„Ingeborg Bachmann war ihr Werk“ Valerie Springer, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien _ 30.10.2021

Valerie Springer, Schriftstellerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

Herzlich willkommen, liebe Valerie, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse/Wien!

Welche Bedeutung haben Orte für Dich?

Ich habe zu Orten eine ambivalente Einstellung.

Ich bin sehr oft umgezogen in meinem Leben. Es gibt viele Orte für mich, die mit Erinnerungen verbunden sind. Die Erinnerungen verändern sich und verändern den Ort.

Manchmal sind Orte Chimären. Wenn ich sie nach vielen Jahren besuche, sind diese nicht mehr das, was sie damals für mich waren und auch nicht mehr so, wie ich sie erwartet habe.

Welche Rolle spielen Orte in Deinem Schreiben?

Eine ganz wesentliche Rolle. Ich habe viele Jahre in Jamaika gelebt und habe diesen Ort, diese Insel, als Schauplatz für einen Roman gewählt.

Mein Vater ist 1920 in Prag geboren und musste diese Stadt aufgrund der Okkupation der Nazis verlassen. Ich habe bis heute zu Prag eine sehr innige Beziehung. Mein Vater sagte immer „Prag ist die schönste Stadt der Welt“. (lacht).

Wien ist in meinem Schreiben extrem wichtig. Meine Mutter ist Wienerin. Wien war für mich das Großeltern-Paradies (lacht). Ich war in meiner Kindheit immer im Ausland, aber wir sind in den Ferien zu den Großeltern nach Wien gefahren.

Als ich nach Wien gezogen bin, war es eine ganz andere Zeit als die Gegenwart. Ich bin in den 1970er Jahren, 1977, nach Wien gekommen. Es war die „bigger, faster, better, more“ Zeit (lacht). Es war ein unglaublicher Aufbruch zu spüren.

Für mich war Wien auch ein Neubeginn. Ich kam mit 19 Jahren hierher und habe meine Pubertät, meine Erfahrungen hinter mir gelassen. Es ging für mich damals um eine Neudefinition. Vielleicht habe ich das auch geschafft.

Was kommt noch dazu? Die Sprachheimat. Ein schwieriger Fall bei mir. Aber durchaus zu bewältigen (lacht). Ich bin deutschsprachig, hochdeutschsprachig, im Gegensatz zu meiner Mutter, die ein wunderschönes warmes Wienerisch gesprochen hat. Ich mag Dialekt ausgesprochen gern, aber ich beherrsche es nicht. Ich bin in ausländische Schulen gegangen und habe da Hochdeutsch gelernt. Warum ich keine Muttersprache habe, weiß ich nicht. Mein Vater war Tscheche und hat auch sehr korrekt Deutsch gesprochen, natürlich mit Akzent.

Die Sprachheimat ist für mich wesentlich mehr als die geographische Heimat. Ich wurde ja immer als „Deutsche“ tituliert, was ich nicht war und nicht bin, ich sprech` nur so (lacht).

Wie hast Du Wien in den 1970er Jahren literarisch und künstlerisch erlebt?

Ich war 19 Jahre alt und an meiner beruflichen Ausbildung interessiert, begann zu studieren, Wirtschaft, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass man vom Schreiben leben kann (lacht).

Ich war und bin voller Bewunderung auch für Ingeborg Bachmann, die sich so kompromisslos dem Schreiben verschrieben hat … schönes Wortspiel (lacht). Den Mut habe ich nie gehabt.

Das künstlerische, literarische Wien damals? Ich ging damals viel in die Oper und in Konzerte. Musik hat damals eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Theateraufführungen erstaunlicherweise nicht, auch nicht Lesungen. Ich war und bin eher zurückgezogen lebend.

Welche Zugänge hast Du zum Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann?

Ich habe „Malina“ erstmals mit 13 Jahren gelesen. Da ist der Roman erschienen, meine Mutter kaufte ihn und ich schnappte mir das Buch. Aber es hat mir nicht viel gegeben. Ich habe es nicht verstanden.

In der Schweiz war der Roman ja keine Schullektüre. Dafür wurde viel Max Frisch gelesen, verständlich (lacht). Später ist „Malina“ für mich persönlich zur Pflichtlektüre geworden.

Noch später dann habe ich den Roman nochmal gelesen, als meine Tochter diesen in der Schule durchgenommen hat, das war 1991/92. Da habe ich tatsächlich erst richtig eintauchen können, auch als erfahrene, wissende, reifere Frau gesehen, wie das Wechselspiel zwischen Mann und Frau funktioniert. Wie sehr das Wechselspiel mit der inneren Instanz, der inneren Rechtfertigung funktioniert. Das war das Spannende daran, als ich es noch einmal neu gelesen habe.

„Malina“ hat Dich an Lebensstationen literarisch begleitet, ist dies auch heute so?

Ich habe den Roman jetzt in Vorbereitung dieses Gesprächs noch einmal gelesen. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich die Perzeption mit den Jahren verändert. Ich habe es mit 13 Jahren gelesen, dann ungefähr als 18 jährige, als 35/40 jährige und jetzt noch einmal als 60 jährige Frau.

Beim nochmaligen Lesen ist es, wie wenn man eine Zwiebel schält – mehr und mehr kommt man zum Kern. Allerdings hat eine Zwiebel erstaunlicherweise keinen Kern (lacht).

Wie hast Du in den verschiedenen Lebensphasen die literarischen Impulse des Romans aufgenommen?

Ich weiß, dass ich als 13Jährige von der Sprache fasziniert war und mir gewünscht habe, so schreiben zu können.

Als ich es mit meiner Tochter gelesen habe, war es ausschließlich ein analytischer, interpretatorischer Zugang. Ich war da von Neuem fasziniert, aber die Figur der Ich-Erzählerin war nicht vorrangig im damaligen Lesen.  Ich habe es im Grunde „theoretisch gelesen“, für den Deutschunterricht meiner Tochter, um ihr zu helfen, den Text zu entschlüsseln. Aber ich habe wieder klar die Auseinandersetzung der Ich-Figur mit ihrer Liebesabhängigkeit erkannt. Und, dass ich nicht abhängig sein will.

Ich habe mich natürlich beim späteren Lesen mit der Ich-Erzählerin identifiziert, die Kämpfe, die sie austrägt – es ist Kampf – mit meinen verglichen. Und ich habe gewusst, ich will so nicht sein. Ich will so ein Leben nicht leben.

Unabhängigkeit war in meinem Leben ganz besonders wichtig. Ich wollte unabhängig von den Eltern sein. Ich wollte nicht von einem Mann abhängig sein. Ich wollte nie auf etwas angewiesen sein – Geschenke, Zuwendung – darum habe ich immer gearbeitet und nicht nur geschrieben.

Ich habe im Laufe meines Lebens festgestellt, dass die Liebe eine der vertracktesten Abhängigkeiten ist.

Die Liebe spielt ihr eigenes Spiel. Man ist ihr ausgeliefert. Zumindest im hormongesteuerten Alter.

Jetzt habe ich „Malina“ eben erneut gelesen und festgestellt, dass ich mich auf andere Art mit dem erzählenden Ich identifizieren kann, weil es unglaublich stark ist. Das Ich ist extrem stark.

Das Ich erkennt, es weist zurück, es entscheidet, es will nicht mehr. Das hat mich jetzt ganz besonders beeindruckt.

Die Stärke des Ich, sich dem eigenen Mut zu stellen, sich dem Ausgeliefertsein zu stellen, das war ein überwältigender neuer Ansatz für mich. Im jetzigen neuen Lesen – nach 20 Jahren – zu erkennen, dass sie kein Opfer ist … nein, sie ist die Starke … das war erstaunlich. Immer unter der Voraussetzung, dass die Ich-Erzählerin eine Frau ist.

Wie siehst Du die erzählende Figur des Ich?

Ich sage, dass das Ich eine Sie ist. Ingeborg Bachmann sprach ja auch von autobiographischen Zügen.

Das Ich im Roman ist für mich klar weiblich, auch aufgrund der Vater-Tochter Konstellation.

Die Spielballrolle, die sie einnimmt, wenn sie mit Ivan zusammen ist, ist ein weibliches Stereotyp.

Wie siehst Du Malina?

Die Figur des Malina ist ein klassischer Counterpart. Ivan ist kein Counterpart. Ivan ist eine Episode. Möglicherweise ein Auslöser, dass diese Diskussion, Konfrontation mit Malina stattfinden kann. Dafür ist die Ivan-Affäre ein Auslöser.

Es können natürlich auch zwei Personen sein. Ein Mann und eine Frau.

Persönlich liegt es mir mehr, diese Erzählfigur als einen inneren Dialog zu sehen, in Monolog- wie Dialogform.

Die Ich-Stimme spielt ja auch mit Ivan und Malina, weil sie um deren Grenzen weiß.

Ich schreibe auch experimentelle Texte, die ich unter einem Pseudonym veröffentliche. Ein großer Teil davon hieß „Monolog für zwei Personen“. Da geht es auch um diese Dynamik Vorwurf/Rechtfertigung, in der irgendwann dann der Punkt kommt, wo man sich nicht mehr rechtfertigen will, weil man auf einmal erkennt.

Meine experimentellen Texte schreibe ich unter dem Pseudonym eines Mannes und da bekomme ich wesentlich mehr feedback als auf Texte, die ich unter meinem Namen veröffentliche.

Malina, Ivan und die Ich-Erzählerin, das kann auch als eine Dreiecksbeziehung gesehen werden. Ingeborg Bachmann lässt dem Leser eine freie Interpretation zu. Für mich persönlich ist es aber ein innerer Dialog. Ein „monologischer Dialog“.

Als Roman-Schriftsteller, Schriftsteller überhaupt, ist man der Interpretation der Leser recht ausgeliefert. Ein Schauspieler, Sänger oder Tänzer hat den Austausch mit dem Publikum. Ein Schriftsteller hat das nicht, außer bei Lesungen. Das Entstehen eines Textes ist eine unglaublich einsame Sache. Es fordert Einsamkeit und es fördert Einsamkeit.

Als Ingeborg Bachmann den Anton Wildgans Preis bekam (Anm.: 1972, ein Jahr vor ihrem Tod), sagte sie: „…Es ist eine seltsame absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran…“. Ja, es ist eine absonderliche Art zu existieren, wenn man schreibt.

Wie siehst Du diese Aussagen Bachmanns zum Schreiben selbst als Schriftstellerin? Kannst Du Dich da wiederfinden?

Ja, aber ich sehe es nicht so dramatisch. Sie sagt aber auch in dieser Rede, dass „sie nur existiert, wenn sie schreibt“, das ist bei mir definitiv auch so.

Ein Leben ohne Formulierungen geht nicht. Es muss immer in Worte gepackt werden, erst dann ist es lebbar.

Erlebnisse werden durch die Sprache greifbarer. In meinen Tagebüchern oder Aufzeichnungen müssen die Formulierungen nicht ausgereift sein, da geht es um die Schilderung. Der Prozess der Sprache bringt mir aber das Erlebnis zurück. Ja, das ist eine einsame Sache (lacht). Nein, einsam ist eigentlich nicht zutreffend. Es ist eine Tätigkeit, bei der man allein ist, aber einsam nicht.

Schreiben ist eine der schönsten Rückzugsmöglichkeiten. Die Dinge, die geschehen sind, die Dinge, die sich in mir abspielen, die Dinge, die ich in anderen erlebe, auch die Geschichten, die ich in ihren Gesichtern lese, oder in ihren Stimmen, wenn sie mir etwas erzählen, wenn ich das in Worte fassen kann, aufheben kann …  ja, ich mach`s dingfest.

Das Wichtigste daran ist, ich kann Schlüsse daraus ziehen. Irgendwann wird mich das Geschriebene fragen, welche Schlüsse hast du daraus gezogen.

Es kommt hoffentlich irgendwann in meinem Leben der Punkt, wo das Leben als Schreibende für mich eine Tür öffnen wird. Dass ich tatsächlich erkenne, warum ich es gemacht hab`.

Gibt es da eine bestimmte Vorstellung, Vision dieser „Türe“?

Ich hoffe einfach (lacht). Ich denke, es gibt in jeder Kunst eine Etappe , wo man sagen könnte: „Jetzt, das ist es.“ Aber das ist immer nur eine Zwischenstufe. Es gibt da kein Ende. Es gibt kein Ziel. Jede Etappe ist nur eine Zwischenetappe, ein Zwischenziel. Sich darauf auszuruhen ist natürlich verlockend. Es ist unglaublich verlockend da stehenzubleiben und zu sagen, jetzt habe ich es geschafft. Aber, wie sagen da die jungen Leute, da geht noch mehr (lacht).

Dieses Was-Kommt-Da-Noch ist ein Gespanntsein wie bei einem Thriller. Da kommt noch was, mach` weiter! Das ist das Schöne. Im Gegensatz zu einem Sport, wo ich mit dem Alter aufgebe. Ja, die Knochen werden müde. Aber der Geist wird hoffentlich reger.

Was sind Deine Bewegründe, den inneren Monolog als Stilmittel im Schreiben einzusetzen? Was sind da die Erwartungen?

Erstaunlicherweise ist das kein rationales Schreiben, an das ich irgendwelche Erwartungen knüpfe. Es ist ein sehr intuitives, fast automatisiertes Schreiben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte mich mit geschlossenen Augen – wenn ich mich nicht vertippen würde – in eine Art Trance begeben, weil es spricht von selbst.

Wenn ich drauflos schreibe, diese Dialoge/Monologe, dann brauche ich nur mitzuschreiben, was sie sagen. Das ist faszinierend. Wenn ich es dann nachher lese, denke ich, das war nicht ich. Manchmal bin ich überrascht, manchmal bin ich entsetzt, wie banal es ist. Dann denke ich mir, alles Erzählte ist banal.

Auch „Malina“ ist banal. Aber die Art, wie es geschrieben ist, das macht es zum Kunstwerk. Die Geschichten sind das Banalste, was es gibt. Menschen mit ihren Problemen, mit sich und den anderen, seit der Antike, seit es die Schrift, seit es Geschichten, Märchen gibt.

Was macht den Roman „Malina“ für Dich zum Kunstwerk?

Die wunderbare Eleganz der Sprache. Die abgehakten Kurzsätze, die Telefonate, die verschiedenen Sätze, die Ivan und die Ich-Stimme erfinden – die Leichtigkeit der Sprache, im Gegensatz zur Schwere des Inhalts. Das ist Kunst.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Ich habe „Malina“ und auch Bachmanns Gedichte gelesen. Zu den Gedichten finde ich weniger Anschluss als über die Prosa. Ich habe auch die Gedichte Celans gelesen, da es da ja eine langjährige Verbindung gab. Die literarischen wechselseitigen Einflüsse von Ingeborg Bachmann und Paul Celan kann ich nicht beurteilen.

Ich habe den Film „Malina“ gesehen, welcher aber nicht an den Roman herankommt. Das ist aber meist bei Romanverfilmungen so, dass man enttäuscht ist.

Wie liest Du die Kapiteldreiteilung des Romans?

Das dritte Kapitel ist für mich das interessanteste, diese Auseinandersetzung mit den Selbstvorwürfen und Selbstrechtfertigungen.

Das erste Kapitel hieß ja ursprünglich „Schlafen mit Ivan“. Was ich spannend finde, weil ja jegliche Erotik im Roman fehlt.

Das erste Kapitel ist als Ganzes ein Aufwärmen, ein Kennenlernen der drei Protagonisten.

Das zweite Kapitel ist heftig und schwierig. Es ist nicht verstörend, zumindest für mich nicht. Ich sehe es weniger als Vatervorwurf sondern als Auseinandersetzung mit dem manndominanten System, in dem die Ich-Figur lebt.

Die patriarchalen Strukturen sind auch heute da. Frauen werden schlechter bezahlt. Frauen bleiben ewig schlank und jung. Frauen erfüllen Doppel-/Dreifach-/Vierfach-Rollen: als Geliebte – mit sämtlichen Sex-Praktiken auf Du und Du –, als Super-Köchin – heute muss man ja super kochen können –, und dann selbständig und unabhängig sein. Diese Vielfachbelastung, die auf Frauen lastet, ist Resultat eines patriarchalen Systems, eines männerdominierten Systems.

Als 1971 der Roman „Malina“ erschien, wurde in der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt. Ich weiß noch, dass meine Mutter gefeiert hat und ihre Freundinnen zum Schaumweintrinken eingeladen hat (lacht). Die Mama hat als Österreicherin nicht wählen dürfen, aber sie hat diese wunderbare Aufbruchstimmung miterlebt.

1971 gab es auch den Artikel von Alice Schwarzer zur Abtreibung von Frauen in der Zeitschrift „Spiegel“. Frauen machten ihre Abtreibung öffentlich, obwohl es da noch strafbar war.

Es hat sich extrem viel seit den 1970er Jahren getan. Wir Frauen genießen theoretisch die gleichen Rechte wie Männer. Das ist ja schon mal was.

Ich wünsche mir ein gleichwertiges Miteinander, in dem voneinander gelernt und einander gestützt wird. Beides. Wo einer den anderen fördert und nicht fertigmacht. Die Ich-Person im Roman wurde ja von allen Seiten fertigmacht, hat ja keine Förderung bekommen. Da meine ich so einfache schlichte Sachen wie „toll gemacht, gut gemacht“. Nichts, kein einziges Wort.

Unterstützung geben, Wachstum fördern, das würde ich mir wünschen als Miteinander von Mann und Frau.

Und Liebe ohne Erwartungen. Als Erwartungshaltung an sich selbst. Freude, wenn es da ist. Kein Hass, kein Zorn, kein Beleidigtsein, wenn es nicht da ist.

Trifft das die Worte im Roman „Ein Tag wird kommen“ als Zukunftsvision?

„Ein Tag wird kommen“ heißt „es war einmal“, nur in die Zukunft verlegt. Es ist etwas, das ins Märchenhafte gerückt wird.

1971 als wesentlicher feministischer Markstein mit dem Wahlrecht in der Schweiz wie der Abtreibungsdebatte. Würdest Du da „Malina“ gleichsam als feministische Trias dazustellen?

Es gibt diese Lesart.Ja, alles was der Gleichberechtigung der Frau hilft, ist gut. Aber ich kann dem nicht 100prozentig zustimmen, weil der Roman viele Jahre davor geschrieben wurde, bevor das Thema des Feminismus so akut geworden ist.

Ich würde sagen, Bachmann wollte einfach die Sicht der Frau schildern. „Malina“ ist das Psychogramm einer Frau, die mit einer unerfüllten Liebe lebt und eine Affäre hat, einer Frau, die sich aufs Grausamste mit dem Mann-Frau-Verhältnis wie den sich daraus ergebenen Konflikten auseinandersetzt.

Wie war Dein Weg zum Schreiben?

Ich schreibe, seit ich lesen kann. Seit ich das erste Mal ein Buch in der Hand hatte, egal ob ein Pixie-Buch von meiner Schwester, oder als 13Jährige, als ich mich durch die Bibliothek meiner Eltern gearbeitet habe – die geschriebene Sprache ist meine Sprache. Das ist eine Tatsache.

Ich habe schon als Kind Tagebuch geschrieben, dann hatte ich eine ausufernde Korrespondenz mit meinen Freundinnen und meiner Verwandtschaft. Briefe habe ich ganz besonders gerne geschrieben und erhalten. Mit 17/18Jahren habe ich es zum ersten Mal mit einem Roman versucht. Das ist alles nicht mehr erhalten. Es ist mir zu viel Ballast. Außerdem bin ich nicht mehr die, die ich damals war.

Ich habe eigentlich erst sehr spät mein erstes Buch geschrieben, das dann veröffentlicht worden ist. Ich habe als Werbetexterin und Journalistin gearbeitet, weil ich mir eingeredet habe, ich will finanziell unabhängig sein.

Die geschriebene Sprache ist meine Welt, sowohl lesend wie schreibend. Ich habe viele, viele Freunde in Büchern.

Ist das Sich-Trennen, Wegwerfen von Texten – auch der erste Roman Ingeborg Bachmanns ist ja nicht erhalten – Teil des schriftstellerischen Prozesses?

Gute Frage. Das kann ich so nicht beantworten, da kann ich nicht ja oder nein sagen.  Für mich ist umzugsbedingt immer viel weggefallen. 1977 bin ich mit 19 Jahren nach Wien gezogen. Auch in Wien bin ich öfters umgezogen. Im Herbst bin ich nahezu immer für ein halbes Jahr verreist. So wenig Ballast wie möglich.

Als meine Eltern starben, habe ich gesehen, wie viel emotionale Arbeit es ist, sich durch deren Sachen zu wühlen und sich davon zu trennen. Das wollte ich meinen Nachkommen ersparen. Deswegen habe ich mich 2016 auch von meinen Tagebüchern und meinen Zeitungsartikeln (die ich aus purer Eitelkeit aufgehoben habe) getrennt. Ich bin keine Anais Nin, die ihre Tagebücher immer umschreibt, damit sie für die Nachwelt gut aufgearbeitet, aufbereitet sind.

Ist das Trennen von Geschriebenen für Dich ein pragmatisches Platzschaffen und/oder ein Platzschaffen für einen neuen literarischen Raum?

Beides, definitiv beides. Der praktische Teil ist, dass ich mehr Platz habe im Regal, das waren doch schon Laufmeter. Zweiteres – da habe ich erkannt, das bin nicht mehr ich, das hat mit mir nichts mehr zu tun. Ich kann daraus nichts mehr lernen über mich. Ich habe parallel sehr strukturiert meine Memoiren geschrieben. Für jedes Jahr ein Kapitel, Familiengeschichte und Erinnerungen. Meine Schwester hat es gegengelesen. Ich will nicht verfälschen, sondern so schildern, wie es war. Und insofern haben sich die Tagebücher erübrigt.

Siehst Du den Persönlichkeitsprozess des „Loswerdens, Freiwerdens“ auch im Roman „Malina“ ausgedrückt, verwirklicht?

Ja, ganz bestimmt. Deswegen meinte ich, dass sie eine sehr, sehr starke Person ist. Es ist ja, in meinen Augen, kein Roman, der Verzweiflung zeigt, sondern schildert, was war. Welche Methoden man verwendet hat, um mit der Situation umzugehen.

Das zweite Kapitel wird ja schonungslos geschildert, das mag für sie eine Katharsis gewesen sein.

Ich kann mir bei Ingeborg Bachmann schwer vorstellen, dass sie es nur als Roman geschrieben hat. Sie war ihr Werk. Sie hat es nicht nur geschrieben, weil sie einen guten Roman schreiben wollte. Das unterstelle ich (lacht).

Ja, es kann eine Katharsis gewesen sein, durch die sie zu einer Erkenntnis gekommen ist.

Es ist sehr schwer über jemand irgendwas zu wissen.

Ist das zweite Kapitel „der dritte Mann“ auch eine Katharsis österreichischer Geschichte?

Als ich 1977 nach Österreich gekommen bin, war Österreich das „Opferland“, das von den Nazis gekappt worden ist. Durch die TV-Serie „Holocaust“ im ORF gab es dann erstmals Diskussionen und auch dann, als Waldheim Präsident geworden ist. Da hat sich das Verständnis langsam gewandelt.

Wie siehst Du die Wechselbeziehung als Schriftstellerin und Frau? Hat dies spezifische Rollenbesonderheiten?

Aus der gesellschaftlichen Rolle als Frau wird für das Schreiben geschöpft. Es ist ein Hin- und Her-Gerissensein, ein Balanceakt, manchmal eine Gratwanderung.

Ja, man möchte gefallen als Frau. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis, die ich jetzt habe. Und dann kommt, man möchte als Schriftsteller gefallen.

Man möchte Anerkennung, nicht für das Frausein, sondern für das intellektuelle Schaffen. Beides. Gratwanderung trifft das besser.

Wie siehst Du den Mann heute? Was will dieser?

Anerkennung, Erfolg, einen Freundeskreis, in dem er gleichberechtigt ist und doch auch immer wieder seine Einzelperson hervorheben muss.

Ein bisschen Konkurrenzkampf, weil es schön ist, jemanden zu besiegen. Es ist schön, besser zu sein als ein anderer. Bestätigung.

Er möchte gerne eine Partnerin haben, die ihn versteht und liebt wie seine Mutter es getan hat. Akzeptanz.

Es sind derzeit politisch turbulente Zeiten in Österreich. Siehst Du da typisch männliche Verhaltensweisen, Stereotypen, die auch im Roman „Malina“ thematisiert werden?

Die politische Situation derzeit ist ein Desaster. Ich finde es erbarmungswürdig, was da passiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Liebe zur Zeit des Romans „Malina“ und heute. Was sind da wesentliche Veränderungen?

Ich bin mit Hollywood Filmen aufgewachsen, die ein Happy End haben. Filme, die kein Happy End hatten, gab es kaum. Man verliebt sich und dann heiratet man. Was nachher kommt? Ach, da machen nur die Franzosen komische Filme (lacht).

Heutzutage ist es – wahrscheinlich auch durch socialmedia, mag sein, dass das damit zusammenhängt – so viel klarer, was sich in Liebesbeziehungen abspielen kann, es gibt kein Rätselraten mehr. Es ist manchmal fast von einer obszönen Offenheit, wie alles dargelegt wird, was sich zwischen Mann und Frau abspielt.

Liebe damals und jetzt. Sie ist, meiner Meinung nach, auf einer gleichwertigeren, fast gleichberechtigten Ebene.

Frauen heiraten nicht mehr, um versorgt zu sein und dass daraus später hoffentlich Liebe entsteht. Zumindest nicht die Frauen, die ich kenne.

Das Bild der Liebe hat sich verändert. Es ist ein partnerschaftliches geworden.

Es ist in der Liebe auch nicht mehr das Damoklesschwert da – „Zusammen sein bis ans Ende aller Tage“. Man hat die Chance, mit den Erfahrungen, die man aus einer schlechten Liebesbeziehung gezogen hat, eine fruchtvolle neue Liebesbeziehung einzugehen. Das ist ein Vorteil.

Ich weiß nicht, ob die Liebe desillusioniert worden ist? Ich glaube nicht. Es ist ein Bewusstsein entstanden, dass beide etwas dafür tun können, sich besser zu verstehen und eine Liebe wachsen zu lassen, die nichts mit Verliebtheit zu tun hat, sondern die eine warme Zuneigung ist, eine wirkliche tatsächliche Freundschaft. Für diese Liebe gibt es kein Wort. Es ist zärtliche Innigkeit, die entstehen kann und ich glaube, sie hat mehr Chancen heutzutage, weil man sich der ganzen Fallstricke bewusst ist. Insofern hat sich die Liebe verändert.

Kommunikation ist im Roman wie heute ein großes Thema. Inwieweit hat sich die Sprache der Liebe verändert?

Die Sprache der Liebe hat sich ganz bestimmt verändert. Früher hat man schöne schwulstige Liebesbriefe geschrieben, ich auch, ich habe auch welche bekommen (lacht), wo jedes Wort mit Bedacht gewählt worden ist. Heutzutage ist es schwer, nicht in Phrasen zu sprechen. Bei jedem whatsapp steht unten „Ich hab dich lieb“. Die amerikanischen Filme enden bei jedem Telefonat mit „ich liebe dich/ich liebe dich auch“. Es gibt eine Kommunikation, die weit mehr sagt als diese Phrasen.

Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil im Verständnis zweier Liebespartner. Die muss aber nicht zwangsläufig verbal sein. Vieles löst sich im Ungesagten. Und das sag` ich, die sprachsüchtig ist.

Manche Dinge müssen nicht gesagt werden.

Die nonverbale Kommunikation ist unschlagbar.

Worte sind so eine verzwickte Waffe, weil man mit einer winzigen Modulation der Stimme etwas anderes sagen kann als das, was man tatsächlich sagt. Die Termini der Musiksprache im Roman treffen das ja, das ist sehr spannend.

Sich selbst über seine eigenen Fallstricke in der Kommunikation klarzuwerden, auch die eigenen Verletzungen anzuerkennen. Dann weiß man, was man anrichten kann. Was einmal gesagt ist, ist gesagt. Das ist eine Tatsache.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Die Ich-Stimme verlässt Malina. Wie es vor sich geht, ist eine riesengroße Frage. Sie ist Teil der Wand geworden. Sie beherbergt ihn. Ja, vielleicht so.

Er ist zu schwach. Malina ist zu schwach. Die Ich-Erzählerin, die Schriftstellerin, Ingeborg Bachmann beschreibt eine Frau, die das alles erkannt hat. Die letzte Konsequenz ist nicht Selbstmord und  auch nicht Mord. Sie ist zu dem Schluss gekommen: „Hier muss ich nicht mehr sein.“

Wenn es ein Bühnenstück wäre : Sie geht ab. Sie geht einfach ab. Sie macht nicht mehr mit. „Ich geh` dann mal.“ Vielleicht mit schönen leuchtenden Buchstaben auf der Bühne. Malina tut so, als ob er wichtig wäre und sie sagt „Ich geh` dann mal.“ Das gefällt mir (lacht).

Valerie Springer, Schriftstellerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

Herzlichen Dank, liebe Valerie, ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Valerie Springer, Schriftstellerin

https://www.valerie-springer.at/

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

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