber ich glaube eigentlich sind wir schon mittendrinnen. Das Spannende ist, was wir alle mit dieser neuen Ära machen, wie können wir gemeinsam diese Ära leiten und so entwickeln dass es für uns gut ist? Wesentlich für mich ist, dass man sich nicht von Banalitäten treiben lässt und dem Neubeginn die Hand gibt, um auch mit dieser neuen Ära mitzugehen.
Im Tanz würde ich sagen, dass es jetzt noch wichtiger wie sonst ist, zu zeigen was Tanz schon immer war: eine Kunst, die biologisch gesehen auch durch die Zellen geht, die den Kreislauf in Bewegung bringt und somit auch dem Körper und Geist ein sehr qualitatives Leben schenkt. Tanz als Medium der Freiheit, Tanz als Begegnungsort, Tanz als Sprache ohne Landgrenze…so glaube ich sollten wir den Tanz wieder neu entdecken, gerade in Zeiten wie diesen. Kunst ist für mich auch ein Spiegelbild unseres Daseins, unserer Natur und unserer Gesellschaft. Vielleicht sollten wir manchmal öfter überlegen, welches Spiegelbild wir eigentlich sehen wollen.
Was liest Du derzeit?
Zur Zeit lese ich Hermann Hesse „Auf dem Rad“ , das ich eigentlich in Form einer Lesung zuhause betreibe. Ich lese sehr gerne laut für andere…
Noch lese ich den „Lumpenroman“ von Roberto Bolan(i)o. Beide wunderbare Bücher.
Und viel Fachliteratur für meine neue Ausbildung im Medizin Bereich.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Machen wir aus jeder schwierigen Situation eine neue Herausforderung.
„Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen“.
Buddha
Vielen Dank für das Interview liebe Gisela Elisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Gisela Elisa Heredia, Tänzerin und Choreografin
Foto_Christian Ariel Heredia.
28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich wie immer, und schön langsam keimt die Hoffnung, dass sich auch alles um mich herum irgendwann wieder normalisiert. Als im Brotberuf freiberuflicher Übersetzer bin ich ja immer schon ganzjährig im Homeoffice, daher hat mich die Pandemie in diesem Bereich eigentlich gar nicht betroffen. Den Künstler in mir natürlich schon. Mehrere Aufführungen wurden verschoben oder abgesagt, Stücke geprobt und dann doch nicht aufgeführt und der Verwaltungsaufwand für die Schauspielgruppe Il vero teatro ist durch die Pandemie natürlich enorm angestiegen.
Peter Buchecker _ Schauspieler/Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht durchdrehen und uns darauf besinnen, dass es nicht immer nur um einen selbst geht und die eigenen Handlungen auch Auswirkungen auf andere haben. Zusammenhalten und sich freuen, wenn man sich auf gute Freunde verlassen kann. Aber auch nicht im Schneckenhaus verstecken, sondern das, was möglich ist, auch in Anspruch nehmen. Theater, Künstler und Gastwirte brauchen ihr Publikum!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?
Es ist recht deutlich geworden, welchen Stellenwert Kunst und Kultur im Kulturland Österreichs wirklich hat. Es wäre wichtig, dafür zu sorgen, dass sich Künstler entfalten können, ohne sich ständig Sorgen ums wirtschaftliche Überleben machen zu müssen. Die etablierten Bühnen erhalten Förderungen in Millionenhöhe und unzählige kleine Theatergruppen, die professionell arbeiten wollen, können ihre Produktionen nur durch Selbstausbeutung auf die Bühne bringen und ihren SchauspielerInnen keine adäquaten Gagen bezahlen. Kunst ist ein wichtiger Bereich des Lebens, kann aber leider allein durch Eintrittskarten nicht finanziert werden. Es wäre schön, wenn die Menschen nicht nur ins Burgtheater oder in die Josefstadt gehen, sondern auch den vielen kleinen freien Bühnen einen Besuch abstatten.
Was liest Du derzeit?
Da ich berufsbedingt den ganzen Tag lesend vor dem Bildschirm verbringe, bin ich ein Hörbuchfan. Derzeit lese ich neben dem aktuellen Rollenbuch für die nächste Produktion „Olympia“ von Volker Kutscher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist!“, Friedrich Torberg: Tante Jolesch
Peter Buchecker _ Schauspieler/Musiker
Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Ursula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Grundsätzlich gestaltet sich bei mir jede Woche etwas anders – das hat davon ab, welche Konzerte und Proben im beruflichen Bereich, welche Termine im privaten Bereich in der jeweiligen Woche anstehen bzw. an welcher Komposition ich in diesem Zeitraum arbeite. Also versuche ich zum einen sehr flexibel zu sein, zum anderen in dieser ständigen Abwechslung einen Rhythmus zu finden. Das kann hin und wieder sehr herausfordernd sein – wenn es gelingt, eine Struktur in den bunten Alltag zu bekommen, schenkt sie ein schönes und beruhigendes Gefühl, überdies ist die Abwechslung sehr motivierend. Ein strukturierter Tag sieht dann folgendermaßen aus:
In der Früh aufstehen, Sport (meistens Laufen), Dusche, Frühstück mit einem guten Kaffee, dann an’s Klavier komponieren/arrangieren (je nachdem, an welchem Stück ich gerade arbeite) – dies meist 4-5 Stunden mit kleinen Pausen, eine größere Pause mit verspäteten Mittagessen, daraufhin Gesang/Klavier/Gitarre üben (je nachdem, welche Programme für Konzerte am Plan stehen – sonst bestimmte Musik/Werke auschecken) – dies meist 2-3 Stunden, wieder komponieren/arrangieren kombiniert mit Werkanalyse/Musikhören von Stücken/Musik, die mich im Moment inspirieren; mit meinem Freund und Partner den Tag rückblickend betrachten, bettfertig machen, am Ende des Tages (meist sehr sehr spät – ich bin eine Nachteule 🙂 noch einen guten Film oder eine Serie/Doku anschauen und schließlich müde einschlafen.
