„Eine Kindheit im Ungargassenland“ _ Interview _ Haris Balic _Kurator/Archivar_Wien 26.10.2021

Haris Balic mit Halbschwester Dagmar
Haris Balic mit seinen Eltern
Ungargasse_Wien
„Das neue Auto“
Mutter von Haris Balic mit dem neuem Auto ihres Sohnes, Bruder von Haris Balic, vor dem Haus Ungargasse 9 – 1970er
Haris Balic_Kurator/Archivar_Theatermuseum Wien _
vor dem Haus seiner Kindheit _ Ungargasse 9 _ Romanschauplatz Malina

Nach 42 Jahren stehe ich wieder vor dem Tor mit den zwei Löwenköpfen des Hauses in der Ungargasse Nr. 9. Da bin ich aufgewachsen und hier habe ich meine ersten zwanzig Lebensjahre verbracht.

Walter Pobaschnig, der unermüdliche Interviewer und Fotograf der Wiener Kulturszene ist über Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ auf diesen romantisch-historistischen Bau aus dem Erbauungsjahr 1858 gestoßen und hat anlässlich des 50-jährigen Romanjubiläums bereits etliche Prominenz, zumeist Schriftstellerinnen und Schriftsteller, hier an diesen Ort gelockt, um spannende Interviews und hervorragende Fotografien für seine tolle Webseite zu fertigen. Über einen Kommentar, den ich auf dieser Webseite abgegeben habe, ist Walter (wir haben uns gleich geduzt) auf mich aufmerksam geworden. Das heutige Interview hätte eigentlich schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Mittlerweile habe ich aber erfreulicherweise meinen Ruhestand antreten dürfen und bin daher auf Grund von Zeitüberschuss gerne bereit einen Hausrundgang inklusive Interview mit Walter zu machen.

Während wir also reden, werden Handyfotos angefertigt und das Mikro ist eingeschaltet.

Meine Eltern übernahmen die Wohnung Ungargasse 9 rechte Stiege 3. Stock Tür Nr. 20 von dem Theatermann Gustav Manker im Jahr 1954. Beide waren geschieden und brachten aus ihren Ehen jeweils drei Kinder mit. Mein Vater drei Söhne, meine Mutter zwei Töchter und einen Sohn. 1956 wurde geheiratet und im April 1959 entschlüpfte ich in der Semmelweissklinik dem Schoß meiner deutschgebürtigen Mutter.

Haris Balic_Hof_Blick zur ehemaligen Wohnung
Haris Balic „Das Farbfoto zeigt meinen Vater auf der Küchenbank zeitunglesend mit Fes, den er nur für das Foto spaßhalber aufgesetzt hat. Meine Mutter schaut ihm über die Schulter“ 1960er,
Ungargasse

Mein Vater kam 1940 als geborener mostarischer Muslim 1940 nach Wien um hier ein oder mehrere Studien abzuschließen. So begann eben meine Laufbahn als „waschechter“ Wiener im Hause Ungargasse 9.  Meine Ankunft wurde von meinen sechs Halbgeschwistern, die allesamt 10 Jahre und älter als ich sind, infernalisch begrüßt! Es war wohl eine große Freude!

Eineinhalb Jahre später bekam meine jüngere Schwester, inzwischen schon siebzehn, ein uneheliches Baby! Ein Skandal in der damaligen Zeit und so wuchs ich auch mit meiner Nichte Nadja auf von der ich bis zu meinem siebenten Lebensjahr glaubte, sie sei meine Schwester! Alle sagten zu unserer Mutter „Mutti“ und so auch Nadja. Ihre Mutter war einfach die Dagi. Auf diese Weise hatte ich also eine Spielkameradin, denn meine richtigen „Halbgeschwister“ waren schon viel zu alt, um mit mir Knirps auf Augenhöhe spielen zu können.

Haris Balic (neben Mutter) mit Eltern und Cousin Shiraz im Wohnzimmer, ca.1964;
Ungargasse

Mein Vater, der Bosnier, studierte Philosophie und islamische Theologie und promovierte 1944 mit seiner Dissertation „Geistige Triebkräfte im bosnisch-herzegowinischen Islam“. Seine Heimat und seine Religion waren ihm sein ganzes Leben lang sein wichtigstes Anliegen. Leider, denn seine Familie hat er gerne hintangestellt. Seine Forschungen, Publikationen, seine nicht aufzählbaren Auslandsreisen in der ganzen Welt mit seinen Vorträgen und seinen zahlreichen Engagements fanden, so ehrenvoll seine Arbeit auch war, immer zu Lasten der Familie statt.

Smail Balic, Vater von Haris Balic, Ungargasse

In den 1960er-Jahren gründete mein Vater den muslimischen Sozialdienst. Dazu wurde eine Souterrainwohnung in der Münzgasse gleich ums Eck angemietet. Anlaufstelle für Menschen aus Bosnien, die unter dem Tito- Regime flüchten mussten. Eigentlich war dieser Sozialdienst anfangs ein Ein-Mann-Betrieb und mein Vater vermittelte Arbeit, Hilfsgelder und war bei Behördenwegen gerne auch als Übersetzer tätig. In den 1970er-Jahren kamen dann auch die türkischen Gastarbeiter dazu und auch hier wurde gerne geholfen! Da mein Vater auch als Türkischlehrer tätig war, gab es keine Verständigungsprobleme. Es wurde ein Gebetsraum eingerichtet, der jeden Freitag sehr besucht war. Ein junger Imam aus Bosnien wurde angestellt. Bald ist es für die muslimische Community zu beengt geworden und es wurde eine größere Räumlichkeit in der Werdertorgasse im 1. Bezirk für diese Zwecke adaptiert. Der Verein war der Vorläufer der heutigen Islamischen Glaubensgemeinschaft, die 1979 auf Antrag meines Vaters gegründet wurde. Auch am Zustandekommen des Baus der Wiener Moschee in der Donaustadt war er wesentlich beteiligt. Also sehr viel Engagement von meinem Vater. Nur, er hat es nicht geschafft, aus uns 4 Brüdern „gute“ Moslems zu machen. Wir hatten ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Vaters Religion. Trotzdem sind wir erstaunlicherweise alle anständige Menschen geworden! Da hat die Mutter schon einiges dazu beigetragen.

https://www.derstandard.at/story/895471/smail-balic-1920—2002

Wir wohnten hier oben im letzten Stock. Die Wohnung war groß, ca. 130 Quadratmeter und die meisten Zimmer hatten ein Fenster zum Hof. Der größte Raum mit den 2 Fenstern schaute zur Ungargasse. Dieses Zimmer durfte ich die meiste Zeit bewohnen.

Unsere Katze. Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Um 1970
Wohnung_Ungargasse

Im Winter bin ich als Kind oft freudig erwacht, weil mich die sanften Schneeschaufelgeräusche des Hausmeisters um halbfünfuhrmorgens aus dem Schlaf holten. Im Hof hingegen wurde zu meiner Freude kaum geräumt. Da konnte man noch Schneemänner und Iglus bauen. Eine schöne Erinnerung war für mich auch die Schlittenfahrt abends in der Gasse. Ich am Schlitten, mein Vater der Esel, der ziehen musste. Das gibt es heute nicht mehr in Wien.

Meine Brüder waren recht schlimm, wie ich den Erzählungen meiner Mutter entnommen habe. Einmal hatten sie Hausarrest und sind dann aus dem Fenster des „Bubenzimmers“ über den Fenstersims ums Eck in das Stiegenhaus geklettert und geflohen! Über die späteren Konsequenzen ist mir nichts bekannt.

Die wellenartigen Bleistiftlinien, die mehrfach an der Runden abblätternden Wand des Stiegenhauses vom 3. Stock bis ins Erdgeschoss verliefen, werde ich auch nie vergessen. Wer war das bloß?

Hier im Hof, heute stehen zwei Autos da, befand sich ein hölzernes Teppichklopfgerüst, das nicht mit dem Boden verankert war und beim Herumturnen bedrohlich wackelte. Mit Karli dem Hausmeisterbuben habe ich des Öfteren Fußball gespielt. Ich hatte und habe bis heute keine Ahnung von Fußball, aber das Klopfgerüst war logischerweise das Tor und ich musste immer „Austria“ sein, obwohl mir „Rapid“ viel lieber gewesen wäre.

