Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Frühmorgens gehe ich mit meinem Hund lange und langsam im Wald spazieren. In dieser gemeinsamen Zeit öffne ich mich dem Tag.
Den Tag über vermischen sich Schreiben, Lesen und die alltäglichen Dinge und Bewegungen ineinander. Ideen und Texte entstehen. Gespräche mit Freund*innen und Kolleg*innen, mit Literatur und Kunst gehören dazu.
Ulrike Bail, Lyrikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich zögere immer, wenn ich für ‚uns‘ oder für ‚alle‘ sprechen soll. Wo fängt ein ‚uns‘ an? Wo hört ein ‚alle‘ auf? Wer bin ich und wer die andere(n)? Einander mit Respekt begegnen und aufeinander achten – und da beziehe ich die Tiere und die Pflanzen mit ein – ist für mich besonders wichtig.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Anja Utler sprach einmal von der „befreienden Unsicherheit“, die Gedichte ermöglichen können. Das wünsche ich mir von Literatur und Kunst. Dass wir Sprachen finden, die dem Nichteindeutigen das Wort reden und den vereinfachenden Antworten ins Wort fallen.
Ich bin fasziniert von Kunstwerken, die etwas Unübersetzbares ausstrahlen, etwas Vibrierendes, das Grenzen durchlässig werden lässt. Sie nachdenklich von allen Seiten betrachten, ihren Schwingungen lauschen, sich verunsichern lassen und aufrütteln, empathisch, verletzbar und offen werden.
Was liest Du derzeit?
Robert Macfarlane, Jackie Morris, Die verlorenen Zaubersprüche. Aus dem Englischen von Daniela Seel, Naturkunden Nr. 77, Matthes & Seitz Berlin 2021.
Uljana Wolf, Etymologischer Gossip. Essays und Reden, kookbooks Berlin 2021.
Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag, Karl Hanser Verlag München 2019.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da stand der mohn dort / eine schar disteln / und nesseln / mit geschürzten lippen blau / wie die herzkranken früher / neben den veilchen/ wir waren nicht gefaßt auf die rosen
(Esther Kinsky, kö növény kökény. Gedichte, Edition Thannhäuser 2019)
Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zuallerst ist ein guter Espresso wichtig. Dabei nütze ich oft die ersten Momente des Tages um die Arbeit an Produktionen vom letzten Abend mit etwas Abstand zu hören. Gerade während der Arbeit an meinem aktuellen Album “Groove & Good Times” war das hilfreich. Aufgrund der Zeitverschiebung passierte viel an Austausch und Arbeit an der Produktion, an Mixes und am Master mit Igor Prado in São Paulo während der Abend- und Nachtstunden. Irgendwann ist man aber erschöpft und braucht eine Pause. Bei einem gemütlichen Kaffee wird einem dann klar, ob die Arbeit fruchtbar war.
Raphael Wressnig, Musiker, Produzent
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde Empathie und Authentizität enorm wichtig. Nach der Krise und während einer schwierigen Zeit für Musiker, Künstler und vor allem für den Kulturbetrieb als Ganzes, fällt mir auf, dass viele Leute eine Abkürzung suchen. Ich habe das Gefühl, dass besonders Musiker eher schauen was “gut geht” und auf einen Zug “aufspringen wollen”, anstatt in sich hineinzuhören, um eigene Geschichten zu erzählen, oder seinen eigenen Sound zu entwickeln. Ich kann natürlich verstehen, dass nach der langen Durststrecke jeder hinaus und auf die Bühne will. Wenn es um handgemachte Musik geht, gibt es leider keinen Shortcut, oder ein Shortcut funktioniert vielleicht ansatzweise, nur klingt die Musik flach und leer.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Musik kann viele Rollen erfüllen. Ich finde sogar, dass in Europa die Musik “zu sehr” eine Rolle erfüllen muss. Im Gegensatz dazu finde ich, dass Roots Musik (egal ob jetzt Afrobeat, Jazz, Soul, Blues, Funk, Samba, Salsa oder Reggae) in erster Line da ist, gespielt wird, sie entsteht, um eine gute Zeit zu haben. Sie hebt die Stimmung und spendet Trost. Trotzdem sind diese Musikrichtungen nie flach oder leer. “It’s about having a good time”, das finde ich klasse. Das setzt vielleicht sogar noch tiefer an. Egal wie trübe der Alltag ist, die Musik und der Groove richten dich auf und fahren in jeden Teil des Körpers und sind gut für die Seele.
Was liest Du derzeit?
„The F*ck-it List” von John Niven. Bei einem kleinen Festival mit Workshops das ich im Sommer in meiner Heimatstadt Bad Radkersburg veranstalte hat mir ein Teilnehmer die Autobiographie vom Sänger und Pianisten Dr. John geschenkt: “Under a Hoodoo Moon”. Die hat mich begeistert und die habe ich davor gelesen. Die meisten Musiker sind finden die Autobiographie von Keith Richards gut und wundern sich über dessen Ehrlichkeit und raue Vergangenheit. Im Vergleich zu Dr. John, wirken die Rolling Stones wie eine “gekampelte und geschnäuzte” Boygroup.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“The Groove never Stops”. Die Musik wird immer weitergehen, pulsieren, sich weiterentwickeln, Inspiration und Motivation sein und vor allem viel Freude bringen!
Vielen Dank für das Interview lieber Raphael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Herzlichen Willkommen, liebe Ulrike Haidacher, Kabarettistin, Schriftstellerin, hier im Cafè Prückel in Wien!
Ulrike Haidacher_Kabarettistin, Schriftstellerin
Das Kaffeehaus wie das Kabarett und die Literatur haben eine große Tradition wie Verbindung in Wien. Wie lebst Du diese Verbindungen heute? Schreibst Du auch im Café?
Gastronomie und Kabarett hängen eng zusammen. Es gibt ja das Gesetz einer Pause im Kabarett nach 45min, damit es auch für die Gastro ein Geschäft wird (lacht). Kabarett und Gastronomie sind sehr oft verbunden, ich bin damit quasi künstlerisch aufgewachsen.
Die Zusammenhänge von Kaffeehaus und Literatur sind mir vor allem von meinem Germanistik Studium her vertraut.
Ich selbst setze mich sehr selten zum Schreiben ins Café. Wenn ich mich konzentrieren will, ist mir da zu viel los. Zuhause habe ich mir zum Schreiben alles eingerichtet, die Raumtemperatur, wann ich etwas essen, trinken kann. Außer ich habe einen Lagerkoller, dann gehe ich ins Café (lacht).
Was sind für Dich Gründe, ins Café zu gehen?
Das Café ist für mich etwas Gesellschaftliches. Ich setze mich selten allein ins Café, etwa um nachzudenken.
Das Café ist für mich ein Treffpunkt, Begegnung.
Wenn ich arbeite oder für mich bin, dann bin ich eher Zuhause oder gehe spazieren.
Was gehört für Dich zu einem Cafébesuch dazu – welcher Kaffee, welche Mehlspeise?
(lacht). Ich trinke gar keinen Kaffee. Ich trinke Tee, meist einen Schwarztee. Oder sehr profan ein Cola oder einen Saft.
Dass ich sage, ich habe jetzt so große Lust auf einen Kuchen, ich muss da in eine Konditorei stürmen, das ist mir – noch – nie passiert (lacht).
Es strengt mich eher an, wenn mich jemand fragt, ob ich einen Kuchen teilen will. Da sage ich eher aus Höflichkeit zu. Bestimmte Rituale beim Kaffeehausbesuch habe ich keine.
Wie hältst Du es jetzt in der Vorweihnachtszeit mit Kuchen und Keksen?
Ja, da esse ich Süßes schon gerne. Aber das findet eher Zuhause statt.
Wie ist das Setting des Schreibens Zuhause für Dich?
Ich bin da sehr konventionell und brauche einen Schreibtisch, Schreibtischlampe, Schreibtischsessel und Laptop (lacht).
Du bist sehr vielseitig in Deiner Kabarettkunst und hast heuer auch Deinen ersten Roman veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Ich bin seit zwölf Jahren ein Teil des Kabarettduos „Flüsterzweieck“, das ich mit Antonia Stabinger2009 gegründet habe. Wir arbeiten sehr szenisch, absurd, theatral, auch literarisch. Wir haben es auch von Anfang an Theaterkabarett genannt.
