„Mehr Freude an diversen, literarischen Stimmen jenseits von Stereotypen und Labels“ Andrea Schmidt, Visual Artist _ Berlin 4.1.2022

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, lesen, in den Verlag spazieren. Arbeiten. Changieren zwischen Verlagsalltag und meiner Arbeit als Grafikdesignerin. Viele Pausen einlegen, spazieren gehen. Pandemiebedingt brauche ich aktuell eine gute Arbeitsstruktur und Ruhephasen zwischendurch, um mich fokussieren zu können. Der Ausgleich zwischen Komplexität und Entspannung ist in den letzten Monaten wichtiger geworden. Und die Gespräche mit Freund*innen. TaiChi. Viele Bücher. Einen ausgewogenen Schlafplan.

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Empathie. Keine gesellschaftlichen Grabenkämpfe. Ein wacher politischer Blick. Achtsamkeit im Umgang mit einem selbst und für andere.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die letzten anderthalb Jahre empfinde ich als Zäsur. Ich denke auch, dass wir jetzt vor einem neuen, gesellschaftlichen und persönlichen Aufbruch stehen. Ich finde es wichtig, dass wir eine gemeinsame Sprache finden, die möglichen Spaltungen in der Gesellschaft entgegenwirkt. Vielleicht müssen wir sogar ein neues Vokabular entwickeln, um gemeinsam diese Krise überstehen und Handlungsweisen für zukünftige Krisenzeiten entwickeln zu können.

Kunst und Kultur sind neben Bildung und Sozialwesen tragende Pfeiler des sozialen Zusammenhalts demokratischer Gesellschaften. Die Geschichte zeigt, dass sich in Krisenzeiten Gesellschaften zunehmend polarisieren. Eine diverse Kulturlandschaft ermöglicht es, den Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft zu stärken und sie vor anti-pluralistischen und populistischen Tendenzen zu schützen.

Literatur im Speziellen ist wirksam und kann multidimensionale Perspektiven eröffnen, neue Bilder von Welt erschaffen, komplexe Themen formulieren und Debatten anregen. Sie kann unseren Blick erweitern und neue Räume eröffnen. Ich wünsche mir mehr positiven Umgang mit Vagheit und Komplexität, und auch mehr Freude an diversen, literarischen Stimmen jenseits von Stereotypen und Labels wie z. B. Frauen- oder Befindlichkeitsliteratur. Für das Verlagshaus Berlin und für alle Independent-Verlage wünsche ich mir eine unabhängige Verlagsförderung in Deutschland.

Was liest Du derzeit?

»Dream House« von Carmen Maria Machado (Serpent’s Tail, 2020) – brilliante, kaleidoskopartige Fragmente einer queeren Protagonistin, die über Missbrauch in einer toxischen Beziehung erzählt. In ihren Streifzügen durch verschiedene literarische Genres versammelt sie eine Menge Kompliz*innen um sich, allen voran Zora Neale Hurston, Louise Bourgeois oder Godspeed You! Black Emperor. Lyrische Prosa!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Wir werden sie sammeln müssen, die körperlichen und psychischen Spuren, die sich in uns einschreiben, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht.« Carolin Emcke

(14. April 2020 aus: Emcke, Carolin: Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie, S. Fischer 2021, S. 89)

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Vita:

Andrea Schmidt lebt in Berlin und arbeitet als Verlegerin, Typografin und Lehrende. Seit 2005 führt sie als Mitverlegerin das Verlagshaus Berlin – ein Independentverlag für Gegenwartslyrik und Illustration. 2010 gründete sie »Typografie/im/Kontext«, ein Atelier für Grafikdesign mit Fokus auf Editorial und Corporate Design. Sie interessiert sich für multilinguale Typografie, inklusives Design, hält Vorträge und Workshops im Bereich transkultureller Gestaltung und lehrte Typografie und Designtheorie u. a. an der UdK Berlin, der FH Potsdam, der CAA Hangzhou (China) und der HBK Braunschweig. In dem Projekt »Ampersand Interart« inszeniert sie intermediale Musik- und Literaturprojekte in Form von Licht- und Bewegtbild. (www.typografie-im-kontext.de)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Verlags-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende

Fotos_1,2,6 Charlotte Werndt; 3 Verlagshaus Berlin; 4 Haus für Poesie; 5 Cordula Giese.

10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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