„Literatur kann ein Gefühl des Aufgehobenseins erzeugen“ Kristine Bilkau, Schriftstellerin, Hamburg 8.5.2022

Liebe Kristine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Regelmäßig und strukturiert. Das Kind muss in die Schule, also geht es hier morgens früh los, obwohl das frühe Aufstehen nicht meine Stärke ist. Wenn die Umstände mehr Raum geben für zeitliche Verschiebungen, bin ich bis spät in die Nacht wach und gehe den kommenden Tag langsam an, mit Tee, Radio, Lesen; vor dem frühen Nachmittag schreibe ich dann zwar keine Zeile, dafür drehe ich aber abends wieder richtig auf. Im Alltag also viel Disziplin, dazwischen diese kostbaren, langsamen, aus der Form geratenen Tage.

Kristine Bilkau, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität mit allen, die vor Krieg und Krisen flüchten müssen. Wohlwollen und Geduld im Umgang miteinander. So komplex wie das eigene Leben ist, so widersprüchlich, anstrengend, ernüchternd und durcheinander es sich anfühlt, so komplex sieht es auch im Leben der Anderen aus. Nie kann man ganz erkennen, was einen anderen Menschen wirklich bewegt und belastet, man wird immer nur einen Ausschnitt wahrnehmen können. Und es zählt, einen aufmerksamen, kritischen Blick auf die Welt zu bewahren, sich an nichts zu gewöhnen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?  

Dort, wo Sprache die Situation von Menschen unsichtbar machen will, die Sprache der Macht, Unterdrückung, Ausbeutung, Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit, dort können Kunst und Literatur etwas dagegensetzen. Sie können die Oberflächen immer wieder aufrauen und aufbrechen. Sie können in ihrer Unruhe und ihrem Widerstand ein Gefühl des Aufgehobenseins erzeugen. Oder wie Herta Müller in einem Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch gesagt hat: Literatur könne behüten ohne zu lügen. Literatur könne trösten ohne zu täuschen.

Was liest Du derzeit?

„Taghaus, Nachthaus“ von Olga Tokarczuk. „Sommer“ von Ali Smith. „Nostalgie“ von Barbara Cassin. Und immer wieder nehme ich „Übungen im Fremdsein“ von Olga Tokarczuk zur Hand.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Unbedeutende und Kleine, das Zufällige und Überflüssige, das Verdrängte stehen im Mittelpunkt meines Interesses, weil es niemals zum Objekt der Beute werden wird, von der Walter Benjamin in seinem Essay Über den Begriff der Geschichte schreibt, die Beuteobjekte, die die Sieger aus der Gegenwart in die Zukunft mitnehmen, aus denen sich – wie aus Ziegelsteinen – das historische Narrativ der Herrschenden zusammensetzt.“

Aus „Glückliche Fälle“ von Yevgenia Belorusets

Vielen Dank für das Interview liebe Kristine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Kristine Bilkau, Schriftstellerin

Aktueller Roman : „Nebenan“ Kristine Bilkau, Luchterhand Verlag 2022

Foto_privat.

1.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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