„The outlook for live performance is bleak….but stay positive!“ Deborah J.Gzesh, Schauspielerin_Wien 3.11.2021

Liebe Deborah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Up around 7, 7:30….coffee and exercise. I do a combination of my life saving back exercises and a wide repertoire of dance, yoga, Feldenkrais and miscellaneous movement techniques which I have incorporated over the last five decades. Since my kids are grown, I can take the time for myself until I have to be at a rehearsal or performance. I spend the days I’m not working, swimming, walking, cooking, gardening and once in awhile babysitting…a lot of family, real retiree stuff. I try to avoid cleaning the house but am not always successful. Free evenings are spent with friends, partner, eating, drinking, going to films, theater, performances, when not in lockdown mode. In lockdown, the circle shrinks… maybe a film (rarely theater) online. Not too exciting, is it? But I prefer my drama onstage. Real life drama comes of its own accord.

Deborah J.Gzesh _ Schauspielerin, Sängerin, Produktionsleiterin, culture manager

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

We must remain positive and not become mired in cynicism and intolerance. Social media has made it so easy for every crackpot and fanatic to spew their nonsense and hate.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Music, theater, art can be powerful influences if people and especially young people are exposed to it….especially live performance for which there is no substitute! I’m afraid however,that the mainstream is generally lazy and except for small pockets of rebellious youth and old hippies, most folks will end up resorting to digital enter- and infotainment. The outlook for live performance is bleak….but stay positive! (I think that’s perhaps too cynical…I know. No one said it was easy.)

Deborah J.Gzesh _ Odeon Theater Wien

Was liest Du derzeit?

Just finished „Goya“ by Lion Feuchtwanger….Now I’m trying to read „Sophies Welt“ again….but I’m very impatient.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

I don’t like quotes, however….Rabbi Hillel got it when he said, „If I am not for myself, who will be for me? If I am only for myself, what am I? And if not now, when?“ The basic precept of individual and communal responsibility.

Deborah J.Gzesh _ Odeon Theater Wien

Vielen Dank für das Interview liebe Deborah, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Deborah J.Gzesh _ Schauspielerin, Sängerin, Produktionsleiterin, culture manager

Fotos_privat.

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was verbindet uns? Was ist Menschlichkeit?“ Lisa-Marie Rettenbacher, Schauspielerin_Wien 2.11.2021

Liebe Lisa-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan habe ich jeden Abend Vorstellung, das heißt ich brauche den Schlaf am nächsten Morgen. Gern auch mal ein wenig länger. Nach dem Aufstehen mache ich Yoga und lese ein wenig. Mir ist es sehr wichtig, nicht als Erstes aufs Handy zu schauen, sondern den Tag mit realen Dingen zu beginnen. Unter Tags versuche ich sehr auf meinen Körper zu hören. Braucht er noch etwas Ruhe bevor es abends wieder in Theater geht? Oder ist eine Einheit im Fitnessstudio genau das Richtige? Der Körper zeigt Einem eigentlich immer sehr deutlich was er möchte und braucht – man muss nur hinhören. Gegen 17 Uhr gehe ich ins Deutsche Theater und bereite mich auf die Vorstellung vor.

Lisa-Marie Rettenbacher, Schauspielerin, Choreographin, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es schwierig eine generell geltende Aussage über „Alle“ zu treffen. Ich bin der Meinung, dass die Achtsamkeit im eigenen Leben das Wichtigste ist und auch das Einzige was man wirklich verändern kann. Deshalb würde ich die Frage gerne in „Was ist für mich besonders wichtig?“ ändern. Mir ist besonders wichtig, dass ich mit Umsicht und Achtsamkeit durchs Leben gehe und auch so meinen Mitmenschen begegne. In Zeiten der Spaltung und Hetzte möchte ich lieber nach verbindenden Dingen suchen, als weiter eine Polarität zu schaffen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Auch hier gilt meiner Meinung nach, dass nur im Persönlichen ein Neubeginn entstehen kann. Hat man den für sich definiert und beginnt den Weg reflektiert zu gehen, dann beeinflusst das unausweichlich die Gesellschaft. Wesentlich dabei finde ich, dass man an den Ursprung zurückdenkt. Was verbindet uns? Was ist Menschlichkeit? Für was möchte ich im Leben stehen („Ich“ nicht im Sinne des Ego-Gedankens). Theater war jeher ein Spiegel der nicht unbedingt zeigt, was ein Jeder sehen will. Kunst darf und muss frei von vorgefertigten Meinungen sein. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Theater das auch weiterhin tun darf.

Was liest Du derzeit?

„Die Katze des Dalai Lama“ von David Michie

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Energie folgt immer der Aufmerksamkeit

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa-Marie Rettenbacher, Schauspielerin, Choreographin, Autorin

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28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Auf den Punkt gebracht: Kulturschaffende können sterben gehen“ Alex Yoshii, Musiker _ Wien 1.11.2021

Lieber Alex, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ganz normal – als alleinerziehender Vater war es auch schon vor Corona nicht weit her mit Sex, Drugs & Rock n‘ Roll. Der Wecker läutet wie immer.

Alex Yoshii, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Perspektive nicht zu verlieren. Die Pandemie wird irgendwann zur Endemie werden und das Leben geht weiter. Wir müssen uns allmählich auch wieder um andere Themen kümmern. Es gibt da so ein paar unwesentliche Kleinigkeiten wie z.B. die Klimakatastrophe…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Was in den letzten zwei Jahren überdeutlich klar wurde, ist der tatsächliche Stellenwert von Kunst und Kultur in der selbsternannten Kulturnation Österreich. Auf den Punkt gebracht: Kulturschaffende können sterben gehen, ausgenommen die großen/hochsubventionierten Häuser am Ring. Das ist ein sehr wichtiges Learning für uns alle.

Was liest Du derzeit?

Chrissie Hyndes Autobiographie „Reckless“ und „Elasphera“ von Jannis Raptis.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Thought is the enemy of flow“ (Vinnie Colaiuta)

Vielen Dank für das Interview lieber Alex, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Alex Yoshii, Musiker

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28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es geht wieder um das Menschsein“ Eva Maria Neubauer, Schauspielerin_Station bei Ilse Aichinger _ Wien 1.11.2021

Eva Maria Neubauer_Schauspielerin, Sängerin_Wien_
am Lebensort Ilse Aichingers (1921 – 2016), Schriftstellerin_in Wien

Schönen guten Morgen im strahlenden Sonnenschein, liebe Eva Maria Neubauer, Schauspielerin, Sängerin, hier am Lebensort der Schriftstellerin Ilse Aichinger (*1.11.1921 +16.11.2016) in Wien in den so dramatischen  Lebensjahren 1930-45.

Wir stehen jetzt hier in Sonne und Wind am Balkon des Wohnhauses von Ilse Aichinger. Inwieweit bist Du in Deiner künstlerischen Arbeit mit Leben und Werk Ilse Aichingers bisher in Berührung gekommen?

Ein wenig, würde ich sagen. Ihre Biografie und ihr Werk sind mir skizzenhaft vertraut und es berührt mich auch sehr. Ihr Leben als Überleben in den 1930/1940 Jahren ist auch mir in meiner Familie vertraut.

Du wohnst hier in unmittelbarer Nähe. Welche Bezüge gibt es zum Lebensbereich unserer Stadt hier?

Ich wohne hier im angrenzenden V.Bezirk. Es ist einfach sehr bunt hier, viel buntes Leben. Der Naschmarkt ist da so eine Lebensmitte von Vielfalt und Begegnung. Es sind so viele Sprachen, Kulturen zu hören, zu sehen; es ist unkonventionell, pures Leben, ich bin wahnsinnig gerne da.

Für das Stadtareal am Naschmarkt gibt es ja derzeit Veränderungspläne. Ich kann dem viel abgewinnen, aber es sollte sinnvoll und im Dialog mit den Menschen hier passieren. Begegnung sollte im Vordergrund stehen, nicht solche designten Konsumstätten wie eine überdachte Markthalle. Auch der Flohmarkt darf da nicht verbannt werden, gerade in einer Zeit, in der wir wieder lernen müssen, einander zu begegnen und auch sozial zu interagieren, etwa zu tauschen. Und da ist es wertvoll solche Möglichkeiten in einer Stadt zu haben.

Und dass es echte Begegnungsmöglichkeiten von allen Altersgruppen gibt. Ungeregeltes Leben ohne Konsumzwang eben.

Ilse Aichinger sagte, dass Sie über das Aufschreiben des Erlebten – besonders auch in der Zeit hier im Haus, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester bei der Großmutter lebte –  zum Schreiben, der Literatur gekommen ist.

Wie wichtig ist auch für dich der Zugang zur Kunst als gleichsam kritischer Zeitzeugenbericht? Ist das ein wesentliches Momentum?

In der Erarbeitung einer Rolle, wenn man sich so hineinfallen lässt in eine persona, eine Stimmung, in Emotionen, Gedanken, die ja nicht unbedingt die eigenen sind, da hilft es zunächst mal, das „sacken“ zu lassen. Es hilft, wenn man offen ist und auch Räume wirken lässt, für das was gerade ist. Da kann etwas von Geist, Leben einer Person überspringen. Da ist man dann nicht mehr der Kreator sondern der Überbringer, ein Instrument. Dieser Zugang zu einer Rolle gefällt mir sehr.

Wie darf man sich dieses Aufnehmen, Verarbeiten von Atmosphäre, Stimmung und Darstellen im künstlerischen Prozess vorstellen?

