Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
„Tagesablauf“ – so etwas gibt es bei mir nicht. Jeder Tag ist neu, birgt neue Herausforderungen, zieht mir manchmal völlig den Boden unter den Füßen weg oder lässt mich leicht wie ein Vogel dahingleiten. Damit umzugehen, macht für mich die Lebendigkeit in meinem Leben aus. Die Lebenskunst besteht darin immer wieder auf’s Neue Halt, Leichtigkeit und Neugierde zu finden.
Judith Mahler_Schauspielerin, Performerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für mich stellt sich die Frage: wie können wir in einer möglichst großen Diversität nebeneinander und miteinander bestehen und agieren? Welche Veränderungen im Umgang mit uns und unserer Umgebung braucht es, um Nachhaltigkeit auch zu leben?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aus meinem Erleben der letzten anderthalb Jahre habe ich gelernt, wie wichtig es ist Momente und Phasen des Innehaltens einzulegen. Das gibt mir die Möglichkeit meine Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls zu verändern. Das ist DAS Trainingsfeld überhaupt, um dann auch mehr Wertschätzung, Respekt und Verständnis anderen entgegenzubringen. Wesentlich finde ich also bei sich selbst anzufangen.
Ich werde mich als Mensch und Künstlerin für Werte einsetzen, die eine gesellschaftliche, humanistische Weiterentwicklung fördern und fordern.
Was liest Du derzeit?
„Sturm“ von Christoph Scheuring „Ein neues Ich“ von Dr. Joe Dispenza
„Jeder ist beziehungsfähig“ von Stefanie Stahl
„Der neue Menoza“ von Jakob Reinhold Maria Lenz – das sehenswerte Stück, in dem ich gerade am Salzburger Landestheater spiele Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat von Rainer Maria Rilke, das erst mal banal klingen mag, aber es hat eine unglaubliche Tiefe und Wahrheit und ist für mich der Schlüssel für erfüllte menschliche Begegnungen. „Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.“
Judith Mahler_Schauspielerin, Performerin
Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Hans, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Aufstehen laufe ich eine Strecke am Fluss entlang. Dann schreibe ich „Dörfer“ oder Lyrik oder Prosa. Wenn mich der Mut verlassen hat, fange ich an zu organisieren. Später lese ich, höre Musik oder schaue einen Film oder gehe mit meiner Frau im Wald spazieren. Außerdem esse und trinke ich.
Häufig fahre ich nach Edenkoben, um im Künstlerhaus zu arbeiten.
Hans Thill, Schriftsteller, Kuenstlerhaus Edenkoben/Pfalz: 30. Uebersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter uebersetzen Dichter“ vom 27.06.2017 bis 03.07.2017. Jedes Jahr laedt das Kuenstlerhaus Edenkoben der Stiftung Rheiland-Pfalz fuer Kultur auslaendische und deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker zu gemeinsamer Uebersetzungsarbeit ein. Im Jahr 2017 waren die Lyriker Lina Atfah, Aref Hamza, Raed Wahesh, Rash Omran, Mohammad Al-Matroud und Lina Tibi aus Syrien sowie Dorothea Gruenzweig, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Joachim Sartorius, Julia Trompeter und Jan Wagner aus Deutschland zu Gast.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einstweilen am Leben zu bleiben.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir sind gefangen in der schrecklichen Paradoxie eines erträglichen Lebens. Als ginge es uns allen gut. Aber es geht uns gut.
Gleichsam als höhnische Bestätigung sehen wir den kalten Ego-Quatsch der Impfgegner und Covid-Leugner. Das sind seltsame Irrläufer, deren Demos wirken wie die infantile Karikatur früherer Sponti-Auftritte.
Dabei herrscht eine Vielheit an Verzweiflungen, Auflehnungen, Katastrophen. Zu sagen, es ginge uns gut, wäre eine krasse Lüge. Die Pandemie zwingt uns in die Privatheit, aber die Welt scheint durchzudrehen.
Mit der Poesie lernen wir sprechen, täglich neu. Mit der Kunst erkennen wir die Welt. Vielleicht können wir in der weltweiten Gemeinsamkeit der Literatur und der Musik uns mit dem Aufbruch anfreunden, der uns droht. Es ist ein Aufbruch, der uns aufgezwungen wurde, wir selber hätten ihn nicht erfunden. Es ist ein Aufbruch, den wir Leben nennen.
Was liest Du derzeit?
Norbert Lange, Unter Orangen. Gedichte. Wunderhorn, Heidelberg 2021.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Du willst Dichter sein? Dann beginne damit, daß du die Pferde mit Würfelzucker fütterst.
Charles Olson
Hans Thill, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Hans, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Hans Thill, Schriftsteller
Fotos_ 1 Jürgen Bauer; 2 Julia Grinberg.
7.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Janine Hickl_Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin _ am Romanschauplatz Malina_Wien
Liebe Janine, herzlich willkommen hier in der Ungargasse in Wien dem Schauplatz des Romans „Malina“ von Ingeborg Bachmann. Was sind jetzt Deine ersten Eindrücke nach dem Fotoshooting am Dach des Hauses?
Ich bin, besonders von dem wunderschönen Ausblick über Wien, begeistert. Wir sind ja soeben auf das Dach geklettert und haben Wien, den Romanschauplatz Malina, von oben gesehen. Es ist wahnsinnig schön, auf diese Art in Literatur einzutauchen und diese Verbindung zu spüren und zu sehen. Ich denke, ich werde das Buch jetzt nochmal lesen, weil ich es mir noch besser vorstellen kann.
Was bedeutet Dir Wien?
Wien ist meine Heimatstadt, ich bin hier geboren und lebe hier, obwohl ich eine ziemliche Weltenbummlerin bin und gerne verreise, wenn es möglich ist. Dieses Rauskommen aus Wien tut mir immer sehr gut. Es ist außerdem der Ort, wo meine Familie, meine Freunde leben und wo ich mir beruflich etwas aufgebaut habe.
Diese Stadt ist nicht grundlos eine der lebenswertesten Städte weltweit und ich weiß das Privileg sehr zu schätzen, in dieser Stadt leben zu können.
Gab es von Dir zum Romanschauplatz hier im dritten Wiener Gemeindebezirk bisher Berührungspunkte?
Ich hatte im Theater L.E.O., gleich nebenan in der Ungargasse mehrere Konzerte. Ansonsten gab es bisher keine näheren Berührungspunkte.
Welche Zugänge hast Du zu Ingeborg Bachmann und ihren Wienroman Malina?
Im Zuge dieses Projektes zum 50jährigen Romanjubiläum kam ich zum ersten Mal in intensivere literarische Berührung mit Ingeborg Bachmann. Ihr Roman „Malina“ hat mich sehr ergriffen. Die Protagonistin ist eine sehr zerrissene, emotionale Person. Gleichzeitig ist sie aber auch beinhart in ihren Entscheidungen. Diese Wandlungsfähigkeit hat mich überrascht.
Für mich sind die Zerrissenheit und die Leidenschaft, die nicht den Mut findet sich preiszugeben, die Kernthemen des Romans. Und natürlich die Einsamkeit in der Leidenschaft, der Liebe und die Tragik, die das alles mit sich bringt.
Der Roman hat allerdings schon eine gewisse Schwere und Dunkelheit, die natürlich auch passend zum Herbstbeginn ist (lacht).
Was hat sich in Beziehungswirklichkeiten in 50 Jahren verändert?
Schwer zu sagen, ich denke, es ist dann letztlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Im Roman sind ja die Telefongespräche, die Erreichbarkeit und das Nichtmelden ein großes Thema. Ich denke, dass ist auch heutzutage präsent.
Man ist dauernd und viel schneller erreichbar und gleichzeitig bewirkt das, dass man nie wirklich erreichbar ist. Ich weiß, dass dieses Nicht-Antworten viel anrichten kann.
