Die sieben fulminanten Performer*innen legen in „Cfulnam&Up“ eine Wort- Bewegungs-, und Gesangsrevue im endlich wieder strahlenden Bühnenlicht hin, welche die Sterne vom trüben Winterhimmel reißt und mit Verve, Witz wie unglaublicher Zärtlichkeit und Dynamik des Ausdrucks begeistert!
Ausgehend vom persönlichen Dunkel der Scham, katapultieren die großartigen Darsteller*innen Emotion, Expression und Lebenslust in Musikgenres von Musical bis Disco, Chansons bis Punk und zerfetzen so gleichsam in „soul on fire“ alles Be- und Erdrückende eines Spiegel- und Selbstbildes.
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Es ist ein einmaliger Theaterabend, der in Ausschöpfung der Ideenkraft und Möglichkeiten modernen Theaters in der Verbindung von Wort, Bewegung und Musik ein „set the night on fire“ kreiert, welches das Publikum mit lang anhaltendem Applaus sehr, sehr dankbar begeistert bejubelt.
Eine Musikperformance als kollektive Seelenperformance zur richtigen Zeit, die von den Sitzplätzen reißt und mitschwingen lässt – schamlos!
Gratulation und danke für dieses „night on fire“ Theatergeschenk!
Welche Bedeutung hat das Wiener Cafè für Dich als Künstlerin?
Das Wiener Cafè war und ist immer auch ein Ort der Kunst. Viele Werke, Ideen der Literatur, des Theaters, der Musik, der vielen Formen von Kunst sind hier entstanden.
Das Cafè ist ein Ort der Begegnung, des Zusammenkommens. Dies trifft besonders für die Kunst zu.
Hier im Cafè Prückel befindet sich ja auch ein Theater im Untergeschoß. Ebenso im Cafè Landtmann und weiteren Cafès.
Das Cafè hier ist auch wie eine Zeitreise. Das ist Wiener Vintage im Original (lacht) und ist auch eine wesentliche Form von Kunst.
Die Innenarchitektur der Wiener Cafès ist etwas ganz Besonderes.
Das Wiener Cafè gibt es nur in Wien.
Du hast jetzt eine Clementine in das derzeit (Lockdown, Anm.) leere Cafè mitgebracht. Ist das Cafè für Dich auch ein Vitamin für Kunst und Leben?
Ja, das ist es, wie auch die Theater, Museen, die Architektur und vor allem die Menschen der Stadt, das ist immer Inspiration.
Vitamin ist natürlich auch die umgebende Natur der Stadt, der Wienerwald. Zumindest einmal die Woche gehe ich da spazieren und tanke innerlich richtig auf. Ich komme da zur Ruhe.
Ein Stadtrhythmus muss für mich mit Natur verbunden sein.
Eine Stadt erfordert auch viel Kraft, nimmt auch. Die Natur gibt nur. Ich schätze diese Verbindung Von Stadtleben und Naturerleben in Wien sehr.
Was sind Deine derzeitigen künstlerischen Projekte?
Es war ein intensiver künstlerischer Sommer. Ich habe im Wiener Lustspielhaus Theater gespielt und war dabei auch in der Regieassistenz tätig.
Das war ein sehr spannender intensiver Prozess für mich. Täglich zu spielen, in jeder wechselnden persönlichen Tagesverfassung auf die Bühne zu gehen, war eine neue Herausforderung.
Theater ist kein Komfortzustand und es ist wichtig sich den inneren Emotionen zu stellen, auch den Ängsten, die damit verbunden sind. Jede Überwindung bringt einem, mich, da weiter. Das lässt mich künstlerisch reifen und macht mich stärker. Das war jetzt vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt (lacht).
Derzeit drehe ich eine Dokumentation zum Thema Rituale. Dabei stehen vor allem die Rituale von Künstler*innen vor und nach Auftritten im Mittelpunkt.
In den Interviews zur Dokumentation merke ich, dass viele Rituale gar nicht bewusst sind. Erst in der Aufzählung dann kommt es zum Bewusstsein wie sehr Rituale ein Teil des künstlerischen Prozesses sind.
Ich habe Rituale gefilmt und Interviews geführt. Diese Dokumentation ist Teil meines Master Studiumabschlusses.
Auch arbeite ich hinter der Kamera und bin bei verschiedenen Drehs dabei.
Welche Rituale hat Judith Thaler vor einem Bühnenauftritt oder vor einem Fotoshooting?
(lacht) Eine Bühne, auch ein Fotoshooting, hat immer viel mit persönlicher Energie zu tun und da muss dieser Schalter in mir Klick-machen. Wenn es das tut, ist es ein Energierausch.
Bei Bühnenauftritten ist für mich das Anziehen des Kostüms so ein Ritual des Vorbereitens, Einstimmens.
Ebenso sind Stimmübungen für mich vor einem Auftritt wichtig.
Die Stimme ist ein ganz besonderer Raum und diesen zu betreten bei einem Bühnenauftritt, da nehme ich mir Raum und Zeit davor und dafür.
Gehört-Zu-Werden ist ganz wesentlich in der Kunst, gut gehört zu werden.
Was sind Deine derzeitigen musikalischen Projekte?
Es gibt derzeit ein paar Ideen ein Ensemble betreffend, aber das ist noch nicht spruchreif.
Seit acht Jahren singe ich in einem Chor. Wir arbeiten derzeit an der H-Moll Messe von J.S.Bach, die sehr anspruchsvoll ist.
Im November haben wir im Stephansdom das Mozart Requiem gesungen.
Bach und Mozart, das ist auch ein ganz besonders Einlassen auf Komposition wie Komponisten. Die Anforderungen für die Stimme sind ganz andere und es ist sehr schön da gleichsam eine musikalische Denkweise mit- und erleben zu dürfen.
Was nimmst Du von solch einem intensiven Chorauftritt mit?
Ich nehme da viel Energie mit. Wenn man sich da wirklich darauf einlässt auf diesen Prozess der Musik, diesen Flow Zustand, dann ist es ganz besonders und schwer zu beschreiben.
Liest Du gerne?
Ja, ich lese sehr gerne. Aktuell lese ich mit Schwerpunkt Psychologie, etwa Werke von Erich Fromm. Paul Watzlawick schätze ich auch sehr. Von Verena Kast lese ich derzeit ein Buch über Angst. Ebenso lese ich die „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés.
Wenn Freunde Geburtstag haben (lacht), schenke ich derzeit gerne psychologische Bücher, etwa E.Fromm „Die Kunst zu lieben“, „Haben oder Sein“ oder eben „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés. Das ist ja auch sehr aktuell alles.