Natürlich gibt es einen Text, an den ist man ja mehr oder weniger gebunden. Wenn der Text jetzt autobiografisch ist, dann spürt man ja die Person stark durch. Wenn der Text von jemand anders geschrieben ist, versuche ich an die beschriebene Figur im Fühlen der Stimmung heranzukommen. Natürlich lese ich auch Biografisches und schreibe mir etwas auf, um mehr zu erfahren, das hilft. Das ist aber eher skizzenhaft, farbenhaft, bruchstückhaft. Manchmal gehe ich auch durch die Stadt. Ich flaniere da gerne und schaue was kommt oder hereinfällt (lacht).

Was ist der künstlerische Impuls im Über- und Weiterleben in so dramatischen Biografien?

Dieser Sendungsdrang – ich will, dass Leute wissen was ist, was war – das spüre ich auch sehr stark in mir. Diesen Auftrag, dass, wenn man schon Zeuge ist oder war, dann hat man auch eine Verantwortung das  weiter zu tragen, und in diesem Fall, dass es sich nicht wiederholt.

Hier in diesem Haus wurde die Großmutter von Ilse Aichinger vor ihren Augen 1938 deportiert und schließlich ermordet. Wie ist es möglich dies persönlich und künstlerisch zu verarbeiten?

Das frage ich mich immer wieder, etwa auch bei Viktor E.Frankl, wie dieser Weg durch die Hölle, durch den Tod, durch das gebrochene Herz, wieder zu einem lebensbejahenden wird.

Das ist ein Prozess, den man sich nicht aussuchen kann. Ich denke der Lebenswille ist sehr stark im Menschen, im Tier, das ist ein unbändiger Drang.

Den Auftrag zu erzählen was geschah und doch das Leben genießen zu können, das ist ein Kunststück, ein Lebenskunststück für sich.

Ist das autobiographische Berichten, Erzählen immer notwendiger Teil eines österreichischen Künstler*in Lebens?

Das könnte ich so nicht sagen. Aber Kunst ist für mich persönlich, immer ein Umgang auch mit den Traumata der eigenen Biografie; mit der Lebensgeschichte zurecht- und wieder in den Fluss zu kommen. Es ist ein Weg, aber ich weiß nicht, ob es für alle so ist.

Ilse Aichinger hat zeitlebens ein offenes Wort gewählt. Wie wichtig ist diese Authentizität im künstlerischen Dasein?

Das ,,sich selbst treu sein’’, treu und ehrlich bleiben, ist ganz ganz wichtig. Was ja in einer freien Gesellschaft möglich ist ohne die Existenz zu verlieren oder ausgegrenzt zu werden. Aber mitzuspielen wenn es keine freie Meinungsäußerung mehr gibt oder von Medien und Politik ein Klima der Zensur und Bestrafung geschaffen wird, ist zwar verständlich, aber eigentlich eines Künstlers nicht würdig. Dann ist das anbiedernde, gekaufte Systemkunst, Künstler an der Leine. Wir haben das in der DDR gesehen, kennen das aus dem Faschismus. Heute haben wir ähnliche Tendenzen: Es gibt eine von Medien und Politik statuierte Erzählung, der zwar widersprochen werden kann, aber dann gibt’s halt keinen Folgeauftrag mehr. Die Arbeits- und Lebensbedingungen innerhalb so einer Gesellschaft, die sich auf eine einzige Erzählung einigt, werden so stark verengt, dass es sich nicht mehr ausgeht anders zu denken oder zu handeln. Das ist keine freie Gesellschaft auf die wir Jahrzehnte lang stolz waren.

Das offene Wort kann sich nur der leisten der in einem toleranten , offenen und echt empathischen Umfeld lebt.

Wir sind hier unmittelbar im Lebensraum Ilse Aichingers, der ja auch literarischer Werkraum ist. Welche Impulse gibt es hier für Dich zu künstlerischen Zugängen zu ihr?

Ihr Leben, ihr Wesen spricht mich sehr an. Auch ihre Zartheit und Dezenz, mit der sie das rüberbringt wie es wirklich war, ohne den Faustschlag auf den Tisch.

Ich habe „Anna und Anna“ von Hilde Spiel gemeinsam mit meiner Schwester gespielt. Ich war diejenige, die nach England ging, und meine Schwester diejenige, die in Wien blieb. Ilse Aichinger hatte ja eine Zwillingsschwester, Helga, die nach England ging und sie blieb zurück. Da ist dieses „Ein-Teil-Von-Mir“ geht weg, ein Teil der mir sehr lieb ist… und vielleicht auf nimmer Wiedersehen. Es war ja in dieser Zeit immer sehr knapp und ungewiss, ob es ein Wiedersehen geben wird oder nicht.

Wie war der künstlerische Prozess im Thema für Dich persönlich im Spiel mit Deiner Schwester?

Für mich war es sehr interessant. Auch weil meine Schwester vor mir Schauspielerin war und dann war es in meiner künstlerischen Biografie für mich auch ein Prozess des Abnabelns von dem Bild was Schauspielerei für mich war. Und das konnte ich nur ganz in mir finden, weil ich meine Schwester sehr bewundert habe. Aber meine Herangehensweise ist eine ganz andere. Nicht weniger erfüllt und ganz, nur anders. Das war ein Prozess, der nicht leicht war, aber es ist geglückt. Und es war eine wirklich schöne Erfahrung.

Wie darf man sich den künstlerischen Austausch als Geschwister, auch die Schwester von Ilse Aichinger war ja Schriftstellerin, vorstellen?

Ich bin immer von der Verve, der Wucht, mit der meine Schwester an Rollen herangeht, fasziniert gewesen. Wie ich begonnen habe, habe ich gemerkt, ich mache das ganz anders. Aufgrund dessen, dass meine Schwester dann nicht mehr in Wien war, war der künstlerische Austausch nicht da und ich habe mich sehr selbständig, eigenständig entwickelt. Heute haben wir großen Respekt voreinander.

Wir sind hier im Haus einer Kindheit. Was nimmt man aus diesem Haus in einem künstlerischen Beruf generell mit?

Bei uns war die Musik ein häuslicher Schwerpunkt. Mein Vater hat Klavier und Geige gespielt, meine Schwester Klavier, ich Geige, meine kleine Schwester Flöte, meine Mutter hat gesungen, meine Eltern wollten beide Sänger werden, konnten es aber nicht.  

Da mein Vater sehr viel älter als meine Mutter war und ich ihn mit neunzehn Jahren verloren habe, war es ein ständiges Auseinandersetzen mit dem Tod seit ich „bewusstes Kind“ war. Das hat mich schon geprägt in meiner Art wie ich Dinge anschaue und erfühle, und welche Mechanismen da hochkommen, wie ich versucht habe zu verhindern, dass mein Vater stirbt, was aufgrund seines hohen Alters jederzeit passieren konnte. Das hat mich schon geprägt, auch bei Rollen.

Es passiert ganz unbewusst, dass man besetzt wird, für etwas, das man in sich trägt. Wo man den Hang oder auch die Erfahrung dazu hat. Das habe ich ganz oft erlebt. Das ist nicht so ein „out of the blue“.

Oft wenn ich besetzt oder für eine Rolle gefragt wurde, dann hatte das sehr stark mit mir selbst zu tun. Besonders bei Regisseuren, Produzenten, die ein starkes Bauchgefühl hatten und gespürt haben, ohne viel von meiner Biografie zu wissen.

Ein Haus der Kindheit wie dieses hier hat einen spezifischen Grundriss von Lebensräumen, Wänden, Licht, Schatten. Ist die künstlerische Arbeit auch eine Arbeit an diesen frühen Erfahrungen?

Ich bin in Wien geboren, dann waren wir die ersten Jahre in Triest und als wir wieder zurückkamen, zogen wir in ein modernes Haus mit Garten in Pötzleinsdorf, da war viel Natur und Freiheit.

Aber aufgrund meiner Zeit in Triest haben sich diese historischen Häuser wie dieses hier, diese Patina, bei mir eingebrannt. Ich wohne auch jetzt in einem Biedermeier Haus und merke, ich brauche diese Mischung. Diese Schönheit alter Bauwerke, in denen all die Energie und Zeit zu spüren ist und gleichzeitig dieses Gefühl von Vergänglichkeit. Das hat etwas Melancholisches und das kenne ich aus meiner Kindheit. Es ist ein Stück Heimat für mich.

Wie geht man dann in Lebensphasen mit diesen Räumen, auch Gedankenräumen, um und macht diese bewohnbar?

Bewusst lässt man es hinter sich und merkt gar nicht, wie sich das Unbewusste dann aufdrängt. Durch Gerüche – etwa Feigenduft, da bin ich selig (lacht). Ich habe einfach eine größere Affinität zu alten Gemäuern. Da ist schon etwas gewesen, das vergangen ist. Es kommt nicht mehr aber es bereichert das Jetzt.

Wie geht man wie Ilse Aichinger hier vom Haus der Kindheit in das Haus des Lebens hinein mit all den Erfahrungen?

Schwer zu sagen. Zuerst mit vollem Schwung und wehenden Fahnen und dann merkt man vielleicht, dass die Vergangenheit, das was man erlebt hat, als Rucksack da ist. Und spürt das Gewicht und fängt an sich damit zu beschäftigen. Auch Beziehungen anzuschauen, wie man mit Menschen ist, wie mit sich selbst. Und vielleicht heraus zu dividieren, was ist jetzt wirklich mein Seelenauftrag und was ist das, was ich noch lösen muss, damit ich meinen Seelenauftrag erfüllen kann.

Welche Bedeutung hat die Literatur für das Theater?

Die Literatur ist da einer der wichtigsten Bausteine. Die Worte, wie sie gewählt sind, was sie ausdrücken, was für ein Geist dahintersteht… in allen Belangen ist das bedeutsam.