Vor ein paar Jahren spürte ich das Bedürfnis mich selbständig künstlerisch auszudrücken. Ich wusste auch, dass ich eher den Hang zu längeren Texten habe. Ich schweife auch gerne ab. Für mich entsteht so auch oft Humor – aus dem Raum der Sprache. Nicht, dass ein Inhalt konstant zur Pointe führt, sondern über die Art, wie Sprache verwendet wird.
Ich hatte dann die Idee für ein Soloprogramm und im Schreiben dachte ich, das ist eigentlich ein Roman. Ich habe dann mit meinem Regisseur die Texte für die Kabarettbühne adaptiert und es hat auch gut funktioniert. Es waren 40 Seiten des Textes, das waren dann 90 Minuten auf der Bühne, mehr Zeit gibt es ja nicht.
Danach habe ich die ursprüngliche Version der Texte, die literarische, als Grundlage für den Roman herangezogen, wofür ich dann auch das Startstipendium für Literatur erhalten habe. Der Roman ist diesen Herbst erschienen.
Dein Roman heißt „Die Party“ und es steht darin gesellschaftliches Leben im Mittelpunkt. Wie kam es zu diesem Thema?
Es sind Einfälle, Ideen, die mich zu einem Thema führen. Für mich ist da kein „das möchte ich unbedingt ansprechen“.
Was mich bei meinem Debütroman interessiert hat war, wie spricht man über Themen an sich. Das ist das Thema des Buches (lacht). Oder wie spricht die Öffentlichkeit über Themen.
Das Thema Feminismus, das Sprechen darüber, ist zentral im Roman. Wie wird dieser Begriff etwa kommerzialisiert. Das hat mich schon länger interessiert.
Im Roman geht es auch um das Bröckeln einer Fassade, was feministisches Selbstverständnis betrifft. Das habe ich auch in den Jahren beobachtet.
Mich hat der Begriff der „starken Frau“ interessiert, der oft herablassend und unter einem feministischen Deckmantel verwendet wird. Man sagt „das is a storke Frau“, wenn sich eine Frau für andere aufgeopfert hat. Wenn eine Frau aber in der Öffentlichkeit zu ihren Entscheidungen steht, das macht, was sie will, sich nicht um die Erwartungen der Öffentlichkeit schert, wird sie oft fertiggemacht. Das hat mich interessiert, diese Bewertung. Wie Frauen für ihre Entscheidungen bewertet und abgewertet werden können.
Die Öffentlichkeit hat immer ganz bestimmte Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat. Wer stark ist, wer schwach ist. Und es gibt so furchtbare Ausdrücke wie „die Powerfrau“. Das waren Themen, die mich emotionalisiert haben und die habe ich dann in Figuren gepackt.
Ich sehe die Figuren im Roman als Stellvertreter der Gesellschaft, als überzeichnete Figuren. Es ist ein satirisches Buch.
Wie kommt es Deiner Meinung nach zu diesen Sprach-, Machtmechanismen einer Gesellschaft?
Was mir auffällt ist, dass im Zuge der „#Me too“-Debatte der Begriff des Feminismus sehr in den Mainstream gerückt ist. Was gut ist, da es kein Schimpfwort mehr ist und viel mehr Bewusstsein da ist. Gleichzeitig wird der Begriff aber dadurch vermarktet und dadurch wiederum hohl. Der Sexismus geht aber trotzdem nicht einfach weg, der findet andere Wege.
2021 jährt sich das Erscheinen des Romans „Malina“ von Ingeborg Bachmann zum 50jährigen Jubiläum. Siehst Du Ingeborg Bachmann als Vorreiterin des Feminismus?
Ja, sicher, sie ist da eine Vorreiterin unter vielen.
Satire ist ein wesentliches Stilmittel in Deinen Kabarettprogrammen wie auch jetzt in Deinem neuen Roman. Gibt es weitere literarische Stilmittel, welche Du im Roman in den Vordergrund stellst?
Als ich literarisch zu schreiben begonnen habe, hat es zunächst eine Zeit gebraucht, um meinen literarischen Stil zu finden. Es ist wichtig herauszufinden, wie man eigentlich schreibt, schreiben will.
Ich mag es im Schreiben gern, wenn die Sprache im Vordergrund steht, wenn sie greift.
Mir wurde gesagt, ich schreibe lange Sätze und arbeite mit Wiederholungen. Das war keine bewusste Entscheidung, das ist mir beim Schreiben so passiert. Aber das macht wahrscheinlich auch einen wesentlichen Teil des Witzes meiner Texte aus.
Ist die Wiederholung als sprachliches Mittel auch wesentliches Kommunikationsmittel zum Publikum von der Bühne und in den Buchseiten?
Ich glaube, dass ich generell so bin, dass ich immer alles ganz genau erklären will (lacht). Vielleicht kommt es daher.
Theoretisch beleuchten kann und will ich aber meine Art zu schreiben gar nicht, ich bin ja diejenige, die es macht (lacht).
Hat dies auch mit dem bewussten Ansprechen bzw. Anstoßen von Themen zu tun, die Du vermitteln willst?
Ja, es ist beides. Einerseits erzähle ich einfach gerne Geschichten und der Humor entsteht für mich da oft im Detail.
Ich mag es, wenn das scheinbar Unwichtige im Alltag beschrieben wird.
Anderseits gibt es Themen, die ich wichtig finde und die ich thematisieren möchte. Wenn Leute sagen, es hat sie zum Nachdenken angeregt, finde ich es schön, manchmal überrascht es mich aber auch (lacht).
Es ist aber nicht mein Ziel, dass die Leute im Kabarett, im Lesen etwas lernen müssen. Das maße ich mir nicht an, dass jemand durch mich erleuchtet wird (lacht). Wenn aber jemand zum Nachdenken anfängt, ist das schön.
Gibt es wiederkehrende Themen und wie kommen die Themen zu Dir?
Das passiert einfach Tag für Tag. Ich bin ja Teil der Gesellschaft und bekomme mit, was so passiert (lacht).
Manche Themen regen mich auf oder ich stelle fest, dass in der Öffentlichkeit auf eine bestimmte Art über ein Thema gesprochen wird. Dann möchte ich einen anderen Blickwinkel beschreiben. Meistens ist es, dass mich irgendetwas aufregt und dann schreibe ich darüber (lacht).
Ist das Schreiben, im Kabarett oder im Roman, auch ein persönlicher psychologischer Verarbeitungsprozess?
Wenn, dann nicht bewusst (lacht).
Ich setze mich nie hin und schreibe jetzt ein paar Zeilen, etwas zu verarbeiten. Da rede ich lieber mit Leuten (lacht).
Gesellschaftliche Themen sind Teil meines Berufes. Ich merke schon, dass ich im Schreiben von Kabarettprogrammen oder Büchern, danach nicht mehr so das Bedürfnis habe, so viel darüber zu reden. Es regt mich auch nicht mehr so auf. Demnach ist es schon ein Verarbeitungsprozess, aber ich nehme es nicht so bewusst wahr.
Bist Du eine sehr aufmerksame Beobachterin des Tages und des Lebens in der Gesellschaft?
Das glaube ich schon, so bin ich einfach. Ich gehe aber nicht mit dem Notizbuch durch die Stadt, beobachte und schreibe dann auf, was ich gesehen habe. Ich beobachte eher nebenbei und was ich mir merke, verwende ich manchmal für meine Texte.
Mir ist oft gesagt worden, dass ich mir extrem viel merke. Ich habe zum Beispiel Jahre später einer Freundin sagen können, welche Schuhe sie am Wandertag getragen hat oder wer mit wem was geredet hat. Einfach unnütze Beobachtungen, weil ich mich für Details interessiere (lacht).
„Alles Wesentliche im Leben einer Schriftstellerin passiert in ihrer Kindheit“, sagte Ingeborg Bachmann und meinte damit die Erinnerung wie den Themenstoff daraus. Ist es bei Dir auch so, dass Erinnerungen künstlerisch ganz wesentlich sind und bleiben?
Im Gedankenprozess jetzt für mein zweites Buch habe ich gemerkt, dass ich auf Erinnerungen, Stimmungen von früher zurückgreife.
Eindrücke von damals inspirieren mich auch heute. Vielleicht müssen Dinge einfach weiter weg sein, dass diese wieder interessant sind, werden.
