„In der Pop-Musik der 1980er Jahre war alles Avantgarde“ Hristina Susak, Komponistin_Vienna Calling _ Wien 9.1.2022

Herzlich willkommen, liebe Hristina Susak, Komponistin, hier im Cafè Prückel, Wien!

Hristina Susak, Komponistin_Wien

Das Wiener Kaffeehaus und die Musik – welche Zusammenhänge gibt es da?

Schon in der Barockzeit gab es Kaffeehäuser, in denen man gemeinsam musiziert hat. Das ist eine sehr schöne Tradition bis heute. Ich persönlich habe dies aber noch nicht gemacht.

Wäre das für Dich interessant?

Früher vielleicht, da habe ich mehr Klavier und Geige gespielt, jetzt liegt meine Konzentration auf der Komposition.

Ist das Cafè für Dich künstlerischer Treffpunkt?

Es macht mir Freude, wenn ich mit meinen Kolleg*innen, Freund*innen ins Cafè gehen kann.

Leider war dies in letzter Zeit aufgrund der Lockdowns schwierig. Früher sind wir immer nach Klassenabenden, Klassenkonzerten ins Cafè, Restaurant gegangen. Da spricht man über Leben und Kunst. Oft mehr als im Unterricht.

Ist das Cafè auch eine künstlerische Inspiration für Dich?

Ja, in den Gesprächen gibt es immer viele Bezugspunkte, Perspektiven – klug, überraschend, inspirativ.

Diese Interviewreihe nimmt den 1980er Song „Vienna Calling“ des Wiener Musikers Falco im Titel auf. Welche Bezüge gibt es von Dir zur Pop-, Rockmusik?

Das sind für mich zwei verschiedene Sachen, Klassik und Popmusik, und die kann ich nicht so leicht verbinden.

Ich komponiere grundsätzlich in verschiedenen musikalischen Richtungen.

Auf meine klassische Musik gibt es jetzt keinen direkten Einfluss von Musikrichtungen.

Ich komponiere auch Popmusik, manchmal.

Ist die Musikepoche der 1980er Jahre für Dich interessant?

Es interessiert mich, ich kenne aber nicht so viel davon.

Meine Mutter kennt alles aus den 1980er Jahren (lacht). Ich habe da viel von ihr gelernt.

Eine meiner Lieblingssängerinnen aus den 1980er Jahren ist Kate Bush.

Was ich musikalisch an den 1980er Jahren besonders mag, ist, dass es da keinen bestimmten Stil gab. Alle Musiker*innen hatten ihren eigenen Stil.

In den 1980er Jahren war in der Pop-Musik alles Avantgarde.

Was fasziniert Dich an Kate Bush?

Diese musikalische Originalität.

Diese Stimme ist ganz ungewöhnlich. So etwas habe ich noch nie gehört.

Mein Lieblingslied von ihr ist „Wuthering Heights“.  Sie war da von dem Roman inspiriert, den ich auch mag und mehrmals gelesen habe.

Kate Bush ist auch sehr vielseitig. Sie komponiert auch, tanzt. Sie interessiert sich glaube ich auch für Mathematik.

Gibt es weitere Musik der 1980er Jahre, die Du gerne hörst?

Kate Bush ist eigentlich die einzige, die ich so in meiner Freizeit höre.

Queen, Duran Duran, Björk sind mir auch vertraut.

Was sind Deine aktuellen Projekte?

Im Jänner des Jahres steht der Abschluss meines Diplomes für Medienkomposition und angewandte Musik bevor.

Danach habe ich verschiedene Aufführungen. In Wien und Salzburg wird mein neues Stück für gemischtes Ensemble vom Phace-Ensemble aufgeführt. Das war ein Wettbewerb zu dem jeweils eine Studentin/ein Student von jeder Universität Österreichs ausgewählt wurde. Ich wurde da für meine uni in Wien ausgewählt.

Dann bin ich auch zu einem Orchesterprojekt in Valencia eingeladen. Wir werden da mit der berühmten Komponistin Elena Mendoza zusammenarbeiten.

Alles Gute für den Studienabschluss und die wunderbaren Projektausblicke!

Dankeschön. Wir haben auch ein Klassenkonzert im Wiener Musikverein im Jänner.

Wie entspannst Du Dich zwischendurch von den vielen Aufgaben, Vorhaben?

Die Musik macht mir große Freude, das ist auch Entspannung für mich.

Du hast auch einen wunderbaren Sinn für Mode. Was bedeutet Dir Mode?

Das ist für mich sehr wichtig, weil es ein Teil des Ausdrucks der Persönlichkeit ist.

Ich lerne da auch viel von meiner jüngeren Schwester. Sie hat einen sehr guten Sinn, Geschmack für Mode.

Was bedeutet Dir Wien?

Ich bin mit siebzehn Jahren nach Wien gekommen und verbinde große Emotionen mit dieser Stadt (lacht).

Hier waren die ersten Aufführungen meiner Stücke und ich bin hier aufgewachsen.

Als ich nach Wien gekommen bin, war ich noch ein Kind. Hier bin ich erwachsen geworden.

Wien ist ein großer Teil meines Lebens.

Wenn Du auf Deine Jahre in Wien künstlerisch zurückblickst, wie war der Entwicklungsprozess da für Dich?

Ich habe mich hier in Wien als Künstlerin, Komponistin, Person weiterentwickelt.

Der Dank gilt meinen Professor*innen und den Möglichkeiten Wiens in seinem großartigen Veranstaltungsspektrum und den besten Präsentationsmöglichkeiten für Konzertaufführungen und auch meine Performances.

Gibt es Projektkooperationen mit anderen Kunstbereichen?

Ja, ich habe im Jänner 2021 eine Performance zu Heinrich Heine „Und wüßten’s die Blumen, die kleinen“ gemacht.

