„Wohin, wenn das eigene Zuhause komplett zerstört wurde?“ Joshua Clausnitzer, Schriftsteller _ Meckenheim/D 3.3.2022

Lieber Joshua, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe morgens auf und lese (wie immer) die Zeitung und trinke dabei einen Kaffee. In letzter Zeit bin ich erschüttert, mit welcher Härte Putin den Krieg in der Ukraine vorantreibt! Bereits an dieser Stelle möchte ich das klare Statement setzen: Stop War! Make Love, Not War!

Mittags esse ich und begebe mich dann zu meinem Laptop, um meinen (noch nicht veröffentlichten) Roman zu verfeinern, welcher in Folge eines Literaturstipendiums entsteht! Zudem gilt die alltägliche PC-Arbeit, wie Lesungen vorbereiten, planen, E-Mail Verkehr und Schreibwettbewerbe/Literaturausschreibungen. Nach der beendeten Arbeit mache ich (wie immer) viel Sport zum Ausgleich, sei es Laufen, Kraft-Übungen, Tischtennis oder Spazieren gehen, frische Luft tut immer gut! Anschließend falle ich ,,kaputt“ ins Bett und mache mir meistens dennoch Gedanken über meine ,,Erkenntnisse des Tages“, welche ich regelmäßig bei Instagram und Facebook hochlade.

Joshua Clausnitzer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auch wenn es verdammt schwerfällt, Ruhe und Besonnenheit! Wir müssen gemeinsam stark bleiben, Zeichen setzen und dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Das gilt für alle Menschen in und außerhalb der Ukraine genauso für das Corona-Virus, welches aufgrund der aktuellen Ereignisse in Vergessenheit geraten zu scheint… Es ist aber immer noch da! Gemeinsam schaffen wir das, davon bin ich absolut überzeugt. Mit einer klaren Meinung und einem klaren Geiste ist bereits viel gewonnen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Aufbruch und Neubeginn ist zunächst etwas, was nicht unbedingt erwünscht gewesen ist, ich sehe aber eine große Chance für alle, insbesondere uns Künstler/innen! Jetzt müssen wir unsere Stimmen, unsere Worte, unsere Schriften und Taten umso mehr erheben, der Neubeginn kann alte, ,,schwache“ Strukturen zusammenschweißen! Deswegen bin ich überzeugt, dass jeder Künstler weiterhin Auftritte, Lesungen, Installationen, Interviews etc. wahrnehmen sollte! Ich werde das so handhaben. Ganz bestimmt werden wir uns nicht unsere Handlungen und Worte verbieten lassen. Die Kunst muss jetzt umso mehr die Stimme des Volkes sein. Es klingt vielleicht hart, aber nie waren die Künstler mehr gefragt, um ein Zeichen zu setzen, gegen Krieg, gegen Rassismus, gegen Größenwahn und gegen Machenschaften, die erst langsam ihre Entfaltung erleben. Deswegen bin ich auch der Meinung, dass wir Künstler mehr gefördert werden müssen. Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie wichtig die Künstler-Szene für die Gesellschaft ist!  

Was liest Du derzeit?

Zurzeit bin ich tatsächlich (zum Glück) dermaßen beschäftigt, dass ich nicht mehr dazu komme, ein Buch zu lesen. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich diesem auch die volle Aufmerksamkeit schenken! Ich bin aber gerne offen für Buchvorschläge, also immer her damit :)!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein paar Zeilen aus meinem Kurztext ,, Die Flucht“ (erschienen in meinem dritten Buch ,,Worte ohne Grenzen“, 2018) Wohin, wenn das eigene Zuhause komplett zerstört wurde? Flüchtlinge sind wir schon längst alle, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Wir fliehen alle, weg von den alltäglichen Sorgen. Wir wünschen uns Geborgenheit in der Einsamkeit. Ist nicht genau das, was uns alle verbindet? Der Wunsch nach Geborgenheit. Gemeinsam, statt einsam, wäre vieles leichter. Also lasst uns gemeinsam, nicht  einsam, die Flucht zu einer Reise mit Ziel machen!

Joshua Clausnitzer, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Joshua, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Joshua Clausnitzer, Schriftsteller

Fotos_Dirk Gräper

1.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nicht die Solidarität entsorgen“ Meinhard Rauchensteiner, Schriftsteller _ Wien 2.3.2022

Lieber Meinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tagesablauf ist ein wenig ruhiger geworden. Es findet weniger statt oder der – auch soziale – Druck, überall dabeisein zu müssen hat nachgelassen. Es ist wesentlich selbstverständlicher geworden, nicht da oder dort zu sein, nicht auf jedem Kirtag zu tanzen. Es ist, wie bei vielen anderen auch, irgendwie einsamer geworden, was gute wie auch schlechte Seiten hat.