Ob es das Telefon damals oder whatsapp heute ist. Man weiß, ob die Person eine Nachricht gelesen hat, ob sie online ist. Das ist ein Aspekt, der wirklich zerreißen kann und wehtut, auch wenn es dem anderen gar nicht bewusst ist.
Dieser Aspekt der Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation im Roman, diese Verletzungen und Verletzbarkeiten wiederholen sich jetzt nach 50 Jahren bzw. verstärken sich.
Und natürlich ist auch die Zerrissenheit ein Aspekt der Gegenwart. Weil so vieles möglich ist, man so einfach Menschen kennenlernen kann und viele Vergleiche hat.
Ich habe mir darüber schon viele Gedanken gemacht. Es ist schwierig. Liebe ist immer schön und schwierig zugleich.
Was würdest Du der Protagonistin im Roman als fiktive Freundin empfehlen?
Vermutlich wäre ich eher die Protagonistin selbst als die gute Freundin (lacht) aber ich würde ihr raten, auf ihr Herz hören. Selbst wenn ich die gute Freundin wäre, würde ich mir sehr viele Gedanken dazu machen (lacht).
Wenn Du die Protagonistin selbst wärest, wie würdest Du im Beziehungsspannungsfeld zwischen den Protagonisten Ivan und Malina agieren?
Vermutlich sehr ähnlich (lacht). Es ist nicht umsonst eine Geschichte, mit der man sich gut identifizieren kann. Ihre emotionale Ladung kann ich auf jeden Fall nachvollziehen.
Die Protagonistin und Ich-Erzählerin lernt Ivan vor einem Blumengeschäft, um die Ecke von hier, kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Gibt es für Dich Liebe auf den ersten Blick?
Definitiv! Vielleicht nicht gleich Liebe, da kommt es vor allem darauf an, wie man “Liebe” definiert aber dass es Begeisterung und auch Chemie auf den ersten Blick gibt, davon bin ich überzeugt. Man fühlt sehr schnell, ob man mit einem Menschen auf einer Wellenlänge ist und dazu braucht es oft nicht mehr als ein paar Worte oder Blicke. Ich denke, je älter, erwachsener man wird, desto mehr spürt man diese Verbindung im Moment der ersten Begegnung.
Im Roman sind die Beziehungswirklichkeiten in der Dominanz des Mannes gegenüber der Frau festgelegt. Wie siehst Du dies heute?
Naja, die Protagonistin richtet sich im Roman schon sehr nach den Männern (lacht). Wir alle wissen, dass die Liebe viel mit einem macht und dass man in der ersten Begeisterung mehr tut, um der anderen Person zu gefallen.
Es hat sich aber einiges verändert, was die Dominanz des Mannes in der Beziehung betrifft. Frauen sind viel emanzipierter und vielleicht auch egoistischer, was gut ist. Ehrlich gesagt kenne ich vermehrt Beziehungsmodelle, in denen die Frauen die Hosen anhaben. (lacht).
Welche Beziehungsmodelle gibt es heute in Deiner Generation?
Der Wunsch nach Langzeitbeziehungen ist natürlich immer noch da, allerdings kommt mir vor, dass das “für das Leben an eine Person binden” auch ein ziemliches Angstthema ist (lacht).
Soziale Medien spielen bei dem Optimierungs- und Glückanspruch eine große Rolle. Weil alles so schnelllebig ist und man auch so viele Möglichkeiten hat, neue Menschen kennenzulernen.
In allen Lebensbereichen ist heute gesellschaftlicher Druck da. Und in Beziehungswirklichkeiten auch. Es ist einfach schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.
Eine Langzeitbeziehung erfordert viel Arbeit und Zeit und dies investieren die meisten nicht mehr.
Trennungen waren für Frauen zur Zeit des Romans kaum vorstellbar, was natürlich damit zu tun hatte, dass sie nicht so viele Möglichkeiten hatten unabhängig zu sein. Es war ein anderes Existenzverständnis in der Liebe.
Heutzutage ist eine Beziehung nicht mehr so existentiell. Es ist eine positive Ergänzung und man wirft schnell das Handtuch, wenn es nicht mehr passt. Das ist allgemein ein trauriges Phänomen unserer heutigen Zeit.
Das Modell der Affäre zwischen Rationalität (Beziehung) und Leidenschaft ist im Roman wesentlich. Wie ist das heute? Ist beides in einer Person zu finden?
Sehr gute Frage (lacht). Prinzipiell denke ich, ja. Es ist nur die Frage, ob man es auch schafft, das auf Dauer aufrecht zu erhalten. Das ist ja auch einer der häufigsten Gründe für Trennungen oder Affären.
Es gibt Menschen, denen man leidenschaftlich näher ist und es gibt Menschen, denen man rationaler näher ist. Das Ziel ist, Rationalität und Leidenschaft in einer Beziehung zu integrieren. Das ist Arbeit.
Die Protagonistin im Roman weiß, da wo die Leidenschaft ist, ist nicht viel mehr dahinter, was auf Dauer auch nicht glücklich machen kann. Auf der anderen Seite fehlt bei dem rationalen Teil die Leidenschaft. Das ist diese Zerrissenheit, die im Roman ein sehr präsentes Thema ist.
Wie siehst Du das Frausein heute im Allgemeinen wie in Deinem künstlerischen Beruf?
Ich finde es sehr schön, Frau zu sein. Es hat sehr viele besondere Aspekte. Zeitweise ist es aber zugegeben auch überfordernd. Sich als junge Frau das aufzubauen, was man will und sich von dem zu lösen, was man nicht will, ist nicht leicht. Besonders im künstlerischen Bereich muss man sich behaupten, um wirklich ernst genommen zu werden.
In der Arbeitswelt könnte also viel verändert werden, was es uns Frauen leichter machen würde.
Ich persönlich brauche dann Methoden der Ruhe und Zeit für mich, um wieder zu mir zu finden. Etwa beim Yoga oder tanzen. Mir hilft es auch, Gedanken niederzuschreiben und neue Pläne zu machen.
Auch die Dankbarkeit ist sehr wichtig und sich vor Augen zu führen, was man bereits alles geschafft hat. Außerdem muss und kann man es nicht allen recht machen. Das ist ein wichtiger Punkt.
Wie war Dein Weg zur Kunst, zum Schauspiel?
Dieser Weg war immer schon da (lacht). Ich glaube, dieser war mir schon vorgegeben, obwohl ich aus keinem künstlerischen Umfeld komme. Da war etwas, was in frühester Kindheit, ab dem Punkt wo ich mich auf den Beinen halten konnte, rauswollte.
Ich hatte immer den Raum Kunst zu leben. Ich habe mit drei Jahren schon gesungen, kannte unfassbar viele Kinderlieder, habe immer getanzt, machte eigene Choreographien und bereitete an jedem Freitagabend Theaterabende für die Familie vor. (lacht). Ich nahm dann Geige- und Klavierstunden. Sehr bald darauf nahm ich dann auch Gesangs- und Tanzunterricht. Neben der höheren Schule mit dem Schwerpunkt Eventmanagement habe ich jeden Nachmittag im Tanzsaal und bei Gesangsstunden verbracht. Als ich die Schule absolviert hatte, war dann klar, dass ich das auch studieren will.
Mein künstlerisches Dasein ist ein Brennen und eine Begeisterung, die mich gar nicht vor die Wahl stellt, es nicht auszuüben. Ob beim Tanz, Gesang, Schauspiel oder Sprechen – die Ausdrucksform ist da eigentlich egal. Das künstlerisch kreative Denken, Entwickeln, Darstellen und transportieren von Emotionen ist mir wichtig.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Ich arbeite laufend an einem Projekt, nämlich an meinem Swing Trio The Reveilles, mit dem einige Shows und Auftritte in Planung sind. Ansonsten bin ich mit Drehs, Shootings und Proben für andere künstlerischen Projekten meistens ganz gut ausgelastet (lacht).
