„Ängste verschließen die Menschen“ Judith Thaler, Schauspielerin _ Vienna Calling_Interview _Wien 15.12.2021

Herzlich willkommen, liebe Judith Thaler, hier im Cafè Prückel in Wien!

Judith Thaler _ Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin.

Welche Bedeutung hat das Wiener Cafè für Dich als Künstlerin?

Das Wiener Cafè war und ist immer auch ein Ort der Kunst. Viele Werke, Ideen der Literatur, des Theaters, der Musik, der vielen Formen von Kunst sind hier entstanden.

Das Cafè ist ein Ort der Begegnung, des Zusammenkommens. Dies trifft besonders für die Kunst zu.

Hier im Cafè Prückel befindet sich ja auch ein Theater im Untergeschoß. Ebenso im Cafè Landtmann und weiteren Cafès.

Das Cafè hier ist auch wie eine Zeitreise. Das ist Wiener Vintage im Original (lacht) und ist auch eine wesentliche Form von Kunst.

Die Innenarchitektur der Wiener Cafès ist etwas ganz Besonderes.

Das Wiener Cafè gibt es nur in Wien.

Du hast jetzt eine Clementine in das derzeit (Lockdown, Anm.) leere Cafè mitgebracht. Ist das Cafè für Dich auch ein Vitamin für Kunst und Leben?

Ja, das ist es, wie auch die Theater, Museen, die Architektur und vor allem die Menschen der Stadt, das ist immer Inspiration.

Vitamin ist natürlich auch die umgebende Natur der Stadt, der Wienerwald. Zumindest einmal die Woche gehe ich da spazieren und tanke innerlich richtig auf. Ich komme da zur Ruhe.

Ein Stadtrhythmus muss für mich mit Natur verbunden sein.

Eine Stadt erfordert auch viel Kraft, nimmt auch. Die Natur gibt nur. Ich schätze diese Verbindung Von Stadtleben und Naturerleben in Wien sehr.

Was sind Deine derzeitigen künstlerischen Projekte?

Es war ein intensiver künstlerischer Sommer. Ich habe im Wiener Lustspielhaus Theater gespielt und war dabei auch in der Regieassistenz tätig.

Das war ein sehr spannender intensiver Prozess für mich. Täglich zu spielen, in jeder wechselnden persönlichen Tagesverfassung auf die Bühne zu gehen, war eine neue Herausforderung.

Theater ist kein Komfortzustand und es ist wichtig sich den inneren Emotionen zu stellen, auch den Ängsten, die damit verbunden sind. Jede Überwindung bringt einem, mich, da weiter. Das lässt mich künstlerisch reifen und macht mich stärker. Das war jetzt vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt (lacht).

Derzeit drehe ich eine Dokumentation zum Thema Rituale. Dabei stehen vor allem die Rituale von Künstler*innen vor und nach Auftritten im Mittelpunkt.

In den Interviews zur Dokumentation merke ich, dass viele Rituale gar nicht bewusst sind. Erst in der Aufzählung dann kommt es zum Bewusstsein wie sehr Rituale ein Teil des künstlerischen Prozesses sind.

Ich habe Rituale gefilmt und Interviews geführt. Diese Dokumentation ist Teil meines Master Studiumabschlusses.

Auch arbeite ich hinter der Kamera und bin bei verschiedenen Drehs dabei.

Welche Rituale hat Judith Thaler vor einem Bühnenauftritt oder vor einem Fotoshooting?

(lacht) Eine Bühne, auch ein Fotoshooting, hat immer viel mit persönlicher Energie zu tun und da muss dieser Schalter in mir Klick-machen. Wenn es das tut, ist es ein Energierausch.

Bei Bühnenauftritten ist für mich das Anziehen des Kostüms so ein Ritual des Vorbereitens, Einstimmens.

Ebenso sind Stimmübungen für mich vor einem Auftritt wichtig.

Die Stimme ist ein ganz besonderer Raum und diesen zu betreten bei einem Bühnenauftritt, da nehme ich mir Raum und Zeit davor und dafür.

Gehört-Zu-Werden ist ganz wesentlich in der Kunst, gut gehört zu werden.

Was sind Deine derzeitigen musikalischen Projekte?

Es gibt derzeit ein paar Ideen ein Ensemble betreffend, aber das ist noch nicht spruchreif.

Seit acht Jahren singe ich in einem Chor. Wir arbeiten derzeit an der H-Moll Messe von J.S.Bach, die sehr anspruchsvoll ist.

Im November haben wir im Stephansdom das Mozart Requiem gesungen.

Bach und Mozart, das ist auch ein ganz besonders Einlassen auf Komposition wie Komponisten. Die Anforderungen für die Stimme sind ganz andere und es ist sehr schön da gleichsam eine musikalische Denkweise mit- und erleben zu dürfen.