Meinhard Rauchensteiner_Schriftsteller, Filmemacher, Beamter

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wichtigste ist, dass wir genau hinsehen und nicht den Fehler begehen, aus den Veränderungen der letzten zwei Jahre genau das mitzunehmen, was widerlich ist und das Wertvolle zurückzulassen. Also beispielsweise die globale Konsum-Idiotie wieder voll anzukurbeln und die bürgerlichen Freiheitsrechte weiter eingeschränkt lassen. Das Misstrauen zu erhalten und die Solidarität zu entsorgen. Aber leider werde ich das Gefühl nicht los, dass eben gerade die positiven Aspekte der Pandemie vergessen und die negativen zur neuen Normalität stilisiert werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Literatur oder der Kunst im Allgemeinen kommt gar keine Rolle zu. Sie tut das, was sie immer tut. Und das ist gut so, denn das Kommentieren des Alltags ist nicht ihre Aufgabe, und das Verbessern der Welt sollte man Predigern überlassen, die kennen sich da aus.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich „Rombo“ von Esther Kinsky. Sie handelt das Erdbeben im Friaul des Jahres 1976 ab, ein Ereignis, an das ich mich noch gut erinnern kann. Ihr Protagonist ist die Natur, sind die Steine und Flüsse, die Pflanzen und dann irgendwann auch die Menschen. So wie es im Grunde war und immer sein wird.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Darum prüfet alles und das Gute behaltet – Paulus

Die Zeit fließt manchmal in Tropfen – Musil

Meinhard Rauchensteiner_Schriftsteller, Filmemacher, Beamter

Vielen Dank für das Interview lieber Meinhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Film- Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Meinhard Rauchensteiner_Schriftsteller, Filmemacher, Beamter

Alle Fotos_Ingo Petramer

23.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir die Prinzipien, die Frieden stiften, selbst verkörpern – auch im Kleinsten“ Saskia Nitsche, Autorin _ Berlin 1.3.2022

Liebe Saskia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In den letzten beiden Jahren habe ich mir durch das vermehrte Arbeiten von zu Hause feste Routinen geschaffen. Dazu gehören einige Stunden am Morgen, die nur mir gehören. Ich stehe meist um kurz nach sechs auf. Ich trinke Kaffee und esse ein Stück Obst. Danach praktiziere ich eine Sequenz Yoga. Das bringt mich in eine innere Stille, aus der heraus ich mich hinsetze und schreibe, mindestens eine halbe Stunde, häufig länger, je nachdem, wann mein erster Termin stattfindet.

Im weiteren Verlauf gestalten sich meine Tage sehr unterschiedlich. An manchen Tagen kann ich mich ganz meinen eigenen Vorhabe widmen, an anderen steht die künstlerische Lehre im Fokus. Ich bin dankbar für die Abwechslung und dankbar, dass ich mich durch das, was ich tue, mit anderen in einem stetigen Forschungsprozess befinde, der sich durch die besonderen Umstände, in denen wir uns einrichten mussten, intensiviert hat. Ich habe den Eindruck, wir sind mit Fragen konfrontiert, welche die Bereitschaft zu tieferen Auseinandersetzungen in uns anregen. Ich bin dankbar, dass ich in den letzten beiden Jahren vielen Menschen begegnet bin, die zu diesen Auseinandersetzungen auf eine offene und aufrichtige Weise bereit sind und mit denen ich mittlerweile regelmäßig arbeite.

Saskia Nitsche, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Viele von uns befinden sich gerade in diesen Tagen in Zuständen der Angst. Dabei wäre es so wichtig, jetzt zentriert zu bleiben. Wenn wir etwas anderes in der Welt sehen wollen als das, was sich vor unseren Augen entfaltet, sind wir es, die in der Verantwortung sind, es zu gestalten. Egal, wie klein wir die Dimension unseres Wirkungsradius einschätzen mögen. Ich glaube daran, dass ein Handeln im Kleinen auch auf den nächstgrößeren Kontext wirkt und so weiter. Neue Perspektiven können durch Kunst, durch Literatur eingebracht werden, aber auch durch unser unmittelbares Wirken in jedem Moment.

In meinen Augen braucht es dafür einen inneren Ort, der unberührt ist von dem, was sich im Außen vollzieht. Für mich persönlich stelle ich fest, dass das auch bedeutet, mich zeitweise von medialen Inhalten zu distanzieren, nicht um Ignoranz zu kultivieren angesichts der Vorgänge in der Welt, sondern um in der Lage zu sein, meinen Teil zu dem beizutragen, was ich – was wir – sehen wollen. Um meine Energie- und Kraftressourcen und meine innere Klarheit zu bewahren.

Eine Frage, die ich mir seit einer Weile täglich stelle, ist diese: Habe ich heute mehr kreiert als konsumiert? 

Wenn wir heute auf Facebook posten, dass wir uns für Frieden und gegen Krieg aussprechen und Demonstrationen besuchen, ist das zwar richtig, aber es verpflichtet uns auch dazu, dass wir die Prinzipien, die Frieden stiften, selbst verkörpern – auch im Kleinsten. Für mich ist dies eine der wichtigsten Wertvorstellungen, die ich angesichts dieser konfliktreichen Zeit gewonnen habe. Und wenn ich sie wirklich an mich heranlasse, sehe ich die vielen subtilen Ebenen, auf denen ich selbst noch Prinzipien reproduziere, die nicht dem dienen, was ich sehen möchte und von Instanzen außerhalb meiner Selbst einfordere. Die Prinzipien, die Krieg, also konfliktreichen, militärischen Auseinandersetzungen von Staaten, zugrunde liegen, sind die gleichen die konfliktreichen Auseinandersetzungen in meinem unmittelbaren Umfeld zugrunde liegen. Die Dimension und Tragweite mag sich gewaltig unterscheiden, aber in seinem Wesen drückt sich Konflikt in allen Dimensionen durch ähnliche Prinzipien aus. Ich denke, es ist wichtig, auch hin und wieder still zu werden, sich zurückzuziehen und in eine bescheidene, ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst zu kommen, um schließlich im Wirken nach außen kollektive Traumastrukturen nicht weiter zu reproduzieren. Das ist für mich der Moment, wo innere Arbeit über das Persönliche hinausreicht und zu einem gesellschaftlichen Beitrag wird.

