„Romy Schneider ist ein Mythos“ Lola Lindenbaum, Künstlerin_Station bei Romy Schneider _ Wien 2.1.2022

Lola Lindenbaum, Künstlerin

Herzlich willkommen, liebe Lola Lindenbaum, Künstlerin!

Wir sind hier im traditionsreichen Cafè Prückel an der Wiener Ringstraße. Welche Verbindungen gibt es von Dir zur Wiener Kaffeehauskultur?

Es gibt wunderschöne Kaffeehäuser in Wien und das Cafè Prückel ist eines davon, in dem ich mich besonders wohlfühle.

Lola Lindenbaum _ Be hutsam.Always. 07/21
100×100 Öl,Ölkreide,Spray,Acryl a.LW

Warum ich mich so wohlfühle hier, kann ich jetzt spontan nicht genau dingfest machen, aber es ist die Verbindung von typischer Kaffeehausatmosphäre und Innenarchitektur, die es für mich ausmachen.

Gerade am Vormittag ist auch der Lichteinfall hier besonders.

les étoiles ont des noms
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Das Kaffeehaus ist für mich ein Ort der Kontemplation wie der Zerstreuung.

Ich könnte stundenlang im Kaffeehaus sitzen und einfach Leute beobachten.

Wenn ich mir Notizen im Kaffeehaus mache, Wortfetzen aufgreife, da entstehen oft die besten Ideen.

Ist es auch ein Ort des künstlerischen Austausches?

Ja, man trifft sich gern hier.

Es ist aber auch sehr viel Inspiration im stillen aufmerksamen Dasein im Kaffeehaus. Da ist Weg und Wahrnehmung im Innen wie Außen.

Welche Zugänge gibt es von Dir zur in Wien geborenen Schauspielerin Romy Schneider, deren Todestag sich 2022 zum 40mal jährt?

Romy Schneider ist ein Mythos und sie ist sagenumwoben.

Was mich an Romy Schneider immer schon faszinierte und fasziniert ist diese Zerbrechlichkeit, diese personifizierte Melancholie, auch die Tragik.

Ich liebe ihre Stimme, diese hat etwas kindlich-melancholisches.

Unvereinbare Realitäten produzieren Irritierendes. Um Okkupationsversuchen entgegenzuwirken bedarf es Schneid, Horn und Mucke. @lola_lindenbaum, 2021,
80×100 Öl, Acryl, Ölkreide, Spühfarbe, Collagenelement auf Leinwand

Den ersten Berührungspunkt gab es für mich mit dem Film „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“, den ich mit meiner Großmutter gesehen habe und dieser war ihr Lieblingsfilm.

Ich habe diesen Film dann über die Jahre immer wieder gesehen. Romy Schneider ist da noch in der Rolle des Kindes, die von der Mutter motiviert oder gedrängt wird. Man sieht aber auch da schon ihr Antlitz.

Menschen können Ausstrahlung haben aber ein richtiges Antlitz haben die wenigsten.

Ihre Lebensgeschichte, ihre unerfüllte, widerspenstige Liebe und Liebessehnsucht ist etwas, das ich immer mit Romy Schneider verbinde.

Liebe und Leiden. Man kann sich da immer wieder gut in Romy Schneider hineinversetzen.

Licht und Schatten, von Glanz und Glamour bis zu tragischen Schicksalsschlägen wie dem Tod ihres Sohnes, welcher ihr das Herz gebrochen haben muss, das alles begleitet sie bis zu ihrem frühen Tod.

Romy Schneider versprüht für mich den tragischen Glamour.

Lebensmut 05/21
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Ich habe von meinen Lyrikbänden auch Texte rausgesucht, welche zum Leben Romy Schneiders passen könnten. Ich kann nicht gut vorlesen aber ich versuch`s (lacht) :

Look at me 

Die Empfindung

mein Leben

endlich gefunden

den Höhepunkt erreicht

zu haben

insgeheim

so geheim

dass ich glaube

Ratio würde dieses Gefühl gar nicht durch

die Pforte lassen

da gibt es nichts

zu verstehen

hör mir nicht zu

schau mich einfach an.

Lola Linden, Lyrizismus_2012; Edition Anthrazit_Deutscher Lyrik Verlag

Souveräne Sanftheit

hinter

allen souveränen Bewegungen

erspähe ich das Feingefühl

und empfinde heftige Sehnsucht

nach dem

was hätte sein können

im tiefsten Wesen

die diffuse Erinnerung

dass das Paradies

die absichtslosen Augenblicke

verloren

doch nun ist der Atemzug gekommen

intensiv und total

leben

nicht verpassen

das Nu ist so

wie es sein sollte

Lola Linden, Lyrizismus_2012; Edition Anthrazit_Deutscher Lyrik Verlag

Das nächste Gedicht könnte auf die Liebesbeziehung von Romy Schneider und Alain Delon zutreffen.

Nabel und Herz im Wandel 

dem Gefühl aus Sehnsucht und Erschöpfung

noch nie

einen Namen gegeben

will sich

mein Nabel

beim Totschlagen der Erwartezeit

behilflich sein lassen

vom Herz

es wartet mit

bis es spürt

dass die Tür

geöffnet wurde

in Bewusstheit.

Lola Linden, Lyrizismus_2012; Edition Anthrazit_Deutscher Lyrik Verlag

Sag mir zuerst, was Flaubert damit zu tun hat? 10/21, 140×100, Öl,Ölkreide, Acryl, Spray, Collagenelemente a.Leinwand

Liebe Teil neunzehn –

klebt in der Tendenz

sonst komm ich da niemals drüber hinweg

keineswegs

nicht im Geringsten

niemals also

die Zeit klebt

und ich hänge fest in der Tendenz

zu den Bösen unter den Gemeinen

sage ich

und spüre doch anders

ich wusste

eines Tages

würdest du mich verletzen

ich hoffte nicht so bald

dass es nicht so schmerzt

dass das Herz nicht so krankt

an Leere unrettbar verloren

das Ende war schon im Anfang enthalten

als der Wind alles davontrug

deinen Geruch

deine Stimme

deine Nähe

Liebe ausgesprochen

lieber ausgesprochen glücklich und dann

unglücklich

als gar nicht.

Lola Linden, Liebe In Zwanzig Teilen, 2012

Vielen Dank für Deine wunderbaren Gedichte und Deine großartige Lesung!

Eine Kaffeehauslesung (lacht)

Spezielles,.12/21,
120×80, Öl,Ölkreide,Acryl a.textilisiertem Holzrahmen

Du verbindest in Deiner Kunst verschiedenste Genres in Experiment und Innovation. Wie ist es für Dich als Künstlerin immer wieder neue Wege zu gehen bzw. Wege zu verbinden?

Es ist der Anspruch mich selbst zu überraschen, auszutesten als Künstlerin.

Ich wechsle Medium, Methodik, Sujets, da ergibt sich einfach Neues.

Das in verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist eine Form der Lebendigkeit und ganz wesentlich. Da entdecke ich neue Seiten an mir.

anachronistisches Techtelmechtel, 08/21,
140×70, Öl,Ölkreide, Acryl, Collagenelemente a.textilisiertem Keilrahmen

In verschiedenen Rollen kann ich neu, anders auf die Welt zugehen.

Gibt es weitere Filme von Romy Schneider, die Dich begeistern, inspirieren?

Ja, natürlich, etwa „Swimming Pool“, ein Klassiker, den ich sicherlich 20mal gesehen habe – ein Kunstwerk immer wieder aufs Neue.

„Swimming Pool“ ist von seiner Stimmung filmisch unübertroffen.

Es gibt ja auch Neuverfilmungen von „Swimming Pool“, aber das Original mit Romy Schneider, Alain Delon, Jane Birkin ist da nicht erreicht.

Dieser Film ist nicht nachzunahmen, auch in seinen vielen Details, etwa dem Grillenzirpen, welches im Sommer immer wieder an den Film denken lässt.

Apropos, da hätte ich auch ein Gedicht dazu (lacht). Ich habe es mir für das Interview markiert:

den Sommer suchen

nichts anderes tun

reglos in der Sonne liegen

warten ohne zu warten

nichts passiert

das gefürchtete Nichts

doch es war nicht so schlimm wie erwartet

habe das Nichts also abgepasst

und auch das Alles

in den Horizont starren

flimmernde Unendlichkeit

die Grenzen fließen

wo höre ich auf wo fängst du an

nichts wird alles

ich verschmelze mit

allem

sonst nichts.

Lola Linden, Liebe In Zwanzig Teilen, 2012

Ich habe heute morgen im Zusammenhang von „Swimming Pool“ an dieses Gedicht gedacht. Es symbolisiert für mich die Stimmung des Films.

Mit Romy Schneiders Filmpartner in Swimming Pool Alain Delon verband die Schauspielerin auch eine Liebesbeziehung. Sie haben sich in Wien beim Filmdreh zu „Christine“ (1958) kennengelernt und eine große wie tragische Liebe nahm da ihren Anfang.

Wie siehst Du Romy Schneider als Liebende?

Da ist viel unerfüllte Sehnsucht, die auch in den Filmen wie Interviews zu sehen, spüren ist.

Romy Schneider hat kurz vor ihrem Tod ein ausführliches Interview in Quiberon (F) gegeben, in dem sie auch über ihre Kindheit, Jugend, ihr späteres Privatleben offen sprach.

Romy Schneider war eine Projektionsfläche männlicher Begierde von Jugend an. Ihre Liebe blieb unerfüllt.

Die Todesursache „Herzversagen“ bei Romy Schneider hat auch eine symbolische Aussage.

Zum Abschied winke ich mit dem Wedel. Auf diese Reise gehst du ohne mich. 03/21,
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Romy Schneider arbeitet in „Swimming Pool“ nach der gescheiterten Beziehung wieder mit Alain Delon zusammen. Wie ist diese Trennung von Kunst und persönlichem Schmerz, Trauer möglich?

Möglicherweise waren sie zu diesem Zeitpunkt schon freundschaftlich verbunden. Als Künstlerin/Künstler ist der Rollenwechsel ein Teil des Berufes und man trennt da Biografisches.