Was kannst Du von dem Roman mitnehmen?
Sich nicht zu sehr zu „verkopfen“ und die Schwere nicht immer zuzulassen. Das ist in allen Bereichen wichtig. Man sollte das Leben einfach mehr genießen, auch wenn nicht alles immer perfekt ist und genau so läuft, wie man sich das vorstellt.
Darf ich Dich zum Ende des Interviews zu einem Malina-Achrostikon bitten?
M=Möglichkeiten
Weil sich die Protagonistin alle Möglichkeiten offenhält und sich nicht entscheiden will. Andererseits steckt auch viel Hoffnung in dem Wort “Möglichkeiten” und das trifft nicht ganz auf sie zu. Diese Ambivalenz ist wiederum passend. Das Gedankenkarussell dreht sich, es passt (lacht).
Vielen Dank, liebe Janine, für Deine Zeit bei „Malina“ und das wunderbare Fotoshooting und Interview – viel Freude und Erfolg weiterhin!
Janine Hickl_Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin _ am Romanschauplatz Malina_Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Da ist der schwere rote Vorhang. Und die Rollen sind verteilt. Vom Krokodil bis zum Kasperl. Alles ist bereit für das Spiel. Für das Drehen der Arme und Beine. Und der Worte. Für das Oben und Unten…
Doch dann stoppt die Musik. Der Reigen in Rot kommt zum Stehen. Das Krokodil stellt Fragen. Alle stellen Fragen. Dazwischen die Keule des Kasperls…
Doch was wissen wir, bevor das Spiel beginnt? Wir tragen Kostüme. Wir sind da. Wer bist Du? Wer bin ich? Und wenn wir sprechen, ist es viel…
dav
Das Wiener E3 Ensemble lässt mit seiner neusten Produktion „Dalli, Dalli“ erneut fulminant die Bühnenbretter Wiens in Satire und Abgründigkeit, einmaliger Sprachvirtuosität, Körperdynamik und beeindruckendem interaktiven Gruppenspiel brennen.
Die Bühne wird zum rasanten Erfahrungskarussell, darin Konturen des Lebens, der Gesellschaft aufblitzen, um Enttäuschung in Selbstreflexion und Ambivalenz auszudrücken. Das Fragen und Zertrümmern von Sein und Schein kommt dabei aus einer existentiellen Lebenslust selbst. Das Lustprinzip sucht Lebensraum zwischen den Polen von Ich und Gesellschaft. Leitlinie ist dabei das Gespräch und ein Wille zur Ehrlichkeit wie das klare Wort gegen Unehrlichkeit. Der Mensch ist ein Suchender, ein Kasperl, vielleicht mehr. Wer weiß das schon.
Modernes Theater in bester innovativer Form zertrümmert hier in faszinierender dramatischer Atonalität eine lineare Spielmitte zugunsten freier spielerischer Melodik, deren Grundton nicht fixiert ist und sich interaktiv impulsgebend im rasanten Wechselspiel von Wort und Körper entwickelt und zerstört.
Es ist Schauspiel als gleichsam mitreißender Jazz in spielerischer, dramaturgischer wie kostümbildender Glanzleistung. Den Bühnengrundton bildet dabei die Virtuosität schauspielerischen Könnens in Vielfalt und Dynamik, die das Publikum begeistert staunen lassen. Das E3 Ensemble gibt dem modernen Theater seine Seele zurück, in dem sie es aus der Bühne reißt, dass sich alle Ehrengräber zwischen Burg und Domplatz staunend auftun.
„Das E3 Ensemble ist ein begeisternd lebendiges wie unberechenbares Plädoyer für lustvolles, kritisches Theater wie es innovativer und ausdrucksstärker nicht sein könnte!“
DALLI DALLI _ E3 Ensemble _ Wien
Uraufführung 1.10.2021
mit MAY GARZON, ISABELLA JESCHKE, RINA JUNIKU, MICHAELA SCHAUSBERGER und GERALD WALSBERGER, Musik SEBASTIAN SPIELVOGEL, Dramaturgie THOMAS BISCHOF, Kostüm/Ausstattung PIA STROSS, Künstlerische Beratung SUSANNE BRANDT, Technik STEFAN RAUCHENWALD, Fotografie THOMAS STEINEDER, Aufzeichnung PHILLIP B. BAUER
Kooperation E3 Ensemble/ DAS OFF THEATER Wien
1., 2., 5., 6., 8. und 9. Oktober 2021 um 20 Uhr
OPEN.BOX im DAS OFF THEATER
Kirchengasse 41, 1070 Wien
17€ normal, 12€ ermäßigt*
Karten: 0660 52 52 532, karten@e3ensemble.at und eventjet.at
Liebe Catrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meist beginnt mein Tag gegen 6 Uhr sich kaugummiartig hinzuziehen – die literarischen Arbeitsprozesse finden sich stets begleitet durch große Mengen schwarzen Kaffees, Zigaretten und David Bowie.
Catrin M.Hassa, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Lockdowns haben uns allen drastisch vor Augen geführt, wie essentiell und auch wie empfindlich das Gefüge aus Strukturen und Strukturlosigkeit, das die Räume unseres Handelns und Erlebens bedingt, so ist, sei das nun auf psychischer, sozialer, ökonomischer oder politischer Ebene. Wir durften wohl alle in den letzten Monaten intensivere Erfahrungs- und Lernprozesse in Sachen Verantwortung, Solidarität, Freiheit und Abhängigkeiten durchlaufen als eingangs gedacht – diese Erfahrungswerte als Chance zur Reflexion zu nutzen, halte ich persönlich für durchaus wichtig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es wäre schön, sich der Illusion hingeben zu können, die Einengungen, die Covid 19 in unser aller Lebenswelten eingebracht hat, böten eine reale Chance, die Buzzwords „Aufbruch“ und „Neubeginn“ ganz neu sinnstiftend zu erleben, sei es als Gesellschaft oder als Individuen. Vielleicht sind langfristige Umwertungen, das setzen bewussterer Foci, tatsächlich möglich – für wahrscheinlich halte ich das allerdings nicht.
Es könnte schon hilfreich sein, zu überdenken, ob all die Praxen, in denen wir uns tagtäglich wiederfinden und festgetackert glauben, tatsächlich so sehr unser Leben, unsere Identität bestimmen, wie gemeinhin angenommen.
Kunst, beziehungsweise Literatur werden, meines Erachtens, das tun, was sie seit Jahrhunderten tun: Baudelaires Aufruf zum „être de son temps“ nachhechelnd, wird sie sich an eben dieser und sich selbst abarbeiten und dabei, mehr oder weniger erfolgreich, versuchen, irgendwo zwischen Erkenntnissen und Eskapismen Relevantes zu generieren.
Was liest Du derzeit?
Friederike Mayröckers „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ und
Mithu M. Sanyals „Identitti“. Mayröckers literarisches Vermächtnis ist, aus meiner Sicht, gar nicht überschätzbar – selten hat mich das Ableben eines/r/* Künstler_in dermaßen betroffen gemacht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich denke sowieso mit dem Knie“ (Joseph Beuys)
Vielen Dank für das Interview liebe Catrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Catrin M.Hassa, Schriftstellerin
Foto_Alain Barbero
7.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Denn es ist jeden Tag gleich, jeder Tag ist anders. Aber. Wenn ich in der Werkstatt zu arbeiten habe, dann stehe ich um fünf auf, ziehe die Augenbrauen hoch, weil ich wieder vergessen habe mir Buchweizen einzuweichen, koche mireinen seltsam klingenden Kräutertee und setzte mich ans Fenster, um zu lesen. Um den Tag zu spüren. Manchmal. Verschlafe ich auch. Dann spüre ich nicht, sondern sprinte vom Bad zum Blumengießen und zurück, weil Schlüssel vergessen. Aber Morgenseiten! Eine Zeichnungkonstante.