Wie gehst Du persönlich mit Kommunikation um?
Bei mir ist die Kommunikation fest im Körper verankert (lacht). Ein Freund sagte neulich zu mir als ich erzählte und mich bewegte „Du erzählst immer ganz mit Dir“ (lacht). Ja (lacht).
Ich habe auch impulsive Seiten und bin da sehr direkt.
Ich kommuniziere auch gerne mit Fotos und verschicke diese dann – „Wo bist Du gerade? Oder wie geht es Dir gerade?“
Man kommuniziert ja mit viel mehr als nur der verbalen Sprache. Für mich ist körperliche Präsenz und Bildsprache im Ausdruck sehr wichtig.
Wie siehst Du die Wege und Ängste in der Kommunikation heute in Liebe und Leben?
Liebe ist immer Kommunikation, mit und ohne Worte. Es gibt da kein Nicht-Kommunizieren.
Liebe ist immer ein Risiko.
In der Liebe, in Beziehungen ist bewusste Kommunikation ganz wichtig.
Sich zu öffnen in der Liebe, diesem Risiko, auch Ängsten gegenüber, ist wesentlich. Sonst gibt es keinen Gewinn nur Verlust.
Der Gewinn in der Liebe ist Nähe, ist das Verstandenwerden.
Es gibt kein vollständiges Verstehen in der Liebe. Aber Menschen können sich annähern in der Liebe. Das ist sehr viel und es ist sehr wertvoll.
Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, zuzuhören, das ist das Geschenk der Liebe.
Wir nähern uns in der Liebe mit Neugierde. Uns selbst und einander.
Die meisten unserer Ängste in der Liebe sind unbewusst.
Ich versuche mich aus der unbewussten Unmündigkeit im Weg der Nähe zu befreien, in dem ich versuche hinzusehen – „ah, da ist eine Angst oder da habe reagiert, weil ich getriggert wurde“.
Ängste verschließen den Menschen. Und das Leben ist zu schön, um sich zu verschließen. Und das Leben ist zu kurz dafür (lacht).
Ängste bewusst zu machen, ist der Weg der Weiterentwicklung und Stärke zu gewinnen.
Liebe ist das schönste Risiko.
Liebe ist der schönste Gewinn, um ein Risiko einzugehen.
Wie gehst Du mit dem Risiko in der Liebe um?
Für mich ist die Liebe, eine Beziehung, eine bewusste Entscheidung. Das ist Voraussetzung, um mich zu öffnen und geben zu können. Das Damokles Schwert des Scheiterns ist immer dabei.
Es gibt keine Garantie in der Liebe. Das wäre anmaßend.
Es ist erlaubt sich zu entlieben. Wenn man sich committet hat, kann es trotzdem ein Loslösen geben.
Stagnation ist ein innerer Tod.
Der Titel dieser Wiener Interviewreihe „Vienna Calling“ nimmt auf die Musikepoche der 1980er Jahre Bezug. Gibt es Musikepochen moderner Musik, die Dich inspirieren?
Ich höre da gerne in und zwischen den Musikepochen hindurch. Eine bestimmte Vorliebe gibt es da nicht.
Mir ist allerdings bei vielen Popsongs schnell langweilig. Ich kann sie dann nicht mehr hören. Weil es so vorhersehbar ist (lacht).
Früher hörte ich etwa gerne Pink Floyd und ich mag auch klassische Musik sehr gerne.
Komponierst, textest bzw. schreibst Du auch selbst?
Ich habe lange Geige gespielt und auch E-Geige in einer Band.
Bisher habe ich noch nicht so viel getextet.
Im Moment schreibe ich nur meine Masterarbeit (lacht) und Tagebuch.
Du bist in Wien geboren und aufgewachsen. Was bedeutet Dir diese Stadt?
Wien ist für mich Heimat.
Es sind die Freunde, Orte, die Wien zum Zuhause machen.
Ich bin in Wien viel umgezogen. Auch Kärnten war und ist immer ein Bezugspunkt, das Haus der Großeltern.
Es ist urschön, wenn man ein soziales Netz hat ob in der Stadt oder auf dem Land.
Darf ich Dich zu spontanen Assoziationen zu „Vienna Calling“ bitten?
„Wien wartet“ (lacht).
Es ist eine Superstadt mit vielen Möglichkeiten.
Gibt es Lieblingsplätze von Dir in Wien?
Ich schätze die Weinberge um Wien und auch die Parkanlagen. Da gehe ich gerne spazieren. Und es gibt viele weitere Plätze, die ich gerne mag (lacht).
Ich bin sehr gerne in der Natur in Wien. Auch im grünen Innenhof meiner Wohnung.
Kunst begleitet Dich im wahrsten Sinne des Wortes auch bis in die Fingerspitzen. Du hast auch die Ringe an Deinen Fingern selbst hergestellt. Wie führte Dein Weg zur Kunst?
Ich habe eine Waldorfschule besucht. Da gab es besondere Unterrichtsfächer wie etwa Sternenkunde oder auch Praktisches wie Gartenarbeit. Auch das Klassenzimmer war immer nach den Jahreszeiten geschmückt. Daher kommt vielleicht auch mein Interesse an Ritualen? (lacht)
Ich habe in der Schulzeit eine Ästhetik erlebt, die auch etwa vom umgebenden Park geprägt war. Das hatte eine Schönheit und Wärme. Und Kunst kann das auch.
Dieser Weg der Schönheit in der Kunst im Entdecken, Erleben und Fortschreiten ist ganz besonders.
Der Kunstbereich ist auch deshalb mein Berufs- und Interessensfeld geworden, weil dieser meiner Neugierde Raum gibt.
Kunst ist ein großer Raum der Fantasie, der nicht beschränkt ist. Natürlich spielen Rahmenbedingungen, formale Voraussetzungen eine Rolle.
Vom Geistigen her gesehen, ist Kunst ein unendlicher Raum der Fantasie, aus dem man schöpfen kann.
Man hat in der Kunst nicht diese Grenzen unserer Gesellschaft. Und genau das interessiert mich. Darin steckt das Potential der Kunst.
Ich war nie eine Person, die sagte, dies will ich machen und nichts anderes. Ich habe viele Interessen und öffne diese so weit es möglich ist.
Die visuelle Kunst ist derzeit mein Schwerpunkt.
Du trägst mehrere Ringe. Gibt es da besondere Bezüge, über die Du sprechen möchtest?
Ich habe die beiden Silberringe in einer Goldschmiedewerkstatt hergestellt, habe mich intensiv damit beschäftigt.
