„ehrlich und auf einer zutiefst menschlichen Ebene schmerzhaft“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Miriam Unterthiner, Schriftstellerin _ Wien 19.4.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _Miriam Unterthiner, Schriftstellerin _ Wien.

Liebe Miriam, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ehrlich gesagt, lesen. Lesen als direkteste und unmittelbarste Begegnung. Ich versuche, jedem Text unbefangen zu begegnen, ihn von seiner Rezeption zu trennen und ihn vielleicht mit einem kindlichen, lesenden Eifer unbefangen zu begegnen. Persönlich kann ich Bachmanns Texten auf diese Weise am besten begegnen, daher habe ich bislang davon abgesehen und möchte es weiterhin tun, Texte außerhalb ihrer literarischen Werke wie etwa private Briefwechsel zu lesen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

In Bachmanns Texten liegt für mich eine Unmittelbarkeit. Ihre Sprache könnte auf den ersten Eindruck als schlicht, womöglich sogar als einfach aufgefasst werden, vielleicht ist sie das auch, aber für mich ist sie vor allem direkt, unvermittelt. Ihre Sprache ringt um das Wort, sie möchte nicht festschreiben, nicht losschreiben, sondern vielleicht eher fragen. Das macht die Texte für mich ehrlich und gleichzeitig auf einer zutiefst menschlichen Ebene schmerzhaft.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Wie vermutliche vielen anderen, liegt mir bei dieser Frage „Malina“ auf der Zunge, dennoch möchte ich davon absehen, diesen Roman hervorzuheben. Für mein eigenes Schreiben waren und sind die Essays von Ingeborg Bachmann am bedeutendsten.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Vermutlich würde ich Ingeborg Bachmann nichts fragen, lieber wäre mir, sie könnte die Zeit für ihr Schreiben verwenden. Ich kann mir vorstellen, dass ihr das selbst auch lieber wäre.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

In letzter Zeit liebäugle ich mit Prosa. Ich möchte mir die Zeit und den Raum nehmen, um herauszufinden, wohin sie mich führt. Vielleicht wird es ein Roman, vielleicht ein Scheitern, ich weiß es nicht, aber freue mich, es herauszufinden.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“

Aus ihrer Dankesrede für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959)

Diese sechs Worte lassen mich nicht los.

Herzlichen Dank für das Interview!

Miriam Unterthiner, Schriftstellerin _
österreichische Buchpreisträgerin/Debüt 2025 _

Zur Person: Miriam Unterthiner, geboren 1994, wuchs am Rande eines kleinen Bergdorfes in Italien auf. Sie studierte Philosophie, Germanistik sowie Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Der Theatertext „Blutbrot“ wurde mit dem Kleist-Förderpreis für neue Dramatik, dem Literaturpreis der Universität Innsbruck sowie dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Bei edition laurin, innsbruck university press, erschien der Text ebenso in gedruckter Version. Der Theatertext „Mundtot“ wurde mit dem Hans-Gratzer-Stipendium sowie dem Hans-Gratzer-Preis des Schauspielhauses Wien ausgezeichnet.

Miriam Unterthiner, Schriftstellerin

Fotos_ Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann; Miriam Unterthiner _ Anna Sommerfeld.

Walter Pobaschnig, 14.4.26

https://literaturoutdoors.com

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