Ich fahre in die Arbeit, werkle dort zusammen mit leuchtenden Menschen an Webstühlen. Danach mache ich Dinge mit Medikamenten oder Einkaufslisten für meine Eltern. Hör mir an, wie sie die fetzigsten Witze bringen. Trotz allem. Oder gerade weil. Fahre nach Hause, gehe auf den Nockstein oder hole den Buben vom Skaten ab. Meistens koche ich dann in Phasen die immer selben Sachen, bis mein Sohn Augen aufdringlich verdreht. Reisnudeln zum Beispiel. Dann zwinge ich ihn zum Scrabblespielen. Oder mir ausgelutschte Fragen zu beantworten. Wir spielen Schni-Schna-Schnuck um die Badewanne und den Laptop. Wir gehen zu spät ins Bett.
An Nichtwerkstatttagen gibt es ebenfalls Tee und Skizzen und Blumen, die Wasser brauchen. Aber. Anstatt Garne durch Litzen und Nadeln zu ziehen, verknüpfe ich dann, am Liebsten am Wasser, Fäden beim Schreiben. Oder trenne sie auf. Jedenfalls schreibe ich. Zeichne und verschicke Bilder. Treffe Freund*innen. Treffe Gämsen irgendwo oben. Treffe Privates ist politisch. Höre zu. Sag Sachen. Denke nach als hätte ich drei Köpfe. Lass mir von meinem Sohn TikTok erklären. Lass mir von Lautlachenden Leichtigkeit erklären. Pläne schmieden. Pläne wieder verwerfen.
Wenn überhaupt generell, dann halt. Solidarität. Das eigene Universum hinterfragen und abgleichen, Privilegien prüfen, Resilienz nicht mit Resignation verwechseln, zuhören, sich informieren, sich an wissenschaftlichen Fortschritten freuen. Durchlässig und verletzlich bleiben. Sanft und wild. Eigene Rassismen, Stereotype, eingefahrene Glaubensmuster, Vorurteile, den Firlefanz, der ein kapitalistisches Upfucksystem nährt, bewusst bekommen und eigene Haltungen zurecht rücken. Auf sich schauen. Liebevoll sein. Sich nicht täuschen lassen und Konsum und Beschäftigtsein nicht als Leerefüller gelten lassen. Liebesfähigkeit behalten. Und ausbauen. Verantwortung sexy finden. Gestalten. Zulassen und abgrenzen. Grenzen niederreißen. Loslassen und einlassen. Den Männernmenschen, die kaffeeschlürfend Fehlentscheidungen treffen, die unsere Erde literally vernichten, Entscheidungsfähigkeit und Macht nehmen. Das Patriachat in Einzelteile zerlegen und aus den Stückchen ein Lagerfeuer machen. Spielräume schaffen. Skateplätze bauen anstatt Straßen. Privatplätze an Seen endlich auflösen. Weil. Die hellblauen Wellen sind für alle da. Aufeinander Acht geben. Nachfragen. Nicht müde werden. Und ausreichend schlafen. Platz in unseren Hirnen machen für die Tatsache, dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Würde lernen. Courage. Freund*innenschaft. Zugeben, wenn man sich irrt. Lernen als fancy Alltagsteil etablieren. Sich Herzen brechen nicht auf einen Zettel schreiben und übers Bett hängen. Lauteslachen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ein Aufbruch kann nur wirken, wenn wir ihn wirken lassen. Das heißt, egal wie viele Delfine zurückkehren an Küsten und wie viele Sterne wir mehr gesehen haben weil Luft weniger dreckig war während einem Pandemie Freeze, Umgestaltungen brauchen Platz, den man tatsächlich faktisch leer räumen muss vorher. Wir können nicht aufbauen auf Splittern und Bruchstellen, wir müssen vorher dekonstruieren. Dass ein Umbruch und Aufbruch und Umgestalten und Neudenken unumgänglich ist, ist klar. Inwiefern wir endlich danach handeln, das ist die Frage. Ich bin überzeugt von der Kraft des einzelnen Menschen, glaube aber dennoch, gewisse gesellschaftspolitische Handlungen sind in ihrer radikalen, einheitlichen Umsetzung essenziell, um eine pulsierende Erde und alles Leben darauf zu erhalten.
Was Aufbrüche auf der individuellen Ebene bedeuten, das ist so unterschiedlich wie Wesen selber.
Aber Kunst ist Kitt. Kunst ist eine der feinsten Kommunikationsformen, eine Zwischendenzeilenfunktionärin, eine Verdeutlichungsform, die Sprachen fließend spricht. Kunst kann Polaritäten. Kunst kann Ambiguität. Aber Kunst weicht nicht in ihren Botschaften. Kunst macht Räume auf. Wo man sich spießt, wenn man das zulässt. Wo Einigung existiert. Und Resonanz. Kunst gestaltet, Kunst findet Zugänge. Sie positioniert. Sie spielt. Sie öffnet und fixiert. Kunst ist Hoffnungsträgerin.
Was liest Du derzeit?
„all about love“ bell hooks; „Disability Visibility“ Alice Wong; „Welch“ Sera Tunc; „Afropean“ Johny Pitts; „Briefe an die Täter“ Karen Köhler; „Niemehrzeit“ Christian Dittloff; „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ Eva Illouz.
Ahm ja. Ich betreibe Inselhopping mit Büchern.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
If they cannot love and resist at the same time, they probably will not survive.
Audre Lorde
Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Marcela, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Undine repräsentiert die unerschütterlich Wahrheitsbringende. Sie konfrontiert die Schattenseiten und spendet hier sozusagen einen schonungslosen Ort zum Ausruhen.
– denn in der Wahrhaftigkeit- egal wie unschön sie sein mag- macht es keinen Sinn mehr zu vermeiden und es entsteht auf abstruse Art ein Ort der Geborgenheit.
Das Wasser repräsentiert für mich die Tiefe der Gefühle, das Unkontrollierbare, anziehend, wunderschön und doch so abschreckend.
Die Erzählung beschreibt den Konflikt der Sehnsucht nach einerseits dem „sicheren“ Leben, das man unter Kontrolle hat, dem jedoch immer etwas fehlt, und zum anderen nach der Tiefe des Unergründlichen, Wahrheitsbringenden, das furchteinflößend sein kann, konfrontativ, abrechnend mit all den Seiten an sich selbst, die verwerflich sein mögen, die man verdrängt, weil man sie selbst abwertet – JEDOCH- dem Erkennen, dem tiefen Bedürfnis nach Weiterentwicklung und Ganzwerdung dienlich sind.
„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Gemäß der Zeit in der Bachmann lebte rechnet sie vor allem mit den Männern ab, die sich ein Doppelleben erschaffen, um sich Erleichterung des Drucks des Alltags und der Rollenerfüllung zu verschaffen, für die sie die Frauen benutzen, um in gutem Licht dazustehen; aber auch mit den Frauen, welche sie scheinbar eher als Opfer sieht, aber auch durchscheint, dass dieses Spiel sehr wohl wechselseitig ist („Ihr kauft und ihr lasst euch kaufen“). Dennoch erscheint diese Kraft für Bachmann wohl generell den Frauen innewohnend als „natürlich“, während es für den Mann eine externalisierte Kraft darstellt, zu der er sich hingezogen fühlt und sie integrieren will, jedoch in Konflikt gerät mit der Scheinsicherheit der Gesellschaft.