Ich will von Literatur berührt werden und dass Räume, Welten aufgehen, die ich so in meinem Alltagsleben gar nicht schaffe zu öffnen.

Welche Eindrücke hast Du jetzt vom Haus hier gewonnen?

Es verbindet Altes und Neues und dieser Wandel ist spürbar, im Haus und auch in der Umgebung hier (Anm: Ausbau der Technischen Universität Wien). Es ist auch sehr funktional und es wird viel daran gebaut. Auch ein Bild der Zeit (lacht).

Welche persönliche Bedeutung hat die Kenntnis des Fundamentes österreichischer Geschichte und Gegenwart?

Es ist wichtig darüber zu erfahren, zu lesen. Das ist ein Instrument, um zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu kommen.

Man kann Erfahrungen, die man selber oder die Ahnen früher hatten, vergleichen mit dem Heute. Ohne sie gleichzusetzen.

Diesen Vergleich, das ,, In Relation Setzen’’ finde ich aber wichtig, um auch Gegenwart bewerten zu können. Gerade in dieser Krise halte ich das für sehr wichtig. Sonst fehlen uns die Parameter zum Verstehen und uns dazu zu Verhalten.

Wir stehen hier im Spiel von Licht und Schatten der Herbstsonne. Wie kann der Mensch einen guten Zu- und Umgang mit Licht/Schatten eines Lebens, einer Zeit finden?

Mir geht es so, dass ich in den letzten eineinhalb Jahren sehr verzweifelt war, was da passiert mit den Menschen. Wie gespalten, blind und oft nicht mehr zugänglich. Und dann steige ich wieder auf mein Rad, spüre die Sonne und den Wind – es kann nichts Schöneres geben (lacht). Das brauche ich auch, sonst würde ich das, was ich mir bewusst anschaue und wo ich mich jetzt engagiere, gar nicht schaffen – wenn ich es nicht balancieren könnte mit etwas Gutem, Leichtem…

Das kann ich zum Glück- sehen was gut ist und was vielleicht nach diesem Umbruch Neues, Lebenswertes kommt.

Was ich an Schönem, auch sinnlich spüre, macht es mir möglich mich in die Schatten zu wagen. In die kollektiven und die eigenen.

Du hast die bunte pulsierende Welt hier in diesem Lebensraum Wiens hervorgehoben. Wie wichtig ist dies auch in dieser Zeit und Deinem Beruf?

Ganz wichtig, essentiell würde ich sagen. Weil nur ein freier, belebter Geist, eine freie, durchdrungene Seele kann im besten Sinn Künstler*in sein und das ausdrücken, was ein Kollektiv bereichern kann.

Über den eigenen Schatten zu wachsen, ist entscheidend, um nicht im eigenen Ego, dem Narzissmus zu verharren als Künstler*in. Aber auch über die Schatten des Kollektiven Bescheid zu wissen – was ist jetzt dran, welches Stück will ich jetzt spielen, was ausdrücken?  Auch gerade gesellschaftlich – wonach ruft es momentan?

Ein Theaterstück zeigt ja immer eine Entwicklung und kann ein Wegweiser sein, wo es hingeht für uns alle.

Wie ist für dich als Schauspielerin der Zugang zu einem Lebensstoff wie jenem hier im Haus?

Das Leid und die Enge, die Not, vielleicht sogar die Lebensbedrohung darzustellen, das ist eigentlich etwas, was ich innerlich ganz stark spüren kann. Weil ich schon oft durch eigene Täler gegangen bin, spüre ich auch die wahnsinnige Erleichterung, wenn es vorbei ist. Die Befreiung, wenn es vielleicht doch nur ein Traum war und eine Besinnung stattfindet.

Wie siehst Du die Bedeutung des Werkes Ilse Aichingers für Österreich und Wien?

Sehr wichtig als künstlerisches Zeitzeugenwerk- und zu sehen, was es heute bedeutet.

Es geht wieder um das Menschsein. Deswegen ist es hilfreich von dieser Erfahrung der Geschichte auszugehen.

Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger haben heute viel zu sagen.

Es sind große Kräfte zu spüren in unserer Zeit. Sich nicht mitziehen zu lassen, ist oft schwer. Ich bin sehr empathisch. Und mich berührt und bedrückt, wenn Zartes nicht wahrgenommen oder wenn da einfach drübergefahren wird.

Aber wenn der Sturm vorbei ist, liegt alles neu da. Daran glaube ich ganz fest.

Was schätzt Du an Wien?

Wien ist meine Stadt. Ich sage oft, es ist meine Stadt, daher muss ich mich auch kümmern, um meine Stadt (lacht).

Für mich ist Wien diese gute Mischung von Bewegung und Vergangenheit.

Manchmal ist Wien etwas zu träge, zu ambivalent – „ja,  wird schon m… jein… kannst eh nix machen“. Wenn das Ausdruck von Verschieben oder Wegschauen ist, und nicht von wienerischer Gelassenheit, dann ist das schwierig für mich.

Wien, Österreich hat schon ganz tolle Qualitäten, die wir jetzt hochleben lassen sollten – das Füreinander-Da-Sein.

Das Ausgrenzen Andersdenkender, das sogenannte als ,,Asozial’’ Erklären oder das heute oft salopp gelabelte ,,Unsolidarisch’’, wurde auch in der damaligen Zeit verwendet und missbraucht. Da müssen wir in der Gegenwart aufpassen.

Wie gehst Du auf die Jahreszeiten in einer Stadt zu und lebst diese?

Also wenn es so ein schöner Tag wie heute ist, das ist im Hochsommer anders, aber im Herbst und Winter hat das eine andere Dringlichkeit – da muss man raus (lacht).

Ich kann mittlerweile aber auch gut an einem sonnigen Tag zu Hause sein und genießen. Die Sonne färbt den Raum, das macht Stimmung.

Was möchtest Du Ilse Aichinger sagen?

Das was Du – wenn ich per Du wäre-  durchlebt hast und wovon Du berichtest hast, das ist auch nach wie vor ein Auftrag für uns, es ins Heute zu übersetzen.

Ilse Aichinger war mit Ingeborg Bachmann befreundet und es gab viele gemeinsame Stationen, Etappen. Wie wichtig sind Freundschaften im Kunstbereich?

Freundschaften sind im Allgemeinen unentbehrlich. Im Kunstbereich ist es Nahrung und Inspiration  zum Kreieren. Ich arbeite derzeit mit wunderbaren Musikern und Künstlern zusammen.

Die Auseinandersetzung, der Austausch mit anderen ist das tägliche Brot. Wenn das jetzt nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen möglich ist, ist es für eine Kulturlandschaft ein riesiger Schaden.

Ich glaube, die Kunst ist frei – Muss frei sein von political correctness oder einer äusseren Moral. Und Künstler*innen müssen frei bleiben…müssen sagen können und sein können was sie sind, wozu sie stehen. Selbst wenn das von Politik und Medien nicht gern gesehen ist.

Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann haben sich auch ermutigt in herausfordernden Zeiten. Wie ist das heute im Kunstbereich?

Es ist wichtig Gleichgesinnte zu treffen und mit Ihnen ohne Tabus oder Verurteilungen zu arbeiten. Wo ein freier, fördernder Geist wohnt, da gibt es spontane Einfälle, neuen Ausdruck und das bereichert und erweitert- ändert auch eine Kunstlandschaft.

Ich liebe es von Menschen zu lernen. Von wahrer Autorität etwas abzuschauen, sie zu befragen. Wer das ist, das muss aber ich selbst für mich bestimmen.

Schreibst Du auch?

Ich schreibe Songtexte, an eigenen Liedern.

Was sind Inhalte Deiner Lieder?

Es geht meist um den individuellen Weg, den man beschreiten soll, will, kann, darf. Es geht dabei um die Individuation des Menschseins aber auch um den spirituellen Aspekt – wir sind mehr als nur der Körper.

Und natürlich – Freude!

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne in der Musik?

Momentan mache ich im Team mit  Musikern ein Projekt mit französischen und italienischen Liedern – „Canzoni und chansons“ – und auch einige meiner Lieder wollen wir neu arrangieren. Wenn es gut läuft, wollen wir es ausbauen. Wollen sehen wie es sich anfühlt und ob es auch gemocht wird.

Gibt es schon Auftrittspläne?

Wir haben jetzt für 17.November einen Auftritt im Kulturverein „Frau Maier“  in Wien geplant. Das wird unsere Premiere (lacht). Alles Weitere ist noch nicht fix.

Viel Freude und Erfolg, liebe Eva Maria, für dieses wunderbare, auch kulturverbindende, Wiener Musikprojekt! Herzlichen Dank für das Gespräch und Deine Zeit hier bei Ilse Aichinger!

Eva Maria Neubauer_Schauspielerin, Sängerin_Wien_
am Lebensort Ilse Aichingers (1921 – 2016), Schriftstellerin_in Wien

100.Geburtstag von Ilse Aichinger (1921 – 2016), Schriftstellerin, Wien.

Im Gespräch und Fotoporträt:

Eva Maria Neubauer_Schauspielerin, Sängerin_Wien

http://www.evamarianeubauer.com/

Station bei Ilse Aichinger_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

„Kunst müsste mit größerem Selbstbewusstsein auftreten“ Simon Konttas, Schriftsteller _ Wien 31.10.2021

Lieber Simon, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf schaut meistens ziemlich gleich aus; ich bin ein (vielleicht zu?) regelmäßig lebender Mensch. Was schon so Vorteile hat; was mich aber auch manchmal stört, weil ich mir dann recht neurotisch vorkomme ….