Hinter der rückwärtigen Mauer im Hof mit dem historistischen Brunnen, gab es einen Zugang zu einem verwilderten Garten, der von den Hausbewohnern nicht genutzt wurde. Sehr wohl aber von uns Kindern. Zwischen den vielen Stauden, Sträuchern und Essigbäumen konnten wir wunderbar verstecken spielen. Der Boden war vollkommen mit Efeu zugewachsen. Im zweiten Stock des linken Traktes wohnte ein Frauenarzt. Auch seine Praxis war dort. Sein kleiner Sohn, der Maxi, warf zur Freude von Karli und mir oft sein Spielzeug in den Garten.

Die Höfe der gegenüberliegenden Häuser zur Baumannstrasse waren durch hohe Ziegelmauern abgegrenzt. Über einen Essigbaum konnte ich dennoch über eine der Mauern klettern, auf der anderen Seite auf die dort abgestellten Koloniakübel steigen, um auf diese Weise über den fremden Hof und dann über den Hausflur in die Baumannstraße zu gelangen. Öfters benutzte ich diesen komplizierten Weg, um auch wieder zurückzukommen, denn es war mein Weg, mein persönlicher Geheimweg! Ich wunderte mich immer, warum diese kleine Sackgasse als Straße bezeichnet wurde. Hier war auch die kleine Kohlenhandlung des Herrn Wegscheidler von dem wir unseren Koks bezogen. Als in den 1980er-Jahren der Sünnhof renoviert wurde, gestalteten die Architekten einen hübschen Durchgang am Ende der Baumannstraße. Jetzt gelangt man auch von hier in den wunderbaren Sünnhof.

In den 1960er- Jahren spielte manchmal im Hof der Ungargasse 9 ein Kriegsversehrter mit seiner Geige auf. Die Fenster öffneten sich und die Bewohner lauschten den Klängen. Nach Vorstellungsende wurden ein paar Münzen in ein Papier geknüllt und hinuntergeworfen.

Da das Große Haustor mit den Löwenköpfen tagsüber unversperrt war, kam es auch vor, dass Bettler an den Haustüren klopften. Einer von ihnen kam eine zeitlang regelmäßig an unsere Tür. Meine Mutter gab ihm dann einen Teller Suppe, ein Stück Brot und einen unserer schweren Silberlöffel. Der Mann aß die Suppe am Gangfenster, putzte den Teller schön aus, klopfte wieder, um sich zu bedanken und gab den Teller und den Löffel wieder zurück.

Jahre später läutete es wieder bei uns. Es war ein anderer Bettler. Meine Mutter lief schnell in die Küche und schmierte ihm ein Butterbrot. Als meine Mutter später einkaufen ging, pickte das Butterbrot an der Wohnungstüre! Er hatte sich wohl Geld erwartet.

Der Roman „Malina“, der 1971 von Ingeborg Bachmann geschrieben wurde, war bei uns zu Hause kein Thema, da wir von dessen Existenz nichts wussten. Erst ungefähr 15 Jahre später ist mir das Buch in die Hände gefallen, nichtsahnend wie genau unser Haus und die ganze nähere Umgebung beschrieben wird. Im Roman wird sogar eine Begegnung mit einem Mann beschrieben, die auf meinen Vater passen würde. Auch die Nationalbibliothek wird öfters erwähnt, in der mein Vater hauptberuflich als Bibliothekar und Referent für Arabistik und Orientalistik tätig war. Er hat hier auch den Katalog der arabischen Handschriften erstellt.

1979 habe ich selbst (über eine Zeitungsanzeige und nicht über meinen Vater) einen Job in der Nationalbibliothek als Magazineur angenommen. Vorübergehend wie ich dachte. Anscheinend habe ich mich nicht ungeschickt angestellt und bin dann bald in den Benutzerbereich überstellt worden.

1981 wurde ein C-Posten in der damaligen Theatersammlung frei. Ich durfte dort die Fotosammlung betreuen. 1991 übersiedelte die Theatersammlung in das für uns renovierte Palais Lobkowitz am Lobkowitzplatz (auch dieser Platz kommt in dem Roman vor!). Von nun an war das Theatermuseum ein eigenständiges Bundesmuseum, bis es 10 Jahre später dem Kunsthistorischen Museum unter Wilfried Seipel angegliedert wurde. Es war eine politische Entscheidung, die ich bis heute für falsch halte. Bis zu meiner Pensionierung im heurigen Frühjahr war ich dort der Leiter der Fotografischen Sammlung.

Hier unten, zwei Stufen hinauf, am Anfang des Ganges zum Stiegenhaus. Ein in den Boden eingelassener Gusseiserner Fußabstreifer mit dazugehörigem Haltegriff in der Wand. Offenbar war er früher nützlich, um den Strassengatsch oder Schneematsch loszuwerden.

Ein Stück weiter, an der Bassena. Ich erinnere mich, dass zweimal im Jahr ein Scherenschleifer kam. Hier stellte er sein Tischchen mit Schleifscheibe auf, die er, auf einem Schemel sitzend, mit dem Fuß in Schwung brachte. Für wenig Geld konnten die Hausbewohner ihre Messer und Scheren schleifen lassen.

Als ich in das schulreife Alter kam, gaben mich meine Eltern in das Francais Lycee in der Liechtensteinstraße. Der Schulbus fuhr morgens bei einer Haltestelle beim Rochusmarkt ab und abends spuckte mich der Bus dort wieder aus. Zweimal am Tag durchlief ich also den Sünnhof, der damals ziemlich verwahrlost war. Er war ein halbes Jahr lang mein Schulweg, bis mich meine Mutter aus dieser Schule wieder herausnahm. Es herrschte dort die Macht der Stärkeren und ich hatte keine Chance mich durchzusetzen, bis ich zum Bettnässer geworden bin. Erzählt habe ich zu Hause nichts, bis ich einmal mit aufgeschlagener Stirn über dem Auge und nasser Hose nach Hause kam. Nahtlos kam ich dann, mitten unter dem Jahr, in die Volksschule Kleistgasse. Dort ging es mir besser.

Schräg vis à vis von unserem Haus war die Straßenbahn-Haltestelle des O-Wagen. Fünf Stationen die Ungargasse hinauf, dann die Fasangasse, Station Kölblgasse, noch 5 Minuten Fußweg und ich war da. 50 Groschen kostete ein Kinderfahrschein damals. Irgendwann wurde der Preis auf einen Schilling verdoppelt. Ich hörte, wie meine Mutter zum Vater sagte: Jetzt müssen wir dem Haris immer 2 Schilling für die Straßenbahn mitgeben! Ich fühlte mich schuldig.

Später dann, im Gymnasium Stubenbastei. Die Ungargasse hinunter, durch den Stadtpark über die Holzbrücke, die eigentlich eine Behelfsbrücke der im Krieg zerstörten Brücke war, beim Ententeich vorbei zum Stubenring, Luegerplatz mit dem Denkmal des antisemitischen Wiener Bürgermeisters, ein paar Schritte noch und ich war wieder in der Schule. Manchmal bin ich gemeinsam mit meinem Vater gegangen, er hatte ja fast den gleichen Weg zur Nationalbibliothek.

Nach der Schule haben meine Kameraden und ich auch manchen Unfug betrieben. Am Ring haben wir 10-Groschen Stücke auf die Geleise der Straßenbahn gelegt. Danach waren sie schön platt! Im Winter haben wir auf dem zugefrorenen Ententeich Rutschbahnen angelegt. Wer am weitesten mitAnlauf schlittern konnte! Eine Mutprobe war, im Auslasskanal des Teiches, ein unterirdisches Rohr mit vielleicht 60 Zentimeter Durchmesser welches in das Bett des Wienflusses mündete, durchzukriechen. Das Rohr hatte eine Länge von etwa 30 bis 40 Metern und verlief in einer Biegung, sodass man kein Licht am Ende des Tunnels erkennen konnte. Es war stockfinster! Ich glaube, ich warder Einzige, der sich das getraut hat! Wenn dann am Heimweg noch ein paar Groschen übrig waren, kaufte ich mir in der Bäckerei, Ecke Ungargasse/Beatrixgasse ein paar Stollwerk-Zuckerl um 10 Groschen das Stück.

