„Kunst müsste mit größerem Selbstbewusstsein auftreten“ Simon Konttas, Schriftsteller _ Wien 31.10.2021

Lieber Simon, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf schaut meistens ziemlich gleich aus; ich bin ein (vielleicht zu?) regelmäßig lebender Mensch. Was schon so Vorteile hat; was mich aber auch manchmal stört, weil ich mir dann recht neurotisch vorkomme ….

Na ja! Ich stehe meist so gegen 6.30 auf. Schlafen gehe ich meist so gegen 23.15. In der Früh trinke ich dann Kaffee, esse ein bisschen was; nach den üblichen Morgenverrichtungen, auch am stillen Örtchen, beginne ich zu schreiben, wenn ich gerade etwas in Arbeit habe; wirklich geistig tätig sein kann ich nur am Vormittag. Ich esse regelmäßig zu Mittag (wenn es sich nur ausgeht!). Am Nachmittag erledige ich Papierkram, bereite meine Texte vor, telefoniere, schreibe Mails usw.; am späteren Nachmittag bin ich geistig wieder ansprechbarer …. Dann geht’s meistens weiter mit der literarischen Arbeit. Ich fahre – so oft es sich ausgeht – auch nach Baden, wo meine Eltern wohnen; weil’s auch dort immer einiges zu tun und zu erledigen gibt; und weil die Eltern auch nicht mehr die allerjüngsten sind … Man weiß, je älter man wird, die Tatsache zu schätzen, dass man sich um diese, sagen wir’s mal so, familiären Dinge kümmern kann und muss. Am Abend, falls ich nicht irgendwo unterwegs bin, lese ich. Ich bin ein ziemlich sozialer Mensch –: treffe also auch gern und recht oft Freunde, gehe aus mit ihnen, ins Theater, ins Kino, in Lokale, lade sie zu mir ein; oder telefoniere mit ihnen; u.a. habe ich einen lieben Freund in Kanada, mit dem ich wöchentlich einmal über Skype spreche.

Da ich ja einer Brottätigkeit nachgehe, schaut mein Tag dann natürlich etwas anders aus. Im Großen und Ganzen lebe ich aber ziemlich regelmäßig. Vielleicht bin ich sogar, wie erwähnt, zu sehr bestrebt, jede Minute des Tages auszunutzen. Das liegt vielleicht eben an diesem schöpferischen Drang. An diesem: ‚Wenn ich das nicht heute mache, dann geht sich das morgen nimmer aus!‘ Ich habe keinen Fernseher zuhause und bin auch nur wenig im Internet …. Insofern habe ich da leider nichts Spannendes zu berichten. Ich lebe also zwar nicht ganz so regelmäßig wie Immanuel Kant, d.h. die Uhr kann man nach meinen Spaziergängen (die ich übrigens auch regelmäßig mache), zwar nicht stellen. Aber fast.

Simon Konttas, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich das wüsste! Vielleicht – wenn man sich so umschaut in den öffentlichen Verkehrsmitteln – wäre es wichtig, die Menschen dazu anzuhalten, sich weniger mit ihren Maschinen, sondern mehr mit sich selbst zu befassen. Es ist traurig zu sehen: Da sitzen zwei zehnjährige Volksschüler in der Straßenbahn, beide in der selben Haltestelle eingestiegen; und anstatt sich miteinander zu unterhalten, starrt jeder für sich in sein Smartphone. Wenn ich dran denke, was wir damals aufgeführt und miteinander gequatscht haben während solcher Fahrten! …. Diese Isolation, diese fast schon narzisstische Vereinzelung schon der Kleinsten unter uns finde ich sehr bedenklich. Vor allem der Kleinsten. Es wäre also wohl besonders wichtig, dass der Mensch sich darauf besinnt, dass er seelisch verkümmert, wenn er sich nicht öffnet …. Aber wie soll man sich darauf besinnen? Lernen die Kinder das in der Schule? Wäre mir nicht aufgefallen ….

