Liebe Katrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich befinde mich gerade in Vorbereitung auf eine Tournee, die ganz im Zeichen der Musik Freddie Mercury’s steht, aufgrund von Corona letzten Winter nicht stattfinden konnte, nun aber im Mai zumindest teilweise nachgeholt werden wird. In dieser Zeit der Vorbereitung bin ich sehr auf mich fokussiert. Mein Tagesablauf besteht aus intensivem Stimm- und Körpertraining um tip top in Form zu kommen. Ich ernähre mich bewusst und versuche Mindsets aus alten Gedankenkonstrukten aufzuspüren, zu hinterfragen und gegebenenfalls durch neue zu ersetzen. Ich bin überzeugt davon, dass auf mentale Aspekte nicht vergessen werden sollte.
Katrin Fuchs_Sängerin und Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Im Jetzt leben, dankbar sein, helfen, nichts als selbstverständlich nehmen, sich mit Anderen austauschen. Die Corona-Krise war für viele von uns bereits eine Erschütterung im Kleinen, der Ukraine-Krieg ist eine Erschütterung, die kaum in Worte zu fassen ist.
Wir wissen alle nicht was morgen, in 3, 6 oder 12 Monaten passieren kann, trotzdem bin ich der Meinung, dass wir so gut es geht zuversichtlich bleiben sollten. Alles andere, wäre meiner Ansicht nach, ein Tod auf Raten auf mentaler Ebene.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich bin überzeugt davon, dass Theater und Musik, generell alle kreativen Künste, mehr denn je als „Seelendoktor“ fungieren. Aufgrund von mehreren Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Publikum das Angebot an Veranstaltungen derzeit bedachter selektiert als in der Vergangenheit. Ein Großteil möchte derzeit explizit unterhalten werden und empfindet „Problemstücke“ als zusätzliche Erschwernis und Last. Für uns Darsteller ist es, besonders in von Krisen gebeutelten Zeiten, eine nicht zu leicht auf die Schulter zu nehmende Aufgabe, das Publikum, für die Dauer des Theaterabends, aus einem meist nicht enden wollenden Gedankenkarussell aus Sorgen und Ängsten zu entführen. Auch wenn die Konkurrenz an Freizeitangeboten durch Streaming-Dienste, Netflix und Co. derzeit so breit aufgestellt ist wie noch nie, glaube ich fest daran, dass diese Branche niemals ein Live-Ereignis ersetzen werden wird.
Was liest Du derzeit?
The Dictionary of Lost Words von Pip Williams
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Folgendes Zitat habe ich neulich in einem Posting der Süddeutschen Zeitung entdeckt und als äußerst treffend empfunden: „Reif ist, wer auf sich selber nicht mehr hereinfällt“ (Heimito von Doderer)
Vielen Dank für das Interview liebe Katrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
schlafen träumen wachen
aufstehen radio hören viel radio
dann und dabei kaffee trinken
arbeiten mit dem laptop dem handy berichte sehen
mit meiner besten freundin sprechen deren familie aus der ukraine gekommen ist
fragen was und wie und ob man helfen kann mit worten mit taten überhaupt
dann aber auch (und unbedingt) über anderes sprechen über anderes denken
wie die farbe einer kinderjacke oder die unterschiedlichkeit von wochentagen
die arbeit für den tag beenden das was man tut
rausgehen alleine mit anderen
abends: zeichnen schreiben sich fragen was man morgen lesen und hören wird
dann wieder hoffentlich schlafen träumen wachen
Barbara Marie Hofmann, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube wichtig ist es immer, noch da zu sein, hier zu bleiben, mit dem eigenen Kopf. Und nicht in der aufkommenden Panik, den möglichen Zukunftsfragen und Konsequenzen zu verschwinden, aufzugeben. Die Angst ist ein überzeugendes Gewitter. Wenn möglich also irgendwie die eigene Bodenhaftung behalten, um zu sehen, was man von hier aus tun kann, wem oder wie man sinnvoll helfen kann.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Loslassen. Neu beginnen. Auf sich und andere mehr Acht geben. Und Acht geben nicht als etwas Passives, sondern Aktives verstehen.
Und zur Kunst: Für mich ist die künstlerische Arbeit ein beständiges Brücken bauen zwischen Gestern, Heute und Morgen. Reflektieren, weiterdenken. Eine Basis schaffen für Zukünftiges.
Was liest Du derzeit?
Zum zweiten Mal: Margret Kreidl. Eine Schwalbe falten. Eine befreundete Lyrikerin hat es mir geschenkt und mich so auf sie gebracht. Jetzt liebe ich sie sehr und finde mich darin wieder, in ihrer Sprache, ihren Themen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es sind zwei:
(1)
to be announced:
jede/r hat a angst
leave a reply
reply:
spread the word:
jede/r hat antworten
leave a fear
(Judith Nika Pfeiffer)
(2)
„Einmal wiederholen. Dreimal drehen. Stock oder Feder? Dreimal dreht sich die Seele. Ist das eine Idee? Bitte aufheben.“
(Margret Kreidl)
Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Barbara Marie Hofmann, Schriftstellerin
Fotos_privat.