Ein weiterer Ring ist von einem Roadtrip durch die USA. An einer Tankstelle im Nirgendwo verkaufte eine Frau Silberringe, die sie aus Löffelchen herstellte. Ich habe da zwei gekauft. Einen habe ich leider am Flughafen verloren.
Den einen Ring mag ich besonders, weil er nicht so perfekt gemacht hat aber so viel Schönheit hat.
Ich mag die unterschiedlichen Formen meiner Ringe, sie spiegeln meine Persönlichkeit (lacht).
Und ich fühle mich mit meinen Ringen immer gut angezogen (lacht).
Ein Schmuck stärkt auch.
Kunst, Stadt und Natur haben eine große Bedeutung für Dich. Haben da auch die Jahreszeiten eine besondere Akzentuierung, Schwerpunktsetzung?
Der Herbst und Winter sind Zeiten der inneren Einkehr und der Ruhe für mich. Auch der Reflexion, Analyse und der Regeneration.
Ich finde es auch schön, wenn es jetzt früher dunkel wird. Dieser besondere Rhythmus, das darf alles sein.
Der Winter hat einen ganz eigenen Geistesprozess, den ich sehr schätze.
Diese ruhigen Jahreszeiten sind auch ganz wesentlich für künstlerische Projektprozesse. Da ist viel stille Konfrontation und damit auch innere Produktivität.
Die Jahreszeiten spiegeln unser Leben in Emotion, Denken, Liebe und Stille.
Ein neues Jahr steht bevor. Welche Pläne, Ziele, Wünsche hast Du?
Beruflich ist es jetzt die Fertigstellung meines Films. Und ich bin neugierig auf neue Projekte.
Ich hoffe das Neue Jahr ermöglicht auch kontinuierliche Projektprozesse. Derzeit ist ja leider vieles immer on hold.
Es gibt im Leben schwierige Phasen, Krisen, doch dann kommt wieder der Frühling und damit neue Kraft und Stärke. Ich freue mich auf das Neue Jahr und neue Möglichkeiten und wünsche dies uns allen!
Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kommt darauf an, was zu tun ist, zum Glück sind in meinem Beruf die Tage immer unterschiedlich. Am Tag erledige ich meistens Büroarbeiten, schreibe oder ich produziere Kolumnen für das Radio. Am Abend sind dann Lesungen oder Auftritte oder nichts von alldem findet statt, dann ist meistens was anderes.
Ulrike Haidacher _ Schriftstellerin/Kabarettistin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir könnten uns weniger an der Empörung über die jeweils anderen erfreuen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube nicht, dass die Literatur oder die Kunst eine einzige bestimmte Aufgabe hat. Aber eine könnte sein, das was passiert, zu begleiten und zu benennen, von möglichst vielen unterschiedlichen Menschen aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln.
Was liest Du derzeit?
„Es muss schreien, es muss brennen“ von Leslie Jamison.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Noch immer gut: „Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen“ vom Werner Schwab
Ulrike Haidacher _ Schriftstellerin/Kabarettistin
Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kabarettprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Leben braucht Gedächtnis. Und Gedächtnisorte. Friedhöfe sind solche sehr persönlichen wie auch über Jahrzehnte, Jahrhunderte kulturgeschichtlich gewordene Denkmäler als stilles wie waches Erinnern an Lebensraum, Lebenswege und Lebensträume, in leichter wie schwerer Erde.
Der Kärntner Historiker Ferdinand Kühnel legt mit „Ruhe in Frieden?“ eine fundierte wissenschaftliche Bestandsaufnahme kulturgeschichtlichen Erinnerns mit Schwerpunkt Friedhofskultur in Kärnten vor. Thematisch stehen dabei slowenische Grabsteine wie Erinnerungsspuren im regionalen röm.kath. Kirchenbereich im Mittelpunkt.
Es ist eine beeindruckende Studie in Wort und Bild, die in ihrer Bandbreite und dem dazugehörigen Forschungsaufwand größten Respekt zollen lässt. Da verbindet sich Forschungsanliegen mit einem großen Herz an Verbundenheit zu Land und Kultur.
Das Buch bietet in seiner chronologischen Anordnung mehrere spannende Zugänge. Einerseits als wissenschaftliche Aufarbeitung und Fragestellung, anderseits auch als besonderer Reiseführer zu Kultur und steinernem Gedächtnis eines Landes.
„Ein beeindruckendes Werk zu Tod, Gedächtnis und stillem Herz eines Landes“
Berlin. Grunewald. Da ist das Wasser und der Weg in den Wald zum Friedhof, Grunewald Forst. Dann das Grab „Nico 1938 – 1988“. Begraben gemeinsam mit ihrer Mutter. Es ist still hier und die Wege im Wald verlieren sich leicht. Die Wege zu Nico, dem Model Superstar, der Sängerin, der Poetin verlieren sich ebens leicht…Wer war sie?
Ibiza 1988. Da sind die Gespräche an der Bar. Träume und Visionen der Sängerin. Ein Musikprojekt mit David Bowie. Ein Buch. Er sitzt ihr Gegenüber, schreibt alles auf. Die Kindheit im Krieg, der Weg als Model nach Paris, dann nach Rom und schließlich der neue Weg in New York, Andy Warhol, die Kunst, und die Musik, Velvet Underground…
Da sind Begegnungen, etwa mit Jim Morrison, Gespräche und jetzt all die Erinnerungen. Alle Orte und Gesichter kommen wieder…ein Leben in Bildern, schnell, ohne Kompromisse…
Alles erzählen, wie es war… – „Die Sängerin der Nacht“….
Die Berliner Journalistin und Übersetzerin Mari Roth legt mit „Nico – Die Sängerin der Nacht“ ihren Debütroman vor, der in Spannung und Sprachkraft ein kompromissloses Künstlerinleben und –sein mitreißend erzählt. Beeindruckend ist dabei einerseits das Detailwissen über Biographie und Musik-, Kunstgeschichte der Zeit wie anderseits die sprachliche Komposition, die in Ansprache und Rhythmik, Geheimnis und Dramatik, an ein Konzert der Sängerin selbst erinnert.
„Ein mitreißender Roman über ein kompromissloses wie charismatisches Künstlerinleben – ein Ereignis!“
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nicht viel anders als zu „normalen“ Zeiten. Nachdem meine Tochter in die erste Klasse geht und ich sie jeden Tag zur Schule bringe, stehe ich – ungewöhnlich für einen Musiker – gegen ¾ sieben auf. Mehrmals pro Woche laufe ich dann gleich am Morgen zwischen 8-10 Kilometer, das macht frisch im Kopf und ich bin oft auch schon während des Sports kreativ. Nicht wenige meiner Songs und Texte entstanden zumindest in Teilen während des Laufens.