Die Häuser damals waren alle grau in grau und im Winter roch es in der ganzen Stadt nach verbrannter Kohle. In manchen Gegenden gab es Häuser, wo man noch Einschusslöcher vom Krieg ausmachen konnte. Dort wo man durch Bombentreffer Häuser abreißen musste, blieben oft noch jahrelang Baustellen zurück, bis die Lücken dann doch irgendwann geschlossen wurden.

Im heruntergekommenen Sünnhof gab es die liebenswürdige alte Frau Hutzler. Sie betrieb eine kleine, ebenfalls schäbige Greisslerei. An der alten Fassade gab es etliche Reklameschilder aus Email, die heute vermutlich ein kleines Vermögen wert wären. Hier wurde in den Sechzigern hauptsächlich eingekauft. Vor allem Milch, Brot, Butter und Eier. Diese Lebensmittel waren immer zu Hause und gingen nie aus. Anfang des Monats bekam Frau Hutzler von meiner Mutter Zweihundert Schilling oder so und die Kinder wurden meistens täglich dahin geschickt, um einzukaufen. Frau Hutzler rechnete jedesmal ab und wenn das Geld aufgebraucht war, wurde angeschrieben. So war das damals.

Ähnlich auch bei Frau Helene, die Trafikantin in der Ungargasse, gleich links im Nebenhaus. Meine Mutter kaufte dort ihr Päckchen Zigaretten, Austria C, und deponierte es dort. Sie holte sich die Zigaretten dann immer einzeln, um nicht so viel zu rauchen. Später musste meistens ich hinunterlaufen, um ein oder 2 Stück zu holen. Irgendwann ließ ich mir gleich mehrere Zigaretten aushändigen, nicht um sie selbst zu rauchen, sondern ich versteckte sie in der Wohnung, um sie gleich parat zu haben, wenn es wieder einmal so weit war.

Mutter von Harís Balic

Gleich links neben der Trafik gab es den Herrenfriseur, den mein Vater gerne aufsuchte. Meine Mutter hat dann oft geschimpft, weil der Friseur, dessen Name ich nicht mehr weiß, meinem Vater wieder einmal eine unmögliche Frisur verpasst hat. Als Bub musste ich auch manchmal hin. Ich sah danach nicht viel besser aus als mein Vater! Einmal hat mich der Friseur beim Ausrasieren der Schläfen mit dem Rasiermesser etwas geritzt. Um die Stelle zu desinfizieren, nahm er aus dem Aschenbecher ein abgebranntes Zündholz, um den Schwefel auf meiner Wunde zu verteilen! Ich war tapfer!

Den Friseurladen gibt es immer noch, allerdings mit einem neuen netten Friseur, wie ich heute beim Interview mit Walter Pobaschnig erfahre. Wir plauderten kurz mit ihm und er erzählte uns, dass er Frau Helene, die Trafikantin noch kannte. Die arme Frau wurde in den 1980er-Jahren dreimal überfallen und einmal musste sie mit einer schweren Kopfverletzung ins Spital. Das hielt sie aber nicht davon ab, noch am gleichen Tag mit „Turban“ weiterzuarbeiten!

Haris Balic mit Herbert Weber, Friseur_Friseurgeschäft_Ungargasse

An der Ecke zur Beatrixgasse, schräg vis à vis von der Bäckerei, gab es noch eine Einkaufsmöglichkeit, das Delikatessengeschäft Laszakovits. Es war dort teuer, aber das Brot haben wir dann doch dort gekauft, ein wunderbares Brot der Firma Schrammel. Die Ladenbesitzer, ein Ehepaar hatten einen Sohn in meinem Alter, mit dem ich auch manchmal spielen durfte. Obst und Gemüse wurde am

Rochusmarkt oder in der so genannten „Gemüsehalle“ in der Invalidenstraße/Landstraße gekauft. Hier war ich gerne. Es gab hier auch einen Gewürzgroßhändler, der seine Waren offen feilbot. Die Gerüche hier waren umwerfend. In der gegenüberliegenden, im gleichen Backsteinstil gebauten „Fleischhalle“ war es grauslich. In der ganzen Halle roch es nach Blut. An den Wänden hingen ganze Rinder- und Schweinehälften, auch Wild, Rehe, Hasen und Fasane. Meine Nase vergrub ich in den dicken Pelzmantel meiner Mutter. Das half ein wenig. Trotzdem aß ich dort am Würstelstand meine ersten „Frankfurter Würstel“, die mir meine Mutter gekauft hatte! Die haben wunderbar geschmeckt! Daheim, in einem muslimischen Haushalt, gab es ja so etwas nicht! Schweinefleisch war für meinen Vater ein absolutes NoGo! Meine Schwester Dagmar hat sich mal heimlich ein ½ Kilo Schweineschmalz gekauft. Na, das war ein Theater!

Im Keller hatten wir ein Abteil, wo unsere Kohle bzw. der Koks eingelagert wurde. Der Kohlenhändler bzw. sein Mitarbeiter brachten die „Ware“ in riesigen Jutesäcken am Buckel und schleppten sie hinunter. Es kam immer wieder vor, dass wir einen unerklärlichen Kohleschwund hatten, und mein ältester Bruder legte sich sogar einmal nächtens im Keller stundenlang auf die Lauer. Vergebens. Es passierte nichts.

Später wurde unser Dauerbrandofen vom Wohnzimmer in das große Zimmer verfrachtet und das Wohnzimmer, welches immer elegant als „Salon“ bezeichnet wurde, bekam einen hässlichen keinen Ölofen. Links in der Ecke neben dem linken Fenster des großen Zimmers, das zu diesem Zeitpunkt ja mein Zimmer war, wurde ein 1000 Liter fassender Öltank aufgestellt. Davor stand mein Bett. Damals hat es mich nicht gestört. Jedenfalls kam im Herbst der Tankwagen und der Jahresölbedarf wurde von der Ungargasse hinauf in den 3. Stock gepumpt!

Nachdem Walter und ich den Keller besichtigt und dort auch ein paar schlafende Fledermäuse entdeckten – es ist dort noch immer alles so wie vor 50 Jahren, nur die Lichtleitungen wurden erneuert – gehe ich mit Walter langsam die Stufen hinauf und erzähle, zeige ihm die abgetreten Stufen, die mir schon als Kind gefallen haben. Die Travertiner Bodenplatten, manche von ihnen habe ich auf Grund der besonderen Musterung gleich wieder erkannt, gab es anfangs auch noch in unserer Wohnung im Vorzimmer und in der Küche erinnere ich mich vage. Später wurden sie auf Geheiß meiner Mutter von meinen Brüdern abgetragen und auf dem Dachboden deponiert. Vermutlich liegen sie heute noch da.

Die schöne Abtrennung zwischen dem Vorzimmer und der Küche, die aus einer Holz-und Glaskonstruktion mit Schiebetür bestand, wurde abgerissen. Es wurde dann ein Raum daraus in dem ein Estrich betoniert wurde und darüber kam ein Linoleumboden. Schade eigentlich, aber man wollte dann doch irgendwie modern sein,  so wie die neue „Amerikanische Küche“, die von einer Firma aufgestellt wurde.

Im Badezimmer wurde eine neue Zanker-Waschmaschine aufgestellt, ein Riesen Trumm mit von oben befüllbarer Wäschetrommel und einer integrierten – auch von oben zu befüllenden Wäscheschleuder! Beim Schleudern hat es immer fürchterlich gerumpelt! Oft ist sie auch übergegangen und wir hatten eine Riesen-Überschwemmung! Aber viel besser als Wäschewaschen mit Waschrumpel in der Badewanne! Als die Maschine nach vielen Jahren endlich kaputt wurde, stellte man sie zum Fenster am Gang, wo der Bettler seine Mahlzeiten einnahm und meine Mutter die Schuhe putzte. Als meine Eltern 1980 aus dem Haus und aufs Land zogen, stand die Waschmaschine noch immer dort.

An Regentagen im Sommer war es oft üblich die Wohnungspflanzen, und wir hatten viele davon, vom dritten Stock hinunter in den Hof zu schleppen, um ihnen eine Regendusche zu gönnen. Manchmal blieben sie auch ein paar Tage dort stehen, weil man musste sie ja auch wieder hinaufschleppen.

Ebenso unsere Teppiche, die mindestens drei- bis viermal im Jahr über dem „Fußballtor“ ausgeklopft wurden. Das macht heute auch niemand mehr.

Im sogenannten „großen Zimmer“ das zur Ungargasse ging, hatte meine Mutter bei den beiden Fenstern wegen uns kleinen Kindern, Nadja und mir, Gitter anbringen lassen, damit nichts passieren kann. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber angeblich haben wir am Fensterbrett einen Striptease veranstaltet und unser komplettes Gewand durch die Gitterstäbe auf die Straße geworfen! Das war sicher lustig für uns!

Ein anderes Mal klopfte es an der Wohnungstüre, wir waren allein und trauten uns nicht die Tür aufzumachen, weil Nadja mit Hilfe eines Sessels durch den Türspion die Polizei erkannt haben wollte. Es war allerdings nur der Briefträger, die damals noch uniformiert durch die Gegend liefen!

Meine Schwester Dagmar hat 1965 geheiratet und ihre Tochter zu ihrer neuen Familie geholt. Schlagartig war ich plötzlich ein Einzelkind und meine Spielkameradin los! Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, ob ich darunter gelitten habe.

Im Haushalt habe ich oft mithelfen müssen. Geschirr abwaschen, Staubsaugen, Möbel und Bilder abstauben, Badezimmer putzen und sofort. Eigentlich habe ich es ganz gerne getan und bin heute froh darüber. Beim Kochen habe ich gerne zugeschaut und das Hendl ausnehmen hat mich fasziniert! Damals bekam man das Geflügel ja nur in komplettem Zustand, zwar gerupft, aber sonst noch mit allem dran. Manchmal hab‘ ich das tote Huhn gewürgt und es riss den Schnabel weit auf und mit den abgeschnittenen Krallenfüssen konnte man auch noch hervorragend spielen! Ich lernte wie der Magen entfernt und die Innenhaut samt Körnerinhalt abgezogen wurde. Ich sah die Leber, das Herz, die kleinen Nieren und die Gallenblase, die niemals verletzt werden durfte, weil der Inhalt das Huhn vermutlich ungenießbar gemacht hätte. Jedenfalls wurde aus den Innereien inklusive des gewürgten Halses immer eine gute Suppe gemacht!

Haris Balic _ Ungargasse

Über Facebook bin ich über Hannes Laszakovits gestolpert, der Junge aus dem Delikatessenladen. Er hat keine Erinnerung mehr an mich. Er ist Musiker geworden und ich werde mich demnächst mit ihm treffen!

Haris Balic_Kurator/Archivar_Theatermuseum _ Wien _
im Garten des Hauses seiner Kindheit _ Ungargasse 9 _ Romanschauplatz Malina

Herzlichen Dank, lieber Haris, für diesen ganz besonderen Beitrag zum Romanjubiläum „Malina“! Es war eine große Freude mit Dir in das Haus Deiner Kindheit zurückzukehren und Deine so lebendigen Erinnerungen zu hören und auch zu sehen!

Ich wünsche Dir viel Glück und Freude im neuen Lebensabschnitt!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Haris Balic, Kurator/Archivar_Theatermuseum

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Alle Fotos_Familie Balic/Hausgeschichte _ Haris Balic.

Interview und alle Fotos Porträt_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

„Kunst muss ihren Finger in die Wunden unserer Zeit legen“ Thomas Mulitzer, Schriftsteller, Musiker_Salzburg 26.10.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Wecker klingelt. Ich wache auf und brauche ein paar Augenblicke, bis ich mich orientieren kann. Umrisse und Geräusche verraten, ob ich zu Hause bin oder unterwegs. Morgendliche Stille oder schnarchende Bandkollegen, der vertraute Bücherstapel neben dem Bett, fremde Haustiere oder beliebig austauschbare Hotelzimmer. Seit ich mir vor Kurzem ein kleines Stück vom Schneidezahn am Mikrofon rausgeschlagen habe, untersuche ich mein Gebiss vorm Badezimmerspiegel nach neuen Schäden. Alle Zähne da, alles gut.

Erfreulicherweise finden wieder Konzerte statt, dazu kommen Lesungen aus meinem neuen Roman „Pop ist tot“. Somit ist das Wochenende meist verplant. Mit Autofahrten, Soundchecks, Begegnungen und Punkrock. Unter der Woche bin ich Frühaufsteher wider Willen, beantworte Mails und verbringe den Arbeitstag im Büro. Am Abend bereite ich mich auf anstehende Termine vor. Fürs Schreiben bleibt da wenig Zeit. Also bleiben die Texte und Songs in mir, bis sie die Zeit einfordern, die ich ihnen im Moment nicht geben kann.

Thomas Mulitzer _ Schriftsteller, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mit Ratschlägen an alle tue ich mir schwer, aber vielleicht ist das, was mir wichtig ist, bzw. das, was ich glaube, was für mich jetzt wichtig ist, auch für andere relevant: Sich auf das Wesentliche konzentrieren, Ballast abwerfen und das Gleichgewicht bewahren. Rücksichtsvoll und achtsam sein, dazulernen, sich verändern. Nie so bleiben, wie man ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

In der Lockdown-Zeit war Literatur für mich vor allem eine Flucht vor der Realität. Als die Welt verrücktspielte, habe ich mich literarischen Welten zugewandt, um nicht den Halt zu verlieren. Die waren irgendwie plausibler. Allem Eskapismus zum Trotz muss Kunst ihren Finger in die Wunden unserer Zeit legen und kräftig umrühren. Sensibel sein für das, was sich tut, und unbarmherzig sein beim Benennen. Eines ist klar: Kunst ist eine Notwendigkeit.

Was liest Du derzeit?

Roberto Bolaño, Jens Rachut, Gertraud Klemm.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich denke, dass ich sagen will, dass Kafka verstand, dass die Reisen, der Sex und die Bücher Wege sind, die nirgendwo hinführen, und dass sie nichtsdestotrotz Wege sind, die man beschreiten und in denen man sich verlieren muss, damit man sich wiederfindet oder damit man etwas findet, was es auch sei, ein Buch, eine Geste, ein verlorenes Objekt, damit man irgendetwas findet, vielleicht eine Methode und mit Glück: Das Neue, das, was schon immer da war.“ (Roberto Bolaño)

Thomas Mulitzer _ Schriftsteller, Musiker

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Mulitzer_Schriftsteller, Musiker

https://www.kremayr-scheriau.at/autoren/thomas-mulitzer/

Fotos_1 Verena Castlpietra; 2 Ludwig Seidl; 3 PunktFormStrich.

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Stereotypen und Mauern zu durchbrechen“ Roxana Stern, Schauspielerin _ Wien 25.10.2021

Liebe Roxana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der ist jeden Tag ein bisschen anders, er beginnt jedoch meistens damit, dass ich mich mehr schlafwandelnd als wach an meine am Herd stehende Bialetti Kaffeekanne blind herantaste, um mir einen Kaffee zu machen. Ich genieße diese Zeit sehr, umgeben von der Stille, die nur durch das Bruzzeln der Kaffeemaschine und dem Vogelgezwitscher unterbrochen wird. Fast schon meditativ gibt mir dieses Morgenritual die Zeit, mich in meiner Mitte zu festigen und für den Tag vorzubereiten. Nachdem ich mein schwarzes Lebenselixier zu mir genommen habe, wärme ich meinen Körper mit Workouts und Stretching auf, gefolgt von einer Dusche und meinen anstehenden Terminen. Oder – wenn mich die Muse packt – setze ich mich an meinen Schreibtisch und arbeite an meinen diversen Film- bzw. Theaterprojekten.

Roxana Stern, Schauspielerin, Regisseurin und Cutterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Begegnung in Respekt und Toleranz – aber vor allem Empathie. In Zeiten wie diesen finde ich es besonders wichtig, Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Informationen zu sammeln, zuzuhören und dann erst zu handeln. Je mehr wir wissen, desto besser können wir agieren und reagieren. Noch wichtiger fände ich es jedoch, systemrelevanten Berufen, die uns durch die Pandemie getragen haben und immer noch tragen, nicht nurmehr finanzielle Mittel zu Verfügung zu stellen, sondern vor allem die Begegnung auf Augenhöhe zu etablieren. Explizit betrifft das das medizinische Personal, Angestellte im Bereich des täglichen Bedarfs, aber auch und nicht zuletzt Künstler, die durch Entertainment und Anregung unsere Sinne befeuern. Ich habe immer noch das Gefühl, dass all diese Menschen immer etwas belächelt bzw. nicht genügend wertgeschätzt werden. Da können wir uns noch so viel an die Fenster stellen und klatschen, Fakt ist, dass man von dieser Art von Wertschätzung weder Essen kaufen kann, noch Personal entlastet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Immer zu hinterfragen, selbst wenn wir glauben, richtig zu liegen. Und das im sozialkritischen, aber vor allem im politischen Kontext. Etwas das nicht nur in der Verantwortung von Einzelpersonen und unserer Gesellschaft im Allgemeinen liegt, sondern vor allem in der Kunst und Kultur. In der Kunst haben wir die Freiheit aus unserer Bubble auszusteigen und Stereotypen und Mauern zu durchbrechen, Szenarios zu er- und durchleben und somit die Fehler unserer selbst kreierten Systeme aufzuzeigen.

Was liest Du derzeit?

Die Frage ist eher, was lese ich nicht gerade, haha … im Moment sind es viele Skripten von verschiedenen Projekten. Dennoch lese ich auch Bücher in meiner wenigen freien Zeit, die mir noch übrigbleibt. Da ich mir immer Notizen mache wenn ich ein Buch lese – sei es ein Roman, Fachliteratur oder Gedichte – ist es nicht schwierig für mich, mehrere Bücher parallel zu lesen. Auf diesem Wegkann ich meiner Intuition folgen, welches Buch gerade das ist, das ich in die Hand nehmen sollte. Ein Blick auf meine Notizen und ich kann dort anknüpfen wo ich aufgehört habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Lehrt euren Kindern nicht nur das Lesen. Lehrt sie, das Gelesene zu hinterfragen. Lehrt sie, alles zu hinterfragen.“ – George Carlin. Meine Eltern haben immer zu mir gesagt „Hör mit den Ohren der Toleranz. Sieh durch die Augen des Mitgefühls. Sprich die Sprache der Liebe.“ – Rumi

Vielen Dank für das Interview liebe Roxana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Roxana Stern, Schauspielerin, Regisseurin und Cutterin

https://www.roxana-stern.com/

Foto_privat.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„seismograph & kassandra zu sein vor allem aber dialogpartner*in “ Renate Aichinger, Schriftstellerin _ Wien 24.10.2021

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

schreiben, sonnespazieren, spielplatz, ein paar sorgen & natürlich viel schabernack …

Renate Aichinger_ Schriftstellerin, Theaterregisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

… dass wir diesen riss, der sich grad durch unsere gesellschaft gräbt, nicht noch weiter einreißen lassen

… dass wir auch die leisen & lauten grautöne, die zwischen schwarz & weiß, ganz zu schweigen von den vielen farben …

… dass wir achtsam … miteinander …

… dass wir andere meinungen gelten lassen & nicht gleich menschen verachten, die nicht in unserer echokammer …

… dass wir da einfach nicht mitmachen, bei diesem spaltenlassen & stattdessen zusammenhalten …

… dass wir dieses schlupfloch & aus unseren blasen finden …

… dass wir utopien realität …werden … lassen …

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

seismograph & kassandra zu sein vor allem aber dialogpartner*in …. mit offenen augen, armen & herzen …

Was liest Du derzeit?

na ja, sagen wir so: es liegen bücher auf meinem toread-stapel, die quasi mehr oder weniger in progress sind 😉

leïla slimani: das land der anderen

claire messud: wunderland

christian kracht: eurotrash

isabella feimer/manfred poor: american apocalypse

teresa präauer: das glück ist eine bohne

elena ferrante: frau im dunkeln

meg wolitzer: die zehnjahrespause

sally rooney: schöne welt, wo bist du

tierry courtin: tchoupi s’habille tout seul

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

da gerade mein neues buch #flirren erschienen ist:

#social:distancing

wenn

münder

bedeckt

lippen

bekenntnisse

versteckt

dann

müssen

wir

schauen

dass

wir

uns

nicht

aus

den

augen

#flirren, edition laurin, innsbruck, 2021

https://www.uibk.ac.at/editionlaurin/buecher/flirren-renate-aichinger.html

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Renate Aichinger_ Schriftstellerin, Theaterregisseurin

http://www.renateaichinger.at/Website/zuhause.html

Foto_privat

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst ist kein Luxusgut“ Dirk Hülstrunk, Schriftsteller_Frankfurt/Main 23.10.2021

Lieber Dirk, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich das wüsste, wäre ich wahrscheinlich erfolgreicher. Hatte schon lange keinen geregelten Tagesablauf mehr. Warte auf Überraschungen aller Art. Aber erst nach dem Kaffee. Werfe alle Planung über den Haufen. Improvisiere mit Worten, Taten, Geräuschen und spätabends mit der Angst vor dem Absturz und dem Schreck, schon wieder eine Zoom-Sitzung verpasst zu haben.  

Seit Corona sitze ich fast nur noch zu Hause am Schreibtisch und rede mit mir selbst und meinen Endgeräten. Der schöne Traum vom internationalen Jet-Set-Künstler-Dasein ist mindestens beschädigt. Die tollen, großen Projekte schon im zweiten Jahr abgesagt oder noch mal verschoben oder vergessen. Dafür bin ich jetzt bei Instagram. Dafür lerne ich endlich mal meine Umgebung kennen und performe als local poet auf Straßen und in Parks. Ich übersetze Graphic Novels und Kinderbücher und schreibe gelegentlich wieder so etwas wie „echte“ Gedichte. Meisten zwischen Mitternacht und Morgengrauen.
Die Bedeutung der Performance von Texten ist vermutlich überschätzt. Geschriebenes läuft wenigstens nicht weg.

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich wüsste, wer wir alle sind, würde ich sagen, bitte weniger Misstrauen, weniger Neid, weniger Missgunst, weniger Rechthaberei. Bitte Ausweitung der Grauzone. Bitte Subtext einfügen. Bitte weitergehen. Und bitte die Demokratie nicht vergessen. Aber natürlich kann ich nur für mich selbst sprechen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Augen aufmachen und hinsehen. Dann hinsetzen, zuhören, nachdenken. Nicht in Panik geraten. Probleme erkennen, benennen und pragmatische Lösungen finden. Mit Fantasie nach den Fakten suchen.
Kunst ist kein Luxusgut, sondern sozialer Klebstoff und Erste-Hilfe in der Krise. Blick schärfen, Einfühlungsvermögen justieren, spielerisches Denkvermögen und Vorstellungsvermögen stärken. Kunst kann aber am meisten, wenn sie gar nichts muss.

Was liest Du derzeit?

Immer mehrere Bücher parallel, u.a.

Klasse und Kampf, herausgegeben von Maria Barankow und Christian Baron. Claasen, 2021. Weil elitäre Blasen und soziale Unausgewogenheit in der Literatur die Möglichkeiten von Kultur beschränken.