Na ja! Ich stehe meist so gegen 6.30 auf. Schlafen gehe ich meist so gegen 23.15. In der Früh trinke ich dann Kaffee, esse ein bisschen was; nach den üblichen Morgenverrichtungen, auch am stillen Örtchen, beginne ich zu schreiben, wenn ich gerade etwas in Arbeit habe; wirklich geistig tätig sein kann ich nur am Vormittag. Ich esse regelmäßig zu Mittag (wenn es sich nur ausgeht!). Am Nachmittag erledige ich Papierkram, bereite meine Texte vor, telefoniere, schreibe Mails usw.; am späteren Nachmittag bin ich geistig wieder ansprechbarer …. Dann geht’s meistens weiter mit der literarischen Arbeit. Ich fahre – so oft es sich ausgeht – auch nach Baden, wo meine Eltern wohnen; weil’s auch dort immer einiges zu tun und zu erledigen gibt; und weil die Eltern auch nicht mehr die allerjüngsten sind … Man weiß, je älter man wird, die Tatsache zu schätzen, dass man sich um diese, sagen wir’s mal so, familiären Dinge kümmern kann und muss. Am Abend, falls ich nicht irgendwo unterwegs bin, lese ich. Ich bin ein ziemlich sozialer Mensch –: treffe also auch gern und recht oft Freunde, gehe aus mit ihnen, ins Theater, ins Kino, in Lokale, lade sie zu mir ein; oder telefoniere mit ihnen; u.a. habe ich einen lieben Freund in Kanada, mit dem ich wöchentlich einmal über Skype spreche.

Da ich ja einer Brottätigkeit nachgehe, schaut mein Tag dann natürlich etwas anders aus. Im Großen und Ganzen lebe ich aber ziemlich regelmäßig. Vielleicht bin ich sogar, wie erwähnt, zu sehr bestrebt, jede Minute des Tages auszunutzen. Das liegt vielleicht eben an diesem schöpferischen Drang. An diesem: ‚Wenn ich das nicht heute mache, dann geht sich das morgen nimmer aus!‘ Ich habe keinen Fernseher zuhause und bin auch nur wenig im Internet …. Insofern habe ich da leider nichts Spannendes zu berichten. Ich lebe also zwar nicht ganz so regelmäßig wie Immanuel Kant, d.h. die Uhr kann man nach meinen Spaziergängen (die ich übrigens auch regelmäßig mache), zwar nicht stellen. Aber fast.

Simon Konttas, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich das wüsste! Vielleicht – wenn man sich so umschaut in den öffentlichen Verkehrsmitteln – wäre es wichtig, die Menschen dazu anzuhalten, sich weniger mit ihren Maschinen, sondern mehr mit sich selbst zu befassen. Es ist traurig zu sehen: Da sitzen zwei zehnjährige Volksschüler in der Straßenbahn, beide in der selben Haltestelle eingestiegen; und anstatt sich miteinander zu unterhalten, starrt jeder für sich in sein Smartphone. Wenn ich dran denke, was wir damals aufgeführt und miteinander gequatscht haben während solcher Fahrten! …. Diese Isolation, diese fast schon narzisstische Vereinzelung schon der Kleinsten unter uns finde ich sehr bedenklich. Vor allem der Kleinsten. Es wäre also wohl besonders wichtig, dass der Mensch sich darauf besinnt, dass er seelisch verkümmert, wenn er sich nicht öffnet …. Aber wie soll man sich darauf besinnen? Lernen die Kinder das in der Schule? Wäre mir nicht aufgefallen ….

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ich bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht so sicher, ob ein Neubeginn bevorsteht; mir scheint viel eher, dass die neoliberalen Strukturen sich im Zuge der Pandemie noch mehr verhärtet und stabilisiert haben. Umso mehr aber müsste die Kunst mit größerem Selbstbewusstsein und größerem – ich möchte das jetzt fast biblisch ausdrücken – „Sendungsbewusstsein“ auftreten. Es geht im Leben eben nicht nur ums Brot allein, um Geld, Wachstum, irgendwelche ominösen Kompetenzen und ökonomistisch aufgeblasenen Phrasen und dem Menschen von undurchsichtigen Stellen auferlegten Pflichten, sondern es geht  um was anderes …. Wessen man sich erst dann bewusst wird, wenn man merkt, dass das Leben nicht ewig dauert: In Momenten der Krankheit, der Krise, der Depression usw. Die Rolle der Kunst war aber – außer in Zeiten des europäischen Feudalismus – immer schon marginal. Vor allem die der Literatur. Ich mache mir also keine Illusionen. Ich persönlich würde mir von den Künstlern manchmal ein, sagen wir’s so, „präpotenteres“ Auftreten wünschen, ein „Hier stehe ich, ich kann nichts anders. Gib mir Geld und zwar sofort!“. Ohne Kunst nämlich kann der Mensch nicht leben. Denn Kunst ist Ausdruck der Seele. Und wo die Seele aufhört sich auszudrücken, da stirbt sie ab. Auf die Frage, ob man das wollen kann, gibt es nur zwei Antworten: Ja. Nein. Möge jeder selber entscheiden, wie er antwortet.

Was liest du zurzeit?

Ich hatte eine Phase, da habe ich mehrere Bücher zugleich gelesen; aber irgendwie kann ich das nicht mehr. Ich lese meist Werke, die zu dem passen, was ich gerade schreibe oder worüber ich gerade selber nachdenke. Vorgestern erst hab ich ein Buch zu Ende gelesen über Neurosen und Zwangsstörungen; davor eine Vortragssammlung von Erich Fromm über die „Pathologie der Normalität“. Und davor zwei Romane von Richard Yates, einem der besten Prosaisten der USA. Ich bin – politisch – kein besonderer Freund der USA; aber das Land hat, das muss man schon sagen, literarisch einige wirklich große Geister hervorgebracht. Als nächstes lese ich vielleicht eine Erzählsammlung von Salinger; oder eine kleine Rowohlts-Monographie über Johann Sebastian Bach …. Mal sehen. Ich brauche immer ein, zwei Tage, bis ich mich entscheide. Ich bin da ein bisschen zimperlich. Weil ich eben nicht mehr so wahllos viel lese wie noch vor einigen Jahren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Es gäbe so viele gute Gedanken! …. Ich nehme einen Gedanken von Erich Fromm, der mich neulich sehr angesprochen hat; er sagt sinngemäß: Das eigentliche Elend der modernen Menschen besteht nicht darin, dass sie so überlastet oder sonstwas seien, sondern dass sie „von dem getrennt leben, was das Leben lebenswert“ macht.

Erich Fromm bezieht das auf all die lebendigen Dinge, deren Mangel und deren Ausbleiben erst dazu führen, dass man sich einsam fühlt, wertlos und sinnentleert, was wiederum letztlich dazu führt, dass der Mensch seine Kraft, seine Motivation und jenen inneren Antrieb verliert, der ihn dazu befähigt, nicht nur bloß ein gutes „Zahnrädchen“ im Getriebe der Gesellschaft zu sein; sondern ihn dazu befähigt, jenes Behagen und Wohlbefinden zu verspüren, das ausstrahlt in Freundlichkeit, Mitgefühl und Sympathie für die Schöpfung. – Mir scheint, gerade in diesen Pandemiezeiten ist Fromms Gedanke leider allzu aktuell: Wir alle sollten wieder mehr verbunden werden mit dem, worum es wirklich geht und was das Leben lebenswert macht …

Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke für das Interview! J

5 Fragen an Künstler*innen:

Simon Konttas, Schriftsteller

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18.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen die Kunst, wir alle!“ Julia Franye, Singer/Songwriter/Schauspielerin_ Wien 30.10.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen klassischen Tageslauf in dem Sinn habe ich nicht. In letzter Zeit war ich sehr viel unterwegs: einige Konzerte, Bandproben, Videodreh, manchmal Bürokram – da ist jeder Tag anders. Die einzige wirkliche Konstante ist wohl mein Morgenritual. Seit einigen Wochen habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht jeden Tag Morgen 10 Minuten lang zu meditieren, gefolgt von einem kurzen Gebet, einem Dankbarkeitsritual und 3 Sonnengrüßen. Seitdem ich das mache, habe ich das Gefühl, dass ich ausgeglichener bin. Meistens spreche ich am Abend dann auch noch ein kurzes Gute-Nacht-Gebet.

Julia Franye, Singer/Songwriter/Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dankbarkeit, in seiner Mitte zu bleiben und den Fokus auf das Positive zu lenken. Das finde ich generell sehr wichtig, aber ich glaube, dass es gerade in dieser hektischen Zeit, die von so vielen Negativ-Schlagzeilen und Angst geprägt ist, nochmal mehr wichtiger ist gut auf sich selbst zu achten und auch die guten Seiten des Lebens zu sehen. Wir alle haben so vieles für das wir dankbar sein können, oft können wir das aber nicht sehen… Deswegen ist es glaube ich umso wichtiger genau hinzuschauen und sich diese Dinge bewusst zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Gegenseitiges Verständnis und ein Ende dieser Spaltung der Gesellschaft. Die Pandemie ist in meinen Augen schon lange keine Gesundheitsfrage mehr, sondern ist zu einem richtigen Politikum geworden. Ich finde es wirklich erschreckend zu sehen, wie die Politik absichtlich Hass schürt und Menschen in zwei Gruppen teilt: die Impfgegner und jene die die Impfung befürworten: Freunde reden nicht mehr, Familien werden auseinandergerissen – nur weil man unterschiedlicher Meinung ist!? Das finde ich schrecklich & erschreckend. Die Impfung ist zu unserer neuen Religion geworden. Ich denke wir sollten lernen zu akzeptieren, dass es viele Sichtweisen gibt, viele Gründe sich impfen zu lassen und viele, die dagegensprechen. Das kann nur jeder für sich selbst und seinen Körper entscheiden und das sollten wir akzeptieren. Außerdem denke ich, dass es ganz klare Regeln braucht! Veranstalter sind stark verunsichert und trauen sich nichts mehr zu planen, weil sie nicht wissen wie die Lage in einem Monat, in einer Woche oder in einem Tag aussehen wird. Das ist ein großes Problem, da das für uns KünstlerInnen auch bedeutet, dass wir nicht planen können und nicht wissen, was in einem Monat, einer Woche oder einem Tag sein wird. Aber: Wir brauchen die Kunst, wir alle! Wir brauchen die Musik, das Theater, den Tanz, wir brauchen die Kunst in all ihren Ausdrucksformen, weil sie unsere Seele heilt und stärkt. Kunst macht uns glücklich und ganz und Kunst ist systemrelevant!