Ansonsten versuche ich in der konzertfreien Zeit,mir so viel Normalität wie möglich zu erhalten. Jeden Tag mehrere Stunden für die Musik, ob in Form von kreativer Arbeit wie Songwriting oder Komposition sowie auch notwendiges wie Social Media und Organisation.
Martin Nero, Musiker und Komponist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In Bewegung bleiben, kreativ bleiben, sich nicht resignativ eingraben. Offen bleiben , nicht in simplen Schwarz/ Weiss – Schemata, sondern differenziert und vor allem selbst denken. Und das allerwichtigste: Freundschaft und Zusammenhalt. Im Prinzip also alles, wofür es Ausdauer, Tiefe und Auseinandersetzung braucht – und das man sich mit keinem Geld der Welt kaufen kann.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich glaube seit jeher (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht daran, das Musik bzw. Kunst die Kraft hat, die Welt zu verändern, sondern dies individuell in einzelnen Personen geschieht – und in diesen Menschen dann die Welt verändert. So wie es auch bei mir geschehen ist. Wenige Töne genügen manchmal, um Emotionen zu erzeugen, die einzigartig sind – nichts außer Musik verfügt über eine solche Kraft.
Was liest Du derzeit?
„Nevernight“ von Jay Christoph und „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking – also Fantasy und Naturwissenschaft, viel weiter auseinander gehts vermutlich nicht…
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es geht ned ums herzeigen, es geht immer nur ums spüren“ aus dem Rautöne – Song „Nimm da a Foab“. Du kannst noch so viel kaufen, es wird dich nicht zufriedener machen. Aktueller den je und vermutlich das, was immer mehr Menschen genau so empfinden.
Martin Nero, Musiker und Komponist
Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Martin Nero, Musiker und Komponist
rautoene.net
facebook.com/martin.nero.music
Fotos_Thomas Cadek.
2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Jakob, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als der erste Lockdown kam, hab ich es ehrlich gesagt sogar ein wenig genossen, spät aufzustehen, in den Tag hinein zu leben, oder einfach vor der Glotze zu hängen. Mittlerweile habe ich mir einen Tagesablauf zurecht gelegt, um kreativ am Ball zu bleiben und mich mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Ebenso wichtig ist mir Bewegung, d.h. rausgehen, frische Luft, neue Gedanken oder den Kopf einfach mal frei zu bekommen. Darauf achte ich jeden Tag. Die Uhrzeit und die Reihenfolge spielt da eher eine Nebenrolle 🙂
Jakob Elsenwenger, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nun ich denke, dass Zusammenhalt und respektvoller Umgang Miteinander wichtiger sind denn je. Wir sollten uns nicht spalten lassen und wieder mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede finden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wir werden wohl oder übel mit diesem Virus umgehen lernen müssen! Ich denke nicht, dass Corona von heute auf morgen verschwinden wird. Mit Hygienekonzepten etc. haben viele Häuser einen Spielbetrieb ermöglicht und das Publikum steht uns wacker zur Seite. Für mich ist offensichtlich, dass da in der Politik einiges (milde gesagt) schiefgelaufen ist. Es ist jedoch selten zu spät sich zu entschuldigen und sich Fehler einzugestehen.
Die Kunst und damit meine ich all meine KollegInnen, aus den verschiedensten Sparten/Abteilungen etc., ist nicht tot zu kriegen. Wir werden unser Publikum weiter zum Lachen, Weinen und Nachdenken anregen. KUNST IST LEBEN und das Leben ist Kunst!
Was liest Du derzeit?
STAN – von John Connolly
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?
„Es ist der Reiz des Lebens, dass man nicht alles für selbstverständlich hält, sondern noch bereit ist, sich zu wundern.“ -Loriot
Vielen Dank für das Interview lieber Jakob, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Jakob Elsenwenger, Schauspieler
Foto_Andreas Hunger.
2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In diesem Lockdown habe ich leider keine Proben und da keine Vorstellungen stattfinden dürfen, versuche ich mir Gutes zu tun, um von der Unsicherheit nicht überrollt zu werden: ich lese viel, schaue Serien und telefoniere mit Familie und Freund:innen. Zumindest einmal täglich gehe ich spazieren und genieße die frische Luft. Die Yogamatte wird jeden Tag entrollt und anschließend lege ich mich auf meine Akupressurmatte. Am Abend löse ich dann mit meiner Familie über Videotelefonat einen Rätsel-Adventskalender.
Bettina Schwarz, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns daran zu erinnern, dass bald wieder Zeiten kommen werden, in denen wir uns befreit nah sein können. Eine Tageslichtlampe für die dunklen Monate, um das fehlende Sonnenlicht ein wenig auszugleichen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Damit Kunst überhaupt weiterhin eine wesentliche Rolle spielen kann, wünsche ich mir von Herzen, dass ihr die Menschen aufgrund der Maßnahmen und der daraus resultierenden Schließungen treu bleiben und keine Entwöhnung stattfindet.
Was liest Du derzeit?
This was Hollywood – Carla Valderrama Stephen King – Billy Summers Wolf Haas – Junger Mann
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Auch das geht vorbei.
Bettina Schwarz, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Sylvi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Auf einer Skala latenter Gleichförmigkeit und langweilender Routine von 1-10 bin ich etwa bei 9. Ich gehöre zu den Menschen mit erhöhtem Spül- und Waschmaschinen-Kontakt. Ich räume ein und räume aus und räume ein und wenn die Waschmaschine fertig ist, piept es. Wäsche- und Geschirrberge wachsen nach, Kühlschrank wird leer, Wäschekorb nicht. Das alles passiert nebenbei. Denn eigentlich bin ich Künstlerin. Und Mutter. Was von beidem nebenbei, kann ich nicht sagen. Beides nicht nebenbei. Beides voll und ganz mit Herz und Verstand und Liebe und mit allem. Kann was dran nicht funktionieren? Stimmt.
Das hat jetzt erstmal nichts mit der Pandemie zu tun. Die Berufswelt – nicht anders als das Feld der Kunst waren auch vorher zu wenig für Menschen gemacht, die auch Fürsorgearbeit leisten. Gesellschaftlich wird suggeriert, Carework, Kinderbetreuung, Haushalt, das läuft nebenbei. Dachte ich selber auch, bevor ich Mutter wurde. Diese Arbeit aus Liebe ist jedenfalls Arbeit. Sie kostet Zeit und Energie. Sie ist unbezahlt. In Fürsorgeberufen, Z.B. in der Pflege, insbesondere in der 24 Stunden Betreuung für alte und kranke Menschen, in der Elementarpädagogik u.s.w. ist es schlecht bezahlte Arbeit.
