„Dass Kunst uns ein bisschen Lebensgefühl wieder gibt und auch verbindet“ Nataya Sam, Schauspielerin _ Wien 5.1.2022

Liebe Nataya, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich nutze diese Zeit der vielen Unmöglichkeiten letztes Jahr dazu, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Ich habe mein Schauspielstudium abgeschlossen, wofür ich ein Stück erarbeitet habe, – was sehr viel Arbeit war, aber es war eine wunderschöne und sehr lustige Arbeit ( der Titel ist „Hommage an die Sinnlosigkeit“) – habe eine Bewerbungswelle hinter mich gebracht und gönnte mir dann eine kleine Auszeit in einem therapeutischen Programm. Deshalb war mein Tagesablauf unter der Woche mit vielen Therapien durchzogen, was mir sehr gut tat.

Ende November letzten Jahres war ich damit fertig und jetzt habe ich vor, mit den Bewerbungen weiter zu machen und mir beruflich etwas aufzubauen, da ich mir vorgenommen habe diese Spielzeit frei zu arbeiten. Ich bin sehr interessiert an allem und motiviert für alles, was auf mich zukommt, sei es Theater, Film oder sonst etwas. In meiner Freizeit versuche ich, trotz Corona, meine FreundInnen zu sehen, ins Theater und ins Kino zu gehen und mich auch handwerklich auszutoben. Ich übe mich gerade an der Bildhauerei: für meine Abschlussarbeit habe ich eine lebensgroße, goldene Kuh gebaut und vor kurzem habe ich aus Sandstein eine Schlange geschlagen. Außerdem plane ich, meine Hommage nochmal aufzuführen.

Nataya Sam, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf uns zu achten. Auf unsere Bedürfnisse und wie sie sich mit den Corona Maßnahmen vereinbaren lassen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ob wir tatsächlich vor einem Aufbruch stehen, weiß ich nicht. Dieses Aufbruchsgefühl war ja schon im Frühling da, als sich die Maßnahmen gelockert haben und unser Leben normaler wurde. Jetzt sieht es wieder anders aus, die Maßnahmen werden wieder verstärkt und es fühlt sich wie ein Rückschritt an. Außerdem dachten ja alle, dass es „nach Corona“ ganz anders werden würde. In dieses „nach Corona“ durften wir ja zum Glück im Sommer schon ein bisschen rein schnuppern, es hat sich zwar manches verändert, wie z.B. dass Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach Venedig rein dürfen, aber so ein starker Umbruch scheint es mir nicht zu sein. Aber vielleicht kommt das ja noch. Dafür scheint es mir wichtig, dass wir auf bestimmte Veränderungen beharren und unsere vielleicht neuen oder veränderten Lebenselemente mit aller Kraft beibehalten. Was natürlich einen großen Unterschied macht, sind die Abstandsregelungen und das Maskentragen. Das hat unser Leben schon sehr verändert. Ich glaube es ist wichtig, dass wir unser Näherverhältnis neu ausloten um Nähe wieder zulassen zu können und das vielleicht auf eine Art, die uns eher gut tut und passender ist.

Ein wichtiger Aspekt der Kunst ist gerade, dass sie unterhält, dass sie wieder stattfindet und uns ein bisschen Lebensgefühl wieder gibt und auch verbindet, vor allem wenn man Teil der Szene ist. Wichtig ist, dass sie die neuen Erfahrungen verarbeitet und bearbeitet. Viele Menschen und vor allem KünstlerInnen haben sich in dieser Corona Zeit viel mit Rückzug, Einsamkeit, Abgeschiedenheit usw. konfrontiert. Das sind meiner Meinung nach wichtige Themen, die davor vielleicht etwas untergegangen sind oder eventuell auch ein bisschen tabuisiert waren. Also zumindest kommt mir das beim Thema Einsamkeit so vor, wenn ich da an mich denke. Zuzugeben einsam zu sein scheint mir gefühlsmäßig – nicht rational! – eine Niederlage zu sein. Da finde ich es sehr praktisch, dass das jetzt so in den Vordergrund gerückt ist und dass es „okay geworden“ ist, sich einsam zu fühlen und darüber zu reden. Also ja, wahrscheinlich gibt es und gab es schon viele Aufbrüche, da habe ich mich vorher wohl geirrt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit „Keine Ahnung“ von Nele Stuhler und „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman. Mit Nele habe ich schon mal gearbeitet, wir haben zusammen eine Stückentwicklung gemacht, in der auch Textpassagen aus ihrem Buch vorkommen. Die Arbeit war wunderschön, mein liebstes Projekt bis jetzt, in dem ich mitwirken durfte. Ich bin ein großer Fan ihrer Texte, sie machen so viel Spiellaune und Lust damit zu experimentieren. Das Buch von Rutger Bregman hat mir meine Psychiaterin empfohlen und ich kann es nur allen Leuten und vor allem Menschen mit depressiver Neigung empfehlen. Bregman betrachtet die Welt aus der Sicht, dass der Mensch nicht im Grunde schlecht, sondern eben gut ist und das belegt er mit vielen geschichtlichen Ereignissen und wissenschaftlichen Studien. Zum Beispiel stellt er das Stanford Prison Experiment richtig: Die TeilnehmerInnen, die die Wärter spielten, waren nicht von sich aus so brutal und grausam zu jenen, die die Gefangenen spielten, sondern sie wurden vorher von Philip Zimbardo dazu instruiert und führten diese Vorgaben unter dem Glauben aus, etwas Gutes für die Wissenschaft zu tun. Unterm Strich behauptet Bregman die Menschen täten Böses unter der Annahme Gutes zu tun. Es ist sehr erfrischend die Welt aus dieser Sicht zu betrachten und wenn man das jetzt auf Corona und einen möglichen Blackout umlegt, macht man sich gleich viel weniger Sorgen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Abschlusssatz meines Stückes: „Zum Glück hat das Leben keinen Sinn.“ – Camus

Nataya Sam, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Nataya, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nataya Sam, Schauspielerin

https://de.stagepool.com/cvbase/cv/pro/870129

https://www.castupload.com/actors/nataya-sam

Fotos_Paula Hummer

8.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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