Was liest Du derzeit?

Momentan lese ich das Buch „Good night stories for rebel girls – 100 außergewöhnliche Frauen“. Meistens jeden Tag eine Geschichte. Darin sind 100 Frauen beschrieben, die etwas Ungewöhnliches in ihrem Leben geleistet haben, wie etwa Joan Jett, Jane Austen, Frida Kahlo und auch viele, die ich noch   kannte. Ist finde ich ein großartiges und sehr ermächtigendes Buch, besonders für uns Frauen, da uns in der Geschichte oftmals Rollenmodelle fehlen. Außerdem hat mir eine Nonne vor Kurzem empfohlen ich solle doch die Bibel lesen und das werde ich auch tun.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte hierbei gerne Spongebob Schwammkopf zitieren:

„F steht für Freunde die was unternehmen
U steht für uns, dich und mich
N steht für Endlich haben wir mal Spaß, ganz friedlich und freundschaftlich.

F steht für Freude an all den schönen Blumen,
U steht für Ukulele,
N steht für Naseweis und ich mach mit bei jedem Streich und lache aus tiefster Seele.“

Man sollte sich selbst nicht immer so ernst nehmen.

Julia Franye, Singer/Songwriter/Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Franye, Singer/Songwriter/Schauspielerin

https://juliafranye.com/

Fotos_Mario Traar.

29.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ingeborg Bachmann war ihr Werk“ Valerie Springer, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien _ 30.10.2021

Valerie Springer, Schriftstellerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

Herzlich willkommen, liebe Valerie, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse/Wien!

Welche Bedeutung haben Orte für Dich?

Ich habe zu Orten eine ambivalente Einstellung.

Ich bin sehr oft umgezogen in meinem Leben. Es gibt viele Orte für mich, die mit Erinnerungen verbunden sind. Die Erinnerungen verändern sich und verändern den Ort.

Manchmal sind Orte Chimären. Wenn ich sie nach vielen Jahren besuche, sind diese nicht mehr das, was sie damals für mich waren und auch nicht mehr so, wie ich sie erwartet habe.

Welche Rolle spielen Orte in Deinem Schreiben?

Eine ganz wesentliche Rolle. Ich habe viele Jahre in Jamaika gelebt und habe diesen Ort, diese Insel, als Schauplatz für einen Roman gewählt.

Mein Vater ist 1920 in Prag geboren und musste diese Stadt aufgrund der Okkupation der Nazis verlassen. Ich habe bis heute zu Prag eine sehr innige Beziehung. Mein Vater sagte immer „Prag ist die schönste Stadt der Welt“. (lacht).

Wien ist in meinem Schreiben extrem wichtig. Meine Mutter ist Wienerin. Wien war für mich das Großeltern-Paradies (lacht). Ich war in meiner Kindheit immer im Ausland, aber wir sind in den Ferien zu den Großeltern nach Wien gefahren.

Als ich nach Wien gezogen bin, war es eine ganz andere Zeit als die Gegenwart. Ich bin in den 1970er Jahren, 1977, nach Wien gekommen. Es war die „bigger, faster, better, more“ Zeit (lacht). Es war ein unglaublicher Aufbruch zu spüren.

Für mich war Wien auch ein Neubeginn. Ich kam mit 19 Jahren hierher und habe meine Pubertät, meine Erfahrungen hinter mir gelassen. Es ging für mich damals um eine Neudefinition. Vielleicht habe ich das auch geschafft.

Was kommt noch dazu? Die Sprachheimat. Ein schwieriger Fall bei mir. Aber durchaus zu bewältigen (lacht). Ich bin deutschsprachig, hochdeutschsprachig, im Gegensatz zu meiner Mutter, die ein wunderschönes warmes Wienerisch gesprochen hat. Ich mag Dialekt ausgesprochen gern, aber ich beherrsche es nicht. Ich bin in ausländische Schulen gegangen und habe da Hochdeutsch gelernt. Warum ich keine Muttersprache habe, weiß ich nicht. Mein Vater war Tscheche und hat auch sehr korrekt Deutsch gesprochen, natürlich mit Akzent.

Die Sprachheimat ist für mich wesentlich mehr als die geographische Heimat. Ich wurde ja immer als „Deutsche“ tituliert, was ich nicht war und nicht bin, ich sprech` nur so (lacht).

Wie hast Du Wien in den 1970er Jahren literarisch und künstlerisch erlebt?

Ich war 19 Jahre alt und an meiner beruflichen Ausbildung interessiert, begann zu studieren, Wirtschaft, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass man vom Schreiben leben kann (lacht).

Ich war und bin voller Bewunderung auch für Ingeborg Bachmann, die sich so kompromisslos dem Schreiben verschrieben hat … schönes Wortspiel (lacht). Den Mut habe ich nie gehabt.

Das künstlerische, literarische Wien damals? Ich ging damals viel in die Oper und in Konzerte. Musik hat damals eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Theateraufführungen erstaunlicherweise nicht, auch nicht Lesungen. Ich war und bin eher zurückgezogen lebend.

Welche Zugänge hast Du zum Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann?

Ich habe „Malina“ erstmals mit 13 Jahren gelesen. Da ist der Roman erschienen, meine Mutter kaufte ihn und ich schnappte mir das Buch. Aber es hat mir nicht viel gegeben. Ich habe es nicht verstanden.

In der Schweiz war der Roman ja keine Schullektüre. Dafür wurde viel Max Frisch gelesen, verständlich (lacht). Später ist „Malina“ für mich persönlich zur Pflichtlektüre geworden.

Noch später dann habe ich den Roman nochmal gelesen, als meine Tochter diesen in der Schule durchgenommen hat, das war 1991/92. Da habe ich tatsächlich erst richtig eintauchen können, auch als erfahrene, wissende, reifere Frau gesehen, wie das Wechselspiel zwischen Mann und Frau funktioniert. Wie sehr das Wechselspiel mit der inneren Instanz, der inneren Rechtfertigung funktioniert. Das war das Spannende daran, als ich es noch einmal neu gelesen habe.

„Malina“ hat Dich an Lebensstationen literarisch begleitet, ist dies auch heute so?

Ich habe den Roman jetzt in Vorbereitung dieses Gesprächs noch einmal gelesen. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich die Perzeption mit den Jahren verändert. Ich habe es mit 13 Jahren gelesen, dann ungefähr als 18 jährige, als 35/40 jährige und jetzt noch einmal als 60 jährige Frau.

Beim nochmaligen Lesen ist es, wie wenn man eine Zwiebel schält – mehr und mehr kommt man zum Kern. Allerdings hat eine Zwiebel erstaunlicherweise keinen Kern (lacht).

Wie hast Du in den verschiedenen Lebensphasen die literarischen Impulse des Romans aufgenommen?

Ich weiß, dass ich als 13Jährige von der Sprache fasziniert war und mir gewünscht habe, so schreiben zu können.

Als ich es mit meiner Tochter gelesen habe, war es ausschließlich ein analytischer, interpretatorischer Zugang. Ich war da von Neuem fasziniert, aber die Figur der Ich-Erzählerin war nicht vorrangig im damaligen Lesen.  Ich habe es im Grunde „theoretisch gelesen“, für den Deutschunterricht meiner Tochter, um ihr zu helfen, den Text zu entschlüsseln. Aber ich habe wieder klar die Auseinandersetzung der Ich-Figur mit ihrer Liebesabhängigkeit erkannt. Und, dass ich nicht abhängig sein will.

Ich habe mich natürlich beim späteren Lesen mit der Ich-Erzählerin identifiziert, die Kämpfe, die sie austrägt – es ist Kampf – mit meinen verglichen. Und ich habe gewusst, ich will so nicht sein. Ich will so ein Leben nicht leben.

Unabhängigkeit war in meinem Leben ganz besonders wichtig. Ich wollte unabhängig von den Eltern sein. Ich wollte nicht von einem Mann abhängig sein. Ich wollte nie auf etwas angewiesen sein – Geschenke, Zuwendung – darum habe ich immer gearbeitet und nicht nur geschrieben.

Ich habe im Laufe meines Lebens festgestellt, dass die Liebe eine der vertracktesten Abhängigkeiten ist.

Die Liebe spielt ihr eigenes Spiel. Man ist ihr ausgeliefert. Zumindest im hormongesteuerten Alter.

Jetzt habe ich „Malina“ eben erneut gelesen und festgestellt, dass ich mich auf andere Art mit dem erzählenden Ich identifizieren kann, weil es unglaublich stark ist. Das Ich ist extrem stark.

Das Ich erkennt, es weist zurück, es entscheidet, es will nicht mehr. Das hat mich jetzt ganz besonders beeindruckt.