Was bedeutet Dir Literatur?

Für mich sind Wörter, die Sprache die abstraktesten Ausdrucksmittel.

Poesie ist für mich die Spitze der Literatur.

Schreibst Du auch selbst Gedichte, Texte?

Nein (lacht).

Welche Literatur schätzt Du?

Eigentlich die Klassiker. Goethe, Heine, Rilke.

Was trinkst, isst Du gerne im Cafè?

Kaffee, Cappuccino oder Melange, dazu auch einen Kuchen, Apfelstrudel.

Wie verbringst Du Zeit im Cafè?

Manchmal arbeite ich, manchmal nehme ich meinen Laptop mit, manchmal treffe ich mich mit Freunden, ganz verschieden. Auch die Tageszeiten sind unterschiedlich.

Darf ich Dich zum Abschluss noch zu einem Achrostikon zu Vienna Calling bitten?

Vergessen

Ich

Egal

Nicht

Neben

Ausdruck

Chemie

Andere

Langsam

Literatur

Indem

Nacht

Gemeinsam

Hristina Susak, Komponistin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Hristina, für Dein Kommen und Deine Zeit in großartigem Porträt/Performance wie die wunderbare Vorbereitung und Auswahl der Modevariationen wie Dein Interview!

Liebe Hristina, viel Freude und Erfolg für alle Musik-, Kunstprojekte 2022!

„Vienna Calling“ _ Porträt in Wort und Bild_

im Gespräch und Fotoporträt_

Hristina Susak, Komponistin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _

Cafè Prückel_Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

„Wir können alle was tun“ Julia Miesenböck, Literaturübersetzerin _ Prag 8.1.2022

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine außerordentlichen Termine oder Reisen habe, ist mein Tagesablauf sehr routiniert, und ich mag diese Routinen: Arbeiten, tagsüber von etwa 9 bis 18 Uhr, zu Hause oder im Büro. Seitdem es keinen Lockdown mehr gibt, finde ich das Arbeiten zu Hause wieder angenehmer, da es möglich ist, auch abends noch außer Haus zu sein, im Kino, Theater, Café oder auf Lesungen.

Julia Miesenböck, Literaturübersetzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bei der Frage fällt mir ein Zitat ein, vom polnisch-französischen Filmemacher Kieślowski: Be careful, there’s people around you. Umsichtigkeit ist wichtig, in vielen Bereichen, das hat die Pandemie gezeigt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat einige Probleme unserer globalisierten, den Planeten zerstörenden Lebensweise aufgezeigt. Ich denke, wir kommen nicht darum hin, uns mit diesen Problemen zu beschäftigen, im Großen und im Kleinen. Wir können alle was tun.

Und mir persönlich hat die Pandemie verdeutlicht, wie wichtig Kunst und Literatur ist, in zweierlei Hinsicht: Sie hat gefehlt, als Museen, Theater und Kinos geschlossen waren – und sie war gleichzeitig eine Möglichkeit, andere Themen aufzugreifen, als das doch sehr beunruhigende Virus. Literatur und Kunst werden bestimmt Fragen aufgreifen, die in den letzten anderthalb Jahren aufgekommen sind und uns so bald nicht loslassen werden.

Was liest Du derzeit?

Sally Rooney, Beautiful world, where are you – einen Roman über viele Zwischen-Räume und -Zustände und Jana Šrámková, Zázemí – eine Kurzprosasammlung mit feinfühligen Erinnerungen an die Großmutter der Erzählerin und Peter Handke, Die Obstdiebin.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Neben dem obigen von Kieślowski habe ich in den letzten Tagen oft an die ersten Zeilen eines Gedichts von Alda Merini gedacht (von der leider noch kein Buch in deutscher Übersetzung vorliegt): Auch der heutige Tag ist Teil meiner Lebensgeschichte / aber ich erkenne darin nicht den Tag / den ich mir wünschte, als ich noch klein war.

Julia Miesenböck, Literaturübersetzerin

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Miesenböck, Literaturübersetzerin

https://juliamie.net/aktuelles/intro/

Fotos_privat.

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„klug sein und weich sein“ Bernadette Heidegger, Schauspielerin _ Salzburg 7.1.2022

Liebe Bernadette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mal so, mal so…je nach Proben…gerade meistens aufstehen, Hühner rauslassen, Katze füttern, Tee trinken, lesen, nachdenken, irgendwas erledigen, ab 15 Uhr proben.

Bernadette Heidegger _Schauspielerin, Regisseurin, Lehrende

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuhören, versuchen zu verstehen, auf mein Inneres hören, damit ich weiter mit mir leben kann, Natur aufsuchen, Humor nicht verlieren, tanzen, spielen, klug sein und weich sein

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was dem Theater immer zukommt: gute Fragen stellen und keine Antworten wissen, Berührt-Sein suchen, Nebensächlichkeiten entdecken, eigenartige Wege gehen, Buntheit lieben, jenseits der abgegangenen Wege laufen, irritieren, Freude generieren

Was liest Du derzeit?

Hannah Arendt, Elif Shafak, Rilke, Ala al-Aswami, Foucault, Bernadine Evaristo, Mtihu Sanyal…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Brecht: Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Bernadette Heidegger _Schauspielerin, Regisseurin, Lehrende

Vielen Dank für das Interview liebe Bernadette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Bernadette Heidegger _Schauspielerin, Regisseurin, Lehrende

https://www.bernadetteheidegger.com/profil/

Fotos_Axel Müller

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Soziale Kompetenzen zurückzuerlangen“ Achim Wagner, Schriftsteller _ Berlin 6.1.2022

Lieber Achim, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In den letzten Monaten sah mein Tagesablauf so aus, dass ich mich nach dem Frühstück an den Rechner setzte und als Jurymitglied Bewerbungen für Arbeitsstipendien in nichtdeutscher Literatur las. Das hinderte mich zwar daran, an eigenen Texten und Übersetzungen zu arbeiten, erlaubte mir aber auch einen spannenden Einblick in andere zeitgenössische literarische Sicht- und Herangehensweisen.