Darum geht es in meinem Performance-Projekt SIRENEN. 6 Frauen mit Megafonen singen und sprechen im urbanen Raum Interview-Antworten. Wir haben mit Care-Worker*innen/Fürsorgearbeiter*innen über die Auswirkungen der Pandemie gesprochen. Ausgangspunkt war der Gedanke: Corona ist ein Verstärker. Die Pandemie verstärkt Unvereinbarkeiten zwischen Familie und Beruf. Sie verstärkt prekäre Lebenssituationen. Sie verstärkt bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Die SIRENEN verstärken zu wenig gehörte Sprecher*innen, indem sie Interview-Texte vertonen. Die SIRENEN sind eine polyphone und bewegliche Lautsprecheranlage, die ausschwärmt und die Straßen Wiens beschallt.
SIRENEN _Performance _ Wien
Die Arbeit an Klangchoreographien, Songs und Sprachskulpturen in einer Gruppe von ganz tollen und ganz unterschiedlichen Frauen (Musikerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen, Künstlerinnen) macht Spaß. Die SIRENEN und andere Performance-und Musikprojekte retten mich regelmäßig aus oben beschriebener Alltagsmühle.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir nicht zulassen, dass die Pandemie alles übertönt. Dass wir lernen auch was anderes zu hören. Trotz und inmitten der bedrohlichen und nervigen Lautstärke der Corona-News. Trotz dem schrillen Feedback aller damit verbundenen gesellschaftlichen Konflikte und Probleme. In den beiden Pandemie-Jahren sind über 3000 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken. Im polnischen und bosnischen Grenzgebiet sitzen Geflüchtete in der Falle und drohen zu erfrieren. Wir haben große gesellschaftliche Transformationen vor uns, um die Klimakatastrophe zu verhindern und um mit den bereits nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels umzugehen. Hier ist Fürsorgearbeit notwendig. Politische Fürsorgearbeit. Die passiert aber nicht so von allein wie zum Beispiel die Arbeit der Mütter und Väter. Diese Fürsorgearbeit muss erkämpft und eingefordert werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?
Manchmal weiss ich nicht, wie relevant es ist, politisch nachdenkliche Kunst zu machen. Dieser Gestus der Nachdenklichkeit oder der smarten oder in meinem/unserem Fall ästhetisch ansprechenden Kritik bringt irgendwie nichts in Gang. Vielleicht ist Kunst gar nicht so wichtig.
Mich hat es immer berührt, wenn Gruppen von Menschen gemeinsam zuhören. Deshalb mag ich Konzerte mit Experimenteller Musik. Also vielleicht gar nicht so sehr wegen der Musik. Sondern irgendwas Wichtiges steckt in diesem konzentrierten gemeinsamen Hören. Oft schaffen die SIRENEN auch sowas. Dass immer mehr Leute spontan stehen bleiben, beisammen stehen und genau hinhören. Der versammelnde Charakter von Performance und Live-Musik scheint mir im Moment das Wichtigste zu sein. Vielleicht weil wir das Versammeln wieder neu werden lernen müssen. Das Zuhören sowieso.
Was liest Du derzeit?
Viel zu wenig lese ich. Zeitproblem. Im Moment: „Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land“ von Martin Gross. Alltagsbeobachtungen des letzten DDR-Jahres. Übrigens aus der Perspektive eines Westdeutschen der das Jahr 1990 in Dresden verbringt. In den Nachbetrachtungen ist ja immer der Fokus auf 1989 und die „friedliche Revolution“, den Fall der Mauer und dann die Wiedervereinigung. Welche Aushandlungen, Gedanken, Initiativen, Forderungen, Zukunftsvisionen, Konflikte, Beschämungen, Sorgen, Euphorien und Ideen da sonst noch waren, das wurde gar nicht wahrgenommen. Oder es wurde vergessen. Vielleicht lese ich das gerade, weil das der erste große gesellschaftliche Umbruch war, den ich als in der DDR geborenes Kind erlebt habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eine wortwörtliche Mitschrift aus einem Interview mit einer Krankenschwester, die über die Verteilung und ganz neue Organisation von Fürsorgearbeit und Pflegearbeit nachdenkt. Der Text ist Teil der SIRENEN Performances, weil in ihm anklingt, dass alles auch ganz anders funktionieren könnte.
Geschenk
Also was für ein Geschenk das eigentlich ist, dass man für jemanden sorgt/
Der ähm in Abhängigkeit ist/
Also nicht, dass ich das schön finden würde aber/
Also man hat da eine sehr besondere Position/
Dass man für jemanden sorgt/
Oder als Ehre/
Geschenk, Ehre das trifft´s alles nicht aber/
Also ich kann´s eben höchstens umschreiben/
So´n Gefühl der der Fürsorge.
Es ist völlig traurig eigentlich/
Dass eben Pflege so weit weg ist von uns/
Die meisten Leute, die brauchen ja nicht ihr Leben lang Pflege/
Also Du brauchst halt in deinen ersten Lebensjahren Care und in deinen letzten Lebensjahren/
Es sind ja eigentlich kurze Abschnitte, wo jemand das braucht/
Und da frag ich mich schon, warum wir das nicht stärker so selber übernehmen können/
Und da geht’s ja nicht drum, ich muss ja nicht meine eigene Mutter zwingend betreuen/
Aber ich kann ja jemand anderen also/
Aber da wäre die Frage, wie würde man das organisieren oder…
Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sylvi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Performance-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin
Fotos_1 Sarah Glück; 2 saLeh roZAti; 3 privat.
7.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Schönen guten Morgen, liebe Sophie und Lou Abraham (Anm: Tochter von Sophie Abraham, 10 Monate alt), hier in der Fürsten Suite des Hotel Imperial in Wien. Herzlichen Dank für Dein/Euer Kommen!
Sophie Abraham_Cellistin, Komponistin_ Lou Abraham
In diesem Jahr ist Dein Soloalbum „Brothers“ erschienen. Wie war der Prozess der Entstehung in diesen herausfordernden Zeiten dazu?
Mein Soloalbum „Brothers“ ist mein Debüt-Soloalbum. Der Prozess der Entstehung begann vor zehn Jahren, weil ich diese Zeit brauchte, um mich das zu trauen (lacht). Es gibt auch Musikstücke darin, die im Laufe dieser Zeit entstanden sind.