Was nimmst Du von solch einem intensiven Chorauftritt mit?

Ich nehme da viel Energie mit. Wenn man sich da wirklich darauf einlässt auf diesen Prozess der Musik, diesen Flow Zustand, dann ist es ganz besonders und schwer zu beschreiben.

Liest Du gerne?

Ja, ich lese sehr gerne. Aktuell lese ich mit Schwerpunkt Psychologie, etwa Werke von Erich Fromm. Paul Watzlawick schätze ich auch sehr. Von Verena Kast lese ich derzeit ein Buch über Angst. Ebenso lese ich die „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés.

Wenn Freunde Geburtstag haben (lacht), schenke ich derzeit gerne psychologische Bücher, etwa E.Fromm „Die Kunst zu lieben“, „Haben oder Sein“ oder eben „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés. Das ist ja auch sehr aktuell alles.

Wie gehst Du persönlich mit Kommunikation um?

Bei mir ist die Kommunikation fest im Körper verankert (lacht). Ein Freund sagte neulich zu mir als ich erzählte und mich bewegte „Du erzählst immer ganz mit Dir“ (lacht). Ja (lacht).

Ich habe auch impulsive Seiten und bin da sehr direkt.

Ich kommuniziere auch gerne mit Fotos und verschicke diese dann – „Wo bist Du gerade? Oder wie geht es Dir gerade?“

Man kommuniziert ja mit viel mehr als nur der verbalen Sprache. Für mich ist körperliche Präsenz und Bildsprache im Ausdruck sehr wichtig.

Wie siehst Du die Wege und Ängste in der Kommunikation heute in Liebe und Leben?

Liebe ist immer Kommunikation, mit und ohne Worte. Es gibt da kein Nicht-Kommunizieren.

Liebe ist immer ein Risiko.

In der Liebe, in Beziehungen ist bewusste Kommunikation ganz wichtig.

Sich zu öffnen in der Liebe, diesem Risiko, auch Ängsten gegenüber, ist wesentlich. Sonst gibt es keinen Gewinn nur Verlust.

Der Gewinn in der Liebe ist Nähe, ist das Verstandenwerden.

Es gibt kein vollständiges Verstehen in der Liebe. Aber Menschen können sich annähern in der Liebe. Das ist sehr viel und es ist sehr wertvoll.

Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, zuzuhören, das ist das Geschenk der Liebe.

Wir nähern uns in der Liebe mit Neugierde. Uns selbst und einander.

Die meisten unserer Ängste in der Liebe sind unbewusst.

Ich versuche mich aus der unbewussten Unmündigkeit im Weg der Nähe zu befreien, in dem ich versuche hinzusehen – „ah, da ist eine Angst oder da habe reagiert, weil ich getriggert wurde“.

Ängste verschließen den Menschen. Und das Leben ist zu schön, um sich zu verschließen. Und das Leben ist zu kurz dafür (lacht).

Ängste bewusst zu machen, ist der Weg der Weiterentwicklung und Stärke zu gewinnen.

Liebe ist das schönste Risiko.

Liebe ist der schönste Gewinn, um ein Risiko einzugehen.

Wie gehst Du mit dem Risiko in der Liebe um?

Für mich ist die Liebe, eine Beziehung, eine bewusste Entscheidung.  Das ist Voraussetzung, um mich zu öffnen und geben zu können. Das Damokles Schwert des Scheiterns ist immer dabei.

Es gibt keine Garantie in der Liebe. Das wäre anmaßend.

Es ist erlaubt sich zu entlieben. Wenn man sich committet hat, kann es trotzdem ein Loslösen geben.

Stagnation ist ein innerer Tod.

Der Titel dieser Wiener Interviewreihe „Vienna Calling“ nimmt auf die Musikepoche der 1980er Jahre Bezug. Gibt es Musikepochen moderner Musik, die Dich inspirieren?

Ich höre da gerne in und zwischen den Musikepochen hindurch. Eine bestimmte Vorliebe gibt es da nicht.

Mir ist allerdings bei vielen Popsongs schnell langweilig. Ich kann sie dann nicht mehr hören. Weil es so vorhersehbar ist (lacht).

Früher hörte ich etwa gerne Pink Floyd und ich mag auch klassische Musik sehr gerne.

Komponierst, textest bzw. schreibst Du auch selbst?

Ich habe lange Geige gespielt und auch E-Geige in einer Band.

Bisher habe ich noch nicht so viel getextet.

Im Moment schreibe ich nur meine Masterarbeit (lacht) und Tagebuch.

Du bist in Wien geboren und aufgewachsen. Was bedeutet Dir diese Stadt?

Wien ist für mich Heimat.

Es sind die Freunde, Orte, die Wien zum Zuhause machen.

Ich bin in Wien viel umgezogen. Auch Kärnten war und ist immer ein Bezugspunkt, das Haus der Großeltern.