Du bist in der Stadt Leoben, Steiermark, aufgewachsen, einer Stadt mit starkem gesellschaftlichen Wandel in den letzten Jahrzehnten. Wie hast Du Deine Kindheit da erlebt? Ist das Interesse für das Kabarett, die Literatur da mitgewachsen?
Meine Eltern zogen, als ich eineinhalb Jahre alt war, von Graz nach Leoben. Mit vierzehn Jahren besuchte ich wieder die Schule in Graz. Ich war also relativ jung damals.
Das Leben in Leoben war einerseits gekennzeichnet durch diese Montan-, Industriestadt und andererseits war auch Kultur, Theater sehr präsent. Wir gingen regelmäßig ins Kindertheater. Es war auch eine Musikschule vor Ort. Meine kulturellen Ursprünge kommen natürlich aus dieser Zeit.
Mit zehn Jahren wollte ich bei einem Geschichtenwettbewerb teilnehmen. Da ich regelmäßig im Sommer in Osttirol war, bin ich zu dieser Zeit gerade auf den Gipfel des Großglockners gewandert. Für dieses Bergerlebnis war ich ja relativ jung und in meinem Aufsatz sollte es darum gehen. Ich schrieb aber nur darüber, was und wie die Leute geredet haben, etwa in welchem Dialekt sie sprachen. Ich war auf den Text recht stolz und zeigte ihn meiner Mutter. Meine Mutter sagte dann, das könne sie nicht einreichen, weil er die Leute vielleicht treffen würde und sie fragte, warum ich nicht über das Erlebnis selbst geschrieben habe (lacht). Für mich war es aber ein super Aufsatz, den ich sehr amüsant fand (lacht). Mein künstlerischer Weg dürfte also damals schon entstanden sein.
Gibt es diesen Text Deiner Kindheit noch bzw. verwendest Du ihn künstlerisch?
Ich habe mich auch gefragt, ob es den Text noch gibt. Er war nur ca. eine halbe Seite lang, ich habe ihn dann nicht fertig geschrieben.
Ich weiß nicht, wo der Text gelandet ist. Ich denke manchmal dran und würde ihn gern nochmal lesen, aber ich habe ihn nie wiedergefunden.
„Vienna Calling“ ist der Titel dieser Interviewreihe mit Künstler*innen. Telefonierst Du gerne? Wie gingst, gehst Du mit Kommunikation grundsätzlich und auch in Lockdowns um?
Ich telefoniere hauptsächlich mit Leuten, die ich nicht so oft sehe. Wenn ich organisiere, schreibe ich eher.
Was ich so gut wie gar nicht mache, ist Videotelefonie, Zoomen oder Skype- Bier-Trinken. Das habe ich nur im ersten Lockdown gemacht und das war da aufregend.
Das direkte Gespräch ist mir am liebsten. Telefonieren ist meist etwas anstrengend, weil man jemand nicht sieht.
Um Freundschaften zu pflegen, ist mir ein direktes Treffen am liebsten.
Welche Bedeutung hat Wien als Inspirationsort in Deiner Kunst?
Ja, Wien ist natürlich eine tägliche Inspiration in kultureller Vielfalt und Begegnung. Das war auch der Grund für meinen Umzug hierher. Es bieten sich hier einfach sehr viele künstlerische Möglichkeiten.
Ich bin jetzt seit dreizehn Jahren hier, es wird also schon gepasst haben (lacht).
Gibt es einen Austausch, Kooperationen mit Schriftsteller*innen, Künstler*innen?
Es gibt immer wieder Begegnungen, Gespräche bei Lesungen etwa. Aber ein gemeinsames Projekt gibt es im Kabarett mit dem Duo „Flüsterzweieck“ mit meiner Kollegin Antonia Stabinger. Ansonsten arbeite ich künstlerisch alleine.
Bei einem künstlerischen Gemeinschaftsprojekt muss es schon sehr gut passen. So etwas will ich nicht erzwingen.
Was sind Deine derzeitigen Projekte und Planungen?
Wir hatten im Juni 2021 mit „Flüsterzweieck“ Premiere. Aktuell schauen wir, dass wir unser Stück auch wieder spielen können.
Ich hatte künstlerisch also immer etwas zu tun und dann erschien mein Buch und ich fragte mich, was mache ich jetzt? (lacht). Das Erste was mir dann einfiel war, noch ein Buch zu schreiben (lacht). Und da bin ich jetzt gerade dabei, ein Exposé zu schreiben.
Worum wird es im neuen Roman thematisch gehen?
Ich kann noch nicht viel dazu sagen. Aber vielleicht spielt diesmal auch die Obersteiermark eine Rolle (lacht).
„Vienna Calling“ nimmt natürlich auch auf Musik Bezug. Wie wichtig ist Musik für Dich? Spielst Du ein Instrument?
Ich habe als Kind mehrere Musikinstrumente gelernt (lacht). Aber leider keines lang genug, dass ich es auch heute noch gut spielen kann.
Ich wurde in der Kindheit auch sehr oft von meinen Eltern zu klassischen Konzerten oder in die Oper mitgenommen, dadurch habe ich viel kennengelernt
Ich höre natürlich Musik. Was ich nicht kann, ist, Musik hören und zugleich arbeiten. Das trenne ich strikt (lacht).
Wann hörst Du gerne Musik?
Gerne beim Autofahren. In der Freizeit, auch etwa beim Putzen und einfach bei Tätigkeiten, in denen ich mich nicht konzentrieren muss (lacht).
Gibt es eine bestimmte Musikepoche, welche Du bevorzugst?
Einen Bezug gibt es zu verschiedenen Musikjahrzehnten. Irgendwie habe ich einen emotionalen Bezug zu den 80er Jahren, obwohl ich zu jung bin, die 80er Jahre bewusst mitgekriegt zu haben, trotzdem fühle ich mich da beheimatet.
Gibt es da bestimmte 80er Songs und Bezüge von Dir?
Die 80er Jahre sind bei mir eher eine ferne Romantik. Peripher könnte ich da etwas verbinden, aber es ist eine romantische Phantasie (lacht).
Musikalisch bin ich ja mit den 90er aufgewachsen. Wenn mich jemand fragt, wann ich gerne leben würde, dann denke ich aber an die 80er Jahre (lacht). Weil ich irgendwie das Gefühl habe, ich kenne diese Zeit, aber natürlich nicht wirklich (lacht).
Was würde Dich bei einer Zeitreise in die 80er Jahre besonders interessieren?
Nix. Ich möchte da einfach hingehen und hören wie die Leute reden, sehen wie es da ausschaut, was die Leute anhaben und was sie für Einstellungen haben. Eher etwas spüren, wie das so war (lacht).
Gibt es bestimmte Persönlichkeiten dieser Zeit, die Du gerne treffen würdest, im Cafè etwa?
Es fällt mir da jetzt keine bestimmte Person ein. Eher geht es dabei darum, generell Menschen zu treffen, die müssen jetzt nicht bekannt sein.
Mich interessieren Menschen und ihre Einstellungen über die Zeiten hinweg und ich frage mich, was sich inwiefern geändert hat und was unerarwarteterweise gleich geblieben ist.
Welche Musikinstrumente hast Du gespielt?
Ich habe da so typisch mit Blockflöte angefangen. Dann war es in der Schule Gitarre, da habe ich mir anfangs die Akkorde selbst beigebracht. Ich habe sieben Jahre Cello gespielt. Auch Klavier spielte ich. Cello war die längste Zeit. Alles kurz genug, um es nicht mehr g`scheit zu können. Ich würde da niemand eine Freude machen (lacht).
Hast Du Musikinstrumente Zuhause?
Nein, diese waren damals ausgeborgt. Ich habe da mit vierzehn Jahren mit dem Spielen völlig aufgehört.
Ich bin aber sehr froh über meine musikalische Vorbildung, weil ich auf eine gewisse Art musikalisch bin, und dies braucht man auch für die Sprache.
Das selbst Musizieren geht mir nicht ab, leider (lacht).
Darf ich Dich abschließend zu einem „Vienna Calling“ Achrostikon, einer Wortassoziation zur Buchstabenreihe, einladen?
Lieber Simon, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich halte die Unregelmäßigkeit meiner Tagesstruktur aufrecht. Das gibt mir ein Gefühl der Eigenbestimmtheit und Freiheit.