Dieses Album heißt „Brothers“, weil ich es meinen zwei Brüdern widme. Ich komme aus einer Familie mit sechs Kindern, vier Mädchen und zwei Buben, ich bin die Nachzüglerin. Meine zwei Brüder sind im Alter von einundzwanzig/dreiundzwanzig Jahren in einer Lawine in Österreich ums Leben gekommen. Ich war damals sechs Jahre alt.
Als ich aktiv darüber nachdachte, ein Soloalbum zu machen, war mir wichtig, es wirklich alleine zu machen und nicht als Sophie Frontfrau mit Band oder Sophie mit Gästen. Ich wollte in diesem Album von mir erzählen und mich mit Sachen beschäftigen, die mich berühren und wo ich auch etwas zu sagen habe.
Da kam der Gedanke einer Widmung, eines Standbildes, eines Denkmales für meine Brüder zu machen mit dieser Musik.
Wie kam es zur Zusammenstellung der Musikstücke des Albums?
Die meisten Nummern habe ich in der finalen Entstehungsphase des Albums geschrieben. Aber zehn Jahre oder länger habe ich mich psychisch darauf vorbereitet, dies zu machen. In der Zwischenzeit habe ich viele CDs aufgenommen aber nie allein.
Am Cover Deines Albums bist Du und Fotografien Deiner Brüder zu sehen. Kann „Brothers“ als Requiem für Deine Brüder bezeichnet werden?
Als Requiem würde ich es nicht bezeichnen. Wenn ich etwa ein Mozart Requiem spiele, empfinde ich es als noch etwas trauriger, zurückblickender, demütiger als jetzt mein Album, muss ich sagen.
Ich versuche in „Brothers“ zurückzuschauen und Sachen beim Namen zu nennen, eine Geschichte zu erzählen über Themen, die nicht die lustigsten sind und deswegen vielleicht oft verschwiegen werden.
„Brothers“ ist ein Versuch hinzuschauen, ein Danke-Sagen und dann ein nach Vorne-Schauen, um ganz bewusst nicht dort hängenzubleiben. Und dieses musikalische Hinschauen ist vielleicht ein Weg des Abschließen-Könnens oder gemeinsam mit Leuten erinnern, denken, feiern, um dann ganz bewusst positiv weitergehen zu können.
Also Requiem, ich würde es anders nennen. Eben wie ein Denkmal, wo man sich erinnert, kurz stehenbleibt, sich verneigt und dann weitergeht.
Im Video zu „Brothers“ bist Du zunächst im Schnee liegend mit Deinem Cello zu sehen. Dann bewegst Du Dich mit dem Cello den Berg entlang, lässt das Cello kurzzeitig los, nimmst es wieder auf. Wie siehst Du Musik als Element, Instrument der Aufarbeitung von Trauer?
Das Cello ist so ein großer Teil von mir, ich singe, komponiere zwar auch, aber ich bezeichne mich als Cellistin. Das Cello kann Sachen „verworten“, erzählen, die ich nicht ohne Cello erzählen könnte.
Dadurch, dass das Cello klingt, passiert sehr viel bei den Zuhörenden, ohne reden zu müssen. Mein Cello ist ein Sprachrohr ohne Worte und ohne mein Cello könnte ich das so nicht machen.
Ein Lied Deines Albums heißt „Mariazellerweg“. Inwieweit ist Spiritualität für Dich wichtig?
Ich bin spirituell im weitesten Sinne des Wortes, nicht kirchlich, in den Niederlanden aufgewachsen und bin getauft, aber hatte keine Erstkommunion etwa. Erzählungen der Bibel haben mich schon etwas begleitet. Es gab jedoch nichts kirchlich Diszipliniertes (lacht) und ich habe daher auch ein relativ offenes Bild vom Glauben. Wenn einem aber der Tod nahekommt oder wenn man an diese Trennlinie von Leben und Tod nah hinkommt, traue ich mich zu sagen, dass viele Leute spiritueller werden als sie im normalen Alltag sind. Und das dann Fragen kommen oder ein Vertrauen, Zweifel einfach aufkommen, an etwas, was viele Leute mit Gott bezeichnen, das traue ich mich zu behaupten. Ich bin also spirituell, aber nicht zwingend damit aufgewachsen.
War die Spiritualität ein Zugang zur persönlichen Trauer damals und auch unmittelbarer Impuls der Auseinandersetzung, Bewältigung?
Ich war sechs Jahre alt. In diesem Alter erlebt man den Tod sowieso sehr anders als Erwachsene. Ich habe den Tod als eine Art Traum erlebt, als etwas nicht Greifbares. Etwas das nicht Wirklichkeit ist, weil man es als ein so kleines Kind nicht spürt. Ich denke, man ist da mehr in seiner eigenen Traumwelt.
Es war jetzt nicht so, dass dann unmittelbar mit sechs Jahren diese spirituellen Fragen kamen. Ich wusste damals ja nicht was Religion und Spiritualität begrifflich sind, die Fragen wachsen dann einfach mit.
Als ich mit vierzehn Jahren nach Österreich kam, war ich im Privatgymnasium, im römisch katholischen Stiftsgymnasium Admont, und das Allererste was ich mich gefragt hatte, war, was macht denn der Nikolo da, als der Abt mit seinem Hut (Mitra, Anm.) die Schulanfangsmesse zelebrierte. Also ich hatte keine Ahnung (lacht).
Ich bin sehr gerne ins Stiftsgymnasium gegangen und habe die Religion auch ziemlich cool gefunden. Das waren Super Benediktiner, mit denen könnte man gscheit diskutieren. Ich habe aber immer wieder Fragen gestellt, etwa, wieso müssen Menschen, die gut sind, sterben und darauf hat mir niemand eine Antwort geben können. Eine Antwort, die mich zufriedengestellt hätte.
Im Laufe meines Lebens habe ich mir dann meine Antwort erarbeitet, dass manche Leute einfach Pech haben und dass dies nicht etwas ist, das man kontrollieren kann. Es hat keine Vorbestimmung, es hat keinen Sinn, es ist manchmal halt einfach Pech.
Ich habe vor kurzem den Film „Wild“ (USA 2014, Jean Marc Valleè) gesehen, in dem eine junge Frau sich nach persönlichen Trauererfahrungen allein auf eine Wanderung, Reise begibt, um der „Wildnis“ innen und außen zu begegnen und diese zu bewältigen. Ist der musikalische Weg Deines Albums „Brothers“ damit zu vergleichen? Ist das Lied „Mariazellerweg“ da auch Ausdruck eines persönlichen Weges?