Diese Frage beschäftigt mich bereits sehr lange: Inwiefern tragen wir unerlöste Anteile in uns, die auf sehr subtile Weise in unserem Wirken zur Reproduktion der Prinzipien von Krieg, Herrschaft und Gewalt führen, insbesondere unter dem Einfluss vermeintlicher oder realer Bedrohungen, die auf uns einwirken. Diese Frage war für mich auch beim Schreiben meines Romans Drop zentral, der vor dem Beginn der Pandemie fertig war, aber noch nicht erschienen ist. Diese Zeit weist so viele Parallelen auf zu dem, was ich dort beschrieben habe, dass es mir manchmal unheimlich ist. In gewisser Weise überrascht mich deshalb nicht, was wir im Augenblick erfahren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Den Aufbruch spüre ich persönlich sehr stark. Es mag zunächst paradox wirken angesichts des Gewaltvollen, das sich im Augenblick in der Welt zeigt. Oft ist es in meiner Erfahrung aber gerade diese innere Erschütterung, der Illusionsverlust, den es benötigt, um sich für etwas Neues öffnen zu können.

Für das Schreiben, die Literatur, kann es wichtig sein, sich zu vergegenwärtigen, dass alle Geschichten, die wir erzählen, Welt erschaffen.

Da ich an der Schnittstelle zwischen Literarischem Schreiben und Design arbeite und lehre, inspirieren mich häufig Schriften aus dem Designbereich für das literarische Schaffen und das Nachdenken über Literatur. In letzter Zeit kommt mir häufig die politische Designtheorie von Friedrich von Borries in den Sinn: Weltentwerfen, 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen, die mich nachhaltig geprägt hat. Der Band beginnt mit der Herleitung seiner zentralen Thesen aus Martin Heideggers Sein und Zeit: »Als geworfenes ist das Dasein in die Seinsart des Entwerfens geworfen.«

Der Gedanke, dass der Mensch nicht anders kann, als zu entwerfen, ist auch für das Erzählen relevant. Der Mensch kann nicht nicht erzählen. In jedem Moment erzählen wir und entwerfen damit Welt, oft jedoch ist uns unser eigenes Erzählen und das Wirklichkeit stiftende Moment, das ihm innewohnt, nicht bewusst. Wenn wir uns dieses Vorgangs bewusstwerden, haben wir die Chance Welt bewusst zu gestalten, als literarisch Erzählende, aber auch als Mensch, jetzt, in diesem Moment.

Von Borries zitiert auch Vilém Flusser, der Heideggers Gedanken ein politisch wiederständiges Moment hinzufügt, wenn er sagt: »Wenn wir entwerfen, befreien wir uns. Das ist der Wesenskern unseres Menschseins.«

Auch das lässt sich auf das Erzählen, auf das Kunstschaffen im Allgemeinen übertragen, ebenso wie Otl Aichers zentrale These aus seinem Text die welt als entwurf: »die welt, in der wir leben, ist die von uns gemachte welt. (…) im entwerfen kommt der mensch zu sich selbst.«

Von Borries‘ darauf aufbauende Designtheorie ist für mich – mit dem Gedanken an ihre Übertragbarkeit auf Literatur – sehr aufregend zu lesen und stiftet viel Hoffnung, erinnert aber auch an die Verantwortung, die uns als Gestaltenden und Schreibenden zukommt.

Um den Vorgang des Erzählens wahrnehmen zu können, ist es hilfreich, wenn unser Denken auch einmal still werden kann. Scheinen dann Gedanken auf, die sich zu Erzählungen formen, werden wir sie als solche wahrnehmen können. Dann wird es möglich, eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob diese Erzählung eine Verkörperung finden soll, zunächst einmal, indem sie laut ausgesprochen oder aufgeschrieben wird. Die innere Stille ist für mich zentral. In dieser Hinsicht wohnt selbst der Meditation ein politisches Moment inne. Ich muss still sein können, um wahrzunehmen, was ich der Welt hinzufüge.

Was lest Du derzeit?

Vor einem Jahr habe ich WOW & FANCE gegründet, ein Research Lab, in dem es um die Erforschung der künstlerischen Praxis des Schreibens, insbesondere unter Einbezug somatischer Ansätze aus dem Movement Research, dem Tanz und dem Yoga geht, aber auch um die bewusste Gestaltung von Werkstattprozessen für das Schaffen von Literatur, die bestimmte Mechanismen des Literaturbetriebes nicht reproduzieren. (www.wow-and-fance.de)

Im Augenblick lese ich hauptsächlich hierfür und für ein Seminar, das ich im Sommersemester am Literaturinstitut in Hildesheim geben werde, bei dem es ebenfalls um den Einbezug des Körpers in den Akt des Schreibens gehen wird. Gerade liegen hier: John Lees Writing from the Body, Jacques Lecoqs Der poetische Körper und Bücher von Twyla Tharp und Martha Graham.

Das ist für mich eine weitere wichtige Qualität in dieser Zeit: wirklich verkörpert zu sein. Das heißt zunächst einmal, in meinem Körper präsent zu sein. Mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und aus diesem sicheren Stand heraus mein Wirken in der Welt zu gestalten, auf eine möglichst bewusste Weise.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kein Zitat, aber einen Impuls:

Was habe ich heute kreiert? Und entspricht es dem, was ich unserer Gegenwart hinzugefügt sehen möchte?

Vielen Dank für das Interview, liebe Saskia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke für die wichtigen Fragen und die wundervolle Interview-Serie.