Simon Hatzl, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich horche sehr viel mehr in mich und die Menschen hinein. Das ist der Versuch mich und die anderen da abzuholen, wo sie gerade stehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wesentlich sind der aktive Wunsch und die Liebe zur Veränderung in uns allen. Diesen ihnen ja auch selbst innewohnenden Drang zur Veränderung werden Kunst und Kultur als Kommunikationsfelder und Katalysatoren begleiten.
Was liest Du derzeit?
Ich höre meinen Gedanken zu.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Liebe!
Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Simon Hatzl, Schauspieler
Foto_Götz Schrage.
7.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen. Existenz begreifen. Kaffee. Kleines Frühstück. Eventuell Kaffee Nr. 2… Körper, Geist und Stimme aufwärmen. Pläne für die Zukunft in Gang setzen. Auf ins Theater zum Proben/Spielen (sofern möglich). Nach Hause. Viel zu viele Nachrichten beantworten. Essen. Umfallen. Repeat.
Raphael Steiner_Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wichtig ist, dass uns der gegenseitige Respekt nicht verloren geht und dass der Spaltung (auch schon fast Unwort des Jahres..) nicht noch mehr unnötiger Raum gegeben wird. Ich denke für jeden sind jetzt verschiedene Dinge wichtig – aber auf eines sollten wir gemeinsam achten: Die Empathie.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, in der Kunst sollte nach wie vor Raum für alles sein. Die kritische Betrachtung der Politik, des eigenen Lebens, der Gesellschaft und Dinge die auch einfach nur schön oder interessant sind. Sehr wichtig finde ich dabei, dass man nicht vergisst, Geschichten zu erzählen.
Was liest Du derzeit?
„Roberto Zucco“ von Bernard-Marie Koltès, ein Buch über Harmonielehre und „Acting for the Camera“ von Dorothea Neukirchen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Your’e only given a little spark of madness. You mustn’t loose it.“
Vielen Dank für das Interview lieber Raphael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Bis vor kurzem noch proben für „Die große Show“ – aktionstheater ensemble, seit einigen Tagen habe ich „frei“, womit ich mir gerade in Corona Zeiten etwas schwer tue.
Raphael Macho, Zauberkünstler & Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Disziplin – wir müssen uns zusammenreißen und alle an einem gemeinsamen Strang ziehen – um das zu ermöglichen, ist es essentiell einander zuzuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater hat zwei Möglichkeiten:
Den Menschen den Frust und die ganze aufgestaute Energie durch Radikalität auf der Bühne abzunehmen, oder das Publikum von der Radikalität des Alltags abzulenken, und es einfach gut zu unterhalten.
In Zeiten wie diesen ist das Theater wichtiger denn je!
Was liest Du derzeit?
„Amoralman“ von Derek Delgaudio, aber das ist auch schon einige Wochen her – momentan also Nichts.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„What the eyes see and the ears hear, the mind believes.“ Harry Houdini
Raphael Macho, Zauberkünstler & Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Raphael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
DIE GROSSE SHOW Eine „große Show“ mit allerlei Hindernissen, mit wahrhaftigen Bekenntnissen und verdichteten Geständnissen, unglaublich komisch, skurill-witzig, tragisch und mitten aus dem Leben. Regie; Martin Gruber. MIt: Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Raphael Macho, Elias Hirschl, Benjamin Vanyek, Christian Musser, Pete Simpson, Anton Bennent, youcancallmeoliver, Resa Lut, Maxance, Pia Welser.
Schönen Guten Morgen, liebe Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, hier im Biedermeier Hotel Wien in der Ungargasse, dem Romanschauplatz „Malina“! Herzlichen Dank für das Interesse und die Teilnahme am Projekt zum 50- jährigen Romanjubiläum!
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Du hast bereits in Deiner Schulzeit den Roman „Malina“ gelesen und dieser war auch teil Deiner Abschlussprüfungen. Wie kam es dazu und was sind heute Erinnerungen daran?
Es war in der Maturaklasse und wir hatten eine ganz phantastische Deutsch Professorin und ich wollte für die Abschlussprüfung ein gutes Thema finden. Wir sind dann relativ schnell draufgekommen, dass mich Frauen in der Literatur sehr interessieren und auch der feministische Ansatz und die Fragen nach Selbstbestimmtheit. Und dann sagte meine Professorin, dass der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann da fast unumgänglich sei (lacht). Und dann habe ich den Roman gelesen und es wurde zu meinem Matura-Thema. Es hat zum Glück auch sehr gut funktioniert, sonst hätte ich eine Vier bekommen (lacht). Aber dadurch, dass die mündliche Prüfung so gut war, ist es dann sehr gut geworden 🙂
Das Lesen des Romans hat mich damals sehr mitgenommen und als ich jetzt wieder reingelesen habe, war sofort diese Erinnerung, dieser Geruch von der Zeit damals da. Es scheint mich doch sehr geprägt zu haben.
Das war auch die Zeit der ersten großen Liebe, wo alles so wichtig ist, wo man so sehr beim Andern ist, dass man gar nicht mehr bei sich ist und seinen Entscheidungen, sondern nur mehr darauf wartet, wann kommt die nächste Nachricht (lacht).
Es ist so existentiell, so absolut tief, da dreht sich alles nur darum, wie die Ich-Erzählerin bei Ivan, dieses „bei ihm sein“ ist – wann ruft er an, dieses stundenlange Dasitzen, wo geht er hin, was sagt er?
Es war auch wahnsinnig interessant, wie ich draufgekommen bin, im Zurückblättern, wieder lesen – damals hat man ja noch nicht gegoogelt (lacht) – dass Malina ja ein Teil ist, der in ihr herrscht. Da habe ich mich auch sehr stark wiedererkannt, in diesen zwei Teilen. Aber dies trifft wohl auch auf einen Mann zu und ist total unabhängig von Mann oder Frau, diese Teile, die in einem kämpfen.
Ich habe viele, viele Jahre gebraucht, dass da kein Kampf mehr ist, sondern dass beides in totaler Gelassenheit existieren kann in mir, wenn man das so benennen will als männlichen und weiblichen Teil. Oder dieser fokussierte, klarere Teil und dieser weichere Teil, warum auch immer das als männlich oder weiblich gesehen wird.
Wie gestaltete sich die pädagogische Aufbereitung, Begleitung in der Schule bei der Texterarbeitung?
Malina habe damals nur ich gelesen, jede/jeder hatte da eigene Matura-Themen. Meine Deutsch Professorin hat wohl das literarische Interesse bei mir gesehen und sie hat mir dann Malina empfohlen und mich total begleitet dabei in dieser Zeit.
Wir haben viel darüber gesprochen und ich habe auch darüber geschrieben. Aber ich weiß nicht ob eine Lehrerin diese entstehende Innerlichkeit in einer Vollzeitbetreuung auffangen könnte, natürlich ist man da alleine mit seinen Gedanken und der Emotionalität, der Angst, den Albträumen im Roman, wo es einem halt hinzieht beim Lesen. Aber ich denke ich war da schon alt genug.
Und dann gab es die Vorbereitung auf die Matura. Wir hatten da eine total gute Sprache miteinander. Ich fühlte mich richtig toll vorbereitet und Malina war dann eigentlich auch das, was die Jury interessiert hat. Die hat alles andere gar nicht so interessiert, die haben sich total auf Malina geschmissen (lacht).
Erinnerst Du Dich an einen Malina-Gesprächsinhalt, -impuls mit Deiner Professorin oder der Jury (Prüfungskommission; Anm.)?
Die Jury war zuerst etwas skeptisch mir gegenüber, dass ich das in meinem Alter behandle, was ich einerseits sehr gut verstehen kann. Ich weiß jetzt nicht was die Fragen waren, aber es wurde schon sehr detailliert gefragt und viel über den Teil, dass das Weibliche stirbt am Ende oder unterdrückt wird, sich auflöst oder verschwindet. An das kann ich mich erinnern.
Von den Gesprächen mit meiner Professorin weiß ich, dass wir auch viel über „Die blassblaue Frauenschrift“ (Franz Werfel; Anm.) dazu gesprochen haben und die Ähnlichkeiten darin. Aber sonst, es ist wirklich schon sehr lange her (lacht).
Wo hast Du maturiert?
