Liebe Undine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt könnte ich ja die Mär von der Dichterin im Elfenbeintürmchen erzählen, die den ganzen Tag wundersame Dinge sieht und dann in Verse gießt … Aber so ist es nicht, ich schreibe meist, wenn der Kessel voll ist, also, wenn ein Gedicht vorbei kommt, das ausgerechnet mich ausgesucht hat. Was ich sagen will: Jeder Tag ist anders. Manchmal gehe ich früh im vier ins Bett, manchmal stehe ich zu dieser Zeit auf. Seit 17 Jahren bin ich freiberufliche Autorin, Lektorin, Kuratorin … Als Lektorin muss ich zuweilen Projekte kurzfristig fertigstellen und auch Manuskripte bearbeiten, deren Inhalt mich weniger interessiert, schließlich muss ich ja auch meine Miete bezahlen und will ab und an ein Buch kaufen.
Ja, lesen! Jeden Tag und zu jeder Tageszeit. Eigentlich lese ich immer, beginne morgens im Bett und ende damit auch abends. Musik! Musik ist auch jeden Tag dabei, ich kann gar nicht ohne. Seit der Pandemie ist ein regionaler Kultursender mein treuer Begleiter und wenn es mal ohne Stimmen gehen muss, dann höre ich Klaviermusik. Die tröstet, wenn ein Manuskript besonders schlimm ist. Ansonsten gehe ich natürlich auch aus, treffe Freunde, lausche Lesungen, stromere durch Ausstellungen. Oder trinke gern Gin Tonic auf dem Balkon mit meinem wunderbaren Sohn Jakob.
Undine Materni, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Frage ist ja: Wer ist hier mit uns gemeint? Wer sind wir? Das hat sich doch gerade in den letzten drei Jahren gezeigt, dass diesbezüglich die Ansichten sehr weit auseinander gehen. Ich glaube, wir sollten jeden Tag beim kleinsten Nenner beginnen, der besteht unter anderem darin, respektvoll miteinander umzugehen, der Bäckersfrau ein Danke über die Theke zu reichen, dem alten Nachbarn Kekse zu schenken (er legt mir dafür Gemüse aus seinem Garten vor die Tür) und auch Dinge ohne unmittelbare Gegenleistung zu tun. Ja, Respekt und … wie soll ich sagen? Auch Demut und Dankbarkeit gegenüber den Dingen und Lebensumständen, die wir hier in Mitteleuropa haben – im Gegensatz zu Menschen, die jeden Tag um Anwesenheit in ihrem Leben kämpfen müssen.
Wir sollten verstehen, dass die Gier und die Maßlosigkeit im Umgang mit den Ressourcen der Erde Katastrophen wie die Pandemie, Hochwasser, Erderwärmung eingebrockt haben. Lange waren diese Dinge weit weg, aber wenn du morgens aufwachst und es riecht hier in Dresden verbrannt, das Fensterbrett ist voller Ruß, weil es in der Sächsischen Schweiz brennt, weil dort irgendwelche Idioten im Wald Shisha geraucht haben, dann bist du mittendrin und fragst dich, ob das Ganze irgendwie noch aufzuhalten ist.
Ja, und bisher waren die Kriege ja auch weit weg, und jetzt mitten in Europa, an Orten, die wir bereist haben und kennen, wie Odessa zum Beispiel. Und dann ist da immer wieder dieser Hass, diese Niederträchtigkeit von Leuten, die glauben, zu kurz gekommen zu sein, die sitzen dann in ihren weichen Sesseln und verfassen niederträchtige Nachrichten, um Schwächere zu beleidigen und zu denunzieren. Hier dürfen wir nicht aufhören, solidarisch zu sein, dem etwas entgegen zu setzen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wenn Kunst und Literatur authentisch sind, dann ist sie auch lebendig und im besten Fall engagiert. In den letzten drei Jahren hat sich auch gezeigt, wie engagiert und kreativ die Kulturszene sein kann, auch wenn ihr das Wasser am Hals steht. Es wurden neue Formate gefunden, um Kunst und Kultur zu vermitteln und auch Menschen zu erreichen, die vielleicht etwas weiter weg davon waren. So ist beispielsweise während der Pandemie mal ein LKW mit einem Piano auf der Ladefläche nach Berlin Marzahn gefahren und jemand spielte ein paar Stunden für die Bewohner*innen, die nach und nach aus den Häusern kamen und sehr berührt und begeistert waren.
Insofern können wir den Kunstschaffenden vertrauen, dass sie in Bewegung bleiben, ihre Themen finden und diese auch wirkungsvoll vermitteln.
Was liest Du derzeit?
Viel, das kann ich hier nicht alles aufzählen. Was mich kürzlich aber ganz besonders beeindruckt hat, ist das Buch Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror von Grit Lemke.Die Autorin arbeitet auf mitreißende Weise die Biografie ihrer Generation auf. In einem dokumentarischen Roman verschränkt sie virtuos die Stimmen der Kinder von Hoyerswerda zu einer mitreißenden Oral History.
Ja, und dann lese ich natürlich auch Gedichte. Die letzte großartige Entdeckung ist der Berliner Dichter Gabriel Wolkenfeld, er ist einer von den Stillen, feinen klugen Stimmen in dieser lärmenden Welt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Poesie –
was aber ist Poesie.
Manch wacklige Antwort
ist dieser Frage bereits gefolgt.
Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich halte mich daran fest,
wie an einem rettenden Geländer.
Wisława Szymborska
(übertragen von Karl Dedecius)
Vielen Dank für das Interview liebe Undine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Gabriel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ähnelt meinem Tagesablauf nicht: Ich gehe zu früh schlafen und stehe zu früh auf, ernähre mich zu gesund und lebe enthaltsam. Über den Tag verstreut lese ich, höre Menschen zu, die über sich sprechen, mache Notizen, auf die ich nur im äußersten Notfall zurückgreife, schreibe, auf Basis dieser Gespräche, Porträts von Menschen, die in Gelsenkirchen gelebt haben oder leben. Das ist eines der Projekte, mit denen ich mich als Stadtschreiber in Gelsenkirchen beworben habe. Nebenbei bereite ich mit Steffen Marciniak die Publikation meines zweiten Lyrikbands vor. „Nebelkinder“ enthält Gedichte, die sich mit der Ukraine befassen, Porträts der Städte, die ich in meinem Ukrainejahr bereist hab
Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller
Ukraine _ Fotos_Gabriel Wolkenfeld
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass dieser unselige Krieg ein Ende findet, Russland entmilitarisiert wird, die Ukraine die besetzten Territorien zurückerhält und die europäischen Staaten die Ukraine beim Wiederaufbau unterstützen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich bei Aufbruch und Neubeginn ist, ob man bereit ist, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Ich würde mir für uns wünschen, dass es gelänge, Wohlstand nicht einzig in wirtschaftlichen Dimensionen zu denken, sondern Abhängigkeiten abzubauen, die Länder stärken, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Literatur spiegelt, was in dem Raum passiert, den wir Welt nennen. Sie öffnet Augen, regt zum Nachdenken an, zum Überdenken und Ausdenken – eines Erachtens eine Voraussetzung für jeden Aufbruch.
Ukraine _ Fotos_Gabriel Wolkenfeld
Was liest Du derzeit?