26.4.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Allem Anfang schafft Anfang, denn dem Ende sowieso
Niemand entrinnt, schreien flüsternd die, die erloschen
Crazy Leben, was wärst du bloß
Einmal endlich, endlich einmal: käme Menschlichkeitsding
Stefan Sprang, 1.5.2022
Stefan Sprang, Schriftsteller
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Stefan Sprang, Schriftsteller
Stefan Sprang, geb. 1967 in Essen, lebt dort im Südviertel und in Frankfurt/M. als Radiojournalist und Schriftsteller. Sein Roman-Debüt „Fred Kemper und die Magie des Jazz“ erschien 2011, sein Roman „Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt“ folgte 2019 (2. Auflage 2020), 2021 dann ein „Heimatroman“ „Henry Becker und der Sommer der Erinnerung“. Die Produktion seines akustischen Monodramas „Engel“ ist in Vorbereitung (GehörGang, Berlin).1999 „Kurt-Magnus-Preis“ der ARD. 2016 Einladung zur „Bayerischen Akademie des Schreibens“ und 2020 zum Literaturpreis „Irseer Pegasus“.
Liebe Yvonne-Stefanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf (ohne Termine) ist momentan:
Aufstehen – Kaffe trinken – wichtigste ToDos erledigen – ins Studio fahren – üben – Organisationskram – üben/schreiben/Musik auschecken – heimfahren – Sport/Essen/auf ein Konzert gehen/diverse soziale Dinge/probieren vor 12 im Bett zu sein.
Was für alle wichtig ist, weiß ich nicht, aber ich schätze mal etwas haben für das man brennt und das einem wirklich was gibt hilft sicher dabei, seinen Fokus nicht auf die schlechten Dinge im Leben zu legen, was schon schnell mal passiert. Die scheinen ja grad sehr gehäuft aufzutreten, aber in Wahrheit gibts die immer irgendwo – das gleiche gilt aber auch für die schönen Dinge, die gibts auch immer irgendwo. So ein bisschen im Sinne von: Es gibt die Putins dieser Welt, aber halt auch die Musik von Miles Davis, und die Macht von Zweiterem sollte hier nicht unterschätzt werden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Musik, der Kunst an sich zu?
Als großen Aufbruch nehme ich das jetzt gar nicht war, in Bewegung sein und sich weiterentwickeln sollte doch eigentlich normal sein. Die Kunst ist eh meistens ganz vorne dabei bei der Weiterentwicklung, vielleicht weil es für Kunstschaffende eigentlich recht alltäglich ist, sich ständig aus diversen comfort zones rauszuschmeissen, um überhaupt irgendwohin zu kommen. Da gewöhnt man sich dran, neue Wege zu erkunden, Gegenwind zu trotzen und Möglichkeiten im Unbekannten zu sehen. Und so entsteht Fortschritt. Also würde ich schon sagen dass der Kunst eine Kernrolle zukommt bei Veränderungen jeglicher Art.
Was liest Du derzeit?
„Alte weiße Männer“ von Sophie Passmann
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
– I’m always trying to prove to my 17-year-old self that I can do creative things I thought weren’t possible –
Vielen Dank für das Interview liebe Yvonne-Stefanie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Kristine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Regelmäßig und strukturiert. Das Kind muss in die Schule, also geht es hier morgens früh los, obwohl das frühe Aufstehen nicht meine Stärke ist. Wenn die Umstände mehr Raum geben für zeitliche Verschiebungen, bin ich bis spät in die Nacht wach und gehe den kommenden Tag langsam an, mit Tee, Radio, Lesen; vor dem frühen Nachmittag schreibe ich dann zwar keine Zeile, dafür drehe ich aber abends wieder richtig auf. Im Alltag also viel Disziplin, dazwischen diese kostbaren, langsamen, aus der Form geratenen Tage.
Kristine Bilkau, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität mit allen, die vor Krieg und Krisen flüchten müssen. Wohlwollen und Geduld im Umgang miteinander. So komplex wie das eigene Leben ist, so widersprüchlich, anstrengend, ernüchternd und durcheinander es sich anfühlt, so komplex sieht es auch im Leben der Anderen aus. Nie kann man ganz erkennen, was einen anderen Menschen wirklich bewegt und belastet, man wird immer nur einen Ausschnitt wahrnehmen können. Und es zählt, einen aufmerksamen, kritischen Blick auf die Welt zu bewahren, sich an nichts zu gewöhnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dort, wo Sprache die Situation von Menschen unsichtbar machen will, die Sprache der Macht, Unterdrückung, Ausbeutung, Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit, dort können Kunst und Literatur etwas dagegensetzen. Sie können die Oberflächen immer wieder aufrauen und aufbrechen. Sie können in ihrer Unruhe und ihrem Widerstand ein Gefühl des Aufgehobenseins erzeugen. Oder wie Herta Müller in einem Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch gesagt hat: Literatur könne behüten ohne zu lügen. Literatur könne trösten ohne zu täuschen.
Was liest Du derzeit?
„Taghaus, Nachthaus“ von Olga Tokarczuk. „Sommer“ von Ali Smith. „Nostalgie“ von Barbara Cassin. Und immer wieder nehme ich „Übungen im Fremdsein“ von Olga Tokarczuk zur Hand.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Das Unbedeutende und Kleine, das Zufällige und Überflüssige, das Verdrängte stehen im Mittelpunkt meines Interesses, weil es niemals zum Objekt der Beute werden wird, von der Walter Benjamin in seinem Essay Über den Begriff der Geschichte schreibt, die Beuteobjekte, die die Sieger aus der Gegenwart in die Zukunft mitnehmen, aus denen sich – wie aus Ziegelsteinen – das historische Narrativ der Herrschenden zusammensetzt.“
Aus „Glückliche Fälle“ von Yevgenia Belorusets
Vielen Dank für das Interview liebe Kristine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kristine Bilkau, Schriftstellerin
Aktueller Roman : „Nebenan“ Kristine Bilkau, Luchterhand Verlag 2022
Foto_privat.
1.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.