Ich habe in der Waldorfschule der Stadt Salzburg maturiert. Dabei ist ja das Maturajahr entkoppelt und es kommen Professoren von außen an die Schule zum Unterricht. In Deutsch war es eine Professorin von der Universität. Der Mathe Professor kam auch von der Uni, manche kamen von anderen Schulen. Und ich bin so dankbar für diese Frau, die mich zu Malina als Matura-Thema herangeführt hat. Sie hat viel bewirkt.
Welche Literatur von Frauen war in der Schule noch Thema?
Wir haben grundsätzlich über Frauen in der Literatur gesprochen, was dann auch später, als ich mit Theater in Verbindung gekommen bin, eine Rolle gespielt hat. Es waren aber eher die literarischen Seiten, die wir in der Schule behandelt haben. Genaueres, da müsste ich auf dem Dachboden nachschauen was es von der Matura da noch gibt (lacht).
Welche Gedanken, Zugänge hast Du jetzt, im Zuge dieses Jubiläumsprojektes, zum Roman Malina?
Jetzt ist für mich natürlich total interessant, wo ich stehe, wenn ich es lese. Was hat sich bei mir getan? Wie lese ich Dinge jetzt anders?
Man kann den Roman ja sicherlich fünf, sechs Mal in seinem Leben lesen in unterschiedlichen Altersstufen und man wird immer wieder auf andere Dinge draufkommen, die einen ansprechen.
Jetzt beim Lesen war ich wahnsinnig erleichtert, dass ich so einen Kampf nicht austragen muss.
Und dass sich natürlich gesellschaftlich extrem viel getan hat, noch nicht genug (lacht), aber es hat sich viel getan seitdem und ich total froh sein kann, alles zu leben was ich möchte, Teile in mir leben zu können, die ich möchte. Gut, da gibt es natürlich noch die ganzen Abgründe (lacht).
Ich konnte den Roman jetzt einfach anders lesen, ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll, oh Gott, ja, ich bin froh, dass das hinter mir liegt (..hoffentlich).
Dass ich, glaube ich, relativ gesund, emotional gesehen, lebe – was ich auch brauche in dem Job, den ich mache. Das war jetzt, was mich beim Lesen bewegte, faszinierte oder erleichtert hat.
Und dass ich die Sprache noch einmal ganz neu wahrgenommen habe. Die einfach krass ist. Zwei Seiten alleine sind so brrrrr. Das ist eigentlich wie ein Trip das Buch. Da klingt auch wieder Intensives, Schönes, Tolles an.
Wie nimmst Du die Intensität eines Textes wie Malina auf? Wie gehst Du da vor?
Ich lese meistens so wie ich sprechen würde, deswegen brauche ich auch länger für ein Buch (lacht). Ich merke beim Lesen wie sich mein Lesetempo innerlich verlangsamt oder beschleunigt.
Ich will reinleben, wenn ich etwas lese, deswegen brauche ich auch länger. Ich merke im Lesen, wenn, musikalisch gesehen ein Tempowechsel drin ist, es wird schneller oder es wird langsamer und ich muss dann etwa eine Pause machen, zurücklesen, oder nach vor gehen, weil ich mich frage, wo sind wir jetzt gelandet wie sind wir da hingekommen, wo waren wir gerade noch (lacht)? Es ist ein krasses Hin- und Herspringen.
Und dann lese ich reingepackt in diese vollen Tage so bald es halt geht. Im Bus war es schwierig zu lesen, in der U-Bahn leichter, weil es geradeaus geht (lacht). Ich merke dann auch wie die Welt draußen im Lesen richtig ruhig wird, ich brauche da keine Kopfhörer mit Musik drin sondern es passiert so ein Raum. Da muss ich zwischendurch gucken, wo ich bin, dass ich nicht bis zur Endstation fahre (lacht).
Liest Du auch laut zuhause?
Laut lese ich ehrlich gesagt nur, wenn ich mich mit Rollen beschäftige. Was ich in meiner Freizeit lese, lese ich eigentlich nie laut. Gedichte vielleicht manchmal, um sie klingend zu hören. Aber ich finde es eher komisch, laut zu lesen. Aber ich lese gerne vor (lacht).
Ich danke vielmals für die Vorbereitung zu diesem Interview/Fotoshooting in Text und Style, es ist sehr beeindruckend wie Du die Zeit des Romans und Ingeborg Bachmann gleichsam hier in den Raum mitbringst und diesem zur Bühne des Romans machst, verwandelst! Wie gehst Du in Deinem Beruf als Schauspielerin an Rollen heran? Welche Bedeutung kommt dabei der Mode zu?
Früher habe ich die Theaterstücke gelesen und da kam sofort in meinem Kopf – ja, da muss ich so was tragen, da brauche ich? – ich bin da von Außen rangegangen, ganz stark über Kostüme und die haben mir extrem geholfen.
Und natürlich die Schuhe als Extremstes, weil sie den Körper komplett verändern.
Auch privat ist mir Mode sehr wichtig. Ich habe aber keinen Stil, es ist bei mir ganz breit gefächert und trage das, worauf ich Lust habe und es muss einfach passen und manchmal brauche ich dann länger, weil ich merke, es fühlt sich nicht richtig an (lacht). Und dann muss ich auch mal mit Jogginghose raus (lacht).
Und bei Ingeborg Bachmann habe ich mir natürlich nochmal die Fotos im Internet angesehen, klar weiß man wie sie ausgesehen hat und man kennt die Zeit. Und ich dachte perfekt, das habe ich alles Zuhause und würde ich auch selber tragen.
Kleidung auszuwählen fällt mir meistens leicht, aber es kann auch schon mal eine Krise sein, wenn ich etwa zu einer Gala eingeladen bin, das stresst mich auch (lacht).
Mittlerweile gehe ich zum Kostüm über den Text ran, da wird alles Wichtige beschrieben, wie spricht diese Figur und daraus ergibt sich später das Kostüm was es dann hebt, richtig macht. Das hat sich etwas geändert, das von Draußen raufpacken brauche ich jetzt nicht mehr so.
Und ich bin immer so gespannt, was die Kostümbildnerinnen sich überlegt haben. Ich liebe es in unterschiedlichen Rollen den Style, die Zeit zu leben. Ich liebe Epochen in der Geschichte und könnte mich da richtig reinfallen lassen, würde dann am Liebsten in so einer Wohnung der 50er/60er, wie auch immer, leben wollen (lacht).
Das liebe ich, Architektur, Möbel, Mode
War die Beschäftigung mit Malina in der Schulzeit auch für Dein weiteres Interesse an Mode, Architektur in den Zeiten ein Impuls?
Mein Modestil, der ja keiner ist (lacht), hat sich, glaube ich, erst später geformt. In der Schulzeit waren ja die Modemarken total wichtig, da hatte man ja gar keine Chance einen eigenen Stil zu finden. Ich glaube, dies hat sich jetzt etwas geändert. Wenn ich mir jetzt die Schülerinnen angucke, die sind da viel freier.
Damals war Mode für mich – ich habe sehr gerne schöne Sachen getragen – eher danach orientiert, was sollte ich anziehen als worauf habe ich jetzt Lust oder was trage ich jetzt gerne, habe ich Bock auf einen Rock oder eine zerrissene Jeans.
Für mich war der Umzug von Deutschland nach Österreich total prägend. Meine Eltern sind Musiker und ich bin in Berlin groß geworden. Und da war alles total international, es war vollkommen wurscht ob du eine Frau oder ein Mann bist, in Berlin sowieso, da habe ich nie darüber nachgedacht.
Und dann bin ich in dieses schöne Dorf gekommen und da wirst du dann mit Dingen konfrontiert. Und dann auch als Deutsche, das war schwierig.
Dieses Frauen-Stärken, sich nicht zum Opfer machen lassen, das war früh da. Mein Gerechtigkeitssinn war immer schon stark… was ich mich mit Jungs geprügelt habe… (lacht).
Später dann, dass man für Solidarität, Akzeptanz und Toleranz steht. Dieses „es ist doch wurscht was ich bin und wenn ich ein Alien bin“ (lacht). Das war total früh da und deswegen war wohl auch das Thema Frauen in der Literatur schon in der Schulzeit interessant.
Wie ist es für Dich als Schauspielerin, wenn Du Mode und Kostüm der Zeit in einer Rolle auf- und annimmst?