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ich bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht so sicher, ob ein Neubeginn bevorsteht; mir scheint viel eher, dass die neoliberalen Strukturen sich im Zuge der Pandemie noch mehr verhärtet und stabilisiert haben. Umso mehr aber müsste die Kunst mit größerem Selbstbewusstsein und größerem – ich möchte das jetzt fast biblisch ausdrücken – „Sendungsbewusstsein“ auftreten. Es geht im Leben eben nicht nur ums Brot allein, um Geld, Wachstum, irgendwelche ominösen Kompetenzen und ökonomistisch aufgeblasenen Phrasen und dem Menschen von undurchsichtigen Stellen auferlegten Pflichten, sondern es geht  um was anderes …. Wessen man sich erst dann bewusst wird, wenn man merkt, dass das Leben nicht ewig dauert: In Momenten der Krankheit, der Krise, der Depression usw. Die Rolle der Kunst war aber – außer in Zeiten des europäischen Feudalismus – immer schon marginal. Vor allem die der Literatur. Ich mache mir also keine Illusionen. Ich persönlich würde mir von den Künstlern manchmal ein, sagen wir’s so, „präpotenteres“ Auftreten wünschen, ein „Hier stehe ich, ich kann nichts anders. Gib mir Geld und zwar sofort!“. Ohne Kunst nämlich kann der Mensch nicht leben. Denn Kunst ist Ausdruck der Seele. Und wo die Seele aufhört sich auszudrücken, da stirbt sie ab. Auf die Frage, ob man das wollen kann, gibt es nur zwei Antworten: Ja. Nein. Möge jeder selber entscheiden, wie er antwortet.

Was liest du zurzeit?

Ich hatte eine Phase, da habe ich mehrere Bücher zugleich gelesen; aber irgendwie kann ich das nicht mehr. Ich lese meist Werke, die zu dem passen, was ich gerade schreibe oder worüber ich gerade selber nachdenke. Vorgestern erst hab ich ein Buch zu Ende gelesen über Neurosen und Zwangsstörungen; davor eine Vortragssammlung von Erich Fromm über die „Pathologie der Normalität“. Und davor zwei Romane von Richard Yates, einem der besten Prosaisten der USA. Ich bin – politisch – kein besonderer Freund der USA; aber das Land hat, das muss man schon sagen, literarisch einige wirklich große Geister hervorgebracht. Als nächstes lese ich vielleicht eine Erzählsammlung von Salinger; oder eine kleine Rowohlts-Monographie über Johann Sebastian Bach …. Mal sehen. Ich brauche immer ein, zwei Tage, bis ich mich entscheide. Ich bin da ein bisschen zimperlich. Weil ich eben nicht mehr so wahllos viel lese wie noch vor einigen Jahren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Es gäbe so viele gute Gedanken! …. Ich nehme einen Gedanken von Erich Fromm, der mich neulich sehr angesprochen hat; er sagt sinngemäß: Das eigentliche Elend der modernen Menschen besteht nicht darin, dass sie so überlastet oder sonstwas seien, sondern dass sie „von dem getrennt leben, was das Leben lebenswert“ macht.

Erich Fromm bezieht das auf all die lebendigen Dinge, deren Mangel und deren Ausbleiben erst dazu führen, dass man sich einsam fühlt, wertlos und sinnentleert, was wiederum letztlich dazu führt, dass der Mensch seine Kraft, seine Motivation und jenen inneren Antrieb verliert, der ihn dazu befähigt, nicht nur bloß ein gutes „Zahnrädchen“ im Getriebe der Gesellschaft zu sein; sondern ihn dazu befähigt, jenes Behagen und Wohlbefinden zu verspüren, das ausstrahlt in Freundlichkeit, Mitgefühl und Sympathie für die Schöpfung. – Mir scheint, gerade in diesen Pandemiezeiten ist Fromms Gedanke leider allzu aktuell: Wir alle sollten wieder mehr verbunden werden mit dem, worum es wirklich geht und was das Leben lebenswert macht …

Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke für das Interview! J

5 Fragen an Künstler*innen:

Simon Konttas, Schriftsteller

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=10796

Foto_privat

18.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Kunst müsste mit größerem Selbstbewusstsein auftreten“ Simon Konttas, Schriftsteller _ Wien 31.10.2021

  1. Das smartphone ist die Pest unserer Zeit, schrieb mir vor kurzem jemand als ich ankündigte das Wochenende handyfrei zu begehen. Ich bin noch mittendrin und man glaubt gar nicht wie befreiend es sich anfühlt. Ich werde wohl in die Verlängerung gehen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s