Die Stärke des Ich, sich dem eigenen Mut zu stellen, sich dem Ausgeliefertsein zu stellen, das war ein überwältigender neuer Ansatz für mich. Im jetzigen neuen Lesen – nach 20 Jahren – zu erkennen, dass sie kein Opfer ist … nein, sie ist die Starke … das war erstaunlich. Immer unter der Voraussetzung, dass die Ich-Erzählerin eine Frau ist.

Wie siehst Du die erzählende Figur des Ich?

Ich sage, dass das Ich eine Sie ist. Ingeborg Bachmann sprach ja auch von autobiographischen Zügen.

Das Ich im Roman ist für mich klar weiblich, auch aufgrund der Vater-Tochter Konstellation.

Die Spielballrolle, die sie einnimmt, wenn sie mit Ivan zusammen ist, ist ein weibliches Stereotyp.

Wie siehst Du Malina?

Die Figur des Malina ist ein klassischer Counterpart. Ivan ist kein Counterpart. Ivan ist eine Episode. Möglicherweise ein Auslöser, dass diese Diskussion, Konfrontation mit Malina stattfinden kann. Dafür ist die Ivan-Affäre ein Auslöser.

Es können natürlich auch zwei Personen sein. Ein Mann und eine Frau.

Persönlich liegt es mir mehr, diese Erzählfigur als einen inneren Dialog zu sehen, in Monolog- wie Dialogform.

Die Ich-Stimme spielt ja auch mit Ivan und Malina, weil sie um deren Grenzen weiß.

Ich schreibe auch experimentelle Texte, die ich unter einem Pseudonym veröffentliche. Ein großer Teil davon hieß „Monolog für zwei Personen“. Da geht es auch um diese Dynamik Vorwurf/Rechtfertigung, in der irgendwann dann der Punkt kommt, wo man sich nicht mehr rechtfertigen will, weil man auf einmal erkennt.

Meine experimentellen Texte schreibe ich unter dem Pseudonym eines Mannes und da bekomme ich wesentlich mehr feedback als auf Texte, die ich unter meinem Namen veröffentliche.

Malina, Ivan und die Ich-Erzählerin, das kann auch als eine Dreiecksbeziehung gesehen werden. Ingeborg Bachmann lässt dem Leser eine freie Interpretation zu. Für mich persönlich ist es aber ein innerer Dialog. Ein „monologischer Dialog“.

Als Roman-Schriftsteller, Schriftsteller überhaupt, ist man der Interpretation der Leser recht ausgeliefert. Ein Schauspieler, Sänger oder Tänzer hat den Austausch mit dem Publikum. Ein Schriftsteller hat das nicht, außer bei Lesungen. Das Entstehen eines Textes ist eine unglaublich einsame Sache. Es fordert Einsamkeit und es fördert Einsamkeit.

Als Ingeborg Bachmann den Anton Wildgans Preis bekam (Anm.: 1972, ein Jahr vor ihrem Tod), sagte sie: „…Es ist eine seltsame absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran…“. Ja, es ist eine absonderliche Art zu existieren, wenn man schreibt.

Wie siehst Du diese Aussagen Bachmanns zum Schreiben selbst als Schriftstellerin? Kannst Du Dich da wiederfinden?

Ja, aber ich sehe es nicht so dramatisch. Sie sagt aber auch in dieser Rede, dass „sie nur existiert, wenn sie schreibt“, das ist bei mir definitiv auch so.

Ein Leben ohne Formulierungen geht nicht. Es muss immer in Worte gepackt werden, erst dann ist es lebbar.

Erlebnisse werden durch die Sprache greifbarer. In meinen Tagebüchern oder Aufzeichnungen müssen die Formulierungen nicht ausgereift sein, da geht es um die Schilderung. Der Prozess der Sprache bringt mir aber das Erlebnis zurück. Ja, das ist eine einsame Sache (lacht). Nein, einsam ist eigentlich nicht zutreffend. Es ist eine Tätigkeit, bei der man allein ist, aber einsam nicht.

Schreiben ist eine der schönsten Rückzugsmöglichkeiten. Die Dinge, die geschehen sind, die Dinge, die sich in mir abspielen, die Dinge, die ich in anderen erlebe, auch die Geschichten, die ich in ihren Gesichtern lese, oder in ihren Stimmen, wenn sie mir etwas erzählen, wenn ich das in Worte fassen kann, aufheben kann …  ja, ich mach`s dingfest.

Das Wichtigste daran ist, ich kann Schlüsse daraus ziehen. Irgendwann wird mich das Geschriebene fragen, welche Schlüsse hast du daraus gezogen.

Es kommt hoffentlich irgendwann in meinem Leben der Punkt, wo das Leben als Schreibende für mich eine Tür öffnen wird. Dass ich tatsächlich erkenne, warum ich es gemacht hab`.

Gibt es da eine bestimmte Vorstellung, Vision dieser „Türe“?

Ich hoffe einfach (lacht). Ich denke, es gibt in jeder Kunst eine Etappe , wo man sagen könnte: „Jetzt, das ist es.“ Aber das ist immer nur eine Zwischenstufe. Es gibt da kein Ende. Es gibt kein Ziel. Jede Etappe ist nur eine Zwischenetappe, ein Zwischenziel. Sich darauf auszuruhen ist natürlich verlockend. Es ist unglaublich verlockend da stehenzubleiben und zu sagen, jetzt habe ich es geschafft. Aber, wie sagen da die jungen Leute, da geht noch mehr (lacht).

Dieses Was-Kommt-Da-Noch ist ein Gespanntsein wie bei einem Thriller. Da kommt noch was, mach` weiter! Das ist das Schöne. Im Gegensatz zu einem Sport, wo ich mit dem Alter aufgebe. Ja, die Knochen werden müde. Aber der Geist wird hoffentlich reger.

Was sind Deine Bewegründe, den inneren Monolog als Stilmittel im Schreiben einzusetzen? Was sind da die Erwartungen?

Erstaunlicherweise ist das kein rationales Schreiben, an das ich irgendwelche Erwartungen knüpfe. Es ist ein sehr intuitives, fast automatisiertes Schreiben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte mich mit geschlossenen Augen – wenn ich mich nicht vertippen würde – in eine Art Trance begeben, weil es spricht von selbst.

Wenn ich drauflos schreibe, diese Dialoge/Monologe, dann brauche ich nur mitzuschreiben, was sie sagen. Das ist faszinierend. Wenn ich es dann nachher lese, denke ich, das war nicht ich. Manchmal bin ich überrascht, manchmal bin ich entsetzt, wie banal es ist. Dann denke ich mir, alles Erzählte ist banal.

Auch „Malina“ ist banal. Aber die Art, wie es geschrieben ist, das macht es zum Kunstwerk. Die Geschichten sind das Banalste, was es gibt. Menschen mit ihren Problemen, mit sich und den anderen, seit der Antike, seit es die Schrift, seit es Geschichten, Märchen gibt.

Was macht den Roman „Malina“ für Dich zum Kunstwerk?

Die wunderbare Eleganz der Sprache. Die abgehakten Kurzsätze, die Telefonate, die verschiedenen Sätze, die Ivan und die Ich-Stimme erfinden – die Leichtigkeit der Sprache, im Gegensatz zur Schwere des Inhalts. Das ist Kunst.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Ich habe „Malina“ und auch Bachmanns Gedichte gelesen. Zu den Gedichten finde ich weniger Anschluss als über die Prosa. Ich habe auch die Gedichte Celans gelesen, da es da ja eine langjährige Verbindung gab. Die literarischen wechselseitigen Einflüsse von Ingeborg Bachmann und Paul Celan kann ich nicht beurteilen.

Ich habe den Film „Malina“ gesehen, welcher aber nicht an den Roman herankommt. Das ist aber meist bei Romanverfilmungen so, dass man enttäuscht ist.

Wie liest Du die Kapiteldreiteilung des Romans?

Das dritte Kapitel ist für mich das interessanteste, diese Auseinandersetzung mit den Selbstvorwürfen und Selbstrechtfertigungen.

Das erste Kapitel hieß ja ursprünglich „Schlafen mit Ivan“. Was ich spannend finde, weil ja jegliche Erotik im Roman fehlt.

Das erste Kapitel ist als Ganzes ein Aufwärmen, ein Kennenlernen der drei Protagonisten.

Das zweite Kapitel ist heftig und schwierig. Es ist nicht verstörend, zumindest für mich nicht. Ich sehe es weniger als Vatervorwurf sondern als Auseinandersetzung mit dem manndominanten System, in dem die Ich-Figur lebt.

Die patriarchalen Strukturen sind auch heute da. Frauen werden schlechter bezahlt. Frauen bleiben ewig schlank und jung. Frauen erfüllen Doppel-/Dreifach-/Vierfach-Rollen: als Geliebte – mit sämtlichen Sex-Praktiken auf Du und Du –, als Super-Köchin – heute muss man ja super kochen können –, und dann selbständig und unabhängig sein. Diese Vielfachbelastung, die auf Frauen lastet, ist Resultat eines patriarchalen Systems, eines männerdominierten Systems.

Als 1971 der Roman „Malina“ erschien, wurde in der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt. Ich weiß noch, dass meine Mutter gefeiert hat und ihre Freundinnen zum Schaumweintrinken eingeladen hat (lacht). Die Mama hat als Österreicherin nicht wählen dürfen, aber sie hat diese wunderbare Aufbruchstimmung miterlebt.

1971 gab es auch den Artikel von Alice Schwarzer zur Abtreibung von Frauen in der Zeitschrift „Spiegel“. Frauen machten ihre Abtreibung öffentlich, obwohl es da noch strafbar war.