Chester B. Himes – A Biographie von Lawrence P. Jackson, New York 2017

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir spielen, bis uns der Tod abholt“ (Kurt Schwitters)

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

Vielen Dank für das Interview lieber Dirk, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

www.dirkhuelstrunk.de 

Fotos_Oliver Lauberger_Büro für Gebrauchsgrafik.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Schieles Kunst ist krass, unverblümt, schön“ Pauline Wentzel, Schriftstellerin_Station bei Egon Schiele_Wien 23.10.2021

Pauline Wentzel _ Schriftstellerin_Wien _
Station bei Wally Neuzil/Egon Schiele _ Wien

Liebe Pauline, wir sind hier in Neuwaldegg im Westen Wiens am Wohnhaus von Egon Schiele. Welche Eindrücke nimmst Du von Haus, Garten, Umgebung, Wegen unmittelbar auf?

Zuweilen mag einen in dieser Gegend eine Anwandlung ankommen, als werde die Zeit für einen Moment durchlässig, ganz kurz nur, etwa so, als wenn eine Schneeflocke auf der Haut schmilzt.

Das Haus ist im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Neuwaldeggs nicht pittoresk, doch wenn man seine Rückseite vom Garten aus betrachtet, besitzt es einen ganz eigenen Reiz.

Ich glaube, im Garten hielte ich mich am liebsten an einem Spätsommertag wie dem heutigen auf, oder im Herbst.

Was bedeuten Dir Orte?

Orte verbinde ich oft mit dort geschehenen Momenten und darum stark mit Gefühlen.

Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?

Abgesehen von einem bestimmten Kaffeehaus, dem gegenüber ich empfinde, wie Altenberg es in seinem dem Kaffeehaus gewidmeten Gedicht beschreibt: eine kleine Stiege, die nahe der Jedleseer Brücke ins Wasser führt. Der Augarten. Eine Stiege an der die Wien begrenzende Mauer. Über große Teile hinweg die Fahrstrecke der U6. Der Stephansplatz, solange ich den Dom betrachte (u.U. auch der Stephansplatz im Allgemeinen). Das Cine Center.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Der Sommer gehört der Leichtigkeit, dem Schwimmen, den vielen Flusssandkörnern, die ich trotz aller Umsicht immer wieder in die Wohnung trage und den Schwalben am frühen und späten Himmel.

Im Herbst raschele ich durch die Platanenblätter im Augarten und spaziere – besonders am frühen Abend – durch die Stadt. In den Herbst fallen viele wohlgeordnete Tage, ebenso wie ein wenig Melancholie.

Der Winter ist fein, um an manchen Tagen nicht hinaus zu gehen, und Schnee bezaubert mich oft, doch spätestens ab Februar erwarte ich ungeduldig den Frühling.

Er ist abendliche Verheißung, schwer von Blüten.


Was bedeutet Dir Natur?

Natur ist wesentlich. Weitere Erklärungen würden die Frage nicht befriedigend beantworten.

Wie kann der moderne Mensch in Harmonie mit Welt/Umwelt leben?

Der Zustand der Harmonie ist dadurch gekennzeichnet, dass alle Aspekte in größtmöglichen Einklang zueinander gesetzt werden. Insofern müssten die Allermeisten von uns sich wesentlich intensiver nicht nur mit den kurz-, sondern auch mit den langfristigen Folgen ihrer Handlungen auseinandersetzen und insbesondere strenger abwägen, zwischen dem Grad, in welchem eine Handlung das eigene Wohlbefinden steigert, und dem daraus resultierenden Schaden/Nutzen für die Umwelt.

Kurz gesagt sollten wir unser Tun also wesentlich stärker auf dessen Verträglichkeit hin überprüfen.

Ich gebe zu, dass ich selbst keineswegs immer die Konsequenz besitze, mich an diesen Maßstab zu halten.)


Du bist in München aufgewachsen und lebst jetzt seit bald zwei Jahren in Wien. Was
bedeutet Dir  Wien als Lebens- und Kulturraum?

Wien bedeutet mir Glück, ganz besonders, wenn ich mich auf dem Weg ins Kaffeehaus befinde/vom Kaffeehaus komme!

Wie war Dein Weg zur Literatur?

Literatur in allen Formen ist in meinem Leben seit jeher wichtig. Allerdings erfuhr ich erst mit achtzehn, wie sehr Schreiben fehlen kann. Dies war vor allem ausschlaggebend für die Entscheidung, meine Lebensumstände weitgehend auf das Verfassen von Texten hin auszurichten.


Welche Schwerpunkte hast Du im Schreiben? Wo findest Du Inspiration?

Hauptsächlich schreibe Ich Märchen und Gedichte. Ein einzelner Anblick – etwa eine Aprikose, das Schmuckstück eines Vorübergehenden etc. – gibt mir oft den Grundgedanken für einen Text ein. Oder aber eine Empfindung – dies häufiger bei Gedichten als bei Märchen.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Egon Schiele?

Schiele war einer der ersten Künstler, für die ich mich ernsthaft  begeisterte, seine Werke führten mich, neben denen Klimts, zum ersten Mal nach Wien.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Wally Neuzil?

Vielleicht die Freude am Modellstehen, wenngleich es freilich einen großen Unterschied macht, ob man dieser Tätigkeit erwerbsmäßig nachgeht oder nicht.

Welche Eindrücke hast Du von der Kunst Egon Schieles?

Sie ist krass, unverblümt, schön.


Welches Bild von Egon Schiele beeindruckt Dich besonders und warum?

Mir fallen an dieser Stelle mehrere Werke ein, darum greife ich einfach eines heraus:

Das Portrait „Gerti Schiele“ (1909) berührt mich sehr wegen der Zartheit und Innigkeit, die für mich darin liegt. Der weiße Hintergrund, der auch als leer empfunden werden könnte, gleicht in meinen Augen einer Umarmung.


Welche Eindrücke hast Du von der Darstellung Wally Neuzils in Schieles Werken?

Die gemalte Wally Neuzil ist für mich eine sehr ausdrucksvolle, schöne Frau. Faszinierend finde ich, dass die einzelnen Merkmale ihres Gesichts für sich genommen zart wirken, im Ganzen aber vor allem Willensstärke zeigen.


Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Vertrauen, Achtung, Geduld, Bereitschaft, dem Anderen zuzuhören


Was lässt Liebe untergehen?

Gleichgültigkeit


Darf ich Dich zum Abschluss zu einer Wortassoziation zu „Wally Neuzil“ bitten?

Waldabend

Pauline Wentzel _ Schriftstellerin_Wien _
Station bei Wally Neuzil/Egon Schiele _ Wien

Station bei Egon Schiele/Wally Neuzil_Wien_ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Pauline Wentzel_Schriftstellerin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

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„Dass wir der Trash-„Kommunikation“ ein Ende bereiten“ Anke Glasmacher, Schriftstellerin_Köln 22.10.2021

Liebe Anke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Woche ist bei mir zweigeteilt und hat sich auch in den letzten Monaten kaum verändert. Der weitaus größte Teil gehört einem „ganz normalen“ Brotberuf. Ich stehe recht früh auf, trinke ein, zwei Cappuccino, dann fahre ich ins Büro oder arbeite im Homeoffice. Nach Feierabend geht es zum Sporttraining. In der zweiten Wochenhälfte steht die Literatur im Vordergrund. Ich stehe immer noch früh auf, lese aber erst einmal in Ruhe Zeitung, freue mich auf TOM Touché in der taz und die klugen Artikel von Bernd Ulrich in der ZEIT, treffe mich zum Austausch mit anderen Autor*innen und vor allem: ich nehme mir Zeit zum Schreiben.

Anke Glasmacher, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, nach der längeren Phase von Selbstoptimierung brauchen wir wieder mehr Krisenkompetenz: den Blick weiten, die Perspektive von den Füßen auf den Kopf stellen. Dazu zählt auch, dass wir der Trash-„Kommunikation“ ein Ende bereiten, indem wir sie als das behandeln, das sie sein will: Trash, ein Stör-Senden. Eben genau keine Kommunikation.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat in einer Gesellschaft immer eine wichtige Funktion. Sie spiegelt die Freiheit des Denkens. In der Kunst ist Unmögliches möglich. Kann Utopisches real werden. Aber dafür müssen wir uns als Künstler*innen selbst ernst nehmen, uns nicht in Genredebatten verlieren, als Unterhaltungskünstler*innen verkleinern lassen. Nicht der Markt, der Marktplatz ist unser Ort. Die schönen Künste müssen nicht schön sein. Sondern aufrichtig und wahrhaftig.

Was liest Du derzeit?

Hier liegen einige an- und noch ungelesene Bücher:

T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen

Colin Whitehead: Zone One; Die Nickel Boys

Javier Marias: Dein Gesicht morgen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich weiß, manche Zitate wirken in ihrer Tonalität wie aus der Zeit gefallen. Aber Kants Gedanken zur Aufklärung finde ich hochaktuell. Hier also nochmal verkürzt Immanuel Kant: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit / Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant: Was ist Aufklärung).

Vielen Dank für das Interview liebe Anke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anke Glasmacher, Schriftstellerin

https://www.ankeglasmacher.com/

Fotos_1 privat; 2 Anke Glasmacher.

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bowie Odyssee70“ Simon Goddard, hannibal Verlag.

1970. Ein neues Jahrzehnt bricht an. Viele Träume begleiten eine Generation. Friede, neue Lebensstile und Lebensformen sind Hoffnungen und Vorhaben. Der Aufbruch der 1960er Jahre trägt viele Erwartungen für die unmittelbare Zukunft in sich. Viel wird experimentiert, gewagt und findet seinen Weg…

Auch in der Musik. Das „Woodstock“ Festival 1969 hat gezeigt was Musik bewirken und wie Musik verbinden kann. Was wird jetzt Neues zu erwarten sein?

Einer, der mit großem Elan und Kreativität an seinen Musikprojekten arbeitet, ist auch David Bowie. Er sucht seinen Weg und kennt dabei keine Grenzen. Katapultiert sich gleichsam mit jedem neuen Song in den Weltraum der Musikgalaxien. Neues entsteht rundum und der britische Künstler ist ein Mittelpunkt und geht unbeirrt seinen Weg zwischen Studio, Konzert und dem Leben, das ebenso ein Karussell an Erfahrungen, Erlebnissen und neuen Wegen ist….

Der britische Musikjournalist Simon Goddard geht in dieser besonderen biographischen Spurensuche den Musik- und Lebensstationen eines der bedeutendsten Musikphänomene der modernen Musikgeschichte nach – David Bowie. Der Autor findet dabei eine ganz eigenständige literarische Form des Zuganges zu Kunst und Leben. Spannend und mitreißend folgen Leserin und Leser dem Weg eines aufstrebenden jungen Musikers wie dem musikalischen Aufbruch eines Jahrzehntes…

„Eine Musikbiographie als vielstimmiges spannendes Konzert“

Walter Pobaschnig 10_21

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„Wir sollten versuchen, reife Entscheidungen zu treffen & offen bleiben“ Wolfgang Nöckler, Schriftsteller_ Innsbruck 21.10.2021

Lieber Wolfgang, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

da es sehr viele Einflüsse gibt, die mit wechselnder Intensität die Abläufe bestimmen ist im Moment der Schul-/Kindergartenanfang meiner Kinder der Taktgeber, sprich: früh aufstehen! im besten Fall gelingen dann am Vormittag, wenn die Bahn frei ist, ein paar kreative Runden…

Wolfgang Nöckler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

ich denke, es wäre wichtig, im Gemeinsamen zu bleiben, nicht zu sehr zu versuchen, einzig sein eigenes Ding durchzudrücken. ich verstehe Ängste, ich verstehe Vorbehalte. ich verstehe aber nicht die Ablehnung, ohne sich für die „Gegenseite“ zu interessieren. wie wir gelernt haben, sind wir im Moment noch mehr zur Schicksalsgemeinschaft geworden, da sollten wir aufeinander schauen (ohne uns selbst zu vergessen, natürlich), wir sollten versuchen, reife Entscheidungen zu treffen & offen bleiben

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

die Kunst hat viel Material geliefert bekommen, es ist vieles zu Tage getreten, was im Untergrund geschlummert hat; das zu verarbeiten wird sicher eine große Rolle spielen, allerdings auf eine nicht zu aufdringliche Art; vielen hängen die Themen zum Halse raus, da kann all zu plakatives Aufwärmen nicht unbedingt punkten. sehr wohl sehe ich aber eine Aufgabe darin, die Wiederverbindungen zu versuchen. auch die „anderen Seiten“ wertschätzend aufzugreifen. Gelerntes zu festigen… & vielleicht gibt es noch eine ganz andere Aufgabe: auch Dinge/Inhalte aufzugreifen, die rein gar nichts Pandemisches an sich haben, sondern unterhalten können, Lebensfreude bringen…

Was liest Du derzeit?

Momentan bin ich an zwei Büchern dran.

Einerseits „Die Familie Moschkat“ von Isaac B. Singer & andererseits „Die Gegenstimme“ von Thomas Arzt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

spontan:

wer zitat? mehr als der aal

Vielen Dank für das Interview lieber Wolfgang, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Wolfgang Nöckler, Schriftsteller

Foto_privat.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden“ Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_Undine geht _20.10.2021

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

Liebe Irene, wir sind hier auf der Donauinsel in Wien – welche Bedeutung hat Wasser, die Natur für Dich?

Ich liebe das Wasser. Flüsse, Seen, Meere – alles. Ich bin gern im Wasser und gern am Wasser. 2019 habe ich ja als Gast für drei Monate im Literarischen Colloquium Berlin leben dürfen, das sich direkt am Wannsee befindet. Beim Frühstücken, Arbeiten und abendlichen Zusammensitzen auf der Terrasse hat man da immer das Wasser im Blick gehabt. Das war großartig, so würde ich am liebsten dauerhaft leben – aber dazu müsste ich wohl leider ein paar Bestseller schreiben…

Schwimmst Du gerne? Wenn ja, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?

Natürlich schwimme ich sehr gern. Gelernt habe ich es ganz unromantisch bei einem Schwimmkurs in unserem heimischen Schwimmbad. Dieses heißt übrigens „Hietl-Bad“, was sich, glaube ich, von „Hüttel-Bad“ ableitet und immer für sehr erschrockene Gesichter bei Touristen sorgt, die „Hitler-Bad“ verstehen. 

Du bist in der Steiermark aufgewachsen und lebst jetzt seit 10 Jahren in Wien. Was bedeutet Dir und welche Impulse bekommst Du von Wien als Lebens- und Kunstraum?

Ich bin grundsätzlich eher ein Stadtmensch. Ich mag die Anonymität irgendwie, das „Allein- und doch Unter-Menschen-Sein“. In der U-Bahn oder im Café nimmt man die unterschiedlichsten Gesprächsfetzen wahr, hört Erzählungen aus Milieus, die einem ganz fremd sind, und erfährt von Weltanschauungen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Das kann sehr inspirierend wirken, ohne dass man es direkt wahrnimmt. Im Lockdown habe ich erst gemerkt, wie sehr mir das abgeht. 
Naja, und in Graz geht das mit der Anonymität schon nicht mehr so gut. Graz ist klein genug, dass man immer irgendwen trifft, den man kennt.
Und das Kulturleben in Wien ist natürlich großartig. Ich geh fast nie irgendwo hin, aber ich liebe das Gefühl, dass ich jederzeit ins Theater, zu einem Konzert oder in die Oper gehen könnte, wenn ich nur wollte. Auch das hab‘ ich sehr vermisst im Lockdown.

Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?

Tatsächlich die Alte Donau. Da gibt es auch ein paar frei, also gratis zugängliche Stellen, dort halte ich mich im Sommer sehr oft auf.
Sonst streife ich aber auch sehr gern immer wieder durch die Innenstadt, weil man dort auch historisch interessantes und ästhetisch ansprechendes „Neues“ entdeckt, wenn man schon seit 10 Jahren Wien lebt. Und am Donaukanal und im Augarten bin ich auch oft.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Das erste, was mir zu Bachmann immer einfällt, ist, dass sie beim Rauchen eingeschlafen und verbrannt ist. Das zweite ist der Bachmannpreis, und bei dem war ich noch nicht. Sind das Bezüge? Vermutlich nicht.
Aber jetzt komme ich ja bald in „Dreißigste Jahr“, vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um neue Bezüge zu Ingeborg Bachmann zu erlangen.

Wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Wie bei allen Texten von Ingeborg Bachmann bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich alles verstanden habe. Das ist sicher durchaus gewollt, das Rätselhafte, Offene, „was sich nicht festlegen lässt“, wie es in der Undine heißt. Und trotzdem stellt sich kein Gefühl der Beliebigkeit ein. Da brodelt schon etwas unter der lyrischen Sprache.
Wenn ich die Grundaussage von „Undine geht“ auf einen Satz herunterbrechen müsste, würde ich sagen: Die unterschiedliche Lebensrealitäten von Männern und Frauen. Und wenn ich das Sakrileg begehen und Bachmann kritisieren darf: Ein bisschen klischeehaft wird da die Frau der Natur und der Mann der Zivilisation zugeordnet.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Das ist immer so eine Frage. Was will man sich aus einem literarischen Text „mitnehmen“? Einen Ratschlag, eine Lebensweisheit? Vielleicht am ehesten eine Grundstimmung. Und die Grundstimmung ist für mich hierbei das Missverständnis, das einem Missverhältnis entspringt. Dieses Missverständnis will man sich vielleicht nicht unbedingt in das Heute mitnehmen, aber es ist eben leider noch da, weil ja auch das Missverhältnis noch da ist.

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Heute heißen einmal bedeutend weniger Männer Hans. Hannes vielleicht. Aber Hans?
Sonst hat sich natürlich auch allerhand geändert, rechtlich, ökonomisch, auch gesellschaftlich. Aber was doch noch besteht, ist eben dieser Unterschied in der Lebensrealität von Männern und Frauen. Und Frauen sind viel geübter darin, die männliche Perspektive mitzudenken als umgekehrt. Darum sind ja so viele Männer aus allen Wolken gefallen, als sie im Rahmen der MeToo-Bewegung mitbekommen, dass Missbrauch auch in ihrem eigenen Umfeld stattgefunden hat. Dass ihre eigenen Partnerinnen, Kolleginnen, Schwestern solche Erfahrungen gemacht haben. Und relativ schnell kommen dann so „selber Schuld, wenn ihr euch nicht wehrt“-Vorwürfe, weil man sich überhaupt nicht in die Situation einfühlen kann. Und das durchaus nicht nur von Ignoranten, bei denen man es sich eh nicht anders erwartet hat, sondern durchaus auch von verständigen Männern.
Und es ist so unendlich schwer, diesen Unterschied in den Lebenswelten zu beschreiben, weil es oft Nuancen sind, die unterschiedliche Realitäten ausmachen, nicht greifbar, und Männer wollen ja immer alles logisch erklärt haben. Das ist übrigens auch eine sehr schöne Passage in dem Text: wie die Männer sich über den Motor beugen und die Technik erklären, „bis vor lauter Erklärungen wieder ein Geheimnis daraus geworden ist“.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute, in Leben,  Gesellschaft, Kunst?

Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden. Was es so viel schwieriger macht, gegen sie anzukämpfen. Die sogenannten „Gläsernen Decken“ sind ironischerweise beinahe unzerbrechlich. Und da stellt die Kulturwelt leider keine Ausnahme in unserer Gesellschaft dar.
Naja, und die richtigen Chauvinisten an den wichtigen Stellen gibt es dann natürlich auch noch. Die werden mittlerweile zwar in regelmäßigen Abständen öffentlich dafür kritisiert, aber nur in seltenen Fällen führt das dazu, dass sie von ihren Machtpositionen abgezogen werden. Da liegt noch ein weiter, steiniger Weg vor uns.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur?

Für mich ist wahre Poesie ist eigentlich nur im Scheitern möglich. Alles andere ist Kitsch. Aber Kitsch tut auch gut, von Zeit zu Zeit.

Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?

Ich weiß nicht, ob man Poesie „leben“ kann. Poesie ist für mich eine Sache, die sich im Inneren abspielt, die weniger mit der Außenwelt zu tun hat als mit der eigenen Sicht auf diese, und da ist es eigentlich egal, wie „modern“ sie ist. Poesie denken, das geht vielleicht. Poesie denken im eigenen Scheitern an einfach allem und es sich damit erträglicher machen.

Was hat sich in der Liebe in Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?

Alles und nichts. Wie gesagt, am Papier sind Männer und Frauen mittlerweile rechtlich gleichgestellt. Aber eben nur am Papier. Und gerade Beziehungen gehorchen ja wieder ganz anderen Gesetzen. Aber ich benutze das mir zur Verfügung stehende Papier immer wieder, um diesen Verhältnissen auf literarische Weise nachzuspüren.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Wie alles, das wächst und blüht: Zeit.

Was lässt Liebe untergehen?

Überzogene Erwartungen. Ich habe irgendwann einmal einen Artikel darüber gelesen, dass in unserer „atheistischen“ Welt die romantische Liebe oft als „Religionsersatz“ herangezogen wird und alle emotionalen, geistigen und körperlichen Bedürfnisse gleichzeitig abdecken soll. Das kann ja nicht funktionieren, da ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Wie war Dein Weg zur Literatur?

Lang, aber ziellos. Ich habe schon als Kind wahnsinnig gern Geschichten erfunden und aufgeschrieben, habe dann früh bei Jugendliteraturwettbewerben mitgemacht und damit auch Erfolge gefeiert. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Aber mit meinen Texten habe ich offensichtlich mehr überzeugt als mit meiner Schauspielerei. Es war also gar keine Entscheidung, Schriftstellerin zu werden. Es hat sich so ergeben. Aber jetzt gefällt es mir ganz gut in der Literatur. Weil sie sich Zeit lassen kann, verspielt sein darf und auch einmal pedantisch, wenn’s sein muss. Und man hat Freiheiten, die man als Schauspielerin nicht hätte. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie sehr ich eigentlich auf Freiheit stehe.

Welche Impulse gibt es von der Natur her für Dich als Schriftstellerin?

Tatsächlich gar nicht so viele. Ich schreibe sehr gerne in der Natur, und dann besonders gern an Gewässern. Aber direkt wirkt sich das nicht auf mein Schreiben aus. Die Inspiration hole ich mir eher aus dem Zwischenmenschlichen. Oder in der Literatur. Lesen geht übrigens auch ganz wunderbar an Gewässern.

Was sind Deine derzeitigen literarischen Schwerpunkte und Projekte?

Mein Arbeitsschwerpunkt ist momentan historisch. Mein dritter Roman, der von der Freundschaft zwischen Hans Scholl (schon wieder ein Hans) und Alexander Schmorell handelt, ist gerade in der Überarbeitungsphase und erscheint voraussichtlich 2023. Ein vierter ist aber auch schon in Arbeit, da geht es um eine alte Dame, die sich für die uneheliche Enkelin von Kronprinz Rudolf hält. Das wird dann ein Spiel mit historischer und gefühlter Wahrheit.
Und sonst würde ich auch gerne wieder Theatertexte schreiben, jetzt, wo die Theater wieder offen haben dürfen. Ein Drehbuchprojekt über die Jugend von Caterina Valente steht auch noch auf meiner Wunschliste.
Außerdem ist gerade ein Erzählband von mir erschienen: „Guilty Pleasures“ bei der steirischen Edition Kürbis. Das sind Texte von mir aus insgesamt sieben Schaffensjahren darin versammelt, und ich wünsche diesem bunten Büchlein noch viele Leserinnen und Leser.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Im Sommer ist es mir zu heiß und im Winter ist es mir zu kalt. Und Frühling und Herbst sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Ich fühle mich eher selten so richtig wohl, wettermäßig. Aber dafür hat jede Zeit auch ihr Gutes: Im Sommer gehe ich schwimmen, und WENN es im Winter schneit, dann bin ich überglücklich.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Und nun geht einer oben und hasst Wasser und hasst Grün und versteht nicht, wird nie verstehen. Wie ich nie verstanden habe.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)

Ich habe so eine Art Gedicht gemacht:

Und
Nicht
Das
Innere
Nur
Erkennen

Gefühle
Ertragen
Hans
Treffen

Liebe Irene, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am szenischen Projekt „Undine geht“!

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

Walter Pobaschnig _Wien_10_21

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