5 Fragen an Künstler*innen:

Saskia Nitsche, Autorin

https://www.saskianitsche.com/

Foto_Daniel Nartschick

28.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Künstler*innen müssen sich selbst finanzieren, um überhaupt durchzukommen“ Simone Schulz, Künstlerin _ Untermarchtal/D 28.2.2022

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Möglichst geregelt. Das verlangt Selbstdisziplin. Ich schreibe  an einem Buch und stehe unter Druck, es zu veröffentlichen. Ansonsten habe ich viel Arbeit mit dem alten Haus in dem ich lebe.

Simone Schulz, Künstlerin _
Das Foto ist von Tobias Meinhold aus Biberach, anlässlich eines Atelierbesuches im Mai 2020 für die Biberacher „Show die es nie geben dürfte“.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bescheidenheit einzuüben. Weg von einer überzogenen Anspruchshaltung. Alte Sachen wieder lernen, gesund kochen, sich selber ohne Motorisierung fortzubewegen, den Kindern auch mal Verzicht auf Materielles beibringen. Klar wäre wichtig, einander nicht allein zu lassen. Aber das passiert. Also muss man fertigwerden damit. Auch da mit den Ansprüchen runter und sich in den anderen hineinfühlen. Mitgefühl ist wichtig.

Doch es ist nicht gut, die Selbstwahrnehmung aufzugeben und nur noch für andere da sein.

In der Gesellschaft, in der ich mich wohlfühle, kommt jeder zu Wort. Persönlichkeit wird gebildet, Berufung erkannt und gelebt.

Egoismus ist oft verbunden mit mangelndem Gefühl für Identität.

Egoismus beutet die Erde aus und nimmt. Identität ist verbunden mit der Freude über die Persönlichkeit des Nächsten und tritt ohne Angst ums Ich in Kontakt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Mein Eindruck ist der, dass Kunst zunehmend eine Spielwiese der oberen Zehntausend und einem kleinen Kreis Eingeweihter geworden ist. Künstler müssen sich selbst finanzieren, um überhaupt durchzukommen. Das gelingt nur bei sehr gutem Sponsoring und schließt sehr viele aus, die durchaus etwas zu bieten hätten.

Als Mediathek- Konsumentin bekomme ich einen recht überschaubaren Kreis an Schauspielern geboten, die in wechselnden Filmen und Rollen immer wieder auftauchen.

Wo sind die anderen?

Bildende Künstler, die in Museen ausstellen, bedienen Erwartungen eines kleinen Kreises, der sich zunehmend abschottet.

Wenn Künstler  mit ihrer Arbeit viele Leute erreichen wollen:  Formate wie Musicals und Popkonzerte, Computerspiele, Netflix und TV-Serien mit denen sehr viele Menschen erreicht werden, könnten künstlerisch aufgewertet werden. Das wäre eine Chance für Kunst, in aller Gesellschaft zu bleiben.

Ganz kurz: Raus aus der Blase.

Was liest Du derzeit?

Rechercheliteratur für mein Schreiben im Format Roman mit historischem Hintergrund.

Anna Katharina Hahn: Am schwarzen Berg und Aus und davon

Lukas Rietschel: Raumfahrer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Raus aus der Blase.

Werdet bescheiden, werdet wieder SchülerInnen, sucht euch immer wieder Lernstoff.

Lernt zuzuhören. Aber nicht nur den „Päpsten“.

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Simone Schulz, Künstlerin

http://www.simone-schulz.de/Vita.html

Foto_Tobias Meinhold

20.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Druckmacher“. Wie die Generation Luther die erste Medienrevolution entfesselte, Thomas Kaufmann. Beck Verlag.

Es ist eine Zeit des Umbruchs an der Wende zur Neuzeit, die sich in vielen Lebens- Gesellschaftsbereichen ihre Bahn bricht und grundlegende Veränderungen in Verfasstheit und Organisation mit sich bringt. Wesentliches Momentum und Movens ist dabei der Buchdruck und damit die veränderte Form der Kommunikation, die ganz neue Horizonte eröffnet und die der Reformator Martin Luther (1483 – 1546) wie weitere reformatorische Richtungen zu nützen wissen.

Das gedruckte und schnell sich verbreitende Wort in Kritik, Sinn, Hoffnung und Mut ist auch eine gesellschaftliche Wendung, Öffnung zur Bildung hin. Die Gesellschaft soll dadurch eine Mündigkeit, eine Freiheit bekommen, die vom Gespräch in Unmittelbarkeit wie im Buch, Blatt geprägt ist.

Und es sind „Die Druckmacher“ in Technik und know how, die nun Diskussion, Lehre, Rhetorik neue Impulse und damit der Welt einen Anstoß geben, der sie für immer verändern wird…

Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen, legt mit „Die Druckmacher“ einen kulturgeschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Buchdruckes und dessen vielfältigen Einfluss und Rezeption in der Reformation vor, wie gibt einen Ein- wie Ausblick auf folgende und gegenwärtige Entwicklungen der Bedeutung des Buches, des Wortes von der Reformation bis in das moderne Medienzeitalter im Zusammenhang von Sinn, Glaube und Kommunikation.

Das Buch begeistert in seinem umfassenden wie spannenden kulturgeschichtlichen Ansatz und der exzellenten Information wie auch der Erzählform, die gleichsam ein Erlebnis Zeitreise von Buch zu Buch ermöglicht.