Ich denke, dass im Laufe der Zeit sowohl Männer als auch Frauen das Bedürfnis haben, tatsächlich in Begegnung zu gehen und sich von diesen Rollenbildern zu lösen -gesellschaftlich betrachtet sind diese leider immer noch sehr präsent, letztendlich ist die Mutter oftmals die Hauptverantwortliche für den Haushalt und die Kinder und der Vater dafür, das Geld heranzubringen, ganz zu schweigen von Alleinerzieher/-innen, denen oftmals plötzlich alle Rollen gleichzeitig zufallen.
Allerdings ist zu beobachten, dass innerhalb der Familien Lösungen gesucht werden, dass sich jeder verwirklichen kann und sich jeder um Kinder und Haushalt kümmert. Auch setzt man sich mehr mit der Partnerbeziehung auseinander, auch wenn es oftmals wenig Raum dafür gibt und es oftmals auch zu Trennungen führt, wenn manche Wahrheiten schwer zu überwinden sind.
Für mich ist aber auch auffällig, wie wenig Menschen heutzutage willig sind, sich zu „binden“, es ist oftmals eher das Streben nach dem „noch Besseren“. Ich persönlich finde das recht schade, da sich meines Empfindens nach die Tiefen hier gar nicht wirklich offenbaren können- schließlich benötigt es dazu das emotionale Einlassen- die Hingabe an die- eventuell unkontrollierbare- Erfahrung in den Tiefen verborgenen Schmerzes.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute, in Leben und Gesellschaft?
Patriarchale Macht ist nach vor stark präsent in unseren gesellschaftspolitischen Strukturen. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit dem Thema nach wie vor. In kritischen Lebenssituationen brechen tiefenpsychisch geschlechtsdifferente Bewältigungsmuster wieder auf. Männer fallen da eher in die Erwerbsarbeitsrolle durch den ökonomischen Externalisierungsdruck, ob wohl sie sich nach Selbstverwirklichung in gefühlvollen, emphatischen und nicht konkurrierenden Beziehungen sehnen.
Der Frau wiederum wird eher das beziehungsorientierte Prinzip zugeschrieben, die Innenorientierung, die allerdings in der Außenwelt als weniger wert im Vergleich zur Außenorientierung der Jungen und Männer empfunden wird. Zwar wird die Gleichstellung der Geschlechter öffentlich propagiert, im privaten Bereich wird dies oftmals nach wie vor altmodisch gehandhabt. Dadurch werden diese Konflikte demnach auch immer weniger öffentlich thematisiert, wodurch diese Strukturen unterschwellig weiterwirken.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur?
Das Scheitern gehört zum Leben dazu, hat mir ein alter Freund einmal gesagt. Es diene der Weiterentwicklung. Womöglich ist es das was die Geschichte der Undine ausdrückt- die Berührung mit dem Scheitern, dem Aufbrechen zur Ganzwerdung seiner Selbst.
Vielleicht bieten die Menschen , die uns am tiefsten treffen, eine hervorragende Projektionsfläche, um letztendlich zu erkennen, dass man all das in sich trägt.: Das Undurchsichtige, das Schambehaftete, das Unerträgliche, das Dunkle und Leidvolle. Möglicherweise liegt hier das Scheitern verborgen- im „Nicht- aushalten-können“ seiner selbst.
Ich persönlich möchte glauben, dass dieses Scheitern durch wahrhaftige Hingabe überwindbar ist, sowohl gesellschaftlich als auch in der Liebe zu seinem Partner, der Familie usw. Für mich erfordert es Hingabe an das was uns innewohnt- im Schönen wie im Schrecklichen- um uns letzten Endes verbinden zu können, tief in unserem Menschsein, wo wir alle gleich sind.
Ich denke aufrichtige Hingabe an das Leben erfordert viel Arbeit an uns selbst und eine klare Auseinandersetzung mit Ab-und Bewertungen, Kategorisierung, Scham, Illusionen usw. und wenn wir Glück haben entfalten wir Gelassenheit und pure Neugier dem Leben, dem Menschen, der Natur gegenüber.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Als Frau und Künstlerin kann ich mir unheimlich viel mitnehmen von „Undine geht“.
Für mich repräsentiert Undine nicht unbedingt eine Frau, sondern mehr die weibliche Kraft. Den Dschungel, das Undurchsichtige, die undurchschaubaren Tiefen des Unbewussten. Sich mit dieser Kraft zu verbinden lässt uns stärker werden. Ich ordne diese Attribute dem Weiblichen zu- in meinem Verständnis ist es das Ziel eines jeden Menschen die innewohnende weibliche sowie männliche Kraft in eine Balance zu bringen.
Ich denke Undine beschreibt das Ungleichgewicht in der Gesellschaft, die eher männlich geprägt ist und konfrontiert, provoziert die Herstellung der Balance durch ihr schonungsloses Erscheinen. Ich denke es ist unser aller Aufgabe diese Balance herzustellen, nicht wegzusehen, auch wenn es so verlockend ist, um einen offenen Dialog und tatsächliche zwischenmenschliche Begegnung herstellen zu können. Es ist unser aller Aufgabe diese Arbeit zu tun- für uns selbst und unsere Kinder.
Durch die Kunst ist die Thematik der Balance der weiblichen und männlichen Kraft natürlich schön auszudrücken- es ist der ewige Tanz, der uns verbindet, uns antreibt und Verbindung schafft- in Scheitern und in Liebe.
Was bedeutet Dir Natur?
Die Natur umschreibt für mich alles Erschaffene- sie kann auch destruktiv sein. Da ich den Menschen als Bestandteil der Natur betrachte ist die Frage, was genau gemeint ist – die „grüne“, konstruktive Natur ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meines Alltags. Ich gehe regelmäßig in den Wald, ans Wasser oder auf den Berg- die Ruhe, der Frieden, das Pure, nicht Ablenkende- gibt soviel Kraft.
Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?
Ich denke, wenn der Mensch aufhört einer Idee von sich selbst nachzujagen und sich auf das Abenteuer der Gegenwärtigkeit einlässt und bereit ist in Verbindung zu treten – in angenehmen wie unangenehmen Gefühlen- dann kann definitiv mehr Harmonie auf dieser Welt entstehen.
Was hat sich in Liebe, Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?
Nun was hat sich geändert seit 1961 in Liebe, Beziehung und Gesellschaft?
Eine große Frage- am ehesten gesellschaftlich erkennbare Bewegungen hinsichtlich der Frauen- bzw Gleichstellungsrechte- zumindest vordergründig- auch was zB Homosexualität angeht. Es ist auch abhängig in welcher Kultur man sich befindet.
Hierzulande jedenfalls wurde schon mehr Offenheit hinsichtlich festgefahrener Rollen entwickelt und auch diversere Bewegung- ebenso gewinnen psychosoziale Ansätze an Bedeutung.
Das Gefühl der Liebe ist wohl zeitlos. Der Umgang mit der Liebe und Beziehungen wird auf jeden Fall offener behandelt und diverse Sichtweisen gewinnen an Raum, Aufmerksamkeit und Wichtigkeit, da auf mehrere Ebenen Rücksicht genommen wird – nicht mehr nur die effektive, pragmatische Überlebensebene.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Für mich braucht Liebe immer Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit, um blühen zu können – Raum um sich entfalten zu können.
Was lässt Liebe untergehen?
Das Gefühl der Liebe stirbt, wenn es keinen Raum mehr gibt, um sich zu „ent-falten“ im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn kein Bezug zueinander stattfindet, kein „Aufeinanderzugehen“, kein „MIT-einander“. Das muss sich nicht auf einen anderen Menschen beziehen- für mich umfasst es alles auf was man sich beziehen kann, sozusagen in Interdependenz steht und diese lebt, die Arbeit macht.
