50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Inka Parei, Schriftstellerin _ Berlin
Bachmannpreisträgerin 2003
Liebe Inka, Du hast 2003 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen und den Ingeborg Bachmann Hauptpreis gewonnen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Es war außergewöhnlich heiß und dadurch ein besonderer Sommer, an den ich mich später, Ende der Zehnerjahre, als die erste große Reihe klimawandelbedingter Hitze-Sommer kam, wieder erinnert habe. Die ganze Stadt Klagenfurt war in eine gleißende Wärme getaucht, die alles, was passierte, manchmal unwirklich und dadurch auch etwas unwichtig erscheinen ließ.
Ich weiß auch noch, dass ich mit meinen damaligen Verleger, Klaus Schöffling, an einem der ersten Tage zu Fuß eine Kreuzung überquert habe, auf dem Weg ins Studio. Wir blickten auf ein hässlichen 70er Jahre- Hochhaus, es war frühmorgens, und in dem Moment regnete es. Wir blieben auf der Mittelinsel des Überwegs stehen, unter einem gemeinsamen Regenschirm, kurz bevor die Ampel auf Grün sprang, gab es ein paar Sekunden Stille, und plötzlich meinte Klaus zu mir: „Ist doch egal, ob du da jetzt gewinnst oder nicht.“ Darüber haben wir später gelacht.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Es ist eine mehrfache Live-Situation, die allen Beteiligten einiges abverlangt. Was normalerweise getrennt und zeitversetzt abläuft, Schreibprozess, Veröffentlichung, Lesung und Kritik, kommt zusammen, und man spürt direkt und gemeinsam die Stimmungen, die dabei entstehen und manchmal auch aufeinander prallen.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich hatte ganz simple Gedanken, das weiß ich noch. Ich habe mich komplett auf das Lesen konzentriert. Da ist der Stuhl, da deine Blätter. Du setzt dich jetzt hin und liest, dafür bist du gekommen. Sonst musst du nichts machen, alles andere hast du schon vorher getan. Und was danach kommt, dafür bist du nicht verantwortlich, das machen dann andere. Wer einen Moment großer Selbstübereinstimmung erleben möchte, ohne jede Mehrdeutigkeiten, der gehe nach Klagenfurt und lese dort vor, es ist schon etwas Besonderes.
Anschließend gab es lobende Worte und auch eine Kontroverse. Das damalige Jurymitglied Thomas Steinfeld mochte meinen Text nicht, er war ihm zu trocken. Er meinte, was ich da mache, sei so, als würde ich eine 1:1 Karte der Wirklichkeit erstellen. Er erwähnte dazu Frankreich während der Zeit der Französischen Revolution. Offenbar gibt es eine in dieser Zeit verankerte Anekdote über das Anfertigen einer solchen Karte. Mein Sohn, der damals elf war und zu Hause vorm Fernseher saß, war gar nicht einverstanden, dass ich kritisiert wurde, aber gleichzeitig auch begeistert von diesem Vergleich. Er hat mich später noch oft daran erinnert.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Ich war eine Zeit lang sehr bekannt. Wobei mein erstes Buch auch schon ein Erfolg gewesen war mit vielen Übersetzungen, sodass es mich nicht ganz so überraschend getroffen hat wie vielleicht andere. Ich erinnere mich deutlich an einen Moment, in dem eine Traube von Fotografen vor mir stand und mich ablichtete, ein seltsames Gefühl, dass ich nicht mochte.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Ich finde das Format an und für sich wirklich gut. Es ist so transparent. Kritik äußert sich öffentlich und legt so gleichzeitig ihre eigenen Kriterien zur Bewertung für andere frei. Das Ganze ist ja auch ein Kritikerwettbewerb. Der direkte Vergleich, also die Aufnahme eines Textes und das sofortige Erleben von Reaktionen darauf, kann, wenn das im Gespräch gut gemacht wird, sehr horizonterweiternd sein.
Was mir nicht so gefällt ist die Aura von „unbekannte Autoren reisen an und verlassen dann als mit Preisen ausgezeichnete Stars das Gelände“, die diesen Tagen in Klagenfurt anhaftet. Das hatte schon immer etwas Anmaßendes und Schmälerndes. Ich würde mir wünschen, dass wieder öfter bereits etablierte Autoren eingeladen werden und diese Einladung auch annehmen. Kritik, die den Literaturbegriff schärft, ist sehr wichtig, und die Veranstaltung würde davon profitieren, denn je besser die Texte, um so herausgeforderter ist ja auch die Kritik. Wir brauchen gute Texte und einen kritischen Blick darauf.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich möchte ihnen zurufen: Seid politisch! So gut ihr es nur irgendwie könnt. Das ist nicht einfach, ganz klar. Aber wir brauchen es.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Inka Parei, 1967 in Frankfurt am Main geboren, lebt seit 1987 in Berlin. Sie veröffentlichte neben Erzählungen die Romane „Die Schattenboxerin“ (1999), „Was Dunkelheit war“ (2005), „Die Kältezentrale“ (2011), „Humboldthain“ (2024). Ihre Arbeiten wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hans Erich Nossack Förderpreis, dem Ingeborg Bachmann Preis und einem Stipendium an der New York University. Darüber hinaus arbeitete sie in Texwerkstätten, u. a. als Gastprofessorin am Deutschen Literatur Institut in Leipzig.

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Inka Parei _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt-Wörthersee_ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 19.6.26