Romy Schneider ist in Wien geboren und hat hier in jungen Jahren ihre ersten Filme sehr erfolgreich gedreht. Was kannst Du Wienerisches an Romy Schneider erkennen?

In ihren ersten Filmrollen in den 1950er Jahren sind natürlich die Typologie des  „süßen Wiener Mädels“ und das „Sisi Klischee“ bestimmend. Sie hat dann gekämpft, dies abzustreifen und hat sich wie ein Schmetterling aus dem Korsett dieser Rollenbilder herausgeschält. Das ist ihr sehr, sehr gut gelungen.

Sie findet dann als Schauspielerin in Frankreich in beeindruckender Weise künstlerisch zu sich selbst.

Als Schauspielerin zeichnet Romy Schneider eine Internationalität aus.

Romy Schneider wird in eine Schauspielfamilie geboren, vor allem väterlicherseits in die große Wiener Albach-Retty Tradition. Wie kann es da gelingen einen eigenständigen Weg künstlerisch zu gehen?

Das ist ihr beeindruckend und nicht selbstverständlich gelungen.

Mit so bekannten dominanten Eltern, die in der Filmbranche der Zeit einen klingenden Namen hatten, wenn man sich da emanzipiert und etwas Eigenes macht, bedarf es schon einer großen Eigenständigkeit.

Romy Schneider ist ein Mythos.

Viele Schicksalsschläge erschütterten das Leben Romy Schneiders. Kann Kunst da eine Hilfe, Stütze sein?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Aber der Selbstmord ihres Ex-Mannes, der Tod ihres Sohnes, da kann man sich als Außenstehende nicht reinversetzen, dies wäre anmaßend.

Kunst kann mildern, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man an solchen Schicksalsschlägen wie jenen bei Romy Schneider zerbrechen kann.  

Verändern Schicksalsschläge auch den persönlichen Weg der Kunst, auch zu den Grenzen darin?

Sicherlich, der Fokus und die Sicht auf Dinge, was ist wesentlich was ist nicht wesentlich, verändert sich.

Kunst ist der Weg, das auf das Papier, die Mal- und Filmleinwand zu bringen, was wesentlich ist.

Kunst stellt immer die Frage was ich berühren will. Und was ich auslassen will.

Schicksalsschläge verändern den Fokus der Berührung wie der Auslassung in der Kunst.

Die Lücke, die Auslassung sind wesentliche methodische Elemente der Kunst.

Die Lücke macht es aus (lacht). Das Wort kommt ja etymologisch von Glück (lacht).

Die Auslassung ist in der Lyrik die Quintessenz. Das unterscheidet auch die Lyrik von anderen Literaturformen, weil der Sinnzusammenhang ganz wesentlich mit der Form verbunden ist.

Das Ganzheitliche wie Spielerische sind in der Lyrik faszinierend.

Wie vollzieht sich dieser Entscheidungsprozess der Auslassung, Lücke?

Ich schreibe nicht regelmäßig. Wenn ich schreibe, ist es ein flow und ich habe da auch eine Lust darauf, die Lücke zu finden. Wo wird es skurril? Wo beginnt der Wortwitz?

Schreiben ist auch ein Antizipieren von glücklichen Erwartungen im Lesen. Das macht mir sehr viel Spaß.

Schreiben ist für mich etwas Spielerisches. Das ist die wesentlichste Komponente und ich freue mich selbst, wenn ich mit Worten spielen darf.

Wie kann es gelingen glücklich zu werden und Glück mittels des Setzens wie Annehmens von Lücken, auch tragischen wie bei Romy Schneider, festzuhalten?

Ich glaube, dass wenn man sehr intensiv leiden kann, kann man auch ganz tiefe Glücksmomente erleben.

Bei Romy Schneider gab es nichts Lauwarmes, keine Mittelmäßigkeit, da ist alles sehr polar.

Auf Fotos von ihr ist viel Melancholisches, Trauriges aber auch viel Glück zu sehen.

Jedes Fotos von ihr hat Ausdruck.

Romy Schneider wurde oft interviewt. Auch heute ist dies natürlich ein Element eines Künstler*innenlebens. Welche Bedeutung haben Interviews für Dich?

Es kommt natürlich auf das Gesprächssetting an, das Gegenüber – wem ich erzähle ich etwas, wo öffnet man sich, wie ist die Situation?

Wenn ich über meine künstlerische Tätigkeit erzählen kann, bin ich sehr offen. Das mache ich gerne und erzähle, was mich bewegt, was mich antreibt.

Ich spreche gerne über Details des künstlerischen Prozesses wie ich etwa eine Leinwand herstelle, mit Materialien experimentiere oder Asche über Bilder streue oder diese im Garten eingrabe. Es ist vielfältig und es gibt viel zu erzählen, wenn es interessiert (lacht).

Was sind Deine derzeitigen künstlerischen Projekte?

Mich interessiert nach wie vor das Spannungsfeld von abstrakten und figurativen Elementen.

Ich male jetzt wieder farbenfroher als vor einem Jahr.

too rarely we are gazing out of the window, version 21,
Öl, Ölkreide, Acryl a.LW 100×100
Zeit für pure Synapsenschlüsse 86x73cm 2021
Öl, Ölkreide, Spray,Acryl a.collagierter Kartonage, gerahmt

Ich habe jetzt viel Großformatiges gemalt.

Caffè Wunderbar, 01/21,
120×80, Ölkreide, Acryl, Asche a.textilisiertem Keilrahmen

Menschen kommen in meinen Bildern fast immer vor. Es ist ganz selten, dass ich Bilder male, auf denen sich kein Mensch befindet. Weil das doch oft auch der missing link ist (lacht).

Sag mir zuerst, was Flaubert damit zu tun hat? 10/21,
140×100, Öl,Ölkreide, Acryl, Spray, Collagenelemente a.Leinwand

Collagen als Gesamtbild sind ebenso eine wesentliche Form. Ich habe jetzt auch viele Zeitungen aus unterschiedlichen Epochen für meine Collagen gekauft. Das ist sehr spannend im Prozess des Ausschneidens. Etwa bei den Werbungen verschiedenster Epochen. Wie waren die Claims damals, wie sehen sie heute aus? Ich arbeite sehe gerne mit diesen Claims und da kommen oft sehr skurrile Dinge heraus, die mich dann wieder überraschen (lacht).

Deine Bilder faszinieren in Ausdruckskraft, Vielfalt und Hintergründigkeit. Sie umfangen und ziehen in der Betrachtung, filmähnlich, sehr stark hinein. Ist dies auch eine Intention in Deinem Kunstprozess?

Grundsätzlich ist Kunst für mich ein Antrieb und Drang es zu tun.

Im Entstehungsprozess kommt das Bild gleichsam aus mir heraus.

Das Feedback und der Dialog danach sind für mich sehr spannend.

Sehr gerne verstecke ich in einem Bild Elemente, die personenbezogen sind. Ich bin dann neugierig und oft überrascht wie die Reaktionen darauf sind.

Es gibt einen bestimmten Bildwitz, und damit zu spielen, im Dialog mit den Betrachtenden, ist sehr spannend.

Das Erschaffene und das Sehen haben ein Verbindungselement. Es schließt sich ein Kreis und die scheinbare Beiläufigkeit ist dann keine.

Es ist immer eine Dynamik zwischen Kunstschöpfung und Betrachtung. Und es ist ein Geheimnis, man kommt nie ganz dahinter.

Ich mag die spielerische Komponente im Werk.

Du lebst in Wien und Niederösterreich. Arbeitest Du künstlerisch an beiden Orten?

Ich arbeite künstlerisch mittlerweile ausschließlich in meinem Atelier in Niederösterreich. Ich kann die Welten gleichsam so besser trennen.

Meine Kunst ist intensiv im Entstehungsprozess. Ich schütte die Farbe etwa und brauche grundsätzlich einen Raum, wo ich nicht sorgsam sein muss und keine Angst haben muss mit bemalten Fingern wo hinzugreifen (lacht). Da muss ich werken können und brauche Raum. Diesen Raum habe in Niederösterreich.

In Wien bin ich auch beruflich in einem anderen Setting. Ich sammle mir da gleichsam die künstlerische Energie und wenn ich aufs Land fahre, sprudelt dies heraus (lacht).

Mein Mann hat einmal an einem Samstag auf die Uhr geschaut und ich war da neun Stunden im Atelier und bin nur einmal kurz raufgegangen, um einen Tee zu trinken (lacht). Da gibt es keine Zeit zu verlieren, es muss dann raus (lacht).

Wie vollzieht sich dieser intensive künstlerische Arbeitsprozess persönlich?

Ich kann nicht mehr aufhören.

Ich denke zwischendurch jetzt ist mir kalt oder ich ziehe mich um, aber ich muss das dann durchziehen, um ein Befriedigungsgefühl zu haben.

Das größte Befriedigungsgefühl ist, wenn ich am Abend mein Werk sehe und mit mir zufrieden bin, mit dem, was ich aus mir herausgelassen habe. Das ist extrem befreiend und dann kann ich andere Dinge tun (lacht). Kann ich gemütlich in ein Lokal oder Kaffeehaus gehen oder einen Film sehen. Aber vorher muss ich mit mir selbst ins Reine kommen und das funktioniert über die Malerei. Mein Leben ein bissl ordnen, scheinbar zumindest (lacht).

Du hast für Romy Schneider den Begriff des Antlitzes verwendet. Was macht für Dich ein Antlitz aus und hebt es hervor?

Ein Antlitz hat eine Tiefe. Es ist mehr als das Gesicht.

Ein Antlitz hat ein gewisses Leuchten, das sich durch das Medium der Fotografie, des Filmes durchspüre, weil es durchscheint.

Bei einem Antlitz liegt einfach mehr dahinter. Hinter den Augen, wie immer man das beschreiben möchte.

Ein Antlitz wird heute immer seltener.

Umso mehr die Bilderflut heute zunimmt, umso kostbarer sind Antlitze, weil sie kaum vorhanden sind.

Wenn ein tiefer Gesichtsausdruck nicht Zufall, sondern wiederkehrend ist, dann würde ich sagen, diese Person hat ein Antlitz.

Romy Schneider ist für mich das personifizierte Antlitz.

Ist ein Antlitz bleibend oder kann es sich verändern?

Es kann sich verändern.