Wie war Dein Weg zur Musik?
Musik war immer ein Teil von mir. Es fällt mir schwer, mich mit der Idee des Musikerdaseins zu identifizieren. Diese irritiert mich sogar. Musik beschreibt für mich irgendwie alles. Melodie liegt irgendwie in allem, für mich. Mit Musik kann man alles ausdrücken- sogar im Schweigen liegt Musik. Ich habe schon als Kind viel Ruhe gefunden und Innehalten können durch singen. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Damit kam das Interesse für jegliche Art von Musik und das womit sie gemacht werden kann ganz natürlich.
Welche Berührungspunkte mit/Impulse von Literatur gibt es in Deinen künstlerischen Projekten?
Die Berührungspunkte zwischen Literatur und musikalischer Umsetzung finde ich irrsinnig faszinierend und stimmig, da es zwei vermeintlich unterschiedliche Werkzeuge beschreibt, die aber im selben Fluss der Begegnung münden.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Wasser repräsentiert für mich Gefühl, Bewegung, Tiefe, Hingabe, Eintauchen
Schwimmst Du gerne, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?
Ich bin gerne im und am Wasser, aber keine gute Schwimmerin. Schwimmen hab ich als Kind gelernt, wie die meisten vermutlich, in einem Kurs und in der Schule.
Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?
Lieblingsorte in Wien habe ich viele. Ich mag Orte im Wienerwald, wo Flüsse sind. Davon gibt es einige. Ich mag auch gern die Sophienalpe, wenn keine Leute da sind, und natürlich auch die Donauauen.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Den Kreislauf der Jahreszeiten lebe ich wie er kommt. Wir haben hierzulande ja ziemlich klare Jahreszeiten. Ich versuche generell viel draußen zu sein, egal bei welchem Wetter . Die kalte Jahreszeit nutze ich auch für Rückzug.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
„Wohl euch! Ihr werdet viel geliebt, und es wird euch viel verziehen. Doch vergesst nicht, dass ihr mich gerufen habt in die Welt, dass euch geträumt hat von mir, der anderen, dem anderen, von eurem Geist und nicht von eurer Gestalt, der Unbekannten, die auf euren Hochzeiten den Klageruf anstimmt, auf nassen Füßen kommt und von deren Kuss ihr zu sterben fürchtet, so wie ihr zu sterben wünscht und nie mehr sterbt: ordnungslos, hingerissen und von höchster Vernunft.“
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine“ bitten?
Unter Wasser ist mein Heim
Nahtlos beinahe und doch so fern
Denkst du mich in dir
Ich höre dich
Noch hab Geduld, doch sei dir gewiss:
Es wird schmerzhaft schön, denn es kann nicht anders sein.
Liebe Marcela, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am szenischen Foto-Interview Projekt „Undine geht“!
Marcela Selinger_Sängerin_Wien
60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Lieber Klammerzu Klammerauf, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
die coronapandemie hat meinen tagesablauf nicht im geringsten beeinflusst: ich wandere wie gewohnt nach dem ersten kaffee hinter’m haus (in unterach am attersee) hoch den berg und drehe eine große runde zum egelsee. an der frischen luft kommen mir die besten ideen, was heute die suche nach einem visuellen ersatzportrait für dein interview beinhaltete, da ich öffentlich anonym auftrete (siehe erläuterung im nahbell-interview auf poesiepreis.de bzw visuellepoesie.at). suchen ist dabei für mich eine art meditativer gebetshaltung: ich beschäftige mich beim wandern nicht aktiv mit dem problem, sondern lasse es im hintergrund von alleine arbeiten. darauf habe ich dank guter erfahrungswerte gelernt zu vertrauen, es war schon meine „geheime“ taktik in früheren marketingjobs als grafiker: gegenüber chefs und kollegen unglaublich ernst und beschäftigt zu wirken, aber in wahrheit innerlich leer und tiefenentspannt zu sein, um sich von automatischen eingebungen inspirieren zu lassen…
wenn ich am frühen nachmittag heimkomme, wird der computer hochgefahren, während das essen kocht (meine frau ist eine leidenschaftliche gourmetköchin, sie überrascht mich tagtäglich als ihren vorkoster neuer kreationen), und die tüftelei an den neuen ideen beginnt. in unserem falle hier hatten sich während der wanderung wortpaare wie SELBSTPORTRAITIERUNG/STORNIERUNG, SELBSTBEBILDERUNG/TILGUNG und GESICHTSERKENNUNG/ICHNENNUNG im bewusstsein hervorgetan, aber mehr wie ein assoziationsrätsel denn echte lösung. die ergebnisfindung kann durchaus bis zum schlafengehen andauern (wie jetzt das gewünschte „foto“ hier für dich: mit identitätskern als überbelichteter lücke) oder sich auch erst am nächsten morgen beim aufwachen herausschälen und lässt die anfänglichen wortspiele oftmals nicht mehr erahnen. am abend treffe ich meist freunde, wir sitzen im seegarten und plaudern über unser früheres arbeitsleben, die peinlichen anekdoten aus der hysterischen designwelt voller prominenter profilneurotiker gehen uns ebenso wenig aus wie der gute hiesige wein.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
die frage fällt mir schwer. was ist überhaupt wichtig, was gibt es an erkenntniszuwachs? die schockierenden oder romantischen geschichten der steinalten und die idealistischen sehnsüchte der jungen generation, das sind die beiden wichtigsten pole, zwischen denen ich als mensch mittleren alters pendel. das wichtigste daran ist wohl, unsere ehrlichen gefühle zu akzeptieren, nicht gleich zu verlachen, was wir selber im grunde nur verdrängen wollen, sondern den mut aufzubringen, uns zuzuhören und uns zu zeigen, was uns bewegt und berührt. psychologisches und moralisches taktgefühl kann verhindern, wut anzustauen, die dann irgendwann destruktiv und asozial ausbricht.
ja, das ist es: SACHZWÄNGE! das wichtigste ist jetzt, nicht mehr an sachzwänge zu glauben, sondern die sachliche realität zu sehen: klima und krankheiten kennen keine sachzwänge, sie brennen mit furchterregender urgewalt irreparable schneisen in die gemeinschaft und die landschaft! ich würde gesellschaftlich eine neue sachlichkeit fordern, eine „innovative sachlichkeit“, um eine dystopische zukunft zu verhindern, in der unsere enkel unnötig leiden anstatt auch so glücklich zu leben wie wir es einige jahrzehnte seit dem ende des letztens weltkrieges noch konnten!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
die rolle von literatur und kunst ist für mich ein januskopf: einerseits als dionysisches prinzip anarchistisch/hedonistisch frei zu bleiben von jeglicher ideologie, andererseits sich für soziale belange zu engagieren (als apollinische kraft). das war schon immer beinahe paradox an jeder form von kreativität – kunst, die hilft, weniger angst vor dem offenen an sich zu empfinden, mehr urvertrauen und die schönheit der begegnung, der anteilnahme und hilfsbereitschaft. am ende liegt nämlich jeder auf seinem sterbebett und heult seine eigene dummheit ins kissen, mit der man sich durchs leben mogelte. lieber schon vorher ein bisschen offener werden für das jetzt an sich, das immerwährende, mehrdimensionale „jetzt“, denn nirgends sonst lauert der anspruch des lebens an das geschöpf, selber schöpferisch zu werden.
