„Den KünstlerInnen wie RezipientInnen beiseitezustehen und gegen den Einheitsbrei zu kämpfen“ crackthefiresister_Künstlerin_Wien 14.5.2021

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich einen „Brotberuf“ habe, unterscheidet sich mein Alltag weniger im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie als bei KünstlerInnen, die sich vollkommen dieser Aufgabe widmen. Den „Kulturbetrieb“ mit all seinen Orten, Menschen und Interaktionen vermisse ich aber auch sehr.

crackthefiresister _Autorin, Texterin, Malerin, Performerin, Musikerin.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In dieser Zeit ist meiner Meinung nach besonders wichtig, das zu bewahren, was uns alle glücklich macht. Also weder Egoismus, noch das Verneinen der eigenen Bedürfnisse, sondern ein Finden der Mitte und eine Extraportion Freude. Damit meine ich freiwillige Rücksichtnahme auf andere Menschen, aber auch im Rahmen der Möglichkeiten sich selbst Freude zu bereiten. Jeder erste Schritt zur Hilfe und zum Wohlbefinden ist wichtig, also eine aktive Bemühung statt bloß zu warten oder zu reagieren. Mir selbst hilft es, positive Beobachtungen auszusprechen, auch wenn sie noch so klein erscheinen. Ruf‘ jemanden an, schreib‘ eine Karte oder kauf dir selbst einen Blumenstrauß und schenk‘ jemandem in der Nachbarschaft eine Blume daraus.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wann und wie ein „Neubeginn“ aussieht, weiß ich nicht. Es wird wohl ein Kontinuum sein, das hier und dort uns bekannte und endlich wieder mögliche Elemente einhakt und mit den neuen Ausweichbemühungen kooperieren muss. Meine Freude wird groß sein, wenn vieles wieder sein darf, das derzeit leider fehlt, aber ich bin vorsichtig mit meinen Zukunftsvisionen, da ich auch nicht mehr weiß als andere. Natürlich gibt es auch jetzt etwas zu tun, das uns hoffentlich weiterhin begleitet: Man schreibt mehr Beiträge für Blogs, Ausstellungen und Veranstaltungen unter freiem Himmel sind geplant und an meinem Buch arbeite ich ohnehin zu Hause. Positive Effekte sind auch bei den Videokonferenzen und Streamings zu bemerken, weil diese nun als Nebeneffekt jene Menschen inkludieren, die auch vor der Pandemie nicht hinaus konnten. Allerdings sind sicherlich viele Leute schon „kastlmüde“ und wollen wieder Kunst und Menschen in ihrer Nähe in 3D, mit Bewegung, Raumtiefe und dem Rhythmus, der sich aus allen interagierenden Elementen ergibt; mit Klang und originalen Hintergrundgeräuschen, mit Gerüchen in Räumen, mit Lichteinfall. Zu jeder Zeit sehe ich es als Aufgabe jeglicher Kunst, sich selbst treu zu bleiben, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, den KünstlerInnen wie RezipientInnen beiseitezustehen und gegen die Nonchalance, gegen den Einheitsbrei zu kämpfen, zu unterhalten, zu verbinden, zum Denken anzuregen, zum Fühlen einzuladen und Grenzen zu überschreiten. Wichtig finde ich dabei, die Grenzen und Gefühle anderer Menschen trotzdem nicht aus den Augen zu verlieren.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Begegnungen zwischen den Worten“ von Silvia Springer und „The Visual Story“ von Bruce Block. Das erstgenannte Buch besteht aus verschriftlichen, wohlgeformten Gedanken und schon die Einleitung schlägt vor, die Texte für sich zu entdecken, mitzunehmen, was man brauchen kann und sein zu lassen, was einen gerade nicht anspricht. Das zweite Buch beschäftigt sich mit den Erzählelementen von (bewegten) Bildern, was zwar nach langweiliger Theorie riechen könnte, aber das Buch ist sehr anschaulich und deutlich konzipiert.

Schließlich lese ich aber zum x – ten Mal mein eigenes Buch, da ich es in vielen einzelnen Schritten bearbeiten muss, wobei meine Konzentration einmal auf inhaltlichen, dann wieder auf metrischen oder orthographischen Details liegen muss. Besonders spannend ist aber das, was ich derzeit mache: das Layout. Mein Buch „Ein Kamel geht spazier’n“ erscheint im Juni in 2 Bänden in einer Auflage von 42 Stück, beinhaltet 464 Reime auf 111 Seiten und – jetzt kommt’s – ist in Blindenschrift und Schwarzschrift ausgeführt, was für das Layoutieren eine Herausforderung ist. Braillezeichen verbrauchen immer gleich viel Platz, egal ob es sich um ein „i“ oder ein „sch“ handelt, durchschnittlich ist ein Text in Braille am Ende dreimal länger als in Schwarzschrift.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt viele schöne Zitate, aber dieses gefällt mir menschlich besonders gut:

Im Zweifelsfall soll man immer das Bessere machen. (Geistlicher Ausspruch)

Vielen Dank für das Interview liebe Claudia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

crackthefiresister _Autorin, Texterin, Malerin, Performerin, Musikerin.

crackthefiresister|Wien|Gesang|Bilder|Performance|Lesung|Interview|Unterricht

Foto 1_Markus Wetzlmayr _ 2_crackthefiresister

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Hoffnung und die Liebe zur Kunst und zum Theater nicht verlieren“ Julia Hagenhofer_ Schauspielerin _Wien 14.5.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt üblicherweise um 6:00 morgens. Kurz nach dem Wecker läuten drehe ich Musik auf, mache mich frisch für den Tag und versuche noch schnell ein wenig Haushalt zu erledigen bevor es für mich um 7:15 in die Arbeit geht. Dort singe