Meine Theorie ist, dass sich Geschichten, die wir erleben, auf das Gesicht legen.

Das Gesicht, die Ausstrahlung verändert sich durch die Lebensumstände, die Erfahrungen, die man macht und daher verändert sich auch ein Antlitz.

Bei Romy Schneider war das Antlitz das Unverwüstbare.

Ende der 1970er, Anfang der 1980er hat das Leben Romy Schneider gezeichnet. Das Strahlen verschwindet und man sieht die Geschichten, die sich auf das Gesicht legen.

Das ursprüngliche Gesicht, wie es gedacht war – wie etwa bei der Klarheit kindlicher Gesichter – das scheint bei einem Antlitz immer wieder durch. Auch wenn die Person sich verändert, physiologisch verändert, scheint es durch. Das kann man durchblitzen sehen. Das ist altersunabhängig.

Erni Mangold hat etwa auch ein Antlitz. Es gibt mehrere, aber sie fällt mir jetzt spontan ein. Senta Berger zum Beispiel auch.

Oder Lola Lindenbaum.

(lacht) danke.

Romy Schneider und die Mode. Wie siehst Du ihren Stil, Stilwandlungen?

Da ist Eleganz fernab von jeder Protzigkeit. Eine sehr subtile Eleganz.

Zunächst vollzieht sie einen Imagewandel in der Abkehr vom süßen Wiener Mädel und dann sind die französischen Einflüsse erkennbar.

Sie hat etwa gerne Rollkragenpullover getragen und da einen späteren Modetrend antizipiert, war da ihrer Zeit voraus.

Ihren inneren Wandel vom süßen Wiener Mädel wollte sie auch nach Außen zeigen.

Sie legt ein sehr mondänes Modeverständnis an den Tag und ist da sehr französisch.

Und sie hat eine wunderschöne Stimme. Dieses Monotone, Melancholische, Mädchenhafte.

Vielleicht ist diese Klangfarbe ihrer Stimme auch etwas typisch Wienerisches?

Möglicherweise.

Was hat Dich heute in Deiner Kleiderauswahl zum Fotoshooting „Station bei Romy Schneider“ angeleitet?

Ich wollte verschiedene Facetten zeigen, die Romy Schneiders Leben begleitet haben.

Einerseits das Mondäne in Materialien, die weich und fließend sind, das Mediterrane auch, „Swimming Pool“ (lacht), anderseits auch die Kopfdeckungen. Romy Schneider hat gerne Hüte getragen. Auf vielen Fotos trägt sie auch ein Halsband.

Mäntel mit Gürtel sind für mich auch etwas sehr französisches. Der Trenchcoat gehört für mich zu Alain Delon (lacht).

Die Stiefel habe ich eher flach gewählt, weil sie auch da modisch sehr subtil agierte.

Gedeckte Farben, das passt auch gut zum Cafè Prückel.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Romy Schneider hier sitzt. Dies wäre absolut nicht abwegig.

Der Begriff des Antlitzes trifft auch architektonisch auf das Cafè Prückel zu. Da ist nichts getrickst. Alleine die Luster und die Farbe und der Samt. Ich habe die Haptik von Samt sehr gerne.

Romy Schneider war eine hocherotische Frau und Projektionsfläche. Sie ist mit großer Nonchalance damit umgegangen, auch modisch. Immer selbstbewusst.

Darf ich Dich abschließend zu einem Achrostikon zu Romy Schneider bitten?

Rar – sie ist unnachahmlich, nicht imitierbar. Das ist sehr, sehr rar.

Ortsunabhängig– ich würde sie keinen Ort zuordnen oder sie damit verketten.

Mild– sie hat etwas sehr Zartes, Mildes, etwa in ihrer Stimme.

Y  –

Y ist natürlich ein besonders schwieriger Assoziationsbuchstabe. Aber etwas offenzulassen, gehört ja vielleicht auch zu Romy Schneider.

(lacht)

Wenn Lola Lindenbaum im Cafè sitzt, was gehört da dazu?

Das kommt auf die Tageszeit an. Ich bin gerne vormittags im Cafè und trinke da gerne einen Kaffee mit viel Milch. Es gibt auch sehr gute Kuchen hier, den Birnenkuchen etwa, das mag ich auch sehr gerne.

Wenn ich abends ins Cafè gehe, hier gibt es ja auch Klaviermusik, das ist eine ganz besondere Atmosphäre, hat etwas von einer Bar-Atmosphäre, sehr schön. Und am Abend trinke ich dann einen Wein. Da ist es vorbei mit dem Kaffee (lacht).

sedersi
80×120 Öl, Ölkreide, Acryl Collagenelement a.textilisiertem Holzrahmen 2021
Lola Lindenbaum, Künstlerin

Herzlichen Dank, liebe Lola, für Dein Kommen und Deine Zeit in großartiger Wort/Porträt/Performance wie die wunderbare Vorbereitung und Auswahl der Kostüm- und Requisitenvariationen wie Deine Lyrik-, Bildauswahl und Dein Interview jetzt zum Thema Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien  +Paris 1982).

Liebe Lola, viel Freude und Erfolg für alle Kunstprojekte 2022!

2022_Gedenkjahr_40.Todestag _Romy Schneider_

im Gespräch, Fotoporträt/Performance:

Lola Lindenbaum, Künstlerin

http://www.lolalindenbaum.com/de/

Interview und alle Fotos_Porträt/Performance _Walter Pobaschnig _Wien.

Alle Bilder_Lola Lindenbaum_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Cafè Prückel_Wien.

Walter Pobaschnig 12_21

„dass wir uns in Liebe begegnen, dass wir gemeinsam lachen“ Anna Kramer, Schauspielerin_Wien 1.1.2022

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Also, ich stehe pünktlich um 6:30 auf und gehe joggen. Nach dem Duschen trinke ich einen Kaffee und lese oder schaue Nachrichten. Dann gehe ich entweder zur Probe oder ich arbeite zu Hause an meinen Projekten: u.a. Buch schreiben, Konzepte entwickeln, über neue mögliche Formate brainstormen usw….Ne Scherz!!! So ist das natürlich nicht:) Mein Tagesablauf ist immer anders. Und das ist etwas wofür ich sehr dankbar bin. Ich könnte sehr schwer damit umgehen, wenn es 365 Tage im Jahr die gleiche Abfolge wäre:) aber ich versuche in jeden Tag eine größere oder auch kleinere Menge an Sport zu packen, eine Riesenportion Spaß und gaaaaanz viel Liebe:) und das auch ganz besonders jetzt, in dieser neuen Zeit, die so Vieles verändert hat.

Anna Kramer, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass es für jeden von uns sehr wichtig ist dankbar zu sein. Dankbar darüber was wir haben. Schon jetzt haben. Und nicht immer mehr zu wollen. Und dadurch vielleicht nie im Moment zu sein. Und ich glaube, dass das so wichtig ist – im Moment zu sein. Nicht die Vergangenheit oder die Zukunft leben. Jetzt. Das Jetzt ist so entscheidend.

Ich würde mir wünschen, dass wir alle mehr Demut hätten vor der Natur, vor unserem wundervollen Planeten, auf dem wir doch nur Gäste sind für eine kurze Zeit. Ich würde mir wünschen, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen könnten. Alle Menschen. Wie schön wäre das denn! Ich denke das wäre wichtig. Aufhören zu glauben, dass man etwas Besseres ist. Aufhören, den Planeten auszubeuten und alle Lebewesen, die darauf sind. Ich finde wichtig, dass wir uns in Liebe begegnen und respektvoll miteinander umgehen. Und besonders wichtig ist, dass wir gemeinsam lachen.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei
dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ja ein Neubeginn könnte es sein… Aber ist das denn wirklich so? Manchmal habe ich das Gefühl, der Mensch, in der Masse, ist unwillig dazuzulernen. Ich habe das Gefühl, dass sich alles im Kreis dreht, wieder und wieder. Es wiederholt sich, solange bis es nicht mehr weitergehen wird…

Welche Rolle die Kunst dabei spielen wird? Ich glaube, dass die Kunst, unter anderem dafür da ist, eine Gesellschaft oder gesellschaftliche Umbrüche zu spiegeln. Und in dem sie sie reflektiert, könnte sie dazu beitragen, dass die Menschen beginnen zu verstehen, sich wiedererkennen und vielleicht ein bisschen beginnen selbst zu reflektieren. Sie könnte ein Vermittler sein zwischen all den unterschiedlichen Welten und Anschauungen. Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass sie Nähe vermitteln kann. Dass sie dazu beitragen kann, dass wir endlich die Augen öffnen und beginnen Verantwortung zu übernehmen. Dass Populismus, Rassismus, Fremdenhass, Ausgrenzung, Mobbing, nicht ein ganz normales Erscheinungsbild bleiben in unserer heutigen Gesellschaft. All das kann die Kunst, in welcher Form auch immer vermitteln. Und das kann sie nicht nur, das muss sie. Sie kann so viel, die Kunst, aber doch nur wenn sie frei ist. Und das ist für mich persönlich der wesentlichste Bestandteil der Kunst, die Freiheit. Die Freiheit alles sein zu können und alles benennen zu können. Ohne Angst. Das Theater/ Schauspiel/die Kunst hat einen großen Auftrag und gleichzeitig darf sie sich nie zu ernst nehmen.

Was liest Du derzeit?

„The forty rules of love“ von Elif Shafak


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„No matter who you are, no matter where you come from, you are beautiful“
Michelle Obama

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Anna Kramer, Schauspielerin

http://www.annakramer.eu/Anna_Kramer_Schauspielerin.html

Foto_Jeanne Degraa

26.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ein wenig mehr Stille, Vernunft und weniger Geschrei täte der Welt gut“ Isolde Schmitz, Künstlerin_ Weinähr/D 31.12.2021

Liebe Isolde, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meist wache ich sehr zeitig auf und seit ich eine kleine OP hatte, habe ich mir tatsächlich angewöhnt, mit dem iPad im Bett zu frühstücken. Inzwischen schaffe ich das fast ohne Krümel … Dort lese ich dann meine Nachrichten auf den Sozialen Netzwerken und schaue, was sonst noch so in der Welt passiert ist.