Was liest Du derzeit?
ach, ich arbeite mich allmählich durch die aktuelle ausgabe 104/105 des grazer magazins „perspektive“ und warte auf den beitrag, der mein herz jubilieren lässt. die zeitgenössische avantgarde ist mir tatsächlich zu epigonal dionysisch, selten wird da etwas fokussiert ausgedrückt, das mir persönlich weiterhilft oder existenziell gut tut. gleichzeitig sind aber die meisten beiträge, was die p104|105 betrifft, auch überraschend verspielt, witzig, überbordend nervös, zynisch und wie gewohnt herrlich betriebsbashend und im jargon zeitgemäß, das macht ungeheuer freude beim lesen! desweiteren sauge ich nebenbei das neue werk „post corona“ von scott galloway auf, das aus der pandemiebuchblase (die natürlich erst platzt, wenn alle bestseller verkauft sind) positiv hervorsticht, was ich vom bald erscheinenden buch „open“ von johan norberg ebenfalls erhoffe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
oh, das wäre eine stelle aus meinem lieblingstext von bodo hell: „nicht in allen Weltgegenden benützt man Gabel und Messer, doch überall essen die Leute, so auch wir, mit dem Mund“ (auf seite 94 im buch „schöpfungszeiten – wie was zustande kommt“, 2000)
Vielen Dank für das Interview lieber Klammerzu Klammerauf, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Klammerzu Klammerauf_Schriftsteller
Foto_privat.
3.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Annerose, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt, nach anderthalb Jahren Corona, hat sich eigentlich kaum etwas verändert. Die ersten Wochen im Frühjahr 2020 mit Corona waren schon etwas beunruhigend, weil so wenig Fakten über das Virus bekannt waren, und auch Menschen in meiner Umgebung erkrankten und auch starben, leider. Das beschäftigt mich natürlich.
Da wir Autoren ja immer in aller Stille und allein wirken, ist der Tagesablauf überschaubar. Meine beste Schreibzeit ist am Morgen bis Mittag, gelegentlich auch bis in den späten Abend. Wenn Alltägliches dazwischen kommt, ändert sich der Rhythmus. Während der ersten Corona-Phase habe ich viel notiert, Filme gesehen und Musik gehört. Und es gab auch ein paar Veröffentlichungen in Anthologien.
Die schönste Entdeckung und Erfahrung dieser Zeit machte ich mit der russischen Sprache, die ich seit 2019 wieder intensiv lerne. Das hängt mit meinem nächsten Schreibprojekt zusammen. Was ich nie geglaubt hätte – heute lese ich russische Gedichte zum Beispiel von Lermontow, Jessenin, Zwetajewa, Tarkowski und anderen im Original und kann sehr gut mit den Übertragungen ins Deutsche vergleichen. Das Gehirn wird durchs Sprachenlernen aktiviert. Das ist großartig.
Durch Corona habe ich auch einen anderen Blick auf das Thema „Zeit“ bekommen, wenn es Zeit denn überhaupt gibt…? Die Erfahrung, wie die Natur uns reich beschenkt, wie die Stille eine besondere Harmonie vermittelt, wie man sich auf Wesentliches konzentrieren kann… Ich bin ein Mensch der Stille, das erlebe ich immer wieder. Sie ist notwendig, um Schreiben zu können.
Annerose Kirchner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns wichtig?
Die gesellschaftlichen Prozesse, Veränderungen und Einschnitte weltweit geschehen rasant. Was die Zukunft für Deutschland bringen wird? Als Schriftstellerin möchte ich auch in Zukunft wach bleiben, auch mit dem Blick zurück auf die eigene Vergangenheit. Ich bin ein positiv denkender Mensch, solidarisch, aber auch kritisch eingestellt, und denke, es gibt Hoffnung in der Welt. Es ist ja immer die Frage, ob man standhalten kann oder lieber flüchten will. Das Schreiben von Gedichten, das Lesen von Büchern, alles, was mit Kunst, Literatur und Musik zu tun, hilft dabei. Ich bin dankbar, dass ich diese, meine Arbeit, meine Berufung, ob Lyrik oder Prosa, ausüben kann, dass ich in Kontakt mit geschätzten Kollegen bin, dass ich wundervolle Bücher lesen kann. Überhaupt, jetzt im Alter spüre ich besonders, wie wichtig es ist, sich Welt intensiv aneignen zu können. Lesen und Schreiben lernen – das ist der Ursprung des Weges zu einem guten Leben, vielleicht. Und es gibt so viele Menschen auf der Welt, das klingt jetzt banal, die dieses Glück nicht erfahren können… Also: Wir sollten bei uns bleiben, aktiv und schöpferisch, das denke ich, ist das Wichtigste.
Was liest Du derzeit?
Mit dem Hinweis auf meine Beschäftigung mit der russischen Sprache, lese ich Bücher über ein schweres Thema: Stalinismus, Großer Terror, die Jahre 1937/1938 und später, Gulag… Die Literatur dazu ist vielfältig. Derzeit entdecke ich die im Geheimen verfassten Tagebuch-Notizen von Michail Prischwin. Als Ausgleich liegen der Roman „Unsichtbare Tinte“ von Patrick Modiano, der Band „Karst“ von Jan Röhnert und die neuen Gedichte von Lutz Seiler auf dem Schreibtisch.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wenn wir uns heute, den heutigen Nöten und Forderungen gegenüber, einigermaßen menschlich und anständig halten, wird auch die Zukunft menschlich sein können.“
(Aus: Hermann Hesse, „Lektüre für Minuten. Gedanken aus seinen Büchern und Briefen“, Suhrkamp Verlag, 1985)
Annerose Kirchner, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Annerose, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Daniela Mitterlehner_Schauspielerin_ am Romanschauplatz_Malina_Wien
Orte sind für mich immer etwas zum Kennenlernen, Entdecken. Ich verbinde sie ganz stark mit Reisen.
Ich fühle mich auch schnell an Orten zuhause, weil ich immer viel unterwegs war.
Ich habe viel Tourneetheater gemacht und dabei verschiedenste Orte kennengelernt. Das ist sehr spannend und ich möchte auch bald wieder auf Tournee gehen. Es gibt konkrete Pläne dafür.
Ich liebe Wien, es ist eines meiner Daheims (neben meiner Geburtsstadt Linz und der Stadt Leipzig, in der ich aktuell lebe), ich habe lange hier gewohnt, immer liebend gerne. Es ist eine wunderschöne Stadt.
Ein Großteil meiner Freude lebt in Wien, dieser kulturell unglaublich tollen Stadt. Ich liebe den Wiener Schmäh, den Humor und habe hier auch für mehrere Kabarett-Programme Regie geführt. Ich mag die Mehlspeisen (lacht).
An vertrauten Orten, versuche ich, Menschen wiederzusehen und schöne Erinnerungen aufleben zu lassen, die mich wieder an diese Orte führen.
Neue Orte entdecke ich meist, indem ich vom Bahnhof rausgehe und mich dann immer geradeaus halte. Die meisten Städte, besonders in Deutschland, sind so angelegt, dass der Weg vom Bahnhof direkt in die Innenstadt führt. Da braucht es auch kein Fragen, sondern ich lasse mich da von meinem Gefühl leiten und wenn mich eine Gasse anspricht, spaziere ich da durch. Am besten einen Tag lang spazieren und einfach schauen in einer neuen Stadt (lacht).
Mich interessieren die Sehenswürdigkeiten in einer Stadt, die ich noch nicht kenne, aber mehr noch wie die Menschen leben und wie die normalen Gassen der Stadt aussehen.
Die Verbindung zu Menschen – auch an entfernten Orten – ist für mich stark mit direktem Kontakt, Reisebesuchen, verbunden. Ich war vor Corona oft hier in Wien und in Linz, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Dann waren es Telefongespräche, Verbindung über soziale Medien, die Besuche ersetzen mussten, aber den Kontakt hielten. Das war auch ein gegenseitiges Energiegeben. Ein Motivieren durchzuhalten. Einfach trotzdem füreinander da sein und Teil des Lebens der jeweils anderen Person bleiben.