Ich lese parallel und mit großer Begeisterung „Im Bauch der Königin“ von Karosh Taha, „Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow, „Der Himmel muss warten“ von Sandra Reichert, „Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester“ von Yvonne Zitzmann, „Eiscafé Europa“ von Enis Maci und, wild durcheinander, eine Reihe von Gedichtbänden, momentan v.a. von Gertrud Kolmar, Ossip Mandelstam, Wisława Symborska, Christoph Wenzel.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht. / Ich weiß nur, sie ist unauswechselbar mein.“ (Wisława Symborska : „Ein Leben im Handumdrehen“, aus „Die große Zahl“, übersetzt von Karl Dedecius)
Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Gabriel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller
Fotos_Gabriel Wolkenfeld
7.10.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Jonas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufwachen, an meine Freundin Emlyne denken, guten Morgen Montalivet sagen, die Sonne küssen, schreiben oder malen oder den Tag verplanen, dazwischen Anrufe und Mails, Gedichte übersetzen, versuchen weder zu viel an gestern noch an morgen zu denken (um es später unabsichtlich absichtlich doch zu machen), Kaffee trinken im Zentrum mit Freunden, über Musik, Kunst, Literatur, die Welt und das Wetter reden, duschen, lesen, schreiben, malen usw.
Eigentlich täglich ab 15 Uhr arbeiten als Kellner, Kassierer, Küchenhilfe (Terassenmanager) im Le Gaia du CHM. Hätte ich mir nicht beim Fußballspielen den Fuß gebrochen…
Jonas Gawinski. Dichter und Maler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten, geduldig sein, für einander da sein, das machen, was einem gut tut, einen Rhythmus oder Rhythmen finden, im Fluss und wenn nötig gegen den Strom schwimmen und tauchen und wieder Luft holen und weiter. Altruistisch denken, ohne das Selbst aufzugeben. Henry Miller sagte mal: „Ein Künstler braucht Druck, kein Paradies.“ Dagegen würde ich meinen: nein, beides ist existenziell. Zumindest für mich ist das eine ohne das andere undenkbar. Kritisch zu sein mit sich selbst, ohne zu viel Druck auszuüben. Das Leben genießen, ohne im Genuss zu ertrinken..tauchen, wieder auftauchen, egal was einen runterzieht ist harte Arbeit. Per aspera ad astra: Durch Leiden zu den Sternen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
„In dem man die Kontrolle abgibt hat man die Kontrolle“ Allen Watts. Verantwortung übernommen und nicht nur die Fehler bei anderen suchen. Es ist an der Zeit in die millionen Spiegel zu sehen, oder den einen oder in zwei. Es spielt keine Rolle. Vielleicht sind das persönliche und das gesellschaftliche sich ähnlicher als man denken würde. Keine Deckungsgleichkeit, klar, aber sie scheinen sich vorsichtig anzunähern. Wir müssen uns tiefer hinterfragen, Risiken eingehen und uns eingestehen, dass alle Antworten flüchtiger Natur sind, dass wir uns nur annähern, ohne uns selbst je zu erreichen. Glücklich zu sein über die kleinen Dinge im Leben, sich besinnen auf das Wesen, ohne die Welt auszublenden. Dem Blendwerk etwas entgegensetzen, tagtäglich mit offenem Herzen und hungrigen Augen, als versuchte man den Wind zu zeichnen. Die Literatur muss sich befreien, da kann sie einiges von der Kunst lernen. Die Kunst muss aufhören sich endlos zu kopieren, was gar nicht so leicht ist…
Was liest Du derzeit?
Jim Dine, french english, a day longer. Poems.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Nachträglich, zum Jahrestag, den 08.08.22
Wir tanzten Salsa zwischen Wirbelwinden, sanguinisch, blind und unwichtig, wie ein nie vollendetes Sudoku, bis die Sterne sich von der rauen Himmelkante stürzten, als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Eines abends saßen wir uns gegenüber und sahen uns so tief in die Augen, dass wir meinten die Ameisen an den Nervenenden zu erkennen, wie sie Pampelmusenreste trugen, von dir zu mir. Wir legten die Karten auf den Tisch, du zuerst, ein Joker, der mir ähnlich sah, mein Blatt war schlecht, drei Buben und ein König, dir machte es wenig aus, ständig zu gewinnen und mir machte es nichts aus dich gewinnen zu lassen, es ging schließlich um einen Kurzen voller Freudentränen und einen Nachmittag in der Toskana mit einem Tier deiner Wahl und du suchtest dir einen Blauwal aus, in dessen Bauch meine Wenigkeit mit Weichzeichner die Porträts meiner Helden malte. Leider gehörte Napoleon nie dazu. Und wir weinten aneinander vorbei, als liebten wir. Die Nacht vergewisserte sich ihrer Schönheit und schenkte uns einen Spiegel.
Jonas Gawinski. Dichter und Maler
Vielen Dank für das Interview lieber Jonas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Danke dir!
5 Fragen an Künstler*innen:
Jonas Gawinski. Dichter und Maler
Fotos_privat
30.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zunächst gilt es mein neues Buch „Welten-Gewitter“ bekannt zu machen. Die erste Lesung habe ich bereits hinter mir. Die offizielle Präsentation war auf der BuchBerlin. Dann hat der Publikumspreis beim Hildesheimer Literatur-Wettbewerb einiges verändert. Ich werde anders wahrgenommen und erhalte auch mehr Anfragen seit diesem Sommer. Daneben bin ich mit dem Musiker Aeham Ahmad, wir haben zusammen das Buch TAXI DAMASKUS geschrieben und gerade ist die Italienische Ausgabe erschienen, auf Konzertlesungen. In den nächsten Wochen stehen einige auf dem Programm und die Vorbereitungen laufen.
Corona hat mir neben der Prosa auch die Lyrik eröffnet. Inzwischen sind über 30 Stücke entstanden, die ich „Lyrische Gedankenwolken“ nenne, weil damit die Freiheit, die ich brauche, zum Ausdruck kommt. Da die Zeit so intensiv ist, entstehen ständig neue. Ich will daraus eine Publikation machen. Mit einigen Verlagen bin ich in Kontakt. Bin aber offen für weitere, die sich vielleicht durch dieses Interview angesprochen fühlen. Gebe gerne eine Kostprobe.
Als neues Mitglied der Gruppe 48 bin ich auch in der Jury für den Themenpreis 2023 „Auf der Flucht“. Die ersten Beiträge, die zu lesen und zu bewerten sind, sind eingegangen. Die Ausschreibung läuft bis Ende Oktober.
Nicht zuletzt arbeite ich an einer Projekt-Idee für ein neues Buch. Mehr dazu gibt es in den nächsten Monaten.
Andreas Lukas, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die beiden zurückliegenden Jahre haben uns allen ein anderes Leben und eine andere Realität beschert. Wie fröhlich und voller Erwartungen sind wir in diese Dekade gestartet, die unsere 20er Jahre werden sollten. Das konnte man mit Rückblick auf die Goldenen 20er vor hundert Jahren immer wieder hören. Und dann kommen die Nanos. Aus dem Nichts und ohne Vorwarnung! Unvorbereitet treffen sie uns an. Sie wirbeln alles durcheinander. Sie erobern in kürzester Zeit den Globus. Vieles gerät ins Wanken. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Was wird aus unserer Befindlichkeit? Wo wird unser Leuchten bleiben? Was wird uns noch Hoffnung geben? Was für ein Leben werden wir führen? Nach der Erschütterung – anders als bisher?
Fragen, die uns überrennen mit dem Ankommen der Winzlinge. Und dann das Jahr 2022 mit dem 24. Februar und dem sehr warmen und trockenen Sommer. Unsere Festungen und Gewohnheiten, in denen wir uns – so sicher geglaubt – eingemauert hatten, sind erschüttert. Risse zeigen sich überall. Wir müssen zu einem anderen Blick auf unser Leben und unser Tun kommen. Das allgemeine Bewusstsein muss eine andere Richtung einschlagen. Wir können nicht im „Weiter-so“ verharren!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich will dazu einen Gedanken bringen, der sich durch mein neues Buch „Welten-Gewitter“ zieht: „Sind die menschlichen Wesen wirklich unersättlich und wollen unaufhörlich mehr, ständig Anderes und Neues?“
Genau dies zu hinterfragen wird wesentlich sein. Schaffen wir eine Abkehr von eingefahrenen und lieb gewordenen Pfaden? Oder gehen wir weiter wie bisher nach dem Motto: „Nur nicht mein bisheriges Leben ändern, damit ich mich in meinem gemütlichen und gewohnten Lebensstil kuscheln kann.“ Die letzten Monate haben uns viele Grenzen aufgezeigt.