Mode ist für mich, wie gesagt, total wichtig. Nicht was gerade in Mode ist sondern Mode an sich, Kleidung, Stoffe.
Es macht ja so viel aus, was Du auf Deiner Haut trägst. Ob Du etwa Seide oder so ein Kunststoffding trägst, das bewirkt ja etwas mit dem Körper und du kannst das sehr gut nützen für eine Rolle.
Wenn es kratzt und piekst, kann es auf der Bühne in der Rolle phantastisch sein (lacht), oder auch ein Korsett. Du fühlst dich dann einfach anders und wenn du dich in der Mode zeitnah fühlst und dir dann auch noch Haltungen der Zeit ansiehst, die Musik anhörst, das macht etwas. Alles fügt sich so und ist hebend.
Neben dem Text finde ich persönlich den Style am Wichtigsten (lacht). Nein, natürlich die Kolleg*innen, die Regie, Bühne. Aber für mich persönlich ist der Text und dann was sie trägt am Interessantesten, weil es mich auch fasziniert.
Du hast Dich mit den Modestil Ingeborg Bachmanns für dieses Projekt beschäftigt, hast Dir Fotos angesehen. Wie würdest Du ihren Modestil beschreiben?
Ingeborg Bachmann hat in der Mode einerseits etwas total Unprätentiöses, ich denke da an ein Foto, wo sie ein Kleid trägt und ich dachte da, nee, das passt jetzt aber gar nicht. Es ist aber logisch, sie ist ja nicht immer am Präsentierteller und kann ja tragen was sie will (lacht).
Ingeborg Bachmann ist ja eine, Stilikone ist jetzt nicht das richtige Wort, eine wesentliche Figur für uns – diese Frau, die so intensiv geschrieben hat und so einen dramatischen Tod hatte.
Was ich auch interessant fand, waren die Frisuren und dieses Ungeschminkte. Eben auf der einen Seite unprätentiös und auf der anderen Seite dieser lässige, schöne, coole Style.
Man müsste da jetzt einen Fotoband ansehen, um Näheres zu sagen aber sie hat schon diese beiden Seiten, das passt auch zu Malina finde ich. Ich finde es auch total gut, dass sie einerseits dieses Weibliche wie auch Männliche trägt.
Manches wirkt dann modisch fast etwas bieder bei Bachmann. Ja, ich müsste da mehr darüber wissen, möchte aber an dieser Frau jetzt sowieso etwas dranbleiben.
Mein Vater, der leider schon verstorben ist, hat Ingeborg Bachmann persönlich kennengelernt, weil er mit Paul Celan bekannt war. Ich hätte ihn da jetzt gerne noch einiges gefragt dazu. Vielleicht habe ich meinen Vater auch bei der Matura danach gefragt, ich weiß es nicht.
Ich würde meinen Vater jetzt gerne fragen wie sie so gewirkt hat im Raum, das Gefühl, was seine Wahrnehmung von ihr war.
Von Marilyn Monroe gibt es so viele Fotos, da hat man es natürlich leicht, aber von Ingeborg Bachmann gibt es nur ein paar, so weit ich weiß.
Dein Vater war mit Paul Celan und Ingeborg Bachmann bekannt?
Ich weiß, dass mein Vater mit Paul Celan bekannt war und das Paul Celan irgendwann mit Ingeborg Bachmann zu einem Treffen kam, mehr weiß ich, wie gesagt leider nicht Mein Vater war Oboist in Berlin.
Der Roman Malina hat ja eine dreiteilige Kapitelstruktur. Wie siehst Du diesen Aufbau und die Aussagen darin?
Ich sehe es etwas wie eine Fahrt in die Hölle (lacht), diese Albträume etwa.
Wie so eine Zerfleischung sehe ich es, wie einen Kampf in Aufbäumen und Auflösen.
Ich empfinde es wie gesagt wie einen Trip, den man auch mit ein bisschen Sinn für Wahnsinn nachvollziehen kann (lacht), die Stufen, die da passieren.
Die Begegnung, Beziehung mit Ivan stehen am Anfang der Romankapitelfolge und sind betitelt „Glücklich mit Ivan“. Welche Zugänge gibt es da für Dich?
Von Anfang an fühlt es sich ja nicht gleich an zwischen den beiden und tatsächlich kann ich kein „Glücklich mit Ivan“ sehen. Ich finde da nichts glücklich daran. Ich habe nicht das Gefühl, dass es auf Beiderseitigkeit beruht – dieses „Gar nicht voneinander lassen können“ – das empfinde ich da nicht so.
Die Bezeichnung Glück ist im ersten Kapitel schon sehr interessant. Es ist eher ein Wahnhaftes „Ich bin glücklich“ von dem/der Ich-Erzählerin.
Mich hat das ein wenig erinnert an eine Freundin von mir, die vor kurzer Zeit über einen Mann erzählt hat, wo ich dachte „…oje“ und dieses „oje“ ist da beim Lesen wieder passiert (lacht). Es ist diese ungesunde Abhängigkeit, die einem so weh tut und die man natürlich von sich kennt.
Deswegen finde ich das erste Kapitel, man muss da ja erst mal reinfinden in das Ganze und man muss sie etwas verstehen, nicht als „Glücklich mit Ivan“. Es ist eine Verliebtheit bei ihr aber kein Glücklich-Sein.
Wie würdest Du dieses Ivan-Kapitel betiteln?
Wo ist Ivan? (lacht). Irgendwas mit einer Wartehaltung, um dieses „Ich bin nur bei Dir“ auszudrücken. Oder einfach nur „Ivan“.
Wir blicken hier vom Fenster auf den Romanschauplatz in der Ungargasse und unweit davon liegen auch die zentralen Wohnorte Ingeborg Bachmanns in Wien. Wie wichtig sind Orte für Dich?
Orte sind extrem wichtig. Sie prägen ja unsere Erinnerungen von Kindheit an. Die Gerüche, den Klang, das Licht, die ein Ort hat, dies ist ja alles so eingeprägt.
Wie etwa bei einem Lied, wenn Du genau weißt, da, mit dem Menschen, der Ort, der Geruch. Orte sind ja der Platz, wo Begegnungen stattfinden, die unser Leben ausmachen.
Ich liebe es, neue Orte kennenzulernen.
Für den Film finde ich Orte viel wichtiger als für das Theater. Im Theater ist es ja fast deprimierend an Orte zu denken (lacht), denn da stehst du ja auf der Bühne und hast ein Bühnenbild. Der Ort muss da im Kopf stattfinden. Im Film kannst Du den Ort ja einfangen.
In der Literatur ist das dann nochmal ganz anders, da findet es ja nur im Kopf statt.
Ich finde es sehr spannend im Lesen einen Ort zu kreieren, weil es nur dein Bild, dein Ort ist. Da ist ein Weg, ein Hügel, das wird zu deinem Ort, der immer da ist. Wenn Du an das Buch denkst, siehst du das und das finde ich so toll.
Die Liebe im Roman Malina und die Liebe heute. Hat sich da etwas verändert?
(Kopfschütteln) Nein, ich glaube, die Liebe kann sich gar nicht verändern (lacht), die ist was sie ist.
Die Liebe kann sich in uns entwickeln, aber allgemein ist die Liebe die Liebe. Deswegen entwickeln wir Menschen uns ja auch nicht unbedingt weiter (lacht).
Das wir da stehen, wo wir schon immer standen, eigentlich, bei Besitzdenken, Neid.
Man kann jetzt Liebe nicht lernen, aber was bedingungslose Liebe betrifft, das kann man lernen. Oder konnte ich vielleicht lernen. Dass ich sage, das ist der Mensch und wenn es bedeutet, dass er glücklich ist und mein Weg mit diesem Menschen nicht weitergeht, ist es doch schön, auch wenn ich dann leide, leiden muss. Dies betrifft jetzt auch Freundschaften. Solche Dinge kann man, glaube ich schon lernen. Aber sonst verändert sich die Liebe nicht.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Dieses Verschwinden am Ende ist wie ein Luftzug, der sich noch einmal leicht hebt und dann stürzt.
Das Schlimme ist dieses Aufgeben der Ich-Erzählerin, dieses „Sich nicht einmal dagegen wehren“. Dieses „mit sich machen lassen“ oder „mit sich selbst machen“, dieses Selbstzerstörerische. Das ist sehr traurig eigentlich, sehr, sehr traurig.