Das ganze Album vergleiche ich irgendwo schon mit einem Pilgerweg, den ich allein gehe und wo ich definitiv an Grenzen von mir selbst komme, die ich vorher noch nicht kannte. Das geht dann ganz tief und ich musste selbst mit Reaktionen von mir klarkommen, die ich sehr erstaunlich finde – weil es einfach tief geht.
„Mariazellerweg“, ja, ich habe es im Stück banal so genannt, weil mir auf diesem Weg die Hauptmelodie einfiel. Und dann muss man natürlich weiterspinnen, dann kommt das Konzept, die Arbeit, die eigentliche Kompositionsarbeit. Und da war der eigene Pilgerweg ein Thema.
Ein Pilgerweg, Grenzgang mit Musik – wie inspiriert, begleitet Musik auf diesem persönlichen Weg?
Musik öffnet Kanäle im Unbewussten, im Emotionalen, zu denen ich ohne Musik nicht hinkomme. Musik ist ein Öffner.
Wie führte Dich Dein Weg zur Musik?
Ich komme aus einer Familie mit sechs Kindern und meine Mutter war immer sehr erpicht darauf, dass alle ein Musikinstrument lernen und dies auch gscheit tun. Meine älteste Schwester ist auch beruflich Geigerin geworden. Meine zweitälteste Schwester probierte einiges aus. Der Dritte hat Fagott gelernt, der Vierte Geige, die Fünfte auch Geige und dann hat meine Mutter gesagt, Du lernst jetzt nicht Geige sondern Cello. Das war nicht ganz freiwillig (lacht), ich bin aber immer sehr zufrieden mit dieser Entscheidung gewesen und bin es jetzt noch immer. Es ist zwar manchmal mühsam, weil es groß ist und man einen Extrasitz buchen muss im Flugzeug, was viele Nerven kostet, aber in den musikalischen Möglichkeiten des Instrumentes, obwohl ich es jetzt schon einige Jahre spiele, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich sehr viel entdecken kann und entdecken will.
Du hast besondere Techniken des Cello-Spielens. Etwa das Finger Tapping. Wie kam es dazu?
Ich habe etwa ein Stück, wo ich nur die Saiten zupfe, nur Pizzicato spiele. Ich bin klassisch ausgebildet und habe das Master Konzertfach absolviert. Aber das lernte ich da nicht, sondern dies habe ich mir selber zurechtgelegt wie man da zupft und auch geschaut wie kann ich da mit Percussion umgehen, welche Effekte kann ich erreichen, wie kann ich eine gewisse Geschwindigkeit bekommen. Ich hätte da auch zu einem Gitarren-, Harfenlehrer gehen können, aber das Cello ist doch sehr anders, weil es keine Bünde hat, es ist essentiell für Barrè und weiteres, und ich schaute einfach selbst was ist möglich. Und ich bin sicher noch nicht am Ende (lacht).
Ich hätte da auch zu einem Gitarren-, Harfenlehrer gehen können, aber das Cello ist doch sehr anders, weil es keine Bünde bzw keine 45 Saiten hat. Ich schaute einfach selbst was für mich möglich ist. Und ich bin sicher noch nicht am Ende (lacht).
Die Herausforderungen einer Pandemie und damit die Konfrontation, Auseinandersetzung mit Leiden, Tod bestimmen die Zeitsituation. Inwieweit hattest Du auch diese Gesellschaftssituation im Blick?
Das habe ich überhaupt nicht bedacht, weil sich die Idee zum Album im Herbst 2019 manifestiert hat. Ich habe mit dem Schreiben von Stücken begonnen bevor die ersten Nachrichten aus China kamen.
Das es jetzt so ist und das Album auch einen gewissen Nerv der Zeit trifft, finde ich bemerkenswert, interessant, schön, gruselig. Das war nicht bewusst.
Im habe mein Album zur Gänze Zuhause aufgenommen, im Wohnzimmer ohne Zeitdruck. Ich habe dafür mein Wohnzimmer akustisch ausmessen lassen. Mein Tontechniker hat ein Arsenal an extrem guten Mikrofonen auf den Millimeter genau positioniert und dann habe ich es aufgenommen, ohne dass jemand mithörte, kommentierte, motivierte. Ich war selbst immer mein eigener Richter und somit ist bei mir auch vieles so passiert, unbewusst. Vieles war nicht geplant, dass ich es so instrumentiere, die Akkorde setze – das ist im Aufnahmeprozess entstanden. In dieser Offenheit oder auch flow trifft es dann doch den Nerv der Zeit und ist aktuell.
Wie war der Aufnahmeprozess des Albums Zuhause? Ga es da fixe Zeiten dafür?
Ja, ziemlich fixe Zeiten, da ich schon schwanger war mit Lou. Sie war die ganze Aufnahme dabei im Bauch (lacht) und meine ältere Tochter, die fünf Jahre alt ist, auch. Es war also die Kindergartenzeit die Aufnahmezeit und manchmal in der Nacht (lacht).
Was das Draußen betrifft, war es die Zeit als es wieder zu Öffnungen kam und sich alles überschlug in der Kulturszene. Es gab viele gemeinsame Aktivitäten und in dieser Zeit habe ich auch mein Album aufgenommen.
Dein Album thematisiert den Tod Deiner Brüder während neues Leben in/mit Dir im Werden und Heranwachsen war/ist. Wie war/ist für Dich diese Balance von sehr persönlichem Rückblick, Aufgabe und Ausblick?
Ja, dieser Lebenskreislauf ist ganz deutlich da, jemand geht, wer kommt, es heißt auch ein Stück „Going&Coming“ auf meinem Album. Es geht halt einfach immer weiter und ich finde es so schön, dass es rollt und ich werde auch irgendwann nicht mehr da sein, und dann werden die Nächsten da sein, es rollt und das gibt auch ein gewisses Vertrauen. So spüre ich das.
Inwieweit waren Deine geborene und damals noch ungeborene Tochter Inspiration für Dein Album?
Bei dem Stück „Going&Coming“ war meine kleine Tochter hier schon inspirierend, denn zu diesem Zeitpunkt starb meine Mutter und ganz kurz danach wurde ich schwanger mit meiner zweiten Tochter, zehn Tage danach.
Ich stellte mir da ganz deutlich vor wie meine Mutter in den Himmel aufsteigt, ich verwende jetzt dieses Bild, und da die Seelen sieht, die auf die Erde kommen und sagt „Du kommst jetzt zu mir und da gehst Du hin und zeigt auf unsere Familie“. Und das habe ich eben geschrieben, aufgenommen und auch einmal gespielt als die Lou noch im Bauch war, das war schon besonders. Und dann auch als ich das Stück das erste Mal spielte als Lou da war. So bekommt das Stück immer etwas mehr.