Bei richtig guten Freunden ist es egal wie lange man sich nicht gesehen hat. Man trifft sich und es kommt einem vor, es wäre gestern gewesen als man sich zuletzt gesehen hat. Und man knüpft wieder an, das ist das Schönste (lacht).
Ich telefoniere auch gerne vor beruflichen Entscheidungen mit einer guten Freundin. Es ist hilfreich und gut da einen Austausch zu haben, auch mit jemandem, der nicht in der Kunst tätig ist.
Ingeborg Bachmann ist eine unglaublich beeindruckende Frau und Schriftstellerin. Ich mag ihre Sprache sehr.
Kunst führt für mich mehr zu sich selbst als dass man sich von sich selbst entfernt. Die Erarbeitung einer Rolle und deren Umfeld ist immer auch eine Selbstreflexion. Ich stelle mir immer auch die Frage: „Was habe ich mit dieser Person gemeinsam?“ Der Anspruch des Verstehens einer Rolle ist immer auch ein Blick in den Spiegel.
Reflexion ist im Theater und Schauspiel allgemein sehr wichtig, um sich nicht zu verlieren, die Bodenhaftung zu verlieren. Das ist etwa der Fall, wenn es Rollenabsagen oder auch viele Angebote gibt.
Der Weg zum Schauspiel – da gibt es tausend Möglichkeiten.
Ich habe mit sechszehn Jahren am Linzer Landestheater in einer der Jugendgruppen begonnen zu spielen und auch selbst Texte geschrieben. Und dann war es für mich sehr schnell klar, dass es das ist, was ich mein Leben lang machen will. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. In jedem anderen Beruf würde ich wahrscheinlich irgendwann krank und traurig werden, weil mir das Spielen und die Menschen im Theater und beim Film fehlen würden. Das würde ich gern verhindern (lacht).
Meine erste Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule klappte nicht, da ich frisch verliebt und mein Kopf ganz woanders war (lacht). Ich begann dann ein „Vernunftstudium“, habe aber ständig nebenbei gespielt, Workshops besucht, Privatlehrer gehabt, Veranstaltungen moderiert, Jonglageshows gemacht und alles getan, um zur Bühne zu kommen. Und dann mit 25 Jahren – einem Alter, in dem man an den meisten Schauspielschulen schon nicht mehr genommen wird – ergab sich durch einen Workshop die Möglichkeit, doch noch eine Schauspielausbildung zu machen – sogar mit staatlich anerkanntem Abschluss – und ich habe sofort alles hingeschmissen und mich ganz ins Schauspiel gestürzt. Ich habe das bisher keinen Tag bereut. Ich hatte auch das Glück, dass es nach der Ausbildung sehr schnell gut weiterging und ich davon leben konnte.
Ich bin von Linz nach Wien gezogen, um hier zu studieren, aber auch weil mich diese tolle Stadt einfach angezogen hat und habe hier auch die Schauspielschule besucht und bin dann noch einige Jahre geblieben. Natürlich gibt es in Wien viele Schauspielerinnen und Schauspieler und ich habe mich dann im ganzen deutschsprachigen Raum beworben. Ich habe viele Engagements in Deutschland bekommen und pendelte erstmal, bis ich nach Deutschland, jetzt Leipzig, zog. Ich habe da sehr viel mit der Kulturschule Leipzig, einem Kinder- und Jugendtheater, zusammengearbeitet und war etwa mit dem Stück „Ich.Anne“ auf Tourneereise an Schulen. In dem Stück hatte ich die Ehre, Anne Frank zu spielen. Auch Präventionstheater war da ein Schwerpunkt. Leipzig ist auch eine schöne Stadt und die Leute sind sehr gut gelaunt (lacht). Ich war aber auch mit anderen Tourneetheatern in ganz Österreich und ganz Deutschland unterwegs.
Der Roman Malina thematisiert das Leben, die Position der Frau in einer Männerwelt. Kann man sich als Frau da behaupten? In den 1960/70er geschrieben, ist das auch heute noch ein Thema. Es gibt noch viel zu tun und zu überwinden, aber ich denke, dass sich da auch hoffentlich noch ganz viel ändern wird.
Bei mir persönlich war die Position Frau/Mann beruflich nicht so ein Thema bisher. Ich verdiente etwa immer dasselbe wie meine Kollegen. Auch privat hatte ich selten mit dem Thema zu kämpfen, aber ich kriege rundherum sehr viel mit, was anderen Frauen passiert und bin darüber häufig ganz schön schockiert. In der Schulzeit begegnete mir mal ein Lehrer der sagte, das Fach Informatik wäre nichts für Frauen. So etwas weckt bei mir immer meinen Ehrgeiz und nach einem halben Jahr sagte er das nicht mehr (lacht). Auch so sind mir ab und zu mal Machos begegnet, aber zum Glück recht selten und ich wurde im Normalfall ganz gut mit ihnen fertig. (lacht) Was mir manchmal auffällt ist die Dreistigkeit mancher Männer in den sozialen Medien.
Das Thema Vernunft und Sehnsucht ist auch ein wesentliches Thema des Romans. Und wem ist da zu folgen? Malina oder Ivan?
Malina ist Mitbewohner, bester Freund, Supporter, der ihr hilft, ihr beisteht, mit dem sie über ihre Probleme reden kann, der sie aber auch nicht zu100 % versteht, wie auch, ihr Problem ist ja jenes einer Frau in einer Männerwelt, unter anderem, neben vielen Problemfeldern.
Malina ist die emotionale, positive Komponente. Aber da ist auch eine Strenge.
Ivan, da ist große Sehnsucht und Begehren, wie das Scheitern daran.
Ivan ist ein unerreichbares Wunschziel, das sie ständig vor Augen hat. Das ist ein kleines Bisschen vergleichbar mit einer Sachertorte in einer Vitrine, deren Schlüssel jemand weggeworfen hat. Und ich als Naschkatze sitze davor und komme nicht dran. (lacht)
Ivan macht es ihr nicht leicht. Er kann nicht aus seiner Haut wie sie nicht aus ihrer kann.
Es ist ein so großes Verlangen nach Ivan und sie kann über Alternativen nicht nachdenken.
Sie bekommt nicht das zurück, was sie Ivan gibt.
Wenn man merkt, dass man in einer Situation nicht glücklich werden kann, sollte man diese ändern. Auch wenn eine Änderung erstmal weh tut, irgendwann hört der Schmerz auf und die neue Situation ist dann hoffentlich viel besser als die vorige und bietet neue Möglichkeiten. Und wenn nicht, wird es eben Zeit, nach einer weiteren Alternative zu suchen.
Es ist für viele schon schwer einen ungeliebten Job aufzugeben und bei einer hochemotionalen Beziehung ist es natürlich doppelt schwer.
Ihr Ausweg ist Ausweglosigkeit. Es geht in Richtung Selbstmord.
Ich bin ein Mensch, der immer Auswege, Möglichkeiten zu sehen und zu gehen sucht und versucht, immer auch das Gute und Schöne zu sehen und wenn noch kein neuer Weg da ist, dann muss man sich eben einen schaffen. Wenn man wirklich will und mit ein Bisschen Optimismus an die Sache geht, dann gelingt das in den meisten Fällen.
Im Normalfall kann man heute sozial gesehen, persönlich wie gesellschaftlich, eine Beziehung auch beenden. Das ist anders als vor 50 Jahren mit den vielen noch größeren sozialen Abhängigkeiten.
Die Partner/innenauswahl ist heute ungleich größer, was es auch schwieriger machen kann. Das wirkt sich auch auf die Problemlösungsfähigkeit in einer Beziehung und den Willen dazu aus. Man „wischt“ da schnell weiter.
Daniela Mitterlehner_Schauspielerin_ am Romanschauplatz_Malina_Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt: