„Soziale Kompetenzen zurückzuerlangen“ Achim Wagner, Schriftsteller _ Berlin 6.1.2022

Lieber Achim, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In den letzten Monaten sah mein Tagesablauf so aus, dass ich mich nach dem Frühstück an den Rechner setzte und als Jurymitglied Bewerbungen für Arbeitsstipendien in nichtdeutscher Literatur las. Das hinderte mich zwar daran, an eigenen Texten und Übersetzungen zu arbeiten, erlaubte mir aber auch einen spannenden Einblick in andere zeitgenössische literarische Sicht- und Herangehensweisen.

Ansonsten hat die Pandemie an meinen Abläufen relativ wenig geändert. Ich arbeite lieber im Gehen als im Sitzen, sprich: eigene Textüberlegungen und die Suche nach übersetzerischen Ansätzen finden meist bei längeren Spaziergängen und Wanderungen statt. Die Arbeit am Schreibtisch ist dem untergeordnet. Während der vergangenen anderthalb Jahre bedeutete das auch, beinahe täglich mit den dystopischen Alltagsbildern der Coronazeit konfrontiert zu sein.

Achim Wagner _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle besonders wichtig ist, lässt sich natürlich nur schwer beantworten, da das von subjektiven Empfindungen und Erfahrungen abhängt und sich sicherlich individuell ganz verschieden ausnimmt. Soziale Kompetenzen zurückzuerlangen fällt mir spontan an. Das Ungewisse nicht zu verdrängen, als solches zu akzeptieren und sich dabei auf das oder die jeweiligen Arbeitsvorhaben konzentrieren zu können (was mir in den vergangenen Monaten bisweilen ziemlich schwer fiel).

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sind ja nicht die schlechtesten Impulsgeber, sowohl gesellschaftlich als auch privat. Neugierig zu sein (oder zu bleiben) und anstehende Veränderungen mitgestalten zu wollen, dürften dabei wesentliche Punkte darstellen. Den Prozess der Veränderung reflexiv zu begleiten, könnte eine zentrale Aufgabe der Gegenwartsliteratur bzw. der Gegenwartskunst werden; Sichtweisen zu hinterfragen, auch sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, aus dem Ungewissen Material für Experimente zu gewinnen, um im besten Fall neue Denkweisen zu entwickeln, Erkenntnisse zu generieren.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Nadeschda Mandelstam – Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe“ (aus dem Russischen übersetzt von Ursula Keller, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2021).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als Textimpuls ein kurzes Gedicht des türkischen Dichters Nâzım Hikmet in meiner Übersetzung:

(24. September 1945)

Das schönste Meer:

                            ist das noch nicht befahrene.

Das schönste Kind:

                            ist noch nicht herangewachsen.

Unsere schönsten Tage:

                            sind die, die wir noch nicht erlebt haben.

Und das schönste Wort, das ich dir sagen will:

                            ist das Wort, das ich noch nicht gesagt habe …

Vielen Dank für das Interview lieber Achim, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Achim Wagner, Schriftsteller

https://de.wikipedia.org/wiki/Achim_Wagner

Foto_Björn Kuhligk

28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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