Literatur und Kunst kommen bei allem eine wichtige Rolle zu. Sie können die Dinge ins Bewusstsein rücken, die Sicht verändern und schärfen. Aus diesem Grund lautet der Titel meines gerade erschienen Buches auch „WELTEN-GEWITTER“.
Was liest Du derzeit?
Das Buch von Daniel Speck „Jaffa Road“. Aber insgesamt ist das im Moment etwas schwierig. Mir fehlt die Ruhe dazu. Ein Tag ist so schnell vorüber mit neuen Kontakten, Anfragen, Mails, Gesprächen, Schreiben usw. Und wenn ich dann eine Inspiration habe beim Lesen, lege ich das Buch auf die Seite, setze ich mich hin und schreibe schnell meine Gedanken nieder. So entstehen neue Ansätze und Ideen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Das Leben beginnt dort, wo Momente innehalten.“ (auf der Rückseite von „Welten-Gewitter“)
Andreas Lukas, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Das Leben der 1970er Jahre. Pulsierend, bunt, grell. Und voller Musik…von London bis New York City und über die ganze Welt gespannt. Neue Wege werden im Musikexperiment im Studio wie auf der Bühne begangen. Musikpersönlichkeiten finden sich, verlieren sich und formen neue Musikstile…Kein Tag gleicht dem anderen…und jeder Tag, jede Nacht bringt neue Erfahrungen, Inspirationen, Begegnungen…
Ein strahlender Stern am Bühnenhimmel ist dabei David Bowie, der in seiner Musik wie der unvergleichlichen Performance in schillernden Bühnenoutfits begeistert. Jeder Auftritt wird zum Ereignis…
Doch wie gestaltete sich das Leben um und abseits der Bühne? Wie lebte David Bowie in diesem klingenden Zeitalter der Kunst und Gesellschaft? Wem begegnete er und wie waren die Tage damals zwischen Bühne und neuen Erfahrungen…?
Simon Goddard legt mit „Bowie Odyssee71“ nun die Fortsetzung seines beeindruckenden Panoptikums der Zeit vor und nimmt Leserinnen und Leser auf eine faszinierende Zeitreise mit.
Goddard zeichnet sich als bester Kenner der Musikszene wie als mitreißender Erzähler aus und so wird das Buch ein wunderbares Erlebnis von Musik und Zeit und vielem mehr…
„Eine faszinierende Zeitreise zu einer der beeindruckensten Musikpersönlichkeiten und dem bunten Leben der 1970er Jahre“
Liebe Francisca, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich mit der Eule verwandt bin, bricht mein Tag später an … Erst wenn sie über alle Schlafende wacht, kehre ich zum Schreibtisch zurück. Aber nicht immer lassen sich schwebende Sätze auf dem Blatt nieder. An manchen Tagnächten schlafen rebelle Gedanken oder Wortbilder ein und dann tanzen die Finger auf der Tastatur wie katzenfreie Mäuse oder zeichnen seltsame Hieroglyphen. Irgendwann weckt mich das Werfen herausgekloppter Mauerreste in Container. Was für einen guten, ruhigen Morgen, ein Jahr nach der Flut, sage ich mir dann, während ich die Küche wie eine Oase betrete … Ich trinke den Kaffee beim Stehen auf Fenster, die Weinberge winken mir zu …