Danach mache ich Frühstück für meinen Sohn und bin für ihn da, bis er auf dem Schulweg ist. Tagsüber lerne ich und versuche Ideen für meine Selbstständigkeit im Bereich Grafik-Design und mein Portfolio zu entwickeln, an meiner Webseite zu arbeiten – und im besten Fall schaffe ich etwas Kunst. Vielleicht sollte ich die Reihenfolge umkehren? Ich glaube, das ist eine gute Idee. Manchmal nehme ich mir zu viel auf einmal vor und dann schaffe ich im schlechtesten Fall gar nichts…

Bis ich damit fertig bin, ist meist schon Nachmittag, dann muss ich ein wenig haushalten, Kochen für meinen Sohn, wenn er aus der Schule kommt und gemeinsam laufen wir dann mit unseren Hunden. Falls ich abends nicht zu müde bin, mache ich das gleiche wie morgens …

Isolde Schmitz, Künstlerin, Grafik-Designerin

Ich bin sehr froh, dass ich im Moment die Möglichkeit habe, meinen Tag, meine Zeit, meine Arbeit, so zu gestalten. Doch ich habe große Existenzangst, was die Zukunft betrifft, die mich allzu oft lähmt.

2020 habe ich meinen freiberuflichen Weg in die Kunst und in die Selbstständigkeit begonnen, ermutigt von ein paar Menschen, denen ich sehr dankbar dafür bin. Es freut mich, wenn Menschen das berührt, was ich mache. Wohin genau mich dieser Weg führt – ich weiß es nicht. Bis jetzt kann ich nicht davon leben und ich bin ganz am Anfang mit meinem Schaffen. Auf jeden Fall ist es ein Aufbruch.


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein wenig mehr Stille, Vernunft und weniger Geschrei täte der Welt gut. Wahre
Freiheit liegt ohnehin in uns selbst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Während der letzten Zeit haben sich interessante neue Tendenzen sowohl auf dem Kunstmarkt selbst entwickelt als auch in der Zusammenarbeit und im Austausch zwischen den Künstlern. Virtuell und online haben sich bisher nicht gekannte oder weniger genutzte Möglichkeiten aufgetan. Zum Beispiel das Thema NFT ist sehr spannend, ob man das mag oder nicht. Kunst ist zugänglicher geworden, finde ich. Eine für mich sehr schöne Möglichkeit ist das Zeichnen nach Modell per Zoom Meeting – zusammen mit Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt. Sozusagen Kunstmomente, die verbinden.

Über Kunst im allgemeinen ist schon so viel gesagt und geschrieben worden. Für mich ist es in erster Linie die Auseinandersetzung mit meinem eigenen Dasein. Sie schafft Harmonie und Ästhetik oder rüttelt auf, schafft Chaos oder Ordnung, lenkt die Gedanken und schenkt neue Blickwinkel … inspiriert und tröstet. Manchmal lässt sie zweifeln. Bisweilen hilft sie, der Wirklichkeit zu entfliehen und in andere Welten zu tauchen. Rückzug und Konzentration. Wahrnehmung vor allem – Wahrnehmung der Welt und der Menschen.


Was liest Du derzeit?

Früher habe ich mehr gelesen – die letzten Jahre hat mich meine eigene Geschichte davon abgehalten, zum Beispiel Romane zu lesen. Was ich sehr mag, ist Prosa und Lyrik. Ansonsten Fachbücher und Bücher über Kunst. Angefangen habe ich Kurzgeschichten zu lesen – „Skandalös – Das Leben freier Frauen“ von Cristina de Stefano. Das ist sehr berührend. Demnächst möchte ich „Das Zeitalter des Lebendigen“ von Corine Pelluchon lesen. Ein ganz wichtiger Denkansatz für mich.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Wenn ich es in Worten sagen könnte, gäbe es keinen Grund zu malen.” Edward Hopper – das kann ich gut nachempfinden. Andererseits finde ich genau diese Verbindung – die Symbiose zwischen Wort und Bild, sehr spannend. Das Leben ist voller Widersprüche und es wichtig, Licht und Schatten zu sehen. Und die Zwischentöne. In allen Dingen des Lebens.

Vielen Dank für das Interview liebe Isolde, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Isolde Schmitz, Künstlerin, Grafik-Designerin

Foto_privat.

28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir kämpften um den Erhalt des Hauses“ Peter D. _ Ungargasse _ Wien 31.12.2021

Ungargasse, Wien „Ivan“ Haus _ um 1980_
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann

Im Jahre 1981 stand ein Abbruch des Hauses, in dem Ingeborg Bachmann im Roman „Malina“ (1971) den Hauptschauplatz ansiedelte, im Raum. Eine beherzte Initiative der Hausbewohner*innen wie auch eines Kulturnetzwerkes setzte sich schließlich erfolgreich für den Erhalt des „Ivan“ Hauses ein.

Herr Peter D., bis heute im Haus wohnhaft, stellte die Fotos der damaligen Initiative in ihrer vielfältigen Sichtbarmachung und Solidarität der Hausgemeinschaft zur Verfügung.

Danach erfolgte ein Eigentümerwechsel und eine Renovierung des Hauses.

Lieber Herr D., herzlichen Dank für diese besonderen Einblicke in die nicht nur literarisch bewegte Hausgeschichte!

Ihnen und Ihrer Gattin Gesundheit und alles Gute!

Das Ehepaar D. (links) mit Schauspielerin Eva-Maria Neubauer _
8_2020

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _

Alle Fotos_Ungargasse _ 1981: Peter D.

Foto_Ehepaar D._Eva Maria Neubauer, Schauspielerin: Walter Pobaschnig

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

„Es braucht ein gutes Miteinander. Und ich glaube, dass Theater das bieten kann“ Angela Ahlheim, Schauspielerin _ Wien 31.12.2021

Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen festen Tagesablauf in dem Sinn habe ich nicht, einerseits weil ich als Schauspielerin immer zu unterschiedlichen Zeiten arbeite und andererseits, weil die Pandemie natürlich das Konzept eines Tagesablaufs nochmal enorm veränderte. Aber konkret war ich bis vor Weihnachten in Deutschland auf Tour mit einem Theaterstück, und war sehr froh über diese Möglichkeit, denn in Österreich war zur gleichen Zeit wieder Lockdown. Allerdings wurden viele Vorstellungen abgesagt, sodass ich relativ viel ungeplanten Leerlauf hatte. Dafür habe ich mir eine eigene Struktur gebastelt, mit Sprechtraining, Schreiben, Singen, sodass ich trotzdem regelmäßig trainiere. Außerdem versuche ich, freie Zeit zu nutzen, um Neues zu lernen. Seit 168 Tagen lerne ich Arabisch und seit 34 das Zehnfingersystem.

Angela Ahlheim, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn es etwas gibt, das für uns alle besonders wichtig ist, dann ist es vielleicht eine gewisse Art der Ausdauer. Seit fast zwei Jahren müssen die meisten Menschen auf sehr vieles verzichten, mal mehr und mal weniger. Das kann man ja mal machen. Aber es fühlt sich schon sehr lange an und obwohl ich ein geduldiger und genügsamer Mensch bin, gibt es Momente, in denen mich der Mut verlässt und mit ihm die Freude. (Das muss auch mal gesagt werden) Ich denke, wir brauchen all das, was der Mensch immer braucht, nur in größeren Mengen… Perspektive, gute Gesellschaft, eine Aufgabe, eine Leidenschaft – die Liste ist natürlich sehr lang.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich würde es nicht Aufbruch nennen, aber massive Veränderungen, die immer deutlicher sein werden. Gerade bei der jungen Generation sieht man, dass die Pandemie viel verändert und auch viel Schaden angerichtet hat. Distanz ist etwas, das verinnerlicht wurde. Damit werden wir alle umgehen müssen, und dazu braucht es ein gutes Miteinander. Und ich glaube, dass Theater das bieten kann.

Kunst gilt als Indikator für das Funktionieren einer Gesellschaft; aus Kunst kann man lesen, welche Themen pulsieren, wo weggeschaut wird, wer sich in die Enge getrieben fühlt. Sie kann uns andere Perspektiven zeigen, uns eine Möglichkeit der Identifikation geben und uns auch einfach unterhalten.

Ich bin davon überzeugt, dass uns das Leben besser gelingt, wenn wir Augen und Ohren nutzen, um einander wahrzunehmen, um hinzuschauen und zuzuhören; Und um zu lernen, dass es immer auch eine andere Perspektive gibt. Das sind Dinge, die man im Theater sehr direkt erfahren kann.

Was liest Du derzeit?

Ich lese momentan „Die verborgene Sprache der Blumen“, einen Roman über eine faszinierende junge Frau, der aufzeigt, wie sehr wir geprägt sind durch das, was uns widerfahren ist und dass es sehr viel Anstrengung kostet, aber möglich ist, sich von dem ein Stück weit zu befreien. Und dass es einfacher ist, wenn man Menschen um sich hat, die einen dabei unterstützen. Außerdem lese ich ein Buch über Gewohnheiten – als Versuch, der Unbeständigkeit, die ich beruflich erlebe, die Stirn zu bieten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug {…} Und immer wieder nur an den nächsten. {…} Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”

Angela Ahlheim, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke auch.

5 Fragen an Künstler*innen:

Angela Ahlheim, Schauspielerin

https://www.angela-ahlheim.com/

Fotos_ 1,2 Barbara Pálffy; 3 Habibe Idiskut.

28.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„There is a good time coming. Be it ever so far away“ Ellen Dunne, Schriftstellerin _ Dublin 30.12.2021

Liebe Ellen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ellen Dunne, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Liebe und das Miteinander. So wie schon immer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Abstand gewinnen, den Blick öffnen, Verständnis erzeugen und über die geteilte Freude an (egal wie umgesetzten) Geschichten neue Verbindungen schaffen. Idealerweise das.

Was liest Du derzeit?

Wie meistens so einiges parallel. Auf Papier „Der Brand“ von Daniela Krien und „Selbst der beste Plan“ von Séamus Ó Grianna; am E-Reader „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway, und als Hörbuch „Von hier bis zum Anfang“ von Chris Whittaker im englischen Original. Und das beste daran – alle gefallen mir bisher sehr!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine universelle Wahrheit, die auf einem Schild an der Außenwand eines Dubliner Pubs hängt und mich immer tröstet:

There is a good time coming. Be it ever so far away.