Ansonsten hat die Pandemie an meinen Abläufen relativ wenig geändert. Ich arbeite lieber im Gehen als im Sitzen, sprich: eigene Textüberlegungen und die Suche nach übersetzerischen Ansätzen finden meist bei längeren Spaziergängen und Wanderungen statt. Die Arbeit am Schreibtisch ist dem untergeordnet. Während der vergangenen anderthalb Jahre bedeutete das auch, beinahe täglich mit den dystopischen Alltagsbildern der Coronazeit konfrontiert zu sein.

Achim Wagner _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle besonders wichtig ist, lässt sich natürlich nur schwer beantworten, da das von subjektiven Empfindungen und Erfahrungen abhängt und sich sicherlich individuell ganz verschieden ausnimmt. Soziale Kompetenzen zurückzuerlangen fällt mir spontan an. Das Ungewisse nicht zu verdrängen, als solches zu akzeptieren und sich dabei auf das oder die jeweiligen Arbeitsvorhaben konzentrieren zu können (was mir in den vergangenen Monaten bisweilen ziemlich schwer fiel).

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sind ja nicht die schlechtesten Impulsgeber, sowohl gesellschaftlich als auch privat. Neugierig zu sein (oder zu bleiben) und anstehende Veränderungen mitgestalten zu wollen, dürften dabei wesentliche Punkte darstellen. Den Prozess der Veränderung reflexiv zu begleiten, könnte eine zentrale Aufgabe der Gegenwartsliteratur bzw. der Gegenwartskunst werden; Sichtweisen zu hinterfragen, auch sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, aus dem Ungewissen Material für Experimente zu gewinnen, um im besten Fall neue Denkweisen zu entwickeln, Erkenntnisse zu generieren.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Nadeschda Mandelstam – Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe“ (aus dem Russischen übersetzt von Ursula Keller, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2021).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als Textimpuls ein kurzes Gedicht des türkischen Dichters Nâzım Hikmet in meiner Übersetzung:

(24. September 1945)

Das schönste Meer:

                            ist das noch nicht befahrene.

Das schönste Kind:

                            ist noch nicht herangewachsen.

Unsere schönsten Tage:

                            sind die, die wir noch nicht erlebt haben.

Und das schönste Wort, das ich dir sagen will:

                            ist das Wort, das ich noch nicht gesagt habe …

Vielen Dank für das Interview lieber Achim, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Achim Wagner, Schriftsteller

https://de.wikipedia.org/wiki/Achim_Wagner

Foto_Björn Kuhligk

28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Unsere Träume, Sterne nicht außer Acht lassen“ Ina Soléa, Schauspielerin_Station bei Lou Andreas-Salomé _ Wien 6.1.2022

Herzlich willkommen, liebe Ina Soléa, Schauspielerin, hier im Mercure Grand Hotel Biedermeier Wien!

Ina Soléa, Schauspielerin _ Wien

Unser literaturoutdoors Thema ist die vielseitige Schriftstellerin, Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937), die auch wesentliche Wien Bezüge hat und deren Todestag sich 2022 zum 85mal jährt.

Träume, Traumanalyse spielen eine große Rolle in Leben und Denken Lou Andreas-Salomés. Welcher Traum ist Dir jetzt in Erinnerung?

Ich habe in letzter Zeit viel über Lou Andreas-Salomé und ihre Gespräche mit Künstlern, Philosophen wie R.M.Rilke oder Friedrich Nietzsche gelesen. Dabei hatte ich auch einen Traum, in dem ich mich mit Nietzsche unterhalte und ihm sage „Du solltest mal wieder nach den Sternen greifen!“ (lacht).

Lou Andreas-Salomé schätzte das Spielerische in Wort und Begegnung. Der Philosoph Nietzsche war ihr da in vielem zu ernst. In diesem Sternentraum habe ich dies wohl verarbeitet (lacht).

Wie liest Du selbst diesen Traum?

Wir sind alle, und natürlich auch in der Kunst, in einer sehr ernsten Situation. Dennoch sollten wir in die Zukunft schauen und unsere Träume, Sterne nicht außer Acht lassen. So weit es möglich ist.

Vielleicht wurden vieler unserer Träume zu einer Pflichterfüllung, zu einer pocket list. Es ist gut Sterne, Träume zu haben und daran zu arbeiten.

Träume haben einen Sinn. Psychoanalytisch gesehen und idealistisch. Lou Andreas-Salomè wusste dies und versuchte dies in ihren Werken und Leben zu verbinden. Wissen und Wege, Traum und Leben.

Sprich´ über deine Träume und du sprichst über dich.

Wir sollten öfters zu den Sternen blicken und danach greifen.

Sigmund Freud hat den Traum als „Königsweg“ der Erkenntnis des Unbewussten bezeichnet. Welche Bedeutung haben Träume für Dich?

Meine Träume sind intensiv und ich schöpfe daraus.

Im Traum reflektiere ich sehr stark meinen Alltag und wenn ich träume, entspanne ich mich auch davon.

Die Welt ist in vielem grenzenlos. In ihren Träumen, Visionen ist sie es nicht.

Ein Traum hat immer mit der Welt, Weltverständnis zu tun. Psychologie und Philosophie sind beste Freunde.

Träumst Du regelmäßig und schreibst Du diese auf?

Ja. Ich schreibe meine Träume nach dem Aufwachen auf.