Man kommt natürlich nicht umhin den Tod Ingeborg Bachmanns auch immer mit dem Romanende zu sehen.
Dieser Roman ist wahnsinnig mutig. Es ist ein extrem mutiges Werk sich mit all diesen Fehlbarkeiten, dem Nicht-Können, Nicht-Zutrauen, mit all diesen Seiten so auseinanderzusetzen, in so einer Ehrlichkeit, das ist so bewundernswert.
Malina war ein Teil Deiner schulischen Matura, der Reifeprüfung. Ist der Roman auch heute für die Leserin/den Leser eine Art persönliche Reifeprüfung in Liebe, Selbstbild, Selbstbegegnung?
Ja, ich glaube, dass sich jeder darin erkennen kann. Das jeder Anteile davon in sich hat, Opfer, Täter.
Klar, fünfzig Jahre später, Emanzipation, endlich gendern, aber im Roman geht es nochmal unabhängig davon um den Teil in Dir, für den du dich entscheidest oder ob du alle Teile leben lassen kannst. Deswegen ist es wie ein Lebensroman, den man in mehreren Lebensphasen lesen kann.
Für mich persönlich ist es sehr interessant, den Roman mit achtzehn Jahren gelesen zu haben und jetzt wieder und dazwischen gar nicht. Aber dazwischen alles Mögliche durchgemacht zu haben was da auch so drin ist im Roman (lacht).
Und dann bin ich gespannt, wenn ich den Roman nochmal lese, mit sechzig oder so (lacht).
Der Aufschrei, steh doch für Dich ein, endlich, sei doch stark, liebe diese Anteile in dir, hör doch auf so abhängig so sein, das ist natürlich stärker jetzt. Und ich glaube, das ist bei vielen stärker.
Wie siehst Du die Persönlichkeitsanteile, die in der Liebe ans Licht kommen?
Total spannend (lacht).
Ich finde es schön, so viele Persönlichkeitsanteile zu haben und manchmal muss man halt zurückstecken, nicht als Schwäche, es darf da sein, aber es würde jetzt etwas zerstören.
Man kann sich natürlich in manche Dinge ganz schön reinschmeißen, Eifersucht etwa.
Man sollte im besten Falle allen Persönlichkeitsanteilen in der Liebe Raum geben. Alle emotionalen Teile dürfen da sein, dann ist es gesund.
Wenn du etwas unterdrückst und wegdrückst, ist das meiner Meinung nach nicht gesund auf Dauer.
Alles muss die Möglichkeit haben, da zu sein und dann muss es eine Balance kriegen. Wenn`s klappt (lacht). Man macht es ja jeden Tag irgendwie durch (lacht).
Malina ist auch wesentlich ein Wien Roman. Was bedeutet Dir Wien?
(lächelt) Wien ist ein Zuhause geworden und war für mich wahnsinnig wichtig. Ich habe von 2003-2005 an der Uni Wien studiert, bevor ich dann Schauspiel in Salzburg studiert habe. 2014 bin ich dann wieder hierhergezogen. Hier leben ganz viele liebe Menschen von mir und die Stadt ist natürlich extrem lebenswert und ja weltweit im Ranking ganz oben (lacht).
Ich finde aber man sollte zwischendurch immer wieder mal weg, um sich neue Impulse zu holen.
Wien bietet alles was man so braucht, Weinberge (lacht), Donau, wunderschöne Architektur, da ist viel Liebe zur Stadt.
Du bist in Berlin aufgewachsen. Wo liegen für Dich Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Städte Berlin und Wien?
Die gehören fast ein bisschen zusammen, finde ich (lacht).
Auch wenn Berlin natürlich eine ganz andere Geschichte hat, das kann man dann wieder so gar nicht vergleichen. Aber alleine durch die Kunstszene sind die Städte sehr verbunden.
Wien und Berlin zu kombinieren ist ziemlich beflügelnd. Wobei ich Wien ein bisschen unbunter empfinde als Berlin. Aber das liegt an Berlin (lacht).
Ist die Mentalität der Menschen beider Städte ähnlich?
Nein. Man sagt immer die Berliner sind so – Berliner Schnauze – und ich finde sie aber sehr herzlich und humorvoll eigentlich. In Berlin kriegst du an der Kasse einen Spruch und dann lachst du gemeinsam.
Der Wiener Humor, Schmäh, ist da etwas Besonderes. Den muss man kennenlernen, dann mag man ihn auch, ich kann darüber lachen, und er klingt ja auch im Roman an und durch.
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Constanze Sophie, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Meistens unspektakulär: Um neun sitze ich mit Kaffee am Schreibtisch. Mittag gib es zwischen 12h und 14h. Nachmittags gehe ich eine Stunde spazieren. Manchmal denke ich, ich könnte auch Tagespläne für Altenheime schreiben.
Nora Bossong, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Nerven zu bewahren.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur hilft uns, Perspektiven zu wechseln, und das brauchen wir gerade dringend. Durch die Pandemie haben sich viele in ihre eigene Misere zurückgezogen, um irgendwie durchzukommen. Dadurch ging aber oft auch der Blick dafür verloren, dass es anderen schlecht, vielleicht sogar noch schlechter ging. Jede Gruppe kämpfte für sich. Das Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit zu bewahren, ohne dieses in ein gesellschaftliches Gegeneinander umschlagen zu lassen, wäre ein Ziel.
Was liest Du derzeit?
Gerade lese ich Habermas „Die neue Unübersichtlichkeit“ und lerne, dass auch die 80er schon mies waren. Retrospektiv wissen wir immerhin, dass der Atomschlag damals doch ausblieb. Wüssten wir ähnlich Erleichterndes über die Klimakrise, wäre uns wohl leichter ums Herz. Vielleicht fielen wir dann aber auch in Passivität zurück.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Als es noch darum ging, die Freiheit zu erringen, wusste man sehr gut, wen man zu fürchten hatte und was man dagegen tun konnte. Nun ist die Freiheit errungen, und es gilt, in ihr zu bestehen. Das ist eine ebenso großartige wie harte Aufgabe.“ Richard von Weizsäcker in seiner Weihnachtsansprache 1990.
Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Nora Bossong, Schriftstellerin
Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, studierte in Berlin, Leipzig und Rom. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin, veröffentlicht Romane, Essays und Gedichte und meldet sich regelmäßig zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen zu Wort. 2019 gelangte ihr Roman Schutzzone auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Bossong wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Thomas-Mann-Preis (2020) und dem Joseph-Breitbach-Preis (2020). Sie ist Mitglied im ZdK und Kolumnistin des Philosophie-Magazins.
am 24. Februar 2022 erscheint bei Ullstein das Buch „Die Geschmeidigen – Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“ von Nora Bossong.
(Info _Ullstein Verlag)
Foto_Heike Steinweg.
2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Susanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Derzeit sehr gemixt. Einerseits sitze ich viel vor dem Computer und erledige Nacharbeiten, Subventionsabrechnungen oder schreibe Projektberichte für unser Festival theaterzeit//Freistadt. Gleichzeitig sind wir bereits am Planen für zukünftige Projekte, das betrifft einerseits die nächste Festivalausgabe 2023, aber auch u.a. ein größeres Filmprojekt. Parallel versuche ich mich in meinem neuen Autorendasein zurechtzufinden und mir einen groben Überblick zu verschaffen, was ich nun damit tun könnte, sollte oder müsste.
Wenn es sich irgendwie zeitlich ausgeht (viel zu oft bleib ich an meiner ToDo-List hängen) treffe ich mich mit Freund*innen. Und dann gibts viel Theater, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen in meinem Terminkalender. Momentan versuche ich noch, so viel wie möglich rauszukommen und Sonne zu tanken, bevor die Wolkendecke Wien bis zum Frühling wieder mit einem Earl Grey-Schleier zudeckt.