„Kulturgeschichte als Erlebnis von Buch zu Buch. Ein genialer Kunstgriff!“

Walter Pobaschnig 2_22

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„Es ist nie zu spät, seinen Traum zu verwirklichen“ Julia Hagenhofer, Schauspielerin_40.Todesjahr_Romy Schneider _ Wien 27.2.2022

Julia Hagenhofer _Schauspielerin _ Wien _
reenacting _ Romy Schneider in „Sissi“ _
Schloss Schönbrunn _ Wien

Liebe Julia, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?

Bezüge zu Romy Schneider habe ich insbesondere über die „Sissi“-Filme. Seit ich denken und mich erinnern kann, sehe ich mir die Filme Jahr für Jahr in der Weihnachtszeit an.

Wann hast Du die „Sissy“ Filme von Romy Schneider erstmals gesehen und wie hast Du diese erlebt?

Ich habe die „Sissi“ Filme bereits als kleines Kind gesehen. Früher war es in meiner Familie üblich, dass wir uns an den Wochenenden ab und zu „alte Wiener Filme“ angesehen haben. Zum Teil noch schwarz-weiß Filme. Obwohl ich da noch ein Kind war mochte ich diese Filme sehr gerne.

Da meine Mama selbst die „Sissi“ Filme gerne ansieht, kam es dazu, dass ich sie in einem jungen Alter bereits sehr oft gesehen habe. Ich war begeistert von den Filmen –  von den Kleidern, den Kostümen, von den Schlössern, den Kutschen, den SchauspielerInnen, den Pferden, und und und.

Welche Zugänge gibt es von Dir zu Kaiserin Elisabeth?

Insbesondere durch die Romy Schneider „Sissi“ Trilogie war ich immer schon fasziniert von Kaiserin Elisabeth. Ich habe mich schon früh für die Geschichte von Kaiserin Elisabeth interessiert, habe regelmäßig mit meiner Familie die Museen, das Schloss Schönbrunn und die Hofburg besucht, habe mir das Musical Elisabeth im Theater an der Wien angesehen und mein Traumberuf im Kindergarten, laut Freundebuch, war es „Königin oder Kaiserin“ zu werden.

Gibt es einen weiteren Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?

Mädchenjahre einer Königin.

Ich muss gestehen, dass die „Sissi“-Trilogie und „Mädchenjahre einer Königin“ die einzigen Romy Schneider Filme sind, die ich gesehen habe. Alle vier Filme sind sehr gelungen.

Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?

Nein, leider noch nicht. Deshalb freue ich mich umso mehr über das Fotoprojekt.

Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie im Schauspielberuf an sich?

Ich denke, dass die Öffentlichkeit in einem Schauspielberuf immer eine Rolle spielt, insbesondere, wenn man erfolgreich in dem Beruf ist. Romy Schneider war sehr jung als sie mit der Schauspielerei begonnen hat und hatte schnell einen hohen Bekanntheitsgrad.

Die Schauspielerei an sich lebt zu einem großen Teil von der Öffentlichkeit, der Reichweite und dem Publikum. Dementsprechend bringt großer Erfolg auch, neben vielen positiven Seiten, Schattenseiten mit sich. Ich denke, dass man als erfolgreiche SchauspielerIn damit umgehen lernen muss und sich darüber auch im Klaren sein muss. In der Hinsicht denke ich, dass es vor allem in einem Alter, in dem Romy Schneider zu ihrem Erfolg gekommen ist, schwierig sein kann, mit Paparazzi und auch unangenehmen Fans umzugehen.

Ich denke aber, wenn man den Schauspielberuf von ganzem Herzen liebt und die Reichweite als etwas positives sieht, dann kann man über die kleinen „negativen“ Aspekte hinwegsehen und sich an all den positiven und schönen Aspekten erfreuen.

Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen mit der „Sissy“ Triologie in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten und Risiken persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?

Ich denke, dass neue Lebensabschnitte und Veränderungen immer eine Bereicherung sein können. Insbesondere ein Wechsel der Genre, finde ich im künstlerischen Bereich immer spannend.

Ich denke, auch mit einem Umzug in ein anderes Land, dem erleben der neuen Kultur und der neuen Sprache kann man als KünstlerIn neue Seiten entdecken und über sich hinaus wachsen.

Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?

Die „Sissi“ Filme.

Ich finde vieles daran „typisch Wienerisch“. – die Sprache, die Orte und die Geschichte natürlich.

Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?

Als gebürtige Wienerin bedeutet mir Wien sehr viel. Ich bin in Wien geborgen und habe die ersten Jahre meines Lebens hier gelebt, bin dann für ungefähr 20 Jahre nach Niederösterreich gezogen und jetzt vor einem Jahr wieder nach Wien zurückgezogen.

Den Großteil meiner bisherigen schauspielerischen Erfahrungen habe ich in Wien gemacht und bisher waren all diese Erfahrungen positiv. Ich finde es immer wieder schön in Wien bei Filmen oder in Theaterstücken mitzuwirken.

Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?

Ich finde in Wien und generell in Österreich gibt es tolle Möglichkeiten für die Schauspielerei. Insbesondere Wien ist für mich ein Ort, welchen ich stark mit der Kunst und der Schauspielerei in Verbindung bringe. Ich kenne kaum andere Städte auf der Welt, die in Besitz von so vielen wunderschönen Theatern und Bühnen sind. Ich finde, es ist ein Privileg als SchauspielerIn auf einer dieser schönen, großen Bühnen stehen zu dürfen. Das würde ich mir auch sehr für mich, für meine Zukunft, wünschen. 

Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?