Wenn ich sehr intensiv geträumt habe und auch meine Stimmung danach ist, male ich unmittelbar danach, bevor ich das Bild im Kopf wieder losgelassen habe.

Ich denke, wir haben alle die Träume der Nacht bei uns, aber wir lassen diese wieder gehen, weil uns der Alltag sofort ganz einnimmt.

Träume, Gedanken sind für uns sehr schnell Vergangenheit, unbeachtete Vergangenheit.

Wie gehst Du dann mit den notierten, gemalten, reflektierten Träumen in den Tag? Welchen Impuls bekommst Du da?

Ich lasse zunächst die Träume in Wort und Bild ruhen. Die Richtungen, Bedeutungen ergeben sich dann von selbst im Zusammenspiel von Tag und Traum.

Alle unsere Emotionen sind im Traum reflektiert. Freud spricht da ja von „Traumarbeit“.

Emotionen können verschiedenste Symbolformen im Traum annehmen. Das kann ein Buch oder Fenster etwa sein. Und wir selbst stecken da drin.

Im Traum sind Emotionen pur da, nicht kontrolliert vom Denken.

Das Interesse für Träume, für die in Wien von Sigmund Freud begründete Wissenschaft der Psychoanalyse, führte Lou Andreas-Salomè nach Wien. Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ihr?

Mich fasziniert ihre Neugierde und auch ihre Konsequenz dieser nachzugehen.

Das Interesse sich Wissen anzueignen, auch über Konventionen der Zeit hinweg, finde ich sehr mutig und spannend.

Diese Selbstentscheidung der Frau bei Lou Andreas-Salomè ist bis heute ein Vorbild.

Sie war eine Superheldin und wenn wir in der Frauenemanzipation Stufen zurückgehen oder zurückkatapultiert werden, denken wir an sie.

Sehr schnell wurde sie als „intellektuelle Kurtisane“ bezeichnet. Lou war eine Frau, die sich nicht um Klischees kümmerte. Sie ging ihren Weg und setzte eigene Standards.

Lou hat die Frauenrolle der Zeit gleichsam zertrümmert. Sie war auch in der männlich dominierten Psychoanalyse eine Vorreiterin und wollte unbedingt an Freuds Vorlesungen teilnehmen.

Warum ist sie so neugierig? Allein das war in Zeit und Gesellschaft verstörend.

Lou war in Russland nicht unglücklich, aber sie wollte nach Wien. Das Weiterziehen war für sie selbstverständlich.

Die russische Melancholie ist sehr tiefgründig. Ich lerne auch gerade Russisch mit meinem Sohn.

Die Liebe, etwa die Mutterliebe, ist in der russischen Sprache sehr schön ausgedrückt.

Wie siehst Du den künstlerischen, intellektuellen Gesprächskreis um Lou?

Im Briefstil der Bezugspersonen ist eine interessante, fast kindliche, Aufgeregtheit zu bemerken, wenn Lou zur Sprache kommt. Da war auch viel Bewunderung, was Lou wohl überraschte. Sie wusste aber Bestens damit umzugehen, durchschaute vieles.

Sie schwärmten von ihr in großem Respekt.

Lou wurde sehr schnell intellektuell und persönlich akzeptiert. Das erstaunt in der so von Männern dominierten Zeit in allen Lebensbereichen.

Es gab wenig Misstrauen ihr gegenüber. Und Misstrauen gehört bis heute zu unserer Gesellschaft.

Fasziniert hat Lou alle. Das zeigen die Erwähnungen in den Briefen. Tiefgründige Diskurse gibt es da allerdings nicht.

Lou war nicht künstlich. Sie war menschlich sehr präsent.

In Wien wurde ihr Denken etwas dunkler, ernster. Das fällt auch in Fotografien auf.

Was nimmst Du von der Begegnung mit Lou in ihren Werken, Briefen mit?

Die Freude an Neugierde und Verspieltheit.

Lous Intellektualität macht Spaß. Sie entdeckt die Welt mit offenen Augen.

Sie ist ein interessantes, schönes Rollenbild.

Ich mag diese Balance von Neugierde und Kontrolle bei Lou.

Ich finde es faszinierend wie Lou mit ihren Fragen an der Festung einer männlich dominierten Gesellschaft in Denken, Liebe, Sinn rüttelt.

Mich fasziniert dieses direkte, kindliche Fragen, wie – „Was ist das Licht? Wie sehe ich es? Werde ich es im Dunklen vermissen? Werde ich mich erinnern?“. Genau so stellte ich mir Lou vor. Lou hatte diesen Mut Fragen zu stellen, den es zu allen Zeiten braucht.

Es gibt keine blöden Fragen, nur unzureichende Antworten.

Bei Lou ist in der Neugierde auch immer eine Zuversicht.

Liebe war für Lou immer auch eine intellektuelle Reise zu sich selbst.

Du hast Dich in der Vorbereitung auch für eine wunderbare Kostüm-, Requisitenwahl entschieden. Was hat Dich da angeleitet?

Ich habe das Buch „Und Nietzsche weinte“ von Irvin D.Yalom mitgebracht, weil ich die Beschreibung von Nietzsche, der ja mit Lou befreundet war, im Buch sehr interessant fand, weil in aller Emotion, Zerbrechlichkeit, auch in der Beziehung zu Lou, dargestellt.

Nietzsche sagte über Lou „von welchem Stern bist denn du uns zugefallen?“. Das fiel mir wieder ein und darum habe ich diese Sternenkette mitgebracht.

Nietzsche hat ja sehr selten so persönlich gesprochen.

Als ich die Sternenkette Zuhause fand, war Lou wieder in meinem Kopf (lacht).

Ich verbinde den Pelzmantel stark mit Russland.

Die Kapitänsmütze deswegen, weil Lou Herrin über ihren Kopf ist. Ich bin mein eigener Herr.