Susanna Bihari_Schauspielerin, Festivaldirektorin, Autorin und Sprecherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Impfen. Bitte! Ist es wirklich so schwierig zu verstehen, warum das jetzt mehr als sinnvoll wäre? Das geht mir nicht in den Kopf. Wir kommen nur gemeinsam aus dieser Situation raus und je früher, desto kollektiv unbeschadeter, lebendiger und verlustfreier.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die zugespitzte politische Wackelsituation in Österreich kombiniert mit eineinhalb Jahren Pandemie rüttelt ordentlich an unser aller Nerven. Man muss davon ausgehen, dass die nächsten Jahre keine leichten sein werden. Der große Aufschrei der Kulturszene im vergangenen Jahr ist inzwischen ziemlich verebbt, weil für alle möglichen Bereiche eine zeitlang teilweise großzügig Gelder ausgeschüttet wurden. Dieses Budget wird aber natürlich zukünftig eingespart werden müssen bzw. fehlt es jetzt teilweise schon stark, da viel weniger Menschen das kulturelle Angebot nutzen und die Besucherzahlen oft trotz der Öffnungen ausgedünnt sind.
Das kollektive Mitfühlen, das in den ersten Zügen der Pandemie den Künstler*innen entgegengebracht wurde, ist im Laufe des Kampfes jede/r/s Einzelnen, die zunehmend nervenfordernde Pandemie halbwegs zu überleben, genauso verpufft wie die Anerkennung und der Applaus für das Krankenhauspersonal.
Bei einem Neubeginn nach dieser Krise ist sicher wichtig, die auseinander gedrifteten gesellschaftlichen Gruppen wieder zusammenzubringen, hier Kommunikation zu pushen. Schön wäre (!) eventuell auch eine Politik, in der es nicht um Machtkämpfe, sondern um konsensorientierte, produktive und professionelle gemeinsame Arbeit geht.
Die Rolle der Kunst darf man als verbindendes gesellschaftliches Element niemals unterschätzen. Sozialkritische Themen oder Probleme werden durch das künstlerische Sprachrohr von Musik, Literatur, Theater oder Malerei so vermittelt, dass wir Informationen nicht nur über unser Denken, sondern durch unsere Sinne, unsere Emotionen wahrnehmen. Es entsteht eine tiefgründigere Reflexion von Inhalten, als es z.B. im bloßen Gespräch möglich ist. Kunst hat Kraft, das dürfen wir niemals vergessen.
Was liest Du derzeit?
Wolf unter Wölfen / Hans Fallada
Fremdes Licht / Michael Stavaric
Der Geschichtenerzähler / Patricia Highsmith
Der lange Abschied / Raymond Chandler
Über den Schmerz / C.S. Lewis
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn entdeckt, hat Kultur. Für solche besteht noch Hoffnung.
Oscar Wilde
Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunst-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanna Bihari_Schauspielerin, Festivaldirektorin, Autorin und Sprecherin
Foto_Johannes Siglär
4.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage folgen der Monotonie immer gleicher Abläufe. An ein ausgiebiges Frühstück als Eingangsvoraussetzung für einen gelingenden/geglückten Tag (Peter Handke) reihen sich Routinearbeiten, die ich rasch erledige, um mich dem Lesen von Zeitungen/Büchern und dem Verfassen von Texten/Textfragmenten zu widmen.
Ich kann und möchte nicht für alle sprechen. Ich kann hier nur meine persönlichen Auffassungen darlegen. Wichtig erscheint mir, sich auf Wesentliches zu fokussieren und ab und an Prioritäten neu zu setzen. Komplexitätsreduktion, so wie es Niklas Luhmann formulierte.
Momentan konzentriere ich mich auf die zu lesenden Rezensionsexemplare und die zeitgerechte Abgabe der dazugehörigen Besprechungen. Das erfordert ein gewisses Maß an Struktur und Disziplin. Das im Kalender mit Signalgelb markierte Abgabedatum leuchtet jeden Tag auf, erzeugt Spannung.
Zeit, um mich von Negativmeldungen ablenken zu lassen, bleibt daher wenig. Ein gesundes Vertrauen in das Ende aller Katastrophen, so auch der Pandemie, mindert den persönlichen Stresslevel wesentlich und trägt dazu bei, den (stoischen) Tagesablauf konsequent durchzuziehen sowie eigens gesteckte Ziele zu erreichen, was am Ende des Tages für einen ruhigen Schlaf sorgt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Gesellschaften unterliegen permanenten Veränderungen. Die „Baustellen“ des Neoliberalismus und Kapitalismus wachsen ununterbrochen. Die Pandemie hat die soziale Spaltung innerhalb gesellschaftlicher Ungleichheiten zunehmend verstärkt. Wichtig erscheint mir, solidarisch zu handeln und einen achtsamen Umgang mit Menschen und der Natur zu pflegen. Politisch gilt es, künftig die richtigen Weichen zu stellen, insbesondere den Ausstieg aus der Atomenergie zu forcieren. Das Theaterstück „Tschernobyl“ (Werk X), welches im Oktober 2021 im Odeon gezeigt wurde, erinnerte an die Atomreaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl. Die Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar, die Schäden irreparabel. Diskussionen über die Weiternutzung von Atomkraftwerken, wie ich unlängst in einem Artikel las: „Kann Atomenergie eine grüne Alternative sein?“ (Wiener Zeitung, 6./7.11.2021), erzeugen Unverständnis (und Proteste!).
Literatur und Kunst haben die Aufgabe, politische Missstände auf´s Tapet zu bringen, zu benennen, anzuprangern. Sie ermöglichen, Welten und Utopien zu imaginieren, in denen ein solidarisches Miteinander selbstverständlich ist, Konkurrenzdenken aus der Mode gerät und ein gleichberechtigter, wohlwollender Umgang miteinander gelebt wird.
Die Zunahme von Gewalt, insbesondere gegen Frauen, empfinde ich als besorgniserregend. Einen wichtigen Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung und im Aufbrechen tradierter Rollenbilder leistet hier durchaus Kinder- und Jugendliteratur. „Was Sara verbirgt“ von Kathrine Nedrejord, Urachhaus, 2021, steht beispielgebend dafür, wie Tabuthemen wie Vergewaltigungen literarisch bearbeitet werden können, um Diskussionen im gesellschaftlichen bzw. schulischen Kontext anzustoßen.
Was liest Du derzeit?
Täglich lese ich in Gesichtern der Menschen und versuche, ein Stimmungsbild unserer Gegenwart einzufangen. Gesichter als Seismographen gesellschaftlicher Zustände. Besorgte, verärgerte, ängstliche Menschen. Dazwischen Lichtblitze.
Terézia Mora spiegelt in „Fleckenverlauf“ (2021) ebenfalls ein Stimmungsbild. Sie erzählt darin vom Mangel an Zeit in der Mitte des Lebens, vom Umgang mit Freunden, der anfänglichen Bearbeitung von „Oberflächen“ in Gesprächen, um anschließend in die Tiefe gehen zu können. Dazu kommt es meistens nicht, da jede/r weiterzieht, mit sich selbst beschäftigt ist. Am Ende bleibt der schale Nachgeschmack von Einsamkeit.
Parallele Lektüre: „Stephen Hawking. Eine Biographie“ (2021), von Charles Seife, eine Art Rückkoppelung zu Raoul Eiseles wunderbarem Lyrikband „Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“ (2021). Weitere Bücher sind zum Beispiel „Zwischen Schaumstoff“ von Didi Drobna (2014) und „Der Präsident“ von Clemens Berger (2020). Literarische Kostbarkeiten, die ich 2022 im Lesekreis des BÖS (Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog*innen) mit Teilnehmenden besprechen werde.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Michel Foucault verweist in „Zur Genealogie der Ethik“ auf die Rolle der Kunst:
„Daß Kunst etwas Gesondertes ist, das von Experten, nämlich Künstlern gemacht wird. Aber könnte nicht das Leben eines jeden ein Kunstwerk werden? Warum sollte die Lampe oder das Haus ein Kunstgegenstand sein, nicht aber unser Leben?“ (Michel Foucault: „Zur Genealogie der Ethik“ in: Hubert Dreyfus/ Paul Rabinow: Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. 1982/ Zitat Ausgabe 1987).
Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Journalismusprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Cornelia Stahl verantwortet als Radiojournalistin die Sendung Literaturfenster Österreich beim Freien Radio Orange, Wien. Seit 2014 schreibt sie Rezensionen für bn-Bibliotheksnachrichten Salzburg, Die Alternative, AUGUSTIN und etcetera der LitGes, Literarische Gesellschaft St.Pölten. Zudem organisiert sie dort seit 2015 als Juryvorsitzende den Jugendliteraturwettbewerb LitArena. Letzte Veröffentlichung: Jahrbuch Lyrik, Edition Art Science, St.Wolfgang, 2021.
Foto_privat.
18.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.