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht pauschal antworten. Da jeder von uns einzigartig ist, hat jeder eine persönliche Hierarchie von Interessen und Zielen, seine Wichtigkeitsskala. Aber es gibt sicherlich die schon allseits bekannten Punkte, die einen gemeinsamen Codex für jetzt und für morgen bilden könnten, falls ein Morgen für alle gewünscht ist. Gemeint sind hier eine grundsätzliche Rückkehr zum Dialog und zum Respekt voneinander, die Rettung des Friedens, der globalen Natur sowie die Unterstützung der sozial Vergessenen, der ihrem harten Schicksal Überlassenen, über alle Differenzen und Trennungsmerkmale hinaus.Die Triage, auf welcher Ebene auch immer, wäre kein ethischer, schuldenfreier Lösungweg. Es mag utopisch klingen, wenn es auf taube Ohren fällt. Oder wenn man darauf wartet, dass der Wandel zum Guten – wie das biblische Manna – vom Himmel fällt …
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Leider merke bzw. spüre ich keinen Aufbruch, denn Aufbruch ist für mich ein positiv geladener Begriff. Neubeginn ja, ein Neubeginn der irrationalen Konfrontationen. Die Taube mit dem Olivenzweig in dem Schnabel ist nur noch ein nostalgisches Symbol geworden. Der kriegerische Geist spuckt Feuer, droht und zerstört, zieht immer mehr Völker und Geschöpfe aller Art in sein Inferno hinein. Hysterie und vergiftete Statements generieren Revolte und existentielle Angst.
Die Kunst, ob Musik, Malerei, Theater, Literatur etc. werden sich wie bisher, in der langen Geschichte ihres Daseins, oder noch intensiver mit diesen in unserem Leben neu eingetretenen Aspekten und Fakten inhaltlich auseinandersetzen, die Kraft im eigenen Wesen suchen, um das Bewusstsein der Kunstfreunde und der Menschen im allgemeinen aufzurütteln, für den Not des Anderen zu sensibilisieren, auch zu trösten und stärken, neue Wege zu zeigen. Dafür werden vielleicht neue, gar nonkonforme, mutige Ausdrucksformen notwendig sein, die eine gerechte Rezeption des Werkes und dessen Wirksamkeit erleichtern. Das Bedürfnis nach Poesie wird bestehen. Dichter werden weiterhin das an sich Unaussprechliche in bedeutungsvolle Formeln übertragen. Dichter werden ihren Texten Arme und Füße oder Flügel wachsen lassen, damit man zwischen den fröhlichen Klängen und Farben die Tränen der Erde und ihre Schreie hört, ihr jetziges Alphabet aus Feuer und Schatten.
Was liest Du derzeit?
Alle sind Relektüren, unterschiedlich begründet: Umberto Eco, „Quasi dasselbe mit anderen Worten“ (Über das Übersetzen), Silvia Plath, „Die Bibel der Träume“ ; Friedrich Nietzsche, „Gedichte“ und die Poeme des französischen Dichters Gérard Blua aus „Funeriales“, Edition Campanile, Nice, 2021, mit dem von mir geschriebenen Vorwort.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich zitiere aus Nietzsches zeitloses Gedicht: „Gebet in der Morgenröte“ : „Ach, so gebt doch Wahnsinn,/ihr Himmlischen, /Wahnsinn, dass ich endlich/an mich selber glaube!/Gebt Delirien und Zuckungen,/plötzliche Lichter und Finsternisse,/schreckt mich mit Frost und Glut,/wie sie kein Sterblicher noch empfand,/mit Getöse und umgebenden Gestalten,/lasst mich heulen und winseln/und wie ein Tier kriechen:/nur dass ich bei mir selber Glauben finde! „
Francisca Ricinski, Schriftstellerin und Journalistin
Vielen Dank für das Interview liebe Francisca, Schriftstellerin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Francisca Ricinski, Schriftstellerin und Journalistin
Foto_privat
13.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.