Das Buch „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig hat mich auch an Lou erinnert, die Thematik in dem Buch. Wie wird die Welt von morgen sein? Ich kann da beide sehr gut verbinden, obwohl sie sich ja nicht kannten.

Der Kimono – weil Lou sehr weltoffen war und die Goldfarbe an ihre Epoche des Fin-de-Siècle erinnert. Ich könnte mir vorstellen, sie hätte es auch so provokativ – kulturverbindend – getragen.

Lous Horizont war sehr groß.

Zigarette und Kaffee gehören auch zu Lou.

So kann ich sie mir vorstellen mit all diesen Dingen.

Was sind Deine derzeitigen Schauspielprojekte, -ausblicke?

Ich habe im Dezember letzten Jahres für eine historische ORF Spiel-Dokumentation über die Habsburger Dynastie in der Rolle der Geliebten des Kaisers Leopold I (*1640  +1705) gedreht. „Habsburgs Allüren“ wird im Jänner des Jahres im ORF ausgestrahlt.

Auch das Literaturprojekt mit szenischen Lesungen zum Roman „Morendo“ von Klaus Oberrauner geht 2022 weiter und ich arbeite auch an weiteren szenischen Lesungen mit Künstlern.

Es gibt auch noch weitere Rollenangebote für das Jahr und vielleicht ja auch mit literaturoutdoors ein weiteres Projekt (lacht).

Darf ich Dich abschließend zu einem Lou Achrostikon bitten?

Literatur

Offenheit

Unbewusstes

Ina Soléa, Schauspielerin _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Ina, für Dein Kommen und Deine Zeit in großartiger Wort/Porträt/Performance wie die wunderbare Vorbereitung und Auswahl der Kostüm- und Requisitenvariationen wie Dein Interview zum Thema Lou Andreas-Salomé, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin (*1861 Sankt Petersburg   +Göttingen 1937).

Liebe Ina, viel Freude und Erfolg für alle Schauspiel- Literaturprojekte 2022!

Station bei Lou Andreas-Salomé _ Wien

im Gespräch und Fotoporträt_

Ina Soléa, Schauspielerin _ Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _

Grand Hotel Mercure Biedermeier Wien_

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 1:_22

„Dass Kunst uns ein bisschen Lebensgefühl wieder gibt und auch verbindet“ Nataya Sam, Schauspielerin _ Wien 5.1.2022

Liebe Nataya, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich nutze diese Zeit der vielen Unmöglichkeiten letztes Jahr dazu, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Ich habe mein Schauspielstudium abgeschlossen, wofür ich ein Stück erarbeitet habe, – was sehr viel Arbeit war, aber es war eine wunderschöne und sehr lustige Arbeit ( der Titel ist „Hommage an die Sinnlosigkeit“) – habe eine Bewerbungswelle hinter mich gebracht und gönnte mir dann eine kleine Auszeit in einem therapeutischen Programm. Deshalb war mein Tagesablauf unter der Woche mit vielen Therapien durchzogen, was mir sehr gut tat.

Ende November letzten Jahres war ich damit fertig und jetzt habe ich vor, mit den Bewerbungen weiter zu machen und mir beruflich etwas aufzubauen, da ich mir vorgenommen habe diese Spielzeit frei zu arbeiten. Ich bin sehr interessiert an allem und motiviert für alles, was auf mich zukommt, sei es Theater, Film oder sonst etwas. In meiner Freizeit versuche ich, trotz Corona, meine FreundInnen zu sehen, ins Theater und ins Kino zu gehen und mich auch handwerklich auszutoben. Ich übe mich gerade an der Bildhauerei: für meine Abschlussarbeit habe ich eine lebensgroße, goldene Kuh gebaut und vor kurzem habe ich aus Sandstein eine Schlange geschlagen. Außerdem plane ich, meine Hommage nochmal aufzuführen.

Nataya Sam, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf uns zu achten. Auf unsere Bedürfnisse und wie sie sich mit den Corona Maßnahmen vereinbaren lassen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ob wir tatsächlich vor einem Aufbruch stehen, weiß ich nicht. Dieses Aufbruchsgefühl war ja schon im Frühling da, als sich die Maßnahmen gelockert haben und unser Leben normaler wurde. Jetzt sieht es wieder anders aus, die Maßnahmen werden wieder verstärkt und es fühlt sich wie ein Rückschritt an. Außerdem dachten ja alle, dass es „nach Corona“ ganz anders werden würde. In dieses „nach Corona“ durften wir ja zum Glück im Sommer schon ein bisschen rein schnuppern, es hat sich zwar manches verändert, wie z.B. dass Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach Venedig rein dürfen, aber so ein starker Umbruch scheint es mir nicht zu sein. Aber vielleicht kommt das ja noch. Dafür scheint es mir wichtig, dass wir auf bestimmte Veränderungen beharren und unsere vielleicht neuen oder veränderten Lebenselemente mit aller Kraft beibehalten. Was natürlich einen großen Unterschied macht, sind die Abstandsregelungen und das Maskentragen. Das hat unser Leben schon sehr verändert. Ich glaube es ist wichtig, dass wir unser Näherverhältnis neu ausloten um Nähe wieder zulassen zu können und das vielleicht auf eine Art, die uns eher gut tut und passender ist.