Vielen Dank für das Interview liebe Ellen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ellen Dunne, Schriftstellerin

Homepage

Foto_Orla Connolly

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„art is in people’s daily life“ Bety Pujol Cajal, choreographer and dancer _ Wien 30.12.2021

Dear Bety, what is your daily routine now?

My routine depends a lot on my projects, it is almost never the same, but I usually try to wake up early to organize my day while having breakfast. Then I study and work on my projects and then train and / or rehearse and then go home to cook and have time with my partner.

Bety Pujol Cajal,
Contemporary dance choreographer and dancer, Pilates instructor, graphic designer and student of cultural management and communication

What is particularly important to all of us now?

A complicated question to answer, if we refer to the current situation I think that each person has the beliefs and knowledge of it to make their decisions, which does not allow me to generalize and give a subjective opinion of what everyone needs to do. I can only say that we need to be aware of taking care of ourselves and our loved ones, whatever the decision we make regarding the pandemic, we must be aware that something is happening in the world and it is up to us as a society to get ahead, not to blame the other for what he does or does not do, we must evaluate what we are doing or not doing ourselves.

We will all now face a new course and a new beginning, both socially and personally. What will be essential and what role will art play in this?

Whether society accepts it or not, Unconsciously, art is in people’s daily life. Listening to music, singing, dancing, reading every time we want to express our emotions in some unconventional way we are making art. The role of art for the emotional aspect is incredibly necessary. Art offers a psychological prevention mechanism. It allows exposure to fear and anxiety situations, gives us models to express emotions and favors empathic contact with others, helping interaction with others and emotional understanding of oneself.

What are you currently reading?

Creativity, S.A by Ed Catmull

What quote, what text boost would you like to give us?

The antidote to fear is having the confidence that if you make mistakes you will know how to fix them.

Bety Pujol Cajal,
Contemporary dance choreographer and dancer, Pilates instructor, graphic designer and student of cultural management and communication

Thank you very much for the interview, dear Bety, joy and success for your great dance-, art projects – all the best for you!

Thank you!

5 questions on artist:

Bety Pujol Cajal _ Contemporary dance choreographer and dancer, Pilates instructor, graphic designer and student of cultural management and communication

Fotos_Bety Pujol Cajal.

27.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Glück ist für sie das Gesehenwerden“ Lara Bumbacher, Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina _ Wien 29.12.2021

Herzlichen Willkommen, liebe Lara Bumbacher, Schauspielerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse, 1030! Vielen Dank für Dein Kommen und die Teilnahme an diesem Projekt zum Romanjubiläum!

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Du bist in der Schweiz geboren und aufgewachsen wie der Schriftsteller Max Frisch, der ja mit der Autorin des Romans Malina, Ingeborg Bachmann, liiert war. Diese Beziehung scheiterte. Du hast kürzlich darüber gelesen?

Ich habe Auszüge aus „Male oscuro“ (Ingeborg Bachmann, Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe _Salzburger Bachmann Edition, 2017.) gelesen. In diesen Texten, Fragmenten verarbeitet Ingeborg Bachmann, die im Zuge der Trennung von Max Frisch in eine tiefe Schaffenskrise geriet, diese gescheiterte Beziehung.

Dabei schrieb Ingeborg Bachmann an Ärzte und erwähnt dabei, dass sie in Träumen immer wieder von Max Frisch heimgesucht wird und diesen immer wieder auch als Hund sehe. Es gibt in Malina eine Passage, wo die Vaterfigur auftritt und Melanie beißt. Die Ich-Erzählerin fragt sich dann, warum Melanie sich nicht wehrt. Diesen Traum hatte Ingeborg Bachmann auch persönlich. Melanie war da Marianne, die Geliebte und spätere Ehefrau von Max Frisch. Ich fand es sehr spannend, dass dieser Traum in den Roman übernommen wurde.

Ingeborg Bachmann schreibt auch in „Male Oscuro“, dass Max Frisch in den Träumen immer wiederkehrt und sie in diesen umbringt und dabei auslacht.

Auch die Träume in Malina mit der Vaterfigur im Eingesperrtsein, im Gefängnis, in der Gaskammer, und dazu dieses Auslachen erinnert daran, dass Ingeborg Bachmann sich ja im Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch sehr verraten gefühlt hat. Sie hatte das Gefühl als sei sie nur beobachtet worden, nur ein „Studienobjekt“ für den Schriftsteller gewesen.

In den Träumen in „Male Oscuro“ erscheint Frisch immer wieder als der lachende Mörder und in Malina tritt gegen Ende dieses alter ego der Ich-Erzählerin in den Vordergrund und es gipfelt schließlich dramatisch – „es war Mord“.

Der Roman Malina ist für Ingeborg Bachmann ein Rückgewinnen als Frau und Persönlichkeit, auch als literarische Persönlichkeit.

Die Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann begann, als er einen Radiobeitrag von ihr hörte und ihr daraufhin schrieb, dass die Darstellung des Mannes darin sehr wichtig und sinnvoll ist, und er es sehr gut finde, dass sie darüber schreibe. Die bittere Ironie ist dann, dass Frisch mit dem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ gerade die Schriftstellerin zum Verstummen bringt.

Wie siehst Du den Malina Roman hinsichtlich persönlicher Bezüge Ingeborg Bachmanns grundsätzlich?

Der Roman hat sicher autobiographisch Züge. Die Wahl einer Ich-Person, Frau ist bewusst. Die Schriftstellerin muss da nicht sie selbst sein, aber es ist eine Projektionsfläche für viele Traumata, für vieles was sie verarbeiten muss.

Den Roman auf das Autobiographische zu reduzieren, würde diesem nicht gerecht werden. Es geht auch um die Nachkriegszeit, eine Vergessenskultur.

Malina ist nicht nur das Psychogramm einer Frau sondern des ganzen Haus Österreich.

Siehst Du die Thematisierung ihrer Beziehung, des Scheiterns, im Schreiben von Max Frisch und Ingeborg Bachmann?

Ja, sehe ich bei beiden. Ich finde aber, dass es bei Bachmann intelligenter und zugänglicher ist.

Max Frisch schrieb ja einmal an Ingeborg Bachmann, dass sie ihm nichts anhaben kann, weil er sie immer wieder verarbeiten wird, er wird sie immer wieder recyclen. Er schrieb da sinngemäß „Baronin, du wirst immer wieder auftauchen…“.

Bei Ingeborg Bachmann ist es vielmehr diese „self awareness“, dieses Bewusstsein, dieses Aufbegehren in ihrem Inneren, man sieht sehr stark in sie hinein und durch sie hindurch, finde ich.

Es erfolgt bei Ingeborg Bachmann auch literarisch eine Verarbeitung der gescheiterten Beziehung, aber als eine extrem scharfe und schonungslose Selbstbeobachtung, statt die Wiederholung.

Wie siehst Du die Liebe in Malina dargestellt?

Die Ich-Erzählerin sagt ja sinngemäß im Roman über ihre Beziehung zu Ivan „jeder sagt, dass diese Beziehung zum Scheitern verurteilt ist, aber wer ist schon jeder? Jeder ist niemand…“.

Wenn du den Roman liest, denkst du dir, da ist viel zu viel von Ihr drin in der Beziehung zu Ivan, sie hängt krankhaft daran, die Momente mit Ivan sind für sie „Injektionen von Wirklichkeit“, wie sie sagt. Aber Ivan interessiert sich herzlich wenig für sie.

Für Ivan ist sie eine Episode in seinem Leben.

Ivan kann sie in ihrer Komplexität gar nicht verstehen. Sie können gar nicht über alles was in ihrem Inneren vor sich geht reden.

Sie erschafft Malina, bewusst oder unbewusst, um sich selbst verstehen zu können, weil Ivan das nicht kann.

Dennoch finde ich es extrem verständlich, obwohl sie es ja selber weiß, dass es zum Scheitern verurteilt ist – sie sagt ja auch, sie glaubt an eine Utopie obwohl sie weiß, dass diese nicht kommen wird.

Sie weiß, dass diese Beziehung eine ungesunde ist und dennoch wiegt sie sich gerne in diesem Glück. Sie will sich von diesem Glück, diesem Glücklichsein umgeben lassen.

Eigentlich ist sie im Kapitel „Glücklich mit Ivan“ ständig nur am Warten, aber sie ist nicht glücklich.

Es gibt Momente, in denen sie sich einredet, glücklich zu sein und vielleicht auch Momente, in denen sie es tatsächlich ist.

Ich finde, es ist, wie wenn man sieht, dass Freunde unglücklich verliebt sind, man aber nichts tun kann.

Ich verstehe es, wenn der eine Teil in ihr sagt, dass es nicht funktioniert und der andere Teil sagt, ich brauch` das. Es sind einfach zu viele Gefühle da für sie und sie sagt sich – ich brauche diese Liebe zu Ivan.

Was ist für die Ich-Erzählerin Glück?

Glück ist für sie das Gesehenwerden.

Glück sind für sie flüchtige Momente, in denen sie sich einreden kann, dass er sie auch so sehr liebt wie sie ihn liebt.

Glück ist für sie da, wo sie ihre Schwere, ihre Depression und Angstzustände vergessen kann und in einer Leichtigkeit leben kann. Da Ivan diese Schwere nicht zu haben scheint, kann sie sich in dieser Glücksblase wiegen. Und sie überrascht sich dann selbst in ihrem Leben, wenn sie etwa anfängt zu kochen, was sie vorher in ihrem Leben nicht oder kaum gemacht hat. Oder wenn sie fast manisch an den Kindern Ivans hängt, als wären es ihre Kinder.

Glück – diese Lethargie kurz vergessen und an andere denken zu können und nicht nur an ihre eigene Schwermut.

Muss sich Liebe wie im Roman immer gegen ein Außen verteidigen, um dieses ganz persönliche, vielleicht verlorene, Glück der Liebe zu bewahren?

Ja, im Roman muss sie ihr Glück mit Ivan sehr nach Außen verteidigen und ich finde es auch spannend, dass sie Malina davon nichts erzählt und er weg ist, wenn der andere Mann da ist.