Ich wünsche mir für den Schauspielberuf und für die Kunst allgemein mehr Absicherung seitens der Regierungen, damit Theater und auch KünstlerInnen auch in Krisenzeiten keine Sorgen haben.

Was sind Deine kommenden Projekte?

Bezüglich kommender Projekte wurde noch nichts offiziell bekannt gegeben.

Im Moment bereite ich mich ansonsten intensiv auf die paritätische Musicalprüfung vor, die hoffentlich dieses Frühjahr stattfindet.

Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?

Nachdem ich selbst noch in Ausbildung bin, habe ich nicht viel Erfahrung, die ich teilen kann. Was ich allerdings für mich in den letzten Monaten und Jahren festgestellt habe ist, dass für mich das „Sich-Wohlfühlen“ sehr wichtig ist. Insbesondere in meinen Anfängen habe ich versucht so viel wie möglich zeitgleich von unterschiedlichen LehrerInnen und Tanzstudios lernen zu können. Dabei war es für mich nicht wichtig ob ich mich wirklich wohl fühle. Mittlerweile suche ich mir gezielt und bewusst meine Unterrichtseinheiten und LehrerInnen aus und merke, dass ich mir seitdem um einiges mehr mitnehmen kann.

Eine zweite Sache, die ich auch noch mitgeben möchte, ist, dass es in meinen Augen nie zu spät ist seinen Traum zu verwirklichen. Ich habe sehr spät mit der Schauspielerei angefangen und dachte auch eine Zeit lang, dass es zwecklos ist so spät damit zu beginnen. Aber nachdem für mich das Künstlerleben etwas ist was ich mir schon eine sehr lange Zeit gewünscht habe, habe ich beschlossen es zu versuchen. Und heute, ein paar Jahre später, und dank meiner ganzen LehrerInnen, weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Was würdest Du Romy Schneider und was Kaiserin Elisabeth sagen, fragen wollen?

Von Romy Schneider würde ich gerne wissen, wann sie gewusst hat, dass sie Schauspielerin sein möchte.

Von Kaiserin Elisabeth würde ich gerne wissen, wie sie sich ihr perfektes Leben erträumt hätte.

Was kann eine junge Schauspielerin wie Du von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?

Bei Romy Schneider finde ich es bewundernswert, dass sie schon in jungen Jahren eine unfassbare Echtheit und Natürlichkeit in der Schauspielerei hatte.

Von ihrem Leben selbst kann ich mir mitnehmen, dass Glücklich-Sein sehr wichtig ist. Egal in welcher Sparte des Lebens oder in welchem Berufsfeld.

Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?

Rosemarie Magdalena Albach war der bürgerliche Name von Romy Schneider.

Oesterreich war das Geburtsland von Romy Schneider.

Magda Schneider, ihre Mutter, war ebenfalls Schauspielerin.

Ypsilon ist leider ein sehr schwerer Buchstabe in der deutschen Sprache. Ymor heißt Romy verkehrt geschrieben.

Julia Hagenhofer _Schauspielerin _ Wien _
reenacting _ Romy Schneider in „Sissi“ _
Schloss Schönbrunn _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Julia, für Deine Zeit und die großartigen Bemühungen zu Kostüm, Wort und szenischem Porträt! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Musical-, Schauspielprojekte!

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Hagenhofer _Schauspielerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _

Wien _ Schloss Schönbrunn

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Walter Pobaschnig 1_2022

„Uns wieder all der Menschen in unserem Leben zu besinnen“ Irina Imb, Schauspielerin _ Wien 27.2.2022

Liebe Irina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich jetzt wieder hauptsächlich in der Gastronomie arbeite, ist mittlerweile ein bisschen Normalität eingekehrt. Und die neue Normalität ist halt  Maske tragen und Menschen nach ihrem 2G Nachweis zu fragen.

Irina Imb, Schauspielerin/Make-Up Artist

Ich gehe tatsächlich viel mehr ins Kaffeehaus, in meiner Freizeit, und lese & schreibe dort. Etwas was ich auf einmal so viel mehr zu schätzen weiß.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, trotzdem weiterhin unsere sozialen Kontakte zu pflegen. Wir leben in einer Zeit, wo es so einfach geht wie noch nie mit anderen Kontakt aufzunehmen. Mir fällt auf wie mein sozialer Kreis in den letzten 2 Jahren geschrumpft ist. Immer wieder Lockdown und Kontakt Verbote, da hat man sich dann einfach angefangen auf ein paar Kontakte zu beschränken. Es ist wohl wichtig, uns wieder all der Menschen in unserem Leben zu besinnen. Ich kenne viele Menschen aus meinem Umfeld, die ein bisschen der Einsamkeit verfallen sind. Aber niemand von uns ist alleine, auch wenn es sich zu Zeiten manchmal so anfühlen mag.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst im Allgemeinen ist doch immer irgendwo ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und oft ein Stempel der jeweiligen Zeit. Ob das nun Musik, Mode, Theater, etc ist. Das Beste machen aus dem was da ist.


Freuen wir uns nicht alle auf ein bisschen Unterhaltung in Gesellschaft? Ein Zeichen von Normalität?


Kultur ist ja auch ein bisschen was uns ausmacht.
Und langsam haben wir wohl alle genug von den Stadtwanderwegen.

Was liest Du derzeit?

„Was wenn wir einfach die Welt retten“ von Frank Schätzing.
Noch bin ich aber noch nicht an dem Punkt angekommen, wo es viel Hoffnung verspricht.
Deswegen für zwischendurch die „Gedankensammlung“ vom großartigen Georg Rauber „Das Herz ist ein dummer Bastard“ Eine gute Inspirationsquelle, um selbst kreativ zu werden.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aber wenn ich könnte wie ich wollte
Würd ich gar nichts wollen
Ich weiß aber, dass alle etwas wollen soll’n
…“

Wir sind Helden

Irina Imb, Schauspielerin/Make-Up Artist

Vielen Dank für das Interview liebe Irina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Gastronomieprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Irina Imb, Schauspielerin/Make-Up Artist

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel am Stephansplatz _ Wien 20.2.2022

20.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„In Lwiw kommt jede Menge von Flüchtlingen aus Kyiw, Charkiw und anderen Ostregionen an“ Marta Mokhnatska, Schriftstellerin_ Ukraine 26.2.2022

Die Fotos, die ich gestern in Lwiw gemacht habe, stellen dar, dass die Situation in Lwiw stabil und ruhig ist. Heute ist die Situation gleich. Lwiwer hörten den Luftalarm, aber alles war in Ordnung. In Lwiw kommt jede Menge von Flüchtlingen aus Kyiw, Charkiw und anderen Ostregionen an. Es gibt schon viele soziale Ankünfte, wo man diese Menschen erwartet.

Warteschlange vor einem Geldautomaten_Lwiw
Lwiw
Lwiw

Vielen Dank für die Schilderung, liebe Marta, alles Gute!

Alle Fotos_Marta Mokhnatska _ Lwiw.

Marta Mokhnatska, Schriftstellerin_ Ukraine

Marta Mokhnatska, Schriftstellerin_ Ukraine

Walter Pobaschnig _26.2.2022

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„Bei der Freiheit der Kunst hapert es allerdings ganz schön“ Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin _ Berlin 26.2.2022

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Partner und ich stehen um sieben Uhr auf und machen unsere Tochter für die Schule fertig. Alle sind wir Nachteulen, also geht nichts ohne Kaffee, aber frisch gemahlen in einer alten Handmühle, soviel Zeit muss sein. Dann Schuldose bestücken, Hafermilch aufwärmen, Zöpfe flechten, Mütze suchen. Die Pandemie begann, als unsere Tochter in der ersten Klasse war. Jetzt, einige Lockdowns und viele Ausfälle später, ist sie in der dritten, so dass es noch kaum so etwas wie einen Schulalltag gab. Wenn meine Tochter mit ihrem Vater aufgebrochen ist, räume ich ein bisschen auf und erledige erste Mails, manchmal lege ich mich noch einmal hin. Dann eine Stunde Hundeauslauf, und spätestens am Vormittag stehe ich am Schreibtisch und arbeite. Allerdings bedeutet das zum geringsten Teil, auch literarisch zu schreiben. Wie alle anderen freiberuflich Arbeitenden bin auch ich fast immer mit dem Drumherum beschäftigt, in meinem Fall heißt das Mailverkehr mit Verlag und Veranstaltungshäusern, Planung von (Online-)Auftritten, Lesen, Durchgehen von Fahnen, Proben, Besprechungen mit meiner Übersetzerin, Networking und hin und wieder ein glücklich machender Videodreh mit meinem Poesiekollektiv Landschaft.

Wegen der Pandemie kommt meine Tochter statt um vier Uhr schon um halb zwei Uhr nach Hause. Danach erledige ich Berufliches eher nebenher, während ich den Haushalt mache oder sie zum Klavier oder Tanzen begleite. Was ich tagsüber nicht schaffe, hole ich abends nach, wenn alle anderen schlafen. Diese Spätschichten bezahle ich am nächsten Tag mit einer Riesenmüdigkeit, aber oft sind es die einzigen Stunden, an denen ich wirklich literarisch arbeiten kann. Egal, wie weit mein Tag in die Nacht hineinreicht, immer endet er mit einer letzten Hunderunde um den Block.

Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es wichtig, über dem eigenen Struggle mit der Pandemie und ideologischen Uneinigkeiten nicht aus den Augen zu verlieren, was um uns herum passiert. Bei so manchem ebbt die Wut auf die angebliche Coronadikatur ab, wenn man ihr*sein Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Desorientierung, der Angst ernstnimmt. Lasst uns einander nicht aus den Augen verlieren, Leute. Einer meiner besten Freunde lebt in der Ukraine. Mit ihm bin ich 2018 in Mariupol gewesen, einer Stadt am Schwarzen Meer, die zum Oblast Donezk gehört und deren Hafen seit der Errichtung der russischen Krimbrücke von der Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer ausgeschlossen ist und quasi leersteht. Etwa zwanzig Kilometer hinter der Stadt begann die Front. In den Augen der Menschen, die ich kennengelernt habe, ist der Krieg nichts Neues. Er herrscht seit Russlands Annexion der Krim 2014.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Alles, was wir privat und politisch unternehmen, müssen wir unter Klimagesichtspunkten betrachten. Das ist ein Anspruch, an dem ich persönlich ständig scheitere. Das ändert aber nichts an der Notwenigkeit, auf den menschengemachten Klimawandel zu reagieren – öffentlich und privat. Überhaupt schlittern wir gerade möglicherweise in eine Zeit, in der eine Kunst, die nicht explizit klimapolitisch oder menschenrechtlich Stellung nimmt, fast als Luxus angesehen wird, auf den man auch verzichten könne. Aber ungeachtet der Tatsache, dass mein Handwerk, die Sprache, per se politisch ist, weil sie Kommunikation herstellt, empfinde ich die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung als unverzichtbar. Letztere sehe ich vielen Staaten bedroht – in Deutschland nicht. Bei der Freiheit der Kunst hapert es allerdings ganz schön, wenn je nach Impfquote Clubs, Literaturhäuser, Konzerthallen trotz guter Hygienekonzepte schließen müssen, während der Billigtourismus boomt.

