„Was willst du eigentlich noch hier?“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Gabriele Kögl, Schriftstellerin _ Wien 20.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Gabriele Kögl, Schriftstellerin _ Wien

Bachmannpreisnominierte 1993

Liebe Gabriele, Du hast 1993 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?

Ich erinnere mich an eine Männerriege alter weißer Herren, denen ich nicht gewachsen war. Ich hatte noch keine Ahnung vom Literaturbetrieb, keinen Verlag und keine Vorstellung davon, was es vor dreißig Jahren mit älteren Herren machen würde, wenn eine junge Frau über Kindesmissbrauch aus der Sicht des Kindes schreibt. Sie ließen mich deutlich spüren, dass es ein absolutes „No Go“ war.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die große Aufmerksamkeit, die man für ein bisschen mehr als fünfzehn Minuten im Rampenlicht bekommt. Und mindestens zweimal fünfzehn Minuten, wenn man zu den Gewinnern gehört.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Schrecklich demütigend. Es gab damals noch elf Juroren. Davon drei Jurorinnen. Ich wurde eingeladen, weil ich einen Auszug aus meinem Roman „Das Mensch“ an die Juroren und Jurorinnen geschickt hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, wie herablassend manche der Männer über den Text sprechen würden. Nachher hat mir Angela Present, ein Jurymitglied, gesagt, ihr hätte der Text gut gefallen. Aber sie hätte es nicht gewagt, ihn einzuladen, weil sie wusste, bei diesen selbstgefälligen Männern hätte er keine Chance. Bei der Preisverleihung waren die Nichtgewinner so gut wie nicht mehr vorhanden. Man wurde völlig ignoriert. So als wäre die Frage im Raum gestanden: Was willst du eigentlich noch hier?

Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?

Ich vermute, nicht wirklich negativ. Nach der schrecklichen Veranstaltung und nach einigen Tagen des Wundenleckens habe ich den Roman an zehn Verlage geschickt. Drei haben mir in kurzer Zeit geantwortet und wollten ihn machen.  Ich habe mich für den Wallstein-Verlag entschieden und dann den Clemens-von-Brentano-Preis für das beste Debüt bekommen.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ich schau kaum in die Sendung hinein. Ich weiß, dass er wichtig ist, weil die Literatur in diesen Tagen Aufmerksamkeit bekommt, die sie sonst nicht hätte. Der Preis hat sich auch schon weiterentwickelt. Texte werden nicht mehr so grausam verrissen und soweit ich weiß, werden Nichtgewinner nach der Veranstaltung auch nicht mehr ignoriert, sondern dürfen am gemeinsamen Abschlussessen teilnehmen. Das ist schon ein Fortschritt. Auch dass man über das Wesen der Literatur viel mehr streitet als früher und der Kriterienkanon immer wieder in Frage gestellt wird.   

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmenden: Das immerwährende Bewusstsein, dass Literatur keiner absoluten Bewertung unterliegt und ein Text von anderen Kritikern ganz anders beurteilt werden kann. Der Jury: dass gegenseitige Animositäten möglichst nicht auf Kosten der teilnehmenden Schreibenden ausgetragen werden. Dem Publikum: spannende Texte, die sich etwas Neues trauen und eine Jury, die lieber zweifelt als vernichtet. 

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Gabriele Kögl, Schriftstellerin

Zur Person: Gabriele Kögl, geboren in Graz, Lehramtsstudium in Graz, sowie „Buch und Dramaturgie“ an der Filmakademie Wien. Bezeichnet sich selber als Wortklauberin und Satzbäuerin. Zahlreiche Preise, darunter: „Clemens-von-Brentano-Preis für das Debüt “Das Mensch”, dreimal „Volksstückepreis Baden-Württemberg“,  und  „Prix Europa“ für das beste europäische Hörspiel „Höllenkinder“.  

Website der Autorin: Gabriele Kögl – Schriftstellerin

gespannte Aufmerksamkeit im Publikum _
Bachmannpreis/ORF Studio Klagenfurt

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Klagenfurt Rathaus _ Ankündigung Bachmannpreis/2015
Wörthersee

Foto: Gabriele Kögl _ privat

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt-Wörthersee_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 19.6.26

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