„Grissemann bot mir am Ende der Lesung eine Zigarette an“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Margit Schreiner, Schriftstellerin _ Gmünd/NÖ 20.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Margit Schreiner, Schriftstellerin _ Gmünd/NÖ

Bachmannpreisnominierte 1990 und 1998

Liebe Margit, Du hast 1990 und 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Ich habe zwei erste Erinnerungen.

Die erste Lesung („Mein erster Neger“) beim Bachmann Wettbewerb war bis zu meiner Disqualifizierung großartig. Grissemann bot mir am Ende der Lesung eine Zigarette an. 

Die zweite Lesung („Die Tasche“) über den Krankenhausaufenthalt meiner Mutter war heldenhaft, weil ich vor der Lesung erfuhr, dass sie gerade gestorben war.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die Breitenwirkung

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Vor der ersten Teilnahme war ich total aufgeregt. Das hat sich dann schon während der Lesung gelegt und die Jurydiskussion war euphorisch. Beim wohl verdienten Prosecco nachher an der Bar erfuhr ich allerdings, dass derjenige, der den Text, nachdem ich bei einem Literaturwettbewerb mitgemacht und nicht gewonnen hatte, mit falscher Überschrift und auf die Hälfte gekürzt ohne mein Wissen irgendwo vorher abgedruckt hatte, worüber er die Jury sofort verständigte. Ich wurde disqualifiziert.

Die Härte nach der zweiten Lesung, bei der es unter anderem darum ging, eine Tasche mit stark verschmutzter Kleidung der Mutter aus dem Krankenhaus irgendwo unauffällig loszuwerden, war die Diskussion der Jury darüber, dass die Tasche mit den verschmutzten Kleidern, die entsorgt werden musste, zwar grauslig, aber nicht grauslig genug war.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?

Nach der Disqualifikation bei der ersten Teilnahme, haben sämtliche Rundfunkanstalten beschlossen, meinen Text zu senden. Das hat sich auf meine Geldtasche ausgewirkt, auf meinen Schreibstil nicht. Beim zweiten Mal hat es sich weder finanziell noch meinen Schreibstil betreffend ausgewirkt.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Am Anfang des Bachmann Wettbewerbes kannten die Juroren vorher die Texte nicht, die vorgelesen wurden. Jetzt bereiten sie sich vor, während die Autoren schweigen. Das ist zwar verständlich, aber demütigend.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmer:innen rate ich zu mehr Lockerheit (es handelt sich ja um keinen Schönheitswettbewerb), der Jury rate ich zu weniger Effekthascherei und mehr Respekt den Texten gegenüber, dem Publikum zu keiner Autoritätsgläubigkeit.

Den Teilnehmer:innen wünsche ich gute Nerven, der Jury Selbstreflexion und dem Publikum viel Vergnügen!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Margit Schreiner, Schriftstellerin

Zur Person: Zur Person: Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren. Nach längeren Aufenthalten in Tokio, Paris, Berlin, Italien und dann wieder in Linz lebt sie derzeit in Gmünd, Niederösterreich. Sie erhielt für ihre Bücher zahlreiche Stipendien und Preise, u. a. den Oberösterreichischen Landeskulturpreis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. 2015 wurde sie mit dem Johann-Beer-Literaturpreis und dem Heinrich-Gleißner-Preis ausgezeichnet, 2016 erhielt sie den Anton-Wildgans-Preis. Mit Kein Platz mehr war sie 2018 für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Margit Schreiner – Schöffling Verlag

Website: www.margitschreiner.com

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Elternhaus Ingeborg Bachmann/Klagenfurt _
hier wuchs Ingeborg Bachmann auf und kehrte auch immer wieder zu Besuchen zurück _
„Drei Wege zum See“
„Drei Wege zum See“ Ingeborg Bachmann outdoors/Klagenfurt _
szenische Wanderung _
Walter Pobaschnig/Alina Nedwed 2015-2020

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Margit Schreiner _ Patricia Marchart

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Kreuzbergl_  Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 9.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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