„Denn ich bin Künstlerin. Und Mutter. Beides nicht nebenbei.“ Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin _ Wien 11.12.2021

Liebe Sylvi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auf einer Skala latenter Gleichförmigkeit und langweilender Routine von 1-10 bin ich etwa bei 9. Ich gehöre zu den Menschen mit erhöhtem Spül- und Waschmaschinen-Kontakt. Ich räume ein und räume aus und räume ein und wenn die Waschmaschine fertig ist, piept es. Wäsche- und Geschirrberge wachsen nach, Kühlschrank wird leer, Wäschekorb nicht. Das alles passiert nebenbei. Denn eigentlich bin ich Künstlerin. Und Mutter. Was von beidem nebenbei, kann ich nicht sagen. Beides nicht nebenbei. Beides voll und ganz mit Herz und Verstand und Liebe und mit allem. Kann was dran nicht funktionieren? Stimmt.

Das hat jetzt erstmal nichts mit der Pandemie zu tun. Die Berufswelt – nicht anders als das Feld der Kunst waren auch vorher zu wenig für Menschen gemacht, die auch Fürsorgearbeit leisten. Gesellschaftlich wird suggeriert, Carework, Kinderbetreuung, Haushalt, das läuft nebenbei. Dachte ich selber auch, bevor ich Mutter wurde. Diese Arbeit aus Liebe ist jedenfalls Arbeit. Sie kostet Zeit und Energie. Sie ist unbezahlt. In Fürsorgeberufen, Z.B. in der Pflege, insbesondere in der 24 Stunden Betreuung für alte und kranke Menschen, in der Elementarpädagogik u.s.w. ist es schlecht bezahlte Arbeit.

Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin (im Vordergrund) _
SIRENEN – Performance _ Wien

Darum geht es in meinem Performance-Projekt SIRENEN. 6 Frauen mit Megafonen singen und sprechen im urbanen  Raum Interview-Antworten. Wir haben mit Care-Worker*innen/Fürsorgearbeiter*innen über die Auswirkungen der Pandemie gesprochen. Ausgangspunkt war der Gedanke: Corona ist ein Verstärker. Die Pandemie verstärkt Unvereinbarkeiten zwischen Familie und Beruf. Sie verstärkt prekäre Lebenssituationen. Sie verstärkt bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Die SIRENEN verstärken zu wenig gehörte Sprecher*innen, indem sie Interview-Texte vertonen. Die SIRENEN sind eine polyphone und bewegliche Lautsprecheranlage, die ausschwärmt und die Straßen Wiens beschallt.

SIRENEN _Performance _ Wien

Die Arbeit an Klangchoreographien, Songs und Sprachskulpturen in einer Gruppe von ganz tollen und ganz unterschiedlichen Frauen (Musikerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen, Künstlerinnen) macht Spaß. Die SIRENEN und andere Performance-und Musikprojekte retten mich regelmäßig aus oben beschriebener Alltagsmühle.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir nicht zulassen, dass die Pandemie alles übertönt. Dass wir lernen auch was anderes zu hören. Trotz und inmitten der bedrohlichen und nervigen Lautstärke der Corona-News. Trotz dem schrillen Feedback aller damit verbundenen gesellschaftlichen Konflikte und Probleme. In den beiden Pandemie-Jahren sind über 3000 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken. Im polnischen und bosnischen Grenzgebiet sitzen Geflüchtete in der Falle und drohen zu erfrieren. Wir haben große gesellschaftliche Transformationen vor uns, um die Klimakatastrophe zu verhindern und um mit den bereits nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels umzugehen. Hier ist Fürsorgearbeit notwendig. Politische Fürsorgearbeit. Die passiert aber nicht so von allein wie zum Beispiel die Arbeit der Mütter und Väter. Diese Fürsorgearbeit muss erkämpft und eingefordert werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?

Manchmal weiss ich nicht, wie relevant es ist, politisch nachdenkliche Kunst zu machen. Dieser Gestus der Nachdenklichkeit oder der smarten oder in meinem/unserem Fall ästhetisch ansprechenden Kritik bringt irgendwie nichts in Gang. Vielleicht ist Kunst gar nicht so wichtig.

Mich hat es immer berührt, wenn Gruppen von Menschen gemeinsam zuhören. Deshalb mag ich Konzerte mit Experimenteller Musik. Also vielleicht gar nicht so sehr wegen der Musik. Sondern irgendwas Wichtiges steckt in diesem konzentrierten gemeinsamen Hören. Oft schaffen die SIRENEN auch sowas. Dass immer mehr Leute spontan stehen bleiben, beisammen stehen und genau hinhören. Der versammelnde Charakter von Performance und Live-Musik scheint mir im Moment das Wichtigste zu sein. Vielleicht weil wir das Versammeln wieder neu werden lernen müssen. Das Zuhören sowieso.

Was liest Du derzeit?

Viel zu wenig lese ich. Zeitproblem. Im Moment:Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land“ von Martin Gross. Alltagsbeobachtungen des letzten DDR-Jahres. Übrigens aus der Perspektive eines Westdeutschen der das Jahr 1990 in Dresden verbringt. In den Nachbetrachtungen ist ja immer der Fokus auf 1989 und die „friedliche Revolution“, den Fall der Mauer und dann die Wiedervereinigung. Welche Aushandlungen, Gedanken, Initiativen, Forderungen, Zukunftsvisionen, Konflikte, Beschämungen, Sorgen, Euphorien und Ideen da sonst noch waren, das wurde gar nicht wahrgenommen. Oder es wurde vergessen. Vielleicht lese ich das gerade, weil das der erste große gesellschaftliche Umbruch war, den ich als in der DDR geborenes Kind erlebt habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine wortwörtliche Mitschrift aus einem Interview mit einer Krankenschwester, die über die Verteilung und ganz neue Organisation von Fürsorgearbeit und Pflegearbeit nachdenkt. Der Text ist Teil der SIRENEN Performances, weil in ihm anklingt, dass alles auch ganz anders funktionieren könnte.

Geschenk

Also was für ein Geschenk das eigentlich ist, dass man für jemanden sorgt/

Der ähm in Abhängigkeit ist/

Also nicht, dass ich das schön finden würde aber/

Also man hat da eine sehr besondere Position/

Dass man für jemanden sorgt/

Oder als Ehre/

Geschenk, Ehre das trifft´s alles nicht aber/

Also ich kann´s eben höchstens umschreiben/

So´n Gefühl der der Fürsorge.

Es ist völlig traurig eigentlich/

Dass eben Pflege so weit weg ist von uns/

Die meisten Leute, die brauchen ja nicht ihr Leben lang Pflege/

Also Du brauchst halt in deinen ersten Lebensjahren Care und in deinen letzten Lebensjahren/

Es sind ja eigentlich kurze Abschnitte, wo jemand das braucht/

Und da frag ich mich schon, warum wir das nicht stärker so selber übernehmen können/

Und da geht’s ja nicht drum, ich muss ja nicht meine eigene Mutter zwingend betreuen/

Aber ich kann ja jemand anderen also/

Aber da wäre die Frage, wie würde man das organisieren oder…

Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Sylvi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Performance-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sylvi Kretzschmar, Performance-Künstlerin

Fotos_1 Sarah Glück; 2 saLeh roZAti; 3 privat.

7.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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