„An das Gute zu glauben, Hoffnung geben“ Ursula Reicher, Sängerin _ Wien 12.4.2022

Liebe Ursula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich gestaltet sich bei mir jede Woche etwas anders – das hat davon ab, welche Konzerte und Proben im beruflichen Bereich, welche Termine im privaten Bereich in der jeweiligen Woche anstehen bzw. an welcher Komposition ich in diesem Zeitraum arbeite. Also versuche ich zum einen sehr flexibel zu sein, zum anderen in dieser ständigen Abwechslung einen Rhythmus zu finden. Das kann hin und wieder sehr herausfordernd sein – wenn es gelingt, eine Struktur in den bunten Alltag zu bekommen, schenkt sie ein schönes und beruhigendes Gefühl, überdies ist die Abwechslung sehr motivierend. Ein strukturierter Tag sieht dann folgendermaßen aus:

In der Früh aufstehen, Sport (meistens Laufen), Dusche, Frühstück mit einem guten Kaffee, dann an’s Klavier komponieren/arrangieren (je nachdem, an welchem Stück ich gerade arbeite) – dies meist 4-5 Stunden mit kleinen Pausen, eine größere Pause mit verspäteten Mittagessen, daraufhin Gesang/Klavier/Gitarre üben (je nachdem, welche Programme für Konzerte am Plan stehen – sonst bestimmte Musik/Werke auschecken) – dies meist 2-3 Stunden, wieder komponieren/arrangieren kombiniert mit Werkanalyse/Musikhören von Stücken/Musik, die mich im Moment inspirieren; mit meinem Freund und Partner den Tag rückblickend betrachten, bettfertig machen, am Ende des Tages (meist sehr sehr spät – ich bin eine Nachteule 🙂 noch einen guten Film oder eine Serie/Doku anschauen und schließlich müde einschlafen.

Ursula Reicher, Sängerin, komponistin&arrangeurin, pianistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Moment herrscht eine undefinierbare Stimmung. Es fühlt sich beinahe wie Sprachlosigkeit an. Man ist mit Fragen konfrontiert: Was bringt die Zukunft? Wie flexibel kann ich sein, wie viel Energie kann ich aufbringen? Was ist für mich dabei wichtig?

An das Gute zu glauben, Hoffnung geben, „bewusst“ sein, geben und achtsam, respektvoll nehmen, Wertschätzung zeigen, Großzügigkeit, Energie geben, gut zu den Menschen sein, die man liebt und schätzt, gut zu sich selbst sein, aktiv sein, tun, sich entscheiden, nicht nur versuchen, sondern tun und nie aufhören, immer weitermachen, auch wenn die Umstände einen zweifeln lassen, nie aufgeben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Derartige Zeiten bringen viel Dunkles mit sich. Diese „Dunkelheit“ hat auch Angst in sich. Ich bin ein Typ Mensch, der gerne an Grenzen geht, gerne risikobereit ist, um das Ungewisse, die Angst zu hinterfragen, sich diesem/dieser zu stellen und in diesem intensiven Prozess zu versuchen, selbst den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren – eine Möglichkeit zu finden, die Tatsachen und die unangenehmen Dinge des Lebens zu akzeptieren. Diese Akzeptanz bringt im besten Fall aus meiner Erfahrung viele Chancen, kann bestärkend wirken, und es schenkt eine unglaubliche Tiefe, die mich dann sehr berührt, ruhig werden lässt, zugleich mit enormer Energie erfüllt. Das klingt nun womöglich „kitschig“ und beinahe „einfach“ solche Herausforderungen anzunehmen – es ist nicht so einfach – es ist wie es ist – ich spreche hier von einer wesentlichen und relevanten Intensität und Empfindsamkeit. Es ist wichtig, dass Musik und Kunst intensiv ist, dass Inhalte eine Bedeutung haben, denn wenn für einen Menschen etwas bedeutend ist (im wahrsten Sinne des Wortes), dann nimmt er es ernst, dann ist er bereit zu empfinden – wenn das Leben, die Musik, intensiv ist, dann spürt der Mensch sich; er empfindet Freude, Lust, Leid, Trauer – alle unterschiedlichen Gefühle, ob gut oder schlecht, aber er empfindet und es hat Bedeutung – die Gleichgültigkeit schwindet. Wenn mir etwas bedeutet, es wesentlich in meinem Leben wird, dann fühle ich mich verantwortlich in all dem Tun mit der Sache; ich bekomme/finde einen Grund, um an etwas zu glauben.

Ich glaube an die Musik, ich glaube an meine Musik und die Art meine Kunst auszudrücken, da sie mir sehr viel bedeutet, da ich in ihr wesentliche Inhalte meines Lebens verarbeite und teile, ob es Freude oder Trauer oder von anderer Natur ist. Ich finde es wichtig, andere Menschen mit meiner Musik zu konfrontieren und vertraut zu machen, um bewusst zu machen, dass man etwas braucht, an das man glauben kann; dass man etwas braucht, das einem sehr viel bedeutet; dass man etwas braucht, wo man den Raum hat, zu empfinden; dass man braucht, dass man gebraucht wird – bedeutend für andere Menschen wird.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit habe ich so viele Bücher, die ich lesen bzw. zu Ende lesen möchte. Da bin ich ein Tausendsassa – mich interessieren viele Themen zur gleichen Zeit und ich fange oft 3 Bücher zu gleich zu lesen an. Ich habe nun „Palliativgesellschaft – Schmerz heute“ von Byung Chul Han gelesen und als nächstes möchte ich seine „Philosophischen Untersuchungen zum Tod“ – „Todesarten“ lesen. Es liegt auch ein populär-wissenschaftliches Buch im Bereich der Astronomie, die Biographie „The View From The Back Of The Band“ von dem Jazz-BigBand-Schlagzeuger Mel Lewis, die ich bereits zum zweiten Mal lese, auf meinem Nachtkästchen. Genügend Stoff zu lesen 🙂  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I believe in the potential of the human heart, that love should always be our  highest aspiration. We should strive to be gracious and neighborly in all we do.“

Ursula Reicher, Sängerin, komponistin&arrangeurin, pianistin

Vielen Dank für das Interview liebe Ursula, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ursula Reicher, Sängerin, Komponistin&Arrangeurin, Pianistin

Alle Fotos_Carina Antl

7.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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