Ein wichtiger Aspekt der Kunst ist gerade, dass sie unterhält, dass sie wieder stattfindet und uns ein bisschen Lebensgefühl wieder gibt und auch verbindet, vor allem wenn man Teil der Szene ist. Wichtig ist, dass sie die neuen Erfahrungen verarbeitet und bearbeitet. Viele Menschen und vor allem KünstlerInnen haben sich in dieser Corona Zeit viel mit Rückzug, Einsamkeit, Abgeschiedenheit usw. konfrontiert. Das sind meiner Meinung nach wichtige Themen, die davor vielleicht etwas untergegangen sind oder eventuell auch ein bisschen tabuisiert waren. Also zumindest kommt mir das beim Thema Einsamkeit so vor, wenn ich da an mich denke. Zuzugeben einsam zu sein scheint mir gefühlsmäßig – nicht rational! – eine Niederlage zu sein. Da finde ich es sehr praktisch, dass das jetzt so in den Vordergrund gerückt ist und dass es „okay geworden“ ist, sich einsam zu fühlen und darüber zu reden. Also ja, wahrscheinlich gibt es und gab es schon viele Aufbrüche, da habe ich mich vorher wohl geirrt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit „Keine Ahnung“ von Nele Stuhler und „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman. Mit Nele habe ich schon mal gearbeitet, wir haben zusammen eine Stückentwicklung gemacht, in der auch Textpassagen aus ihrem Buch vorkommen. Die Arbeit war wunderschön, mein liebstes Projekt bis jetzt, in dem ich mitwirken durfte. Ich bin ein großer Fan ihrer Texte, sie machen so viel Spiellaune und Lust damit zu experimentieren. Das Buch von Rutger Bregman hat mir meine Psychiaterin empfohlen und ich kann es nur allen Leuten und vor allem Menschen mit depressiver Neigung empfehlen. Bregman betrachtet die Welt aus der Sicht, dass der Mensch nicht im Grunde schlecht, sondern eben gut ist und das belegt er mit vielen geschichtlichen Ereignissen und wissenschaftlichen Studien. Zum Beispiel stellt er das Stanford Prison Experiment richtig: Die TeilnehmerInnen, die die Wärter spielten, waren nicht von sich aus so brutal und grausam zu jenen, die die Gefangenen spielten, sondern sie wurden vorher von Philip Zimbardo dazu instruiert und führten diese Vorgaben unter dem Glauben aus, etwas Gutes für die Wissenschaft zu tun. Unterm Strich behauptet Bregman die Menschen täten Böses unter der Annahme Gutes zu tun. Es ist sehr erfrischend die Welt aus dieser Sicht zu betrachten und wenn man das jetzt auf Corona und einen möglichen Blackout umlegt, macht man sich gleich viel weniger Sorgen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Abschlusssatz meines Stückes: „Zum Glück hat das Leben keinen Sinn.“ – Camus

Nataya Sam, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Nataya, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nataya Sam, Schauspielerin

https://de.stagepool.com/cvbase/cv/pro/870129

https://www.castupload.com/actors/nataya-sam

Fotos_Paula Hummer

8.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Mehr Freude an diversen, literarischen Stimmen jenseits von Stereotypen und Labels“ Andrea Schmidt, Visual Artist _ Berlin 4.1.2022

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, lesen, in den Verlag spazieren. Arbeiten. Changieren zwischen Verlagsalltag und meiner Arbeit als Grafikdesignerin. Viele Pausen einlegen, spazieren gehen. Pandemiebedingt brauche ich aktuell eine gute Arbeitsstruktur und Ruhephasen zwischendurch, um mich fokussieren zu können. Der Ausgleich zwischen Komplexität und Entspannung ist in den letzten Monaten wichtiger geworden. Und die Gespräche mit Freund*innen. TaiChi. Viele Bücher. Einen ausgewogenen Schlafplan.

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Empathie. Keine gesellschaftlichen Grabenkämpfe. Ein wacher politischer Blick. Achtsamkeit im Umgang mit einem selbst und für andere.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die letzten anderthalb Jahre empfinde ich als Zäsur. Ich denke auch, dass wir jetzt vor einem neuen, gesellschaftlichen und persönlichen Aufbruch stehen. Ich finde es wichtig, dass wir eine gemeinsame Sprache finden, die möglichen Spaltungen in der Gesellschaft entgegenwirkt. Vielleicht müssen wir sogar ein neues Vokabular entwickeln, um gemeinsam diese Krise überstehen und Handlungsweisen für zukünftige Krisenzeiten entwickeln zu können.

Kunst und Kultur sind neben Bildung und Sozialwesen tragende Pfeiler des sozialen Zusammenhalts demokratischer Gesellschaften. Die Geschichte zeigt, dass sich in Krisenzeiten Gesellschaften zunehmend polarisieren. Eine diverse Kulturlandschaft ermöglicht es, den Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft zu stärken und sie vor anti-pluralistischen und populistischen Tendenzen zu schützen.

Literatur im Speziellen ist wirksam und kann multidimensionale Perspektiven eröffnen, neue Bilder von Welt erschaffen, komplexe Themen formulieren und Debatten anregen. Sie kann unseren Blick erweitern und neue Räume eröffnen. Ich wünsche mir mehr positiven Umgang mit Vagheit und Komplexität, und auch mehr Freude an diversen, literarischen Stimmen jenseits von Stereotypen und Labels wie z. B. Frauen- oder Befindlichkeitsliteratur. Für das Verlagshaus Berlin und für alle Independent-Verlage wünsche ich mir eine unabhängige Verlagsförderung in Deutschland.

Was liest Du derzeit?