Es ist urschön, wenn man ein soziales Netz hat ob in der Stadt oder auf dem Land.

Darf ich Dich zu spontanen Assoziationen zu „Vienna Calling“ bitten?

„Wien wartet“ (lacht).

Es ist eine Superstadt mit vielen Möglichkeiten.

Gibt es Lieblingsplätze von Dir in Wien?

Ich schätze die Weinberge um Wien und auch die Parkanlagen. Da gehe ich gerne spazieren. Und es gibt viele weitere Plätze, die ich gerne mag (lacht).

Ich bin sehr gerne in der Natur in Wien. Auch im grünen Innenhof meiner Wohnung.

Kunst begleitet Dich im wahrsten Sinne des Wortes auch bis in die Fingerspitzen. Du hast auch die Ringe an Deinen Fingern selbst hergestellt. Wie führte Dein Weg zur Kunst?

Ich habe eine Waldorfschule besucht. Da gab es besondere Unterrichtsfächer wie etwa Sternenkunde oder auch Praktisches wie Gartenarbeit. Auch das Klassenzimmer war immer nach den Jahreszeiten geschmückt. Daher kommt vielleicht auch mein Interesse an Ritualen? (lacht)

Ich habe in der Schulzeit eine Ästhetik erlebt, die auch etwa vom umgebenden Park geprägt war. Das hatte eine Schönheit und Wärme. Und Kunst kann das auch.

Dieser Weg der Schönheit in der Kunst im Entdecken, Erleben und Fortschreiten ist ganz besonders.

Der Kunstbereich ist auch deshalb mein Berufs- und Interessensfeld geworden, weil dieser meiner Neugierde Raum gibt.

Kunst ist ein großer Raum der Fantasie, der nicht beschränkt ist. Natürlich spielen Rahmenbedingungen, formale Voraussetzungen eine Rolle.

Vom Geistigen her gesehen, ist Kunst ein unendlicher Raum der Fantasie, aus dem man schöpfen kann.

Man hat in der Kunst nicht diese Grenzen unserer Gesellschaft. Und genau das interessiert mich. Darin steckt das Potential der Kunst.

Ich war nie eine Person, die sagte, dies will ich machen und nichts anderes. Ich habe viele Interessen und öffne diese so weit es möglich ist.

Die visuelle Kunst ist derzeit mein Schwerpunkt.

Du trägst mehrere Ringe. Gibt es da besondere Bezüge, über die Du sprechen möchtest?

Ich habe die beiden Silberringe in einer Goldschmiedewerkstatt hergestellt, habe mich intensiv damit beschäftigt.

Ein weiterer Ring ist von einem Roadtrip durch die USA. An einer Tankstelle im Nirgendwo verkaufte eine Frau Silberringe, die sie aus Löffelchen herstellte. Ich habe da zwei gekauft. Einen habe ich leider am Flughafen verloren.

Den einen Ring mag ich besonders, weil er nicht so perfekt gemacht hat aber so viel Schönheit hat.

Ich mag die unterschiedlichen Formen meiner Ringe, sie spiegeln meine Persönlichkeit (lacht).

Und ich fühle mich mit meinen Ringen immer gut angezogen (lacht).

Ein Schmuck stärkt auch.

Kunst, Stadt und Natur haben eine große Bedeutung für Dich. Haben da auch die Jahreszeiten eine besondere Akzentuierung, Schwerpunktsetzung?

Der Herbst und Winter sind Zeiten der inneren Einkehr und der Ruhe für mich. Auch der Reflexion, Analyse und der Regeneration.

Ich finde es auch schön, wenn es jetzt früher dunkel wird. Dieser besondere Rhythmus, das darf alles sein.

Der Winter hat einen ganz eigenen Geistesprozess, den ich sehr schätze.

Diese ruhigen Jahreszeiten sind auch ganz wesentlich für künstlerische Projektprozesse. Da ist viel stille Konfrontation und damit auch innere Produktivität.

Die Jahreszeiten spiegeln unser Leben in Emotion, Denken, Liebe und Stille.

Ein neues Jahr steht bevor. Welche Pläne, Ziele, Wünsche hast Du?

Beruflich ist es jetzt die Fertigstellung meines Films. Und ich bin neugierig auf neue Projekte.

Ich hoffe das Neue Jahr ermöglicht auch kontinuierliche Projektprozesse. Derzeit ist ja leider vieles immer on hold.

Es gibt im Leben schwierige Phasen, Krisen, doch dann kommt wieder der Frühling und damit neue Kraft und Stärke. Ich freue mich auf das Neue Jahr und neue Möglichkeiten und wünsche dies uns allen!

Judith Thaler _ Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin.

„Vienna Calling“ _ Porträt in Wort und Bild_

im Gespräch und Fotoporträt_

Judith Thaler _ Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _

Cafè Prückel_Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 11_21

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