„Bei der Freiheit der Kunst hapert es allerdings ganz schön“ Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin _ Berlin 26.2.2022

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Partner und ich stehen um sieben Uhr auf und machen unsere Tochter für die Schule fertig. Alle sind wir Nachteulen, also geht nichts ohne Kaffee, aber frisch gemahlen in einer alten Handmühle, soviel Zeit muss sein. Dann Schuldose bestücken, Hafermilch aufwärmen, Zöpfe flechten, Mütze suchen. Die Pandemie begann, als unsere Tochter in der ersten Klasse war. Jetzt, einige Lockdowns und viele Ausfälle später, ist sie in der dritten, so dass es noch kaum so etwas wie einen Schulalltag gab. Wenn meine Tochter mit ihrem Vater aufgebrochen ist, räume ich ein bisschen auf und erledige erste Mails, manchmal lege ich mich noch einmal hin. Dann eine Stunde Hundeauslauf, und spätestens am Vormittag stehe ich am Schreibtisch und arbeite. Allerdings bedeutet das zum geringsten Teil, auch literarisch zu schreiben. Wie alle anderen freiberuflich Arbeitenden bin auch ich fast immer mit dem Drumherum beschäftigt, in meinem Fall heißt das Mailverkehr mit Verlag und Veranstaltungshäusern, Planung von (Online-)Auftritten, Lesen, Durchgehen von Fahnen, Proben, Besprechungen mit meiner Übersetzerin, Networking und hin und wieder ein glücklich machender Videodreh mit meinem Poesiekollektiv Landschaft.

Wegen der Pandemie kommt meine Tochter statt um vier Uhr schon um halb zwei Uhr nach Hause. Danach erledige ich Berufliches eher nebenher, während ich den Haushalt mache oder sie zum Klavier oder Tanzen begleite. Was ich tagsüber nicht schaffe, hole ich abends nach, wenn alle anderen schlafen. Diese Spätschichten bezahle ich am nächsten Tag mit einer Riesenmüdigkeit, aber oft sind es die einzigen Stunden, an denen ich wirklich literarisch arbeiten kann. Egal, wie weit mein Tag in die Nacht hineinreicht, immer endet er mit einer letzten Hunderunde um den Block.

Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es wichtig, über dem eigenen Struggle mit der Pandemie und ideologischen Uneinigkeiten nicht aus den Augen zu verlieren, was um uns herum passiert. Bei so manchem ebbt die Wut auf die angebliche Coronadikatur ab, wenn man ihr*sein Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Desorientierung, der Angst ernstnimmt. Lasst uns einander nicht aus den Augen verlieren, Leute. Einer meiner besten Freunde lebt in der Ukraine. Mit ihm bin ich 2018 in Mariupol gewesen, einer Stadt am Schwarzen Meer, die zum Oblast Donezk gehört und deren Hafen seit der Errichtung der russischen Krimbrücke von der Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer ausgeschlossen ist und quasi leersteht. Etwa zwanzig Kilometer hinter der Stadt begann die Front. In den Augen der Menschen, die ich kennengelernt habe, ist der Krieg nichts Neues. Er herrscht seit Russlands Annexion der Krim 2014.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Alles, was wir privat und politisch unternehmen, müssen wir unter Klimagesichtspunkten betrachten. Das ist ein Anspruch, an dem ich persönlich ständig scheitere. Das ändert aber nichts an der Notwenigkeit, auf den menschengemachten Klimawandel zu reagieren – öffentlich und privat. Überhaupt schlittern wir gerade möglicherweise in eine Zeit, in der eine Kunst, die nicht explizit klimapolitisch oder menschenrechtlich Stellung nimmt, fast als Luxus angesehen wird, auf den man auch verzichten könne. Aber ungeachtet der Tatsache, dass mein Handwerk, die Sprache, per se politisch ist, weil sie Kommunikation herstellt, empfinde ich die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung als unverzichtbar. Letztere sehe ich vielen Staaten bedroht – in Deutschland nicht. Bei der Freiheit der Kunst hapert es allerdings ganz schön, wenn je nach Impfquote Clubs, Literaturhäuser, Konzerthallen trotz guter Hygienekonzepte schließen müssen, während der Billigtourismus boomt.

Was liest Du derzeit?

Gerade fertiggelesen: „Fille de France“ von Elisa Diallo – ein ungewöhnlicher Erfahrungsbericht über strukturellen Rassismus in Europa, dessen deutsche Übersetzung bei Berenberg unter dem Titel „Französisch verlernen“ erschienen ist. Jetzt lese ich Tishani Doshis Roman „Small Days and Nights“ (Bloomsbury). Doshi ist walisischer und indischer Herkunft, ihre Texte verbindet sie mit zeitgenössischem Tanz, der mit indischen Tanztraditionen arbeitet. Für April planen wir eine kleine Onlineperformance, lernen uns aber gerade noch – lesend – kennen. Außerdem einige Gedichte von Ahmad Katlesh, einem Blogger und Dichter aus Damaskus, der in Berlin lebt und dessen Band „Das Gedächtnis der Finger“ (übersetzt von Kerstin Wilsch, Edition Rugerup) das Verhältnis von Körper und Erfahrung untersucht. Dann blätterte ich heute in Gedichten von Friederike Mayröcker, wo mir ein Russe mit Federhut hängenblieb und außerdem die Formulierung „Weltseele kopfunter“. Zwischendurch zwischendurch bin ich viel auf Instagram und Facebook unterwegs, wo ich Onlineressorts einiger Zeitungen abonniert habe oder einfach nur lese, wie es Kolleg*innen geht. Und wenn dann noch Zeit ist, liegt in der Küche die aktuelle Printausgabe der ZEIT, aber von ihr schaffe ich immer nur das Magazin und ein paar Artikel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

(…) Die Silben ver- // schlucken uns wie winzige blinde Krebse, die / ewig am Grund einer Grotte leben. Bis der erste // Lichtstrahl trifft und wir uns sehen können: / ein Gebilde aus Kalk und singender Milch.

Diese Zeilen sind „Antarktika“ entnommen, einem Gedicht der Freiburger Dichterin Marie T. Martin, die im November 2021 verstorben ist. Sie hinterlässt ein schmales Werk, ihr beeindruckender Band „Rückruf“ erschien erst 2021 im Poetenladen-Verlag, Leipzig.

Vielen Dank für das Interview, liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin

http://ulrike-almut-sandig.de/

Foto_Dirk Skiba

22.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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