Im Moment herrscht eine undefinierbare Stimmung. Es fühlt sich beinahe wie Sprachlosigkeit an. Man ist mit Fragen konfrontiert: Was bringt die Zukunft? Wie flexibel kann ich sein, wie viel Energie kann ich aufbringen? Was ist für mich dabei wichtig?
An das Gute zu glauben, Hoffnung geben, „bewusst“ sein, geben und achtsam, respektvoll nehmen, Wertschätzung zeigen, Großzügigkeit, Energie geben, gut zu den Menschen sein, die man liebt und schätzt, gut zu sich selbst sein, aktiv sein, tun, sich entscheiden, nicht nur versuchen, sondern tun und nie aufhören, immer weitermachen, auch wenn die Umstände einen zweifeln lassen, nie aufgeben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Derartige Zeiten bringen viel Dunkles mit sich. Diese „Dunkelheit“ hat auch Angst in sich. Ich bin ein Typ Mensch, der gerne an Grenzen geht, gerne risikobereit ist, um das Ungewisse, die Angst zu hinterfragen, sich diesem/dieser zu stellen und in diesem intensiven Prozess zu versuchen, selbst den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren – eine Möglichkeit zu finden, die Tatsachen und die unangenehmen Dinge des Lebens zu akzeptieren. Diese Akzeptanz bringt im besten Fall aus meiner Erfahrung viele Chancen, kann bestärkend wirken, und es schenkt eine unglaubliche Tiefe, die mich dann sehr berührt, ruhig werden lässt, zugleich mit enormer Energie erfüllt. Das klingt nun womöglich „kitschig“ und beinahe „einfach“ solche Herausforderungen anzunehmen – es ist nicht so einfach – es ist wie es ist – ich spreche hier von einer wesentlichen und relevanten Intensität und Empfindsamkeit. Es ist wichtig, dass Musik und Kunst intensiv ist, dass Inhalte eine Bedeutung haben, denn wenn für einen Menschen etwas bedeutend ist (im wahrsten Sinne des Wortes), dann nimmt er es ernst, dann ist er bereit zu empfinden – wenn das Leben, die Musik, intensiv ist, dann spürt der Mensch sich; er empfindet Freude, Lust, Leid, Trauer – alle unterschiedlichen Gefühle, ob gut oder schlecht, aber er empfindet und es hat Bedeutung – die Gleichgültigkeit schwindet. Wenn mir etwas bedeutet, es wesentlich in meinem Leben wird, dann fühle ich mich verantwortlich in all dem Tun mit der Sache; ich bekomme/finde einen Grund, um an etwas zu glauben.
Ich glaube an die Musik, ich glaube an meine Musik und die Art meine Kunst auszudrücken, da sie mir sehr viel bedeutet, da ich in ihr wesentliche Inhalte meines Lebens verarbeite und teile, ob es Freude oder Trauer oder von anderer Natur ist. Ich finde es wichtig, andere Menschen mit meiner Musik zu konfrontieren und vertraut zu machen, um bewusst zu machen, dass man etwas braucht, an das man glauben kann; dass man etwas braucht, das einem sehr viel bedeutet; dass man etwas braucht, wo man den Raum hat, zu empfinden; dass man braucht, dass man gebraucht wird – bedeutend für andere Menschen wird.
Was liest Du derzeit?
Zurzeit habe ich so viele Bücher, die ich lesen bzw. zu Ende lesen möchte. Da bin ich ein Tausendsassa – mich interessieren viele Themen zur gleichen Zeit und ich fange oft 3 Bücher zu gleich zu lesen an. Ich habe nun „Palliativgesellschaft – Schmerz heute“ von Byung Chul Han gelesen und als nächstes möchte ich seine „Philosophischen Untersuchungen zum Tod“ – „Todesarten“ lesen. Es liegt auch ein populär-wissenschaftliches Buch im Bereich der Astronomie, die Biographie „The View From The Back Of The Band“ von dem Jazz-BigBand-Schlagzeuger Mel Lewis, die ich bereits zum zweiten Mal lese, auf meinem Nachtkästchen. Genügend Stoff zu lesen 🙂
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„I believe in the potential of the human heart, that love should always be our highest aspiration. We should strive to be gracious and neighborly in all we do.“
Vielen Dank für das Interview liebe Ursula, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!