Es hat sich extrem viel seit den 1970er Jahren getan. Wir Frauen genießen theoretisch die gleichen Rechte wie Männer. Das ist ja schon mal was.

Ich wünsche mir ein gleichwertiges Miteinander, in dem voneinander gelernt und einander gestützt wird. Beides. Wo einer den anderen fördert und nicht fertigmacht. Die Ich-Person im Roman wurde ja von allen Seiten fertigmacht, hat ja keine Förderung bekommen. Da meine ich so einfache schlichte Sachen wie „toll gemacht, gut gemacht“. Nichts, kein einziges Wort.

Unterstützung geben, Wachstum fördern, das würde ich mir wünschen als Miteinander von Mann und Frau.

Und Liebe ohne Erwartungen. Als Erwartungshaltung an sich selbst. Freude, wenn es da ist. Kein Hass, kein Zorn, kein Beleidigtsein, wenn es nicht da ist.

Trifft das die Worte im Roman „Ein Tag wird kommen“ als Zukunftsvision?

„Ein Tag wird kommen“ heißt „es war einmal“, nur in die Zukunft verlegt. Es ist etwas, das ins Märchenhafte gerückt wird.

1971 als wesentlicher feministischer Markstein mit dem Wahlrecht in der Schweiz wie der Abtreibungsdebatte. Würdest Du da „Malina“ gleichsam als feministische Trias dazustellen?

Es gibt diese Lesart.Ja, alles was der Gleichberechtigung der Frau hilft, ist gut. Aber ich kann dem nicht 100prozentig zustimmen, weil der Roman viele Jahre davor geschrieben wurde, bevor das Thema des Feminismus so akut geworden ist.

Ich würde sagen, Bachmann wollte einfach die Sicht der Frau schildern. „Malina“ ist das Psychogramm einer Frau, die mit einer unerfüllten Liebe lebt und eine Affäre hat, einer Frau, die sich aufs Grausamste mit dem Mann-Frau-Verhältnis wie den sich daraus ergebenen Konflikten auseinandersetzt.

Wie war Dein Weg zum Schreiben?

Ich schreibe, seit ich lesen kann. Seit ich das erste Mal ein Buch in der Hand hatte, egal ob ein Pixie-Buch von meiner Schwester, oder als 13Jährige, als ich mich durch die Bibliothek meiner Eltern gearbeitet habe – die geschriebene Sprache ist meine Sprache. Das ist eine Tatsache.

Ich habe schon als Kind Tagebuch geschrieben, dann hatte ich eine ausufernde Korrespondenz mit meinen Freundinnen und meiner Verwandtschaft. Briefe habe ich ganz besonders gerne geschrieben und erhalten. Mit 17/18Jahren habe ich es zum ersten Mal mit einem Roman versucht. Das ist alles nicht mehr erhalten. Es ist mir zu viel Ballast. Außerdem bin ich nicht mehr die, die ich damals war.

Ich habe eigentlich erst sehr spät mein erstes Buch geschrieben, das dann veröffentlicht worden ist. Ich habe als Werbetexterin und Journalistin gearbeitet, weil ich mir eingeredet habe, ich will finanziell unabhängig sein.

Die geschriebene Sprache ist meine Welt, sowohl lesend wie schreibend. Ich habe viele, viele Freunde in Büchern.

Ist das Sich-Trennen, Wegwerfen von Texten – auch der erste Roman Ingeborg Bachmanns ist ja nicht erhalten – Teil des schriftstellerischen Prozesses?

Gute Frage. Das kann ich so nicht beantworten, da kann ich nicht ja oder nein sagen.  Für mich ist umzugsbedingt immer viel weggefallen. 1977 bin ich mit 19 Jahren nach Wien gezogen. Auch in Wien bin ich öfters umgezogen. Im Herbst bin ich nahezu immer für ein halbes Jahr verreist. So wenig Ballast wie möglich.

Als meine Eltern starben, habe ich gesehen, wie viel emotionale Arbeit es ist, sich durch deren Sachen zu wühlen und sich davon zu trennen. Das wollte ich meinen Nachkommen ersparen. Deswegen habe ich mich 2016 auch von meinen Tagebüchern und meinen Zeitungsartikeln (die ich aus purer Eitelkeit aufgehoben habe) getrennt. Ich bin keine Anais Nin, die ihre Tagebücher immer umschreibt, damit sie für die Nachwelt gut aufgearbeitet, aufbereitet sind.

Ist das Trennen von Geschriebenen für Dich ein pragmatisches Platzschaffen und/oder ein Platzschaffen für einen neuen literarischen Raum?

Beides, definitiv beides. Der praktische Teil ist, dass ich mehr Platz habe im Regal, das waren doch schon Laufmeter. Zweiteres – da habe ich erkannt, das bin nicht mehr ich, das hat mit mir nichts mehr zu tun. Ich kann daraus nichts mehr lernen über mich. Ich habe parallel sehr strukturiert meine Memoiren geschrieben. Für jedes Jahr ein Kapitel, Familiengeschichte und Erinnerungen. Meine Schwester hat es gegengelesen. Ich will nicht verfälschen, sondern so schildern, wie es war. Und insofern haben sich die Tagebücher erübrigt.

Siehst Du den Persönlichkeitsprozess des „Loswerdens, Freiwerdens“ auch im Roman „Malina“ ausgedrückt, verwirklicht?

Ja, ganz bestimmt. Deswegen meinte ich, dass sie eine sehr, sehr starke Person ist. Es ist ja, in meinen Augen, kein Roman, der Verzweiflung zeigt, sondern schildert, was war. Welche Methoden man verwendet hat, um mit der Situation umzugehen.

Das zweite Kapitel wird ja schonungslos geschildert, das mag für sie eine Katharsis gewesen sein.

Ich kann mir bei Ingeborg Bachmann schwer vorstellen, dass sie es nur als Roman geschrieben hat. Sie war ihr Werk. Sie hat es nicht nur geschrieben, weil sie einen guten Roman schreiben wollte. Das unterstelle ich (lacht).

Ja, es kann eine Katharsis gewesen sein, durch die sie zu einer Erkenntnis gekommen ist.

Es ist sehr schwer über jemand irgendwas zu wissen.

Ist das zweite Kapitel „der dritte Mann“ auch eine Katharsis österreichischer Geschichte?

Als ich 1977 nach Österreich gekommen bin, war Österreich das „Opferland“, das von den Nazis gekappt worden ist. Durch die TV-Serie „Holocaust“ im ORF gab es dann erstmals Diskussionen und auch dann, als Waldheim Präsident geworden ist. Da hat sich das Verständnis langsam gewandelt.

Wie siehst Du die Wechselbeziehung als Schriftstellerin und Frau? Hat dies spezifische Rollenbesonderheiten?

Aus der gesellschaftlichen Rolle als Frau wird für das Schreiben geschöpft. Es ist ein Hin- und Her-Gerissensein, ein Balanceakt, manchmal eine Gratwanderung.

Ja, man möchte gefallen als Frau. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis, die ich jetzt habe. Und dann kommt, man möchte als Schriftsteller gefallen.

Man möchte Anerkennung, nicht für das Frausein, sondern für das intellektuelle Schaffen. Beides. Gratwanderung trifft das besser.

Wie siehst Du den Mann heute? Was will dieser?

Anerkennung, Erfolg, einen Freundeskreis, in dem er gleichberechtigt ist und doch auch immer wieder seine Einzelperson hervorheben muss.

Ein bisschen Konkurrenzkampf, weil es schön ist, jemanden zu besiegen. Es ist schön, besser zu sein als ein anderer. Bestätigung.

Er möchte gerne eine Partnerin haben, die ihn versteht und liebt wie seine Mutter es getan hat. Akzeptanz.

Es sind derzeit politisch turbulente Zeiten in Österreich. Siehst Du da typisch männliche Verhaltensweisen, Stereotypen, die auch im Roman „Malina“ thematisiert werden?

Die politische Situation derzeit ist ein Desaster. Ich finde es erbarmungswürdig, was da passiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Liebe zur Zeit des Romans „Malina“ und heute. Was sind da wesentliche Veränderungen?

Ich bin mit Hollywood Filmen aufgewachsen, die ein Happy End haben. Filme, die kein Happy End hatten, gab es kaum. Man verliebt sich und dann heiratet man. Was nachher kommt? Ach, da machen nur die Franzosen komische Filme (lacht).

Heutzutage ist es – wahrscheinlich auch durch socialmedia, mag sein, dass das damit zusammenhängt – so viel klarer, was sich in Liebesbeziehungen abspielen kann, es gibt kein Rätselraten mehr. Es ist manchmal fast von einer obszönen Offenheit, wie alles dargelegt wird, was sich zwischen Mann und Frau abspielt.

Liebe damals und jetzt. Sie ist, meiner Meinung nach, auf einer gleichwertigeren, fast gleichberechtigten Ebene.

Frauen heiraten nicht mehr, um versorgt zu sein und dass daraus später hoffentlich Liebe entsteht. Zumindest nicht die Frauen, die ich kenne.

Das Bild der Liebe hat sich verändert. Es ist ein partnerschaftliches geworden.

Es ist in der Liebe auch nicht mehr das Damoklesschwert da – „Zusammen sein bis ans Ende aller Tage“. Man hat die Chance, mit den Erfahrungen, die man aus einer schlechten Liebesbeziehung gezogen hat, eine fruchtvolle neue Liebesbeziehung einzugehen. Das ist ein Vorteil.