Hat der Name Deiner Tochter Lou einen Bezug zur historischen Persönlichkeit Lou Andreas-Salomè (*1861 +1937, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin)?
Ja, schon. Ich habe zu dieser Zeit den Roman „Und Nietzsche weinte“ (Irvin D.Yalom) gelesen und war relativ beeindruckend von Lou Andreas-Salomè und habe mich dann auch weiter in Biographisches eingelesen dieser unglaublich interessanten Persönlichkeit, die sehr stark und sehr erneuernd war.
Wir hatten mehrere Namen vorbereitet, es gab verschiedenste Kombinationen, weil wir nicht wussten, dass es ein Mädchen wird. Und wir haben dann unsere ältere Tochter Frida gefragt, welcher Name ihr am Besten gefällt. Und die Frida hat das entschieden (lacht).
Wir sind hier im Wiener Hotel Imperial, in dem viele Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur wie Richard Wagner, Eleonora Duse oder Alfred Hitchcock zu Gast waren. Wie wichtig sind Dir künstlerische Kooperationen als Musikerin?
Kooperationen geben immer viel Inspiration. Ich habe in der Kunstszene einige Vorbilder, die ich sehr wertschätze und diese Inspirationen fließen immer irgendwo ein.
Anfang November flog ich etwa nach Düsseldorf und spielte mit „Igudesman&Joo“, die ich sehr schätze und die ziemlich etwas anderes machen als ich. Ich sagte auch zu Ihnen „Leute, was ich mache, ist nicht witzig“ und sie sagten „na, das passt schon“ (lacht). Ja, das passt und das ist cool.
Ich arbeite auch immer wieder mit Thomas Gansch (Musiker, Trompeter_Wien. Anm.,) zusammen. Das spielen mit ihm ist immer wieder so ein Erlebnis. Nicht nur weil es lustig, sondern auch so gut ist und frei. Ich habe das Gefühl der Thomas ist einfach ein sehr freier Mensch. Ich arbeitete auch sehr inspirierend mit meinem Streichquartett, radio.string.quartet, die auch in gewisser Hinsicht und Sparten Vorbilder für mich sind.
Du bist zum Interview und Fototermin heute mit Deiner zehn Monate alten Tochter Lou gekommen, die ja unglaublich geduldig ist, wie verbindest Du Musikerin- und Muttersein, wie managest Du das?
Ich muss sagen, es ist nicht einfach. Ich hätte mich auch dafür entscheiden können ein, zwei Jahre Zuhause zu bleiben aber für mich fühlt sich das als Musikerin nicht gut an. Es fühlt sich wie ein Abgetrenntsein von etwas an, das ich gerne mache. Wenn man nicht spielt, dann fehlt einem nicht nur selbst die Inspiration, zumindest ist es bei mir so, sondern man wird auch nicht gesehen.
Ich wollte in der Schwangerschaft und jetzt mit meinen Kindern ganz aktiv da sein. Ich bin Holländerin und in den Niederlanden ist es so, wenn man schwanger ist, wird einem gratuliert, aber man wird nicht abgeschrieben. Die Arbeitsmentalität ist dort so, dass man relativ schnell Kinderbetreuung findet und wieder arbeitet, vielleicht etwas weniger, aber man arbeitet wieder und teilt sich das dann mit dem Partner auf. Aber man ist wieder da (im Idealfall natürlich!). Das ist in Österreich etwas ungebräuchlicher. In Österreich ist es als Frau/Mutter einfach Standard länger Zuhause zu bleiben bei den Kindern, was ja auch schön ist und ich verstehe das auch. Aber als emanzipierte Frau, und auch etwas Feministin, finde ich es einschränkend, wenn es keine gute Kinderbetreuung gibt.
Mutter sein und arbeiten ist viel und es ist etwas stressig, aber das mache ich bewusst. Wenn ich bei den Kindern bin, bin ich ganz da und wenn ich weg bin, schaue ich, dass ich meine Sachen gut mache. Ich bin in der glücklichen Situation volle Unterstützung zuhause für meine Arbeit zu haben Meine Frau übernimmt sehr oft die Betreuung, wenn ich das brauche.
Wir sind hier im Herzen Wiens. Wien ist auch Dein künstlerischer Mittelpunkt. Was bedeutet Dir Wien künstlerisch und persönlich?
Wien ist für mich eine Stadt von sehr hoher Qualität in verschiedensten künstlerischen Genres, das genieße ich sehr. Wenn jemand etwas konsequent und bis in die Spitzen gut macht, so etwas kann ich genießen. Das ist ein großer Mehrwert. Am Land hat man das nicht immer, aber da macht die Natur das etwas wett, weil die Natur auch Perfektionistin ist (lacht).
Ich schätze Wien sehr, meine Eltern sind hier größtenteils aufgewachsen, haben hier studiert. Meine Wurzeln sind auch sehr wienerisch, lustigerweise, obwohl ich selbst in den Niederlanden aufgewachsen bin, aber meine Eltern sind Österreicher. Und ich liebäugle auch immer wieder nach Wien zurückzuziehen aber den kleinen Kindern wollen wir jetzt den Wald und die Wiese gönnen und Pressbaum ist ja nicht weit von Wien, ein guter Kompromiss.
Du sagst über Dein Album auch, dass es Dunkles wie Schönheit verbindet. Wir sind hier im Hotel Imperial, einem strahlenden glanzvollen Mittelpunkt Wiener Tradition und Gegenwart. Im Leben der Stadt, der Welt ist derzeit eine Pandemie in aller Dunkelheit bestimmend. Wie siehst Du diese Pole von Leiden, Tod und Schönheit des Lebens?
Für mich ist Tod kein Gegensatz zu Schönheit. Es ist, es gehört dazu. Ich kann Schönheit, wie hier, das kunstvolle Mobiliar etwa, sehr genießen. Aber ich gehe dann auch sehr gerne wieder auf normaler Straße spazieren. Es gibt immer die Hoffnung und die Träume, und immer Hoffende und Träumende, auch wenn wir selber mal nicht mehr da sind.
Sophie Abraham_Cellistin, Komponistin_
Herzlichen Dank, liebe Sophie und Lou Abraham, für Eure Zeit in Wort und Bild hier im Hotel Imperial_Wien! Gesundheit wie viel Freude und alles Gute!
Liebe Sophie, viel Erfolg für Dein großaritges neuesDebut Solo Album „BROTHERS“!
Vienna Calling_ im Gespräch und Fotoporträt:
Sophie Abraham_Cellistin, Komponistin– Lou Abraham