»Dream House« von Carmen Maria Machado (Serpent’s Tail, 2020) – brilliante, kaleidoskopartige Fragmente einer queeren Protagonistin, die über Missbrauch in einer toxischen Beziehung erzählt. In ihren Streifzügen durch verschiedene literarische Genres versammelt sie eine Menge Kompliz*innen um sich, allen voran Zora Neale Hurston, Louise Bourgeois oder Godspeed You! Black Emperor. Lyrische Prosa!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Wir werden sie sammeln müssen, die körperlichen und psychischen Spuren, die sich in uns einschreiben, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht.« Carolin Emcke

(14. April 2020 aus: Emcke, Carolin: Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie, S. Fischer 2021, S. 89)

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Vita:

Andrea Schmidt lebt in Berlin und arbeitet als Verlegerin, Typografin und Lehrende. Seit 2005 führt sie als Mitverlegerin das Verlagshaus Berlin – ein Independentverlag für Gegenwartslyrik und Illustration. 2010 gründete sie »Typografie/im/Kontext«, ein Atelier für Grafikdesign mit Fokus auf Editorial und Corporate Design. Sie interessiert sich für multilinguale Typografie, inklusives Design, hält Vorträge und Workshops im Bereich transkultureller Gestaltung und lehrte Typografie und Designtheorie u. a. an der UdK Berlin, der FH Potsdam, der CAA Hangzhou (China) und der HBK Braunschweig. In dem Projekt »Ampersand Interart« inszeniert sie intermediale Musik- und Literaturprojekte in Form von Licht- und Bewegtbild. (www.typografie-im-kontext.de)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Verlags-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Fotos_1,2,6 Charlotte Werndt; 3 Verlagshaus Berlin; 4 Haus für Poesie; 5 Cordula Giese.

10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„wir schüttelten uns die Hände“ _Helmut Birkhan, Univ.Prof. _ 130.Geburtstag J.R.R. Tolkien _ Wien 3.1.2022

emer. o. Univ.-Prof. Dr. Helmut Birkhan _ Wien

Ich war von September 1960 bis Juni 1961 Lektor für Deutsch am German Department der University of Wales in Aberystwyth.

University of Wales _Aberystwyth

Mein sehr liebenswürdiger Chef war Prof C. P. Magill, ein Hobbit wie ich heute weiß. Es gab eine „Medieval Society“, bei der ich als Mediaevist natürlich Mitglied war. Eines Tages hieß es (wohl im Spätherbst 1960), es werde ein Gast aus Oxford sprechen, ein Anglist namens Tolkien, der über Beowulf arbeite oder gearbeitet habe. Ich fand mich also im Talar (den ich dort trug) an der Stelle des Vortrags – ich glaube im Hauptgebäude der Universität – ein, der Vortragende war schon da, man stand plaudernd herum.

Magill, der mich sehr schätzte, stellte mich Tolkien vor und wir schüttelten uns die Hände.

Vom Vortrag weiß ich nur, dass es um Verbalformendubletten ging, so wie wrought neben worked. Mich hat dabei nur das Bestehen einer älteren Form neben einer moderneren interessiert (ich hab auch später über solche sprachlichen Archaismen gearbeitet).  An eine Diskussion erinnere ich mich nicht, ebenso wenig an einen Umtrunk und falls es den gab, dann nur für die staff-members der Anglistik. Ich erinnere mich nur, dass jemand sagte, der Vortragende komme aus Südafrika, und an das Aussehen Tolkiens, eines mittelgroßen, hageren Manns mit scharfer Nase.

Ich bin bereit zu beschwören, daß von Tolkiens literarischer Tätigkeit mit keiner Silbe die Rede war. Magill, der wußte, daß ich über Märchen dissertierte, hätte sicher eine Bemerkung fallen lassen, auch als er mich Tolkien vorstellte. Eine Anglistin, deren Namen ich vergessen habe und mit der ich häufig bei Mittagessen zusammentraf und andere – ich war keineswegs isoliert – sagten nichts  diesbezügliches über Tolkien. Und so ist mir der Gelehrte ganz gleichgültig geworden und in Vergessenheit geraten, bis ich den Little Hobbit kennenlernte und seinen Verfasser zu bewundern begann. Vor einigen Jahren hab ich einen kleinen Aufsatz über die verschiedenen Sprachen bei Tolkien geschrieben.

emer. o. Univ.-Prof. Dr. Helmut Birkhan_Wien

Ältere Sprachen und Literatur

Institut für Germanistik
Universitätsring 1
1010 Wien

https://www.oeaw.ac.at/m/birkhan-helmut

John Ronald Reuel Tolkien (*3.1.1892 Bloemfontein + 2.9.1973 Bournemouth) , Schriftsteller und Philologe

Sein Roman Der Herr der Ringe  (The Lord of the Rings, 1954/55, deutsche Übersetzung 1969/70) ist eines der erfolgreichsten Bücher der Literaturgeschichte und wurde von Peter Jackson verfilmt (Triologie 2001 – 2003). Das Werk J.R.R.Tolkiens umfasst umfangreiche literarische Schriften, Studien, die bis heute eine große Leser*innenschaft begeistern und vielfältig künstlerisch inspirieren.

Fotos_

Porträt_privat 2008 _ https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Birkhan

University of Wales in Aberystwyth_https://en.wikipedia.org/wiki/Aberystwyth_University

Walter Pobaschnig 5_2020 _ 1_2022

https://literaturoutdoors.com

„Nicht den Mut zu verlieren und gemeinsam aktiv zu werden/bleiben“ Corina Hoser, Tänzerin _ Wien 3.1.2022

Liebe Corina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe meine Tage immer gern strukturiert und organisiert. Ich habe täglich mein Tanztraining, da es mir sehr wichtig ist, mich nicht nur künstlerisch sondern auch tanztechnisch ständig weiterzuentwickeln, weshalb ich auch nicht nur Zeitgenössischen Tanz und Ballett trainiere, sondern auch andere Stile und Disziplinen wie Breaking und Akrobatik. Dann habe ich Proben, je nachdem, ob ich gerade in einem Projekt/einer Produktion tanze, oder selbst ein Projekt habe (z.B. mit der Blare Dance Company, die ich mit 6 Kolleg*innen gerade gegründet habe), mal mehr und mal weniger, wie es eben so ist als freischaffende Tänzerin. Nebenbei unterrichte ich auch.