Was liest Du derzeit?

Gerade fertiggelesen: „Fille de France“ von Elisa Diallo – ein ungewöhnlicher Erfahrungsbericht über strukturellen Rassismus in Europa, dessen deutsche Übersetzung bei Berenberg unter dem Titel „Französisch verlernen“ erschienen ist. Jetzt lese ich Tishani Doshis Roman „Small Days and Nights“ (Bloomsbury). Doshi ist walisischer und indischer Herkunft, ihre Texte verbindet sie mit zeitgenössischem Tanz, der mit indischen Tanztraditionen arbeitet. Für April planen wir eine kleine Onlineperformance, lernen uns aber gerade noch – lesend – kennen. Außerdem einige Gedichte von Ahmad Katlesh, einem Blogger und Dichter aus Damaskus, der in Berlin lebt und dessen Band „Das Gedächtnis der Finger“ (übersetzt von Kerstin Wilsch, Edition Rugerup) das Verhältnis von Körper und Erfahrung untersucht. Dann blätterte ich heute in Gedichten von Friederike Mayröcker, wo mir ein Russe mit Federhut hängenblieb und außerdem die Formulierung „Weltseele kopfunter“. Zwischendurch zwischendurch bin ich viel auf Instagram und Facebook unterwegs, wo ich Onlineressorts einiger Zeitungen abonniert habe oder einfach nur lese, wie es Kolleg*innen geht. Und wenn dann noch Zeit ist, liegt in der Küche die aktuelle Printausgabe der ZEIT, aber von ihr schaffe ich immer nur das Magazin und ein paar Artikel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

(…) Die Silben ver- // schlucken uns wie winzige blinde Krebse, die / ewig am Grund einer Grotte leben. Bis der erste // Lichtstrahl trifft und wir uns sehen können: / ein Gebilde aus Kalk und singender Milch.

Diese Zeilen sind „Antarktika“ entnommen, einem Gedicht der Freiburger Dichterin Marie T. Martin, die im November 2021 verstorben ist. Sie hinterlässt ein schmales Werk, ihr beeindruckender Band „Rückruf“ erschien erst 2021 im Poetenladen-Verlag, Leipzig.

Vielen Dank für das Interview, liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin

Klingel

Foto_Dirk Skiba

22.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir schalteten das Radio ein und fingen schnell an, Dinge und Lebensmittel zu sammeln“ Marta Mokhnatska, Schriftstellerin_ Ukraine 25.2.2022

Heute, am 25. Februar, 11.43 Uhr, bin ich in Lwiw. Ich schlief nachts, aber die ganze Nacht fühlte ich das ängstliche Atmen meines Mannes in der Nähe. Unser Morgen begann mit einer Sirene, die gegen 6:50 ertönte, es war keine Trainingssirene, es gab eine Nachricht im Telegramm, dass wir zum nächsten Unterstand rennen müssen. Wir schalteten das Radio ein und fingen schnell an, Dinge und Lebensmittel zu sammeln. Sie waren zur Flucht bereit, aber der Alarm wurde aufgehoben. Seitdem haben wir nicht mehr ausgepackt. Auf der Karte haben wir die uns am nächsten gelegene Unterkunft gefunden. Interessanterweise ist unser Haus auch als Unterschlupf gekennzeichnet, aber in unserem Keller sahen wir Ratten. Und diejenigen, die sich heute in Notunterkünften wiederfanden, sagen, sie seien mit Müllbergen ausgestattet, mit Menschen, die nicht hineinlassen, weil sie denken, es gäbe nicht genug Platz für alle.

Marta Mokhnatska, Schriftstellerin

Ich versuche jetzt mein Bestes, um in meine Heimatregion Ternopil zu gelangen, weil meine Mutter und meine Schwester dort leben. Und dieser Ort sieht wirklich sicher aus, weil Russland hauptsächlich strategische Orte und Städte angreift. Kyiw ist jedoch heute von einer feindlichen Rakete aufgewacht, die den Eingang eines Wohnhauses getroffen hat. Meine Freunde aus Kyiw melden sich. Einige sind bereits in den Westen geflohen, einige sitzen zu Hause und kleben die Fenster ab (wenn die Fenster explodieren, explodieren sie wenigstens nicht und das Haus behält etwas Wärme), einige suchen nach Wegen, die Hauptstadt zu verlassen . Meine Freunde aus Russland haben keine Worte. Sie schämen sich und sind verletzt. Doch nur wenige wagen den Protest, weil der russische Regierungsapparat auf jede Willensäußerung aggressiv reagiert. Ich bin aber auch auf Informationen gestoßen, dass Verwandte von Bekannten in Russland die Situation für natürlich halten, weil die Ukraine Russland angegriffen hat, Russland sich also verteidigt. Das ist lächerlich. Absolut alle Feindseligkeiten finden auf dem Territorium der Ukraine statt. Die ukrainischen Streitkräfte leisten nur Widerstand. Die russische Propaganda verbreitet auch Informationen darüber, dass es einen Konflikt zwischen unseren Ländern gibt. Also: das ist kein Konflikt, das ist KRIEG.

Vielen Dank für die Schilderung, liebe Marta, alles Gute!

Marta Mokhnatska, Schriftstellerin_ Ukraine

Walter Pobaschnig _25.2.2022

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