Ich weiß nicht, ob die Liebe desillusioniert worden ist? Ich glaube nicht. Es ist ein Bewusstsein entstanden, dass beide etwas dafür tun können, sich besser zu verstehen und eine Liebe wachsen zu lassen, die nichts mit Verliebtheit zu tun hat, sondern die eine warme Zuneigung ist, eine wirkliche tatsächliche Freundschaft. Für diese Liebe gibt es kein Wort. Es ist zärtliche Innigkeit, die entstehen kann und ich glaube, sie hat mehr Chancen heutzutage, weil man sich der ganzen Fallstricke bewusst ist. Insofern hat sich die Liebe verändert.

Kommunikation ist im Roman wie heute ein großes Thema. Inwieweit hat sich die Sprache der Liebe verändert?

Die Sprache der Liebe hat sich ganz bestimmt verändert. Früher hat man schöne schwulstige Liebesbriefe geschrieben, ich auch, ich habe auch welche bekommen (lacht), wo jedes Wort mit Bedacht gewählt worden ist. Heutzutage ist es schwer, nicht in Phrasen zu sprechen. Bei jedem whatsapp steht unten „Ich hab dich lieb“. Die amerikanischen Filme enden bei jedem Telefonat mit „ich liebe dich/ich liebe dich auch“. Es gibt eine Kommunikation, die weit mehr sagt als diese Phrasen.

Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil im Verständnis zweier Liebespartner. Die muss aber nicht zwangsläufig verbal sein. Vieles löst sich im Ungesagten. Und das sag` ich, die sprachsüchtig ist.

Manche Dinge müssen nicht gesagt werden.

Die nonverbale Kommunikation ist unschlagbar.

Worte sind so eine verzwickte Waffe, weil man mit einer winzigen Modulation der Stimme etwas anderes sagen kann als das, was man tatsächlich sagt. Die Termini der Musiksprache im Roman treffen das ja, das ist sehr spannend.

Sich selbst über seine eigenen Fallstricke in der Kommunikation klarzuwerden, auch die eigenen Verletzungen anzuerkennen. Dann weiß man, was man anrichten kann. Was einmal gesagt ist, ist gesagt. Das ist eine Tatsache.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Die Ich-Stimme verlässt Malina. Wie es vor sich geht, ist eine riesengroße Frage. Sie ist Teil der Wand geworden. Sie beherbergt ihn. Ja, vielleicht so.

Er ist zu schwach. Malina ist zu schwach. Die Ich-Erzählerin, die Schriftstellerin, Ingeborg Bachmann beschreibt eine Frau, die das alles erkannt hat. Die letzte Konsequenz ist nicht Selbstmord und  auch nicht Mord. Sie ist zu dem Schluss gekommen: „Hier muss ich nicht mehr sein.“

Wenn es ein Bühnenstück wäre : Sie geht ab. Sie geht einfach ab. Sie macht nicht mehr mit. „Ich geh` dann mal.“ Vielleicht mit schönen leuchtenden Buchstaben auf der Bühne. Malina tut so, als ob er wichtig wäre und sie sagt „Ich geh` dann mal.“ Das gefällt mir (lacht).

Valerie Springer, Schriftstellerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

Herzlichen Dank, liebe Valerie, ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Valerie Springer, Schriftstellerin

https://www.valerie-springer.at/

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

„Den Biss jetzt nicht zu verlieren!“ Julia Lorünser, Schauspielerin/Musikerin _ Wien 29.10.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch die Situation der letzten Monate habe ich mich mehr auf’s Musikmachen und nicht so auf die Schauspielerei konzentriert. Das heißt, ich verbringe meine Tage gerade vor allem im Proberaum.

Julia Lorünser, Schauspielerin/Musikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?  

Schwer zu sagen was jetzt für uns ALLE besonderes wichtig ist…ich kann nur sagen was mir wichtig wäre und das nicht nur jetzt, sondern eigentlich immer: sich selbst nicht zu wichtig und nicht zu ernst zu nehmen und wenigstens ein Mindestmaß an Empathie und sozialer Intelligenz an den Tag zu legen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Musik, dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?  

Ich hoffe sehr, dass diese Aufbruchsstimmung und das Gefühl, dass wir etwas ändern müssen auch tatsächlich anhält und wir nicht schneller als gedacht zur
sogenannten “alten Normalität” zurückkehren. Das ist meiner Meinung auch das Wesentliche: den Biss jetzt nicht zu verlieren!
Ich denke,  die Kunst kann (wie sie es schon immer getan hat) hierbei den Weg in eine “neue” Normalität, bzw. die Schwachstellen, der “alten” Normalität aufzeigen.

Was liest Du derzeit?
“Bedenke Phlebas” von Ian Banks – ich bin ein großer Science-Fiction Fan.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?  

Ist zwar schon etwas abgegriffen, aber:
“Life ist what happens to you, while you’re busy making other plans.” (John Lennon)

Julia Lorünser, Schauspielerin/Musikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Lorünser, Schauspielerin/Musikerin

Fotos_Gernot Böhm.

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die eigenen Empfindlichkeiten überdenken bzw. ablegen“ Hellmuth Opitz, Schriftsteller _ Bielefeld 28.10.2021

Lieber Hellmuth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens um 7 Uhr hoch, Kaffee, Zeitungslesen. Dann um 8.30 Uhr zur Arbeit als einer von wenigen präsent Anwesenden in einer zu drei Vierteln im Homeoffice befindlichen 25-Leute-Werbegentur. Zwischen 18 und 19 Uhr nach Hause, danach evtl. Kino, Lesung, TV. Ab 22 Uhr selber lesen und schreiben.

Hellmuth Oppitz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die eigenen Empfindlichkeiten überdenken bzw. ablegen und stattdessen mehr Pragmatismus und Bodenständigkeit einfließen lassen, den Treibstoff der Resilienz.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Sich der eigenen Basis klar werden, sich dem Grund anvertrauen, auf dem man wandelt, den Wirklichkeitssinn einschalten, sich nicht von den Sozialen Medien durchhysterisieren lassen. Literatur und Kunst erweitern derweil die Dimensionen des Möglichkeitssinns.

Was liest Du derzeit?

Moderner Klassiker; Heimito von Doderer: „Die Strudlhofstiege“

Gegenwartsgedichte; Valshyna Mort: „Musik für die Toten und Auferstandenen“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Und meine Reisen in China haben wahrhaftig wenig Bedeutung verglichen mit den tastenden Schritten im Dunkeln vom Bett zur Küche auf der Suche nach einem Glas Wasser.“

 Ennio Flaiano

Vielen Dank für das Interview lieber Hellmuth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Hellmuth Opitz, Schriftsteller

Hellmuth Opitz (hellmuth-opitz.de)

Foto_Helga König

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Neue Dinge ausprobieren, sollten die alten wieder eine Zeit lang unmöglich werden“ Lisa Kröll, Schauspielerin_ Wien 27.10.2021

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit der letzte Lockdown, von dem ich schon vergessen habe, der wievielte es war, vorbei ist, sind meine Tage wieder bunt gefüllt: Ich treffe interessante Menschen für Gespräche, besuche Ausstellungen und Vernissagen und vor allem darf ich wieder »in meinem Element sein« – proben und auf der Bühne stehen!

Lisa Kröll, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Erstens: Optimistisch bleiben und die gute Laune bewahren! Besonders jetzt, wenn sich die allgemeine Stimmung wieder anspannt und ungewiss ist, was in den kalten Monaten auf uns zukommen wird. Zweitens: Sich mit verschiedenen Leuten austauschen und ihnen auch wirklich zuhören! Und vor allem drittens: Neue Dinge ausprobieren, sollten die alten wieder eine Zeit lang unmöglich werden. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dabei neue Leidenschaften zu entdecken oder neue Ansichten zu gewinnen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich mag es, wenn sich Theater und Kunst manchmal wie ein kratziger Wollpulli anfühlen – sich also trauen, unangenehme Fragen zu stellen und nicht müde werden, uns immer wieder durch ihr »Kratzen« zum Nach- und Umdenken zu motivieren. Und ich mag Kunst, die es schafft, uns für etwas zu begeistern und positiv anzuregen. In den letzten Monaten war ich auch dankbar für den Aspekt der Kunst, uns einfach mal »nur« zu unterhalten und von düsteren Gedanken abzulenken.

Was liest Du derzeit?

Ich schmökere mal wieder in einem meiner Lieblingsbücher, »Sofies Welt« von Jostein Gaarder – ein ursprünglich für Jugendliche geschriebenes Philosophiebuch, das sich mit den berühmten philosophischen Fragen wie »Wer bin ich?« oder »Was ist der Sinn des Lebens?« beschäftigt und ebenfalls Erwachsene anspricht. Ich kann diese Lektüre nur allen empfehlen!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Sofies Welt« beeinflusste mich stark und hat mich zu folgenden Gedanken, und wenn man so möchte, »Richtlinien« für meine persönliche Zukunft bewegt: Als kleine Kinder haben wir die Fähigkeit, uns zu wundern. Leider geht davon aber im Laufe des Lebens viel verloren. Ich versuche, mir meine Neugier zu bewahren und so aufnahmefähig zu bleiben wie ein Kind. Ich erlebe es als sehr bereichernd, offen zu sein für alles und sich zu trauen, Fragen zu stellen. So erscheint uns die Welt noch immer unbegreiflich, ja sogar rätselhaft und geheimnisvoll …

Lisa Kröll, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Schön, dass du mich mit diesem Interview dazu angeregt hast, mich mit deinen spannenden Fragen zu beschäftigen, lieber Walter! Vielen Dank für die Einladung.

Mehr über mich gibt s auf: http://www.lisakroell.com

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa Kröll, Schauspielerin

Fotos_Julien Lindner.

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com