Ich glaube, es ist ja was anderes, wenn man eine Sicherheit hat in der Liebe. Sie kann sich aber Ivan keine Sekunde sicher sein. Er kann am nächsten Tag beschließen aus der Ungargasse wegzuziehen und sie sieht ihn nie mehr.

Ivan hängt nicht sonderlich an ihr, meldet sich dann nicht. Sie wartet stundenlang auf ihn.

Auch in Gesprächen als sie lacht und Ivan sagt „Lach‘ nicht so blöde“ drückt sich aus, dass er emotional nicht so involviert ist in diese Beziehung.  Er kann sich zumindest sehr stark emotional zurücknehmen, was in ihr auslöst, dass sie das Gefühl hat, noch mehr in diese Beziehung hineingeben zu müssen.  

Gerade am Anfang in einer Beziehung hat man das Gefühl diese nach Außen verteidigen zu müssen. Wenn man jemanden kennenlernt, ist man sehr nervös im Gespräch mit Freunden, weil man will, dass das Umfeld dies positiv sieht und nicht ablehnend reagiert.

Heute geht ja auch das Vorstellen einer Person so viel über Bilder, über das Aussehen – „ah, hast du ein Bild von ihm/ihr?“. Das macht einen nervös, weil man das Gefühl hat, man ist dem Umfeld schuldig, dass die Person ganz spezifisch auszusehen hat.

Ich denke aber, dass die Ich-Erzählerin nicht so stark vom Außen abhängig ist.

Wenn sie aufs Land fährt, merkt sie, dass sie mit anderen Menschen gar nicht so gut zurecht kommt bzw. dass sie schnell überfordert ist und ihr nicht wirklich viel an anderen Menschen liegt.

Sie hat eher das Gefühl, dass sie die Beziehung vor sich selbst rechtfertigen muss als vor Freunden.

Wie siehst Du diese Ambivalenz von Nähe und Distanz in der Beziehung zwischen ihr und Ivan und dann schließlich ihr zurückziehen?

Ich denke, es ist ein Selbstschutz für sie, sich zurückzuziehen. Oder es ist eine Rationalisierung, die stattfindet, wo man sich dann sagt, das ist nicht das, was mich glücklich macht, was Bestand hat.

Auch die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern Ivans, dieses gleichsam familiäre Sein führt dazu, dass sie sich zurückzieht.

Sie zieht sich aber nicht nur von Ivan zurück, sondern sie sieht allgemein keine Möglichkeit in einer Beziehung mit Menschen zu leben, vor allem nicht mit Männern zusammenzuleben. Für sie ist das alles sehr unrealistisch, sehr unwahr plötzlich.

Diese Distanzierung geht auch mit den Albträumen einher, diese Episoden mit dem Vater und dieser Zeit.

Wo liegen die Gründe für diese Unmöglichkeit von Beziehung, von Nähe für sie?

Es klingt abgedroschen, aber wenn man mit einer Person zusammenleben will, muss man mit sich im Reinen sein, sich akzeptieren. Am Anfang der Beziehung zu Ivan ist sie ja so krankhaft involviert, dass sie sich selbst völlig vergisst.

Sie muss sich selbst erst schützen, finden, gewisse Dinge in ihrem Leben verarbeiten, damit sie fähig wäre, eine Beziehung einzugehen mit einem anderen Menschen. Sie hat aber teilweise auch aufgegeben dies alles zu verarbeiten. Sie sieht, in welchen depressiven Zuständen sie ist wo und sie Malina wieder braucht als einen Schutzmechanismus oder als eine Figur, die sie wieder runterbringt und die sie auch schützt vor diesen Albträumen. Aber Malina wendet sich ja dann gegen sie.

Sie selbst sieht, dass es auch einer anderen Person nicht gelingen kann, sie aus ihrer Welt rauszuholen. Da müsste sie sich selbst herausholen.

Wir sind hier direkt an der Ungargasse, die ja im Roman als „Königreich“ bezeichnet wird. Welche Bedeutung hat unmittelbarer Lebensraum für die Protagonistin?  

Wien ist im ganzen Roman zu spüren. Die Stadt ist ganz eng verflochten mit der Geschichte der Ich-Erzählerin und die Stadt fängt auch sehr gut ihre Stimmung ein.

Die besondere Atmosphäre Wiens, auch dieses etwas Morbide, kommt in den Wintermonaten ja auch zum Ausdruck, wenn die Stadt gleichsam unter einer Glasglocke ist.

Das „Ungargassenland“ ist für sie ein Rückzugsort, wo sie alles hat, was sie für ihr Funktionieren braucht. Das ist auch vom Hintergrund des Krieges, der Unsicherheit danach zu verstehen.

Das „Ungargassenland“ als konzentrierter Kunstschauplatz hat mich auch an einen Polanski Film erinnert, in dem sich eine Frau nach dem Krieg in London in ein Apartment einschließt und immer verrückter wird, aber sich weigert rauszukommen. Sie zieht sich immer mehr von der Welt zurück in ihre Wohnung und dann ganz in sich selbst.

Die Ungargasse ist ein sicherer Ort für sie und gleichzeitig ein Ort, dem sie viel Bedeutung zumisst.

Ist die Bedeutung der Ungargasse für die Ich Erzählerin allein auf ihren Liebhaber Ivan zurückzuführen? Oder gewinnt das Eine durch das Andere an Bedeutung?

Gute Frage (lacht). Man kann Ivan ja auch als nicht reale Figur verstehen. Ich würde ihn aber als real im Roman sehen. Das macht für mich mehr Sinn.

Sie verbindet in jedem Fall Ivan und die Ungargasse. Beide sind in diesem Königreich eingeschlossen.

Sie hat zu Ivan eine räumliche Nähe, die Hausnummern 6 und 9 der Ungargasse sind ja unmittelbare Nachbarschaft, wie haben dann aber auch eine emotionale Entfernung.

Sie weiß, dass das Ungargassenland etwas Sicheres und Beständigeres ist, als Ivan es für sie sein kann.

Im Kapitel „der dritte Mann“, welches auf das Anfangskapitel „Glücklich mit Ivan“ folgt, stehen die Albträume mit der Vaterfigur, ihre Kindheit, wie die Vergangenheit an sich im Mittelpunkt. Inwieweit bestimmt dies auch die Beziehung zu Ivan?

Die Ich-Erzählerin sagt ja auch, dass sie nur Beziehungen mit jüngeren Männern führen kann. Dies ist wohl ausgelöst durch die traumatischen Erlebnisse mit ihrem Vater, dieser Vaterfigur.

Ihr Vater tötet sie in tausendfacher Weise und ist eine Übermacht. Darüber kann sie nur mit Malina reden. Der ja in meinen Augen keine real existierende Person ist. Mit Ivan kann sie nicht darüber reden.

Ivan bemerkt aber, dass sie da innerlich bewegt wird. Sie kann dies aber nur mit Malina teilen.

Ihre Traumata, die sie nicht überwinden kann, sind ein Grund für das Scheitern der Beziehung mit Ivan.

Sie kann ihre Traumata nicht abschließen und kann daher auch keine funktionierende, glückliche Beziehung eingehen.

Bei jüngeren Männern spürt sie offensichtlich weniger Gefahr, weil diese nicht so den Vater repräsentieren.

Wie siehst Du grundsätzlich die Kommunikation von ihr im Roman?

Die meiste Mitteilung findet in ihrem Kopf statt.

Alles was zentral ist, was sie etwas heilen könnte, findet im Gespräch mit Malina statt, aus meiner Sicht.

Sie hat natürlich auch diese Briefe, die sie schreibt und dann meist nicht abschickt. Oder die Beziehung zu ihrer Schwester, in der es Überlegungen eines Bruches gibt.

Mit Ivan kann sie nur über belanglose Dinge reden. Er will ja, dass sie ein Buch schreibt über Dinge, die nicht problematisch sind. Schlussendlich schreibt sie aber über die Hölle.

Sie braucht Malina, um über das reden zu können, was sie beschäftigt.

Es tut einem auch leid, dass da niemand in ihrem Umfeld ist, dem sie all das mitteilen könnte, dieses Inferno in ihrem Kopf.

„Ein Tag wird kommen….“ – wie siehst Du das Element der Utopie im Roman?

Sie braucht das Bild der Utopie, etwa „alle Menschen werden frei sein“, um mit der Wirklichkeit fertig zu werden.

Wenn wir an nichts mehr glauben, nichts mehr hoffen, dann sind wir schon tot. Man hofft immer auf irgendwas.

Die Utopie ist für die Ich-Erzählerin ein Gegensatz zu den schrecklichen Erfahrungen. Sie braucht die Utopie, die Hoffnung.  

Sie muss sich diese Utopie, eine Stärke, bauen, dass sie sich nicht umbringt und das tägliche Leben aushält.

Auch in der Beziehung zu Ivan glaubt sie anfangs an diese Utopie, egal wie unrealistisch diese scheinen mag.

„Es war Mord“ – wie siehst Du das Ende des Romans?

In jedem Fall rückt der männliche Teil in ihr in den Vordergrund, und drückt sie, ihre weibliche Seite, in den Hintergrund. Ihre Persönlichkeit wird ausgelöscht.

Malina nimmt Überhand und muss in den Vordergrund treten, weil die Ich-Person nicht mehr mit der Realität fertig wird.

Sie kann selbst keine Entscheidung mehr treffen und lässt Malina in den Vordergrund treten. Sie weiß dabei, dass es zu einem Ende kommt und ist gleichsam unbeteiligter Zuschauer des eigenen Dramas.

Die Ko-Existenzen in ihr brauchen diese Umkehrung hin zur rationalen, kühleren Seite, um zu überleben.

Der „Mord“ ist die Auslöschung der Ich-Erzählerin, das ist das Ende, ihr Ende. Es kommt zu einer Abspaltung der weiblichen Seite.

Ich sehe es auch als eine Verarbeitung des Scheiterns der realen Beziehung zu Max Frisch, die Ingeborg Bachmann hier im Roman wiedergibt.

Ingeborg Bachmann schreibt da ihre Sicht der Dinge in erfahrener literarischer Bloßstellung, Demütigung wie der patriarchalischen Welt an sich auf.