Corina Hoser, Tänzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß gar nicht, was ich da sagen soll, es gibt so vieles. Ich denke was sehr relevant ist, ist nicht den Mut zu verlieren und gemeinsam aktiv zu werden/bleiben. In den letzten 2 Jahren, in denen unsere Leben ziemlich auf den Kopf gestellt wurden, hat sich nach und nach eine lose Gruppe von Tänzer*innen, zu einer richtigen Gemeinschaft entwickelt, die sich unterstützt und zusammenarbeitet und für einander da ist. Wir haben eine Trainingsgruppe organisiert, eine Company gegründet und haben vor, uns gemeinsam  selbst Möglichkeiten zu schaffen, da diese von außen nicht gegeben sind. Wir sind nicht nur Kolleg*innen, sondern Freund*innen und sich nicht alleine irgendwie in dieser prekären Situation voran zu kämpfen, sondern miteinander, fühlt sich gleich bei weitem weniger aussichtslos an. Dies ist nur ein Beispiel auf meiner persönlichen Mikroebene, doch mit all den furchtbaren Dingen, die sich auf dieser Welt so abspielen, ist dies auch auf eine größeren Ebene übertragbar und von immenser Bedeutung, wenn auch natürlich schwieriger.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Puh, auch hier, weiß ich wieder nicht wo ich anfangen soll. Ich denke, es wird wesentlich sein, dass die Menschen das herrschende Wertesystem hinterfragen und die bestehende Krise  nutzen um eben dieses, in meinen Augen absolut verkehrte Wertesystem neu zu ordnen, was uns dann auch ermöglichen würde, die schwerwiegenden Probleme, wie Ungerechtigkeit und Diskriminierung auf verschiedensten Ebenen, Klima, Konflikte und Kriege und und und, zu lösen. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass dies toll klingt aber die Veränderung solcherlei fixer Strukturen ist natürlich extrem schwierig, aber ich will einfach glauben, dass es nicht unmöglich ist. In dem Ganzen finde ich, müssen wir vorsichtig sein, dass wir beim Versuch die Situation in unserer unmittelbaren Umgebung zu verbessern, nicht vergessen über den Tellerrand zu blicken, denn der Neubeginn hier heißt leider nicht, dass das überall so ist und wie wir in vielen Regionen der Welt sehen, gibt es einiges, das nicht vergessen werden darf, um das sich gekümmert werden muss, und zwar von allen.

Die Kunst kann denke ich, dazu beitragen, dass es gelingen kann, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken. Als Künstler*innen können wir Problematiken, die andere Arten von Kommunikation nicht derartig zu vermitteln vermögen, auf eine einzigartige Weise in Diskurs bringen. Ich denke besonders im Tanz, mit unseren Körpern in Bewegung, können wir Inhalte auf eine ganz spezielle Art und Weise transportieren, auch wenn dies für manche vielleicht nicht auf den ersten Blick verständlich ist.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich das Buch „The Neurocognition of Dance“ herausgegeben von Bettina Bläsing, Martin Putze und Thomas Schack. Davor habe ich mehrere Bücher von Stephen Hawking und anderen Physikern gelesen, da ich eine Passion für Astrophysik und Kosmologie habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da bleibe ich gleich bei Hawking, der sagte: „Der größte Feind des Wissens ist nicht Ignoranz, sondern die Illusion wissend zu sein“

Corina Hoser, Tänzerin

Vielen Dank für das Interview liebe Corina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Corina Hoser, Tänzerin

Fotos_privat.

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wie wichtig jegliche Kunstform, gerade in Krisen, für Kinder ist“ Ariane Swoboda, Schauspielerin _ Wien 2.1.2022

Liebe Ariane, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich nicht aktiv für eine neue Produktion lerne oder probe ist mein Tag oft gleich strukturiert. Er beginnt mit einer Einheit Hot yoga und am Nachmittag breite ich mich für meine kommenden Auditions vor. (ob in Form von Gesangstunden oder Selbststudium).

Ich gehe oft zu kulturellen Veranstaltungen um die Kollegen zu unterstützen.Zweimal die Woche unterrichte ich Liedinterpretation bzw Auditionclass. Zur Zeit versuche ich auch mein Buch „Mein Audition-Journal“ Wegbegleiter für Musicaldarsteller*innen, bekannter zu machen und lerne wie man das auch online bewerkstelligt.

Ariane Swoboda, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das wir gemeinsam durch diese Zeit kommen. Mit Respekt und Vorsicht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gerade habe ich mit lieben Kollegen einen Theaterworkshop mit Musik und Tanz für Kinder und Jugendliche gemacht. Es zeigt sich immer wieder, gerade in Krisen, wie wichtig jegliche Kunstform für Kinder ist. Sich auszuprobieren, in anderen Rollen zu schlüpfen, zu reflektieren, welcher Text einen anspricht oder etwas in dir auslöst. Spielerisch mit heiklen Themen umzugehen.

Aber eigentlich für alle Menschen : So kann Musik und Bewegung mir helfen die Gedanken des Alltags zu relativieren. Die Arbeit in der kreativen Gemeinschaft kann mir wieder Freude, Hoffnung und Mut geben.ein paar Stunden nicht an den Alltag erinnert zu werden ist für jegliches Alter die schönste Eigenschaft von Kunst.

Was liest Du derzeit?

Im Grunde gut vpn Rutger Bregmann

sehr zu empfehlen – da es in vielen Ansätzen Zeigt, dass der Mensch eine Zukunft hat

..und immer wieder den Falter –   journalistische Professionalität

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?

Wer loslässt, hat die Hände frei!

Vielen Dank für das Interview liebe Ariane, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ariane Swoboda, Schauspielerin

Foto_Daniel Murtagh

8.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com