Ist das männliche Prinzip als zerstörerisches, unterdrückendes eine Grundaussage des Romans?

Ich würde es nicht so ganz verallgemeinert sehen. Das Männliche ist nicht per se zerstörerisch.

Bei Ivan ja, da ist das Bild toxischer Männlichkeit manifest, das sie unterdrückt.

Malina ist für sie auch ein Anker, ein Schutzprinzip, um sich zu beruhigen von diesen Albträumen. Er braucht sie, sie braucht ihn. Das Zerstörerische kommt da erst am Ende.

Das Zerstörerische ist nicht das Einzige was Malina ausmacht.

Das Nichtgehörtwerden, die Kritik am Patriarchat ist in jedem Fall sichtbar.

Auch die Schaffenskrise der Schriftstellerin, das Verstummen gegenüber der männlichen Stimme kommt da zum Ausdruck. Das Zurückerkämpfen ihrer Stimme.

Ich finde auch die Namensgebung „Malina“ spannend, dies ist ja ein weiblicher Vorname und es bezeichnet eine männliche Seite im Roman. Die Ich-Erzählerin bleibt ja namenlos.

Einmal schreibt sie „Malina und ich haben die gleiche Scheu vor unseren Vornamen und Ivan hat das nicht“. Malina könnte ja auch der Name der Ich-Erzählerin sein, sie teilt diesen. Ich finde das sehr spannend.

Wie siehst Du die Bedeutung von Namen im Roman?

Namen, eine Benennung, sind ja grundsätzlich etwas sehr Machtvolles.

Malina bedeutet ja Himbeere und hat vom Sprachklang her eine größere Weichheit als Ivan.

Der Name Malina hat auch etwas Kindliches. Ich sehe da eher ein kleines Mädchen als einen erwachsenen Mann. Es ist vielleicht auch ein Name, den man sich als Kind ausdenken würde.

Im Roman werden ja Namen variiert, die realen Bezug haben könnten wie Melanie/Marianne. Da sieht man viele Bezüge.

Wie kann sich die Ich-Erzählerin vor Ivan schützen bzw. eine Frau vor toxischer Männlichkeit an sich?

Das, was eine Gesellschaft vorlebt, wird verinnerlicht. Dies trifft auf Männer wie Frauen zu.

Wenn man etwa einem Jungen sagt „Du darfst nicht weinen“, „man muss stark sein“ baut sich das Bewusstsein auf, dass man keine Gefühle zeigen darf.

Man sollte in der Erziehung Kindern nicht irgendwelche Geschlechterklischees aufdrücken.

Gesellschaftlich finde ich, hat sich viel getan, aber es gibt auch Rückschritte. Ich denke da etwa an diese online „Gender Reveal Partys“, in der Stereotypen von männlich/weiblich zelebriert werden. Es sollte aber keine Rolle spielen für die persönliche Entwicklung und Identität im binären oder nichtbinären Selbstverständnis. Da braucht es viel Aufmerksamkeit und Aufklärung in Erziehung.

Es sollte jungen Männern gesagt werden, dass es ok ist, Gefühle zu zeigen und dass man nicht stark sein muss, sich da keine Stärke, Härte antrainieren muss.

Bei Mädchen, Frauen wird ja auch das Liebliche, Brave, Fleißige, Angepasste gelobt. Ich finde das problematisch, denn damit lobt man Gehorsam und Unterordnung.

Mädchen sollten mehr bestärkt werden, ihre Meinung zu sagen und nach ihrem Kopf zu handeln und Jungen, dass sie Gefühle zeigen dürfen.

Wenn Männer eine toxische Männlichkeit verinnerlicht haben, kann man in den Dialog treten. Ich beobachte aber in meinem Freundeskreis, dass Männer, wenn es um diese toxische Männlichkeit im Gespräch geht, sich sofort sehr abwehrend zeigen „ich bin nicht betroffen davon“ oder dies gleich als Anklage sehen.

Toxische Männlichkeit ist die gesellschaftliche Formung einer Struktur.

In einer toxischen Beziehung braucht es zwei Menschen. Im Roman nützt Ivan die Ich-Erzählerin aus und sie lässt dies zu. Es ist eine Konstellation von beiden Seiten.

Eine toxische Komponente kann auf den Mann wie die Frau zutreffen.

Man sollte grundsätzlich in gesellschaftlichen Debatten zu Selbstbild, Beziehung mehr in den Dialog gehen, auch weil Worte da sehr behaftet sind. Dies trifft auch auf weitere Themen, wie etwa Feminismus zu. Es ist wichtig da Kontexte zu klären.

Was hat sich in 50 Jahren in Beziehungswirklichkeiten verändert? Ist das „Ivan-Modell“ nach wie vor präsent?

Es gibt heute schon noch Ivan_Modelle, aber es hat sich grundsätzlich einiges geändert. Das ist einerseits die rechtliche Situation der Frauen wie die Beobachtung meinerseits, dass Frauen meiner Generation über Plattformen wie Tinder, Bumble jeden Tag hundert Leute treffen könnten, aber sehr kritisch gegenüber emotionalen Abhängigkeiten sind. Da ist eine Scheu da.

Man muss heute nicht mehr heiraten und kann als Frau auch Karriere machen. Das Abhängigkeitsverhältnis ist nicht mehr so stark wie damals.

Ich denke, die Ich-Erzählerin, würde 50 Jahre später nicht an einen Ivan geraten. Mit diesem Intellekt würde sie sich heute nicht den Mund verbieten lassen „was lachst du so blöde“ oder auch sonst beschimpft zu werden. Ich denke, dies war damals noch viel akzeptierter. Es hat sich einiges getan und gibt noch viel zu tun.

Vielleicht würde die Ich-Erzählerin ihre Identität heute auch anders finden. Würde sie offen sagen, ich habe eine weibliche und männliche Seite oder ich bezeichne mich als non binär? Was damals an Beziehungsmodellen nicht möglich war, würde sie vielleicht ausprobieren.

Es sind heute weniger Tabus da und die Ich-Erzählerin hätte heute vielleicht eine reale Person, der sie sich anvertrauen könnte. Dies war damals vielleicht weniger möglich, weil sie niemand verstanden hat.

Ich glaube, die Ich-Erzählerin war ein Stück weit ihrer Zeit voraus und konnte deshalb nur mit sich selbst reden (lacht).

Ermöglicht die moderne online Kommunikation das Gespräch über das Selbstbild in neuen Möglichkeiten oder gefährdet es dieses eher in der Macht und Wirkung von Trash-Kommentaren etwa?

Das Internet ist grundsätzlich ein Tool und es ist nur so gut wie die Menschen, die es nutzen (lacht).

Toxische Männlichkeit zeigt sich im Internet sehr stark auf diversen Foren wie Incels, in denen sich Männer in ihrem Frauenhass bestärken und dazu etwa Fotos von Frauen und Drohungen teilen. Das ist eine irre Subkultur und die Polizei ist da relativ machtlos.

Wenn das reale Umfeld und damit der Austausch und die Kritik nicht gegeben sind und sich Kommunikation und Gruppengefühl nur ins Internet verlagert, kann es da Anfälligkeiten für toxische, krude Selbst- und Fremdbilder geben. Das gibt es auch im Weiblichen, allerdings nicht so arg wie im Männlichen.

Weibliche Selbstdarstellung wird auch im Internet zelebriert, etwa in Mama Blogs. Ich habe da manchmal das Gefühl, dass das 1950er Jahre Modell „ich habe lieber Kinder und bleibe lieber Zuhause“ aufkommt. Überhaupt vereinfachende Rollenbilder.

Das Internet ist eine Parallelwelt, in der man ganz tiefe Freundschaften haben und sich sehr viel austauschen kann. Die Ich-Erzählerin könnte das heute auch, aber sie verspürt im Roman weniger das Bedürfnis nach Austausch als es andere verspüren.

Wie siehst Du die Möglichkeiten, Gefahren von Sprache in moderner Kommunikation?

Beim Schreiben entstehen viele Missverständnisse. Kurze Antworten können da Gedankenströme auslösen – was habe ich falschgemacht?

Es gibt in der modernen Kommunikation etwa dieses „Ghosting“ (wortloses Zurückziehen; Anm.), dieses Keine-Antwort-Mehr-Bekommen. Dies kommt ja auch im Roman vor, diese Warteposition.

Man kann in der modernen Kommunikation jemanden viel eher aus dem Weg gehen. Ein Abbrechen, dem das Gespräch fehlt.

Ich denke, Frauen geraten tendenziell eher in Gedankenschleifen, die kurze, trockene Kommunikation analysieren wollen.

Im Roman sagt ja Ivan einmal „es muss ein Spiel bleiben“. Dies trifft auch auf soziale Medien zu, dieses voyeuristische Element auch.

In der kurzen online Kommunikation wird oft auch eine Taktik gesehen, was sie vielleicht oft gar nicht ist. Das Gesagte und Verstandene klaffen oft auseinander und erzeugen Missverständnisse, Spannungen.

Die sprachliche Reduzierung in der modernen Kommunikation ergibt einen großen Spielraum an Bedeutungen.

Du hast mit Ingeborg Bachmann gemeinsam, dass Du in jungen Jahren nach Wien gezogen bist. Was bedeutet Dir Wien?

Ich gerade gestern darüber nachgedacht, weil vermutet habe, dass diese Frage heute kommt (lacht).

Mich führte die Ausbildung als Schauspielerin, die Schauspielschule, nach Wien. Ich hatte mich an mehreren Schauspielschulen beworben und es war jetzt nicht so, dass ich auf den ersten Blick unbedingt hierher wollte. Meine Mutter war von Anfang an begeistert, weil sie Wien liebt.

Ich habe am Anfang in Wien a bisserl Zeit gebraucht. Die Leute, der Grant, auch der Umgang, dass etwa der Kellner König ist (lacht), das ist anders als in der Schweiz.

Kafka sagte einmal über Prag, dass diese „Stadt Krallen“ hat und einen nicht los lässt. Und dies empfinde ich jetzt auch für Wien. Geschichte und Leben treffen sich hier einzigartig – ich habe diese Stadt sehr zu lieben gelernt. Ich kann mir im Moment schwer vorstellen, woanders zu leben.

Wien ist wahrscheinlich die gemütlichste Großstadt auf der Welt.

Wenn Wien noch am Meer liegen würde und die Winter nicht so kalt wären, würde wahrscheinlich jede*r hier leben wollen (lacht).

Mittlerweile habe ich auch den Wiener Humor lieben gelernt. Die Stadt hat auch eine eigene Beziehung zum Tod, da ist etwas charmant Morbides im Alltäglichen.

Wien ergreift einen irgendwann und lässt einem nicht mehr los. Auf eine gute Art und Weise.

Welche Berührungspunkte gab es von Dir bisher zu Ingeborg Bachmann?

Gestern war Bachmanntag (lacht). Bis gestern gab es noch keine wesentlichen Berührungspunkte zum Werk Ingeborg Bachmanns.

Ich habe gestern den Roman Malina, eine Biographie Ingeborg Bachmanns und auch den Briefwechsel von ihr und Max Frisch gelesen. Das war ein Ingeborg Bachmann Marathon (lacht).

Die ersten zwanzig Seiten des Romans waren etwas schwierig, weil ja zu Beginn weniger Handlung als Innerlichkeit da ist. Aber dann hatte es eine Sogwirkung und ich fand es auch spannend dazu etwas über die Beziehung von Max Frisch zu lesen und auch etwas über die Biographie Ingeborg Bachmanns. Ich wurde da sehr obsessiv (lacht).

Der Roman hat mich sehr begeistert und ich habe auch einer Freundin, die sich gerade in einem herausfordernden Beziehungsprozess befindet, eine Passage geschickt. Ich habe das Buch auch vielen Leuten empfohlen.

Ich würde jetzt gerne weiters von Ingeborg Bachmann lesen, weil sie eine unfassbar intelligente Frau ist. Dies merkt man in jeder Zeile des Romans.

Es war gut den Roman in einem Rutsch zu lesen, weil man da massiv in diese Gedankenwelt eintaucht.

Auf den Fotos von Ingeborg Bachmann wirkt es, dass sie eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Natürlich etwas Intellektuelles wie Enigmatisches. Aber auch eine gewisse Wärme und etwas sehr Charmantes. Ich finde auch ihren Stil beeindruckend.

Ingeborg Bachmann war wegen ihres Intellekts zeitlebens ein geplagter Mensch zeitlebens.

Welche Textpassage hast Du Deiner Freundin empfohlen und was geraten?

Geraten habe ich meiner Freundin nicht so viel, aber ich finde etwa auch, dass Ingeborg Bachmann einen extrem guten Humor hat und manche Passagen auch sehr lustig sind, etwa „…niemand weint dem besten Mann, schönsten Mann, klügsten Mann oder jüngsten Mann schon nach wenigen Stunden nach. Aber ein halbes Jahr mit einem ausgemachten Schwätzer, einem notorischen Dummkopf verbracht, einem widerwärtigen von seltsamen Gewohnheiten beherrschten Schwächling, dass hat schon eine recht starke und vernünftige Frau ins Wanken gebracht…“ (lacht). Das fand ich sehr lustig geschrieben.

Bei Ivan fragt man sich ja, was macht den Reiz für sie aus? Es ist wohl dieses Entziehen. Und je mehr Hoffnung da ist, desto mehr bricht das Kartenhaus zusammen.

Was kannst Du als junge Frau und Künstlerin aus dem Roman Malina in Leben und Beruf mitnehmen?

Unglaublich viel grundsätzlich (lacht).

Den Mut haben sich selbst zu begegnen, zu sich selbst ehrlich zu sein.

Es ist ein extremer Mut Ingeborg Bachmanns da, in diese extreme Selbstreflexion zu gehen. Da braucht es schonungslose Ehrlichkeit und Offenheit.

Ich habe so noch nie Selbstgespräche geführt, aber es scheint der Ich-Erzählerin gut getan zu haben auf diesem Wege Dinge mit sich selbst auszuhandeln. Ich finde das gar nicht so verrückt.

Man wird als junger Mensch, als Mensch an sich, ja gerade von den Krisen erdrückt, die vorherrschen. Einerseits Corona, aber auch Wirtschaftskrise, Klimakrise, man sieht wie sich junge Menschen für Veränderung einsetzen, aber es geschieht so langsam, da könnte man verzweifeln. Und da braucht es den Glauben an eine Utopie für unser Tun. Diese Utopie steckt für mich auch im Roman.

Eine Utopie muss keine idyllische Utopie sein, aber es ist der Glaube, dass sich etwas ändert in der Welt, zum Besseren wendet.

Ich weiß nicht, wie sehr mich der Roman als Schauspielerin beeinflusst, aber ich finde das akribische Beschreiben innerer Zustände im Roman extrem spannend, dieses „Inferno“ beschreiben, wie es im Roman heißt.

Schreiben kann auch etwas Therapeutisches haben und man kann im Schreibprozess viel mit sich selbst aushandeln.

Man kann das Buch 500mal lesen und immer wieder was Neues daran entdecken.

Dieser Glaube an Utopie, an Möglichkeiten der Verbesserungen und das Wesen aus Frau/Mann, diese Ansätze finde ich im Roman sehr spannend.

Ich würde selbst auch gerne mehr schreiben und diese Beobachtungen zulassen, die man so täglich macht und diese einfließen lassen.

Im Roman heißt es einmal, Malina betrachtet Leute, aber indem er sie betrachtet, werden Leute nicht kleiner wie es normalerweise der Fall ist, sondern sie werden größer. Ich finde das sehr schön, Menschen mit größtmöglichem Respekt anzusehen und es ist wichtig, dies aus dem Buch mitzunehmen.

Jede Person hat ihre Geschichte und verdient Respekt.

In unserer Künstlerbranche ist es oft so, dass du, wenn du „einen Namen“ hast, angesehen wirst aber sonst als junge Künstlerin sehr wenig Beachtung findest. Es ist da ein Herabblicken.

Das Herabschauen in der Kunst auf Künstler*innen und sie das zu spüren lassen, ist ganz schrecklich.

Das Konkurrenzdenken in der Kunst vergiftet alles.

Darf ich Dich zum Interviewabschluss zu einem Malina Achrostikon bitten?

Macht

Anmut

Liebe

Intersektionaler Feminismus

Neglect

Anschauung

Was würdest Du der Ich-Erzählerin sagen bzw. als SMS schreiben wollen?

Das ist so natürlich schwierig. Die Romanfigur ist brilliant, intelligent und leidend. Ich würde ihr eine Therapie anraten. Wesentlich ist in einem Trauma die Begegnung mit einer neutralen Person. Mit Malina als Spiegel ist das nicht möglich, weil es ja das Selbstbild ist.

Was würdest Du Malina sagen?

Ich würde ihm anraten in den Hintergrund zu treten, weil es ihre Geschichte, ihre Persönlichkeit ist.  Du musst diese Rolle nicht übernehmen, dies kann jemand außerhalb ihrer Persönlichkeit übernehmen. Sie braucht dich nicht mehr.

Und Ivan?

Mach` nicht Menschen unglücklich. Eine Frau ist kein niederes Wesen. Begegne deinem inneren Dämon.

Lies dieses Buch und sehe ihren Standpunkt!

Und Wien?

Sei weiter eine Stadt, die Menschen willkommen heißt.

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Herzlichen Dank, liebe Lara, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

„Dass die Leute weniger Ratgeber lesen und stattdessen zeitgenössische Lyrik entdecken“ Marion Gay, Schriftstellerin _ Hamm 29.12.2021

Liebe Marion, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Grunde beneide ich jeden um einen geregelten Tagesablauf – mir ist das in den über 20 Jahren als freie Autorin nicht gelungen. Manchmal sitze ich tatsächlich um 7 Uhr am Schreibtisch und schreibe bis zum Nachmittag. Das ist momentan aber eher die Ausnahme, weil ich gerade viele Workshops leite (vieles, was im letzten Jahr ausgefallen war) und das Lyrikprojekt postpoetry.NRW organisiere. Ansonsten versuche ich, möglichst jeden Tag zu zeichnen und mich mit Yoga und auf dem Laufband fit zu halten.   

Marion Gay _ Schriftstellerin, Grafikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Mut nicht zu verlieren und daran zu glauben, dass die Kultur überleben wird. Sich selbst jeden Tag aufs Neue zu motivieren, sich den künstlerischen Projekten zu widmen. Kontakte zu den Kollegen halten, sich gegenseitig zu unterstützen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Moment kann ich noch keinen Aufbruch sehen. Ich hoffe aber sehr, dass man sich wieder mehr den weniger kommerziellen Dingen zuwenden wird. Ich wünsche mir, dass die Leute weniger Ratgeber lesen und stattdessen zeitgenössische Lyrik entdecken und andere Bücher der kleinen, unabhängigen Verlage.

Was liest Du derzeit?

Bücher von befreundeten Kollegen, zum Beispiel „du, Alice“ von Simone Scharbert und „Zweierlei Krieg“ von Thomas Josef Wehlim. Sobald ich mehr Zeit habe, möchte ich mir die gerade erschienenen Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith vornehmen. Das Buch liegt schon neben dem Lesesessel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da zitiere ich die oben genannte Patricia Highsmith: „Obsessions are the only things that matter.“  

Vielen Dank für das Interview liebe Marion, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marion Gay, Schriftstellerin, Grafikerin

Foto_privat.

17.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Mein Tag beginnt mit Kunst.“ Susanne Zeiner, Künstlerin _ Brunn am Gebirge/NÖ 28.12.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt mit Kunst. Ich versuche täglich vormittags gleich zu malen oder zu zeichnen. Dann folgen die anderen Tätigkeiten, die täglichen Aufgaben des Lebens.

Susanne Zeiner, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kontakte halten und Künstler*innenfreunde treffen, den Austausch suchen und pflegen.

Auferstehung 80100 acryllw Susanne Zeiner

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ja, die Kunst muss aufmerksam machen, wachrütteln und berühren.

escape the museum8060cm acryllw _ Susanne Zeiner

Was liest Du derzeit?

Norbert Gstrein und Marlene Streeruwitz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kunst kommt von müssen.

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Susanne Zeiner, Künstlerin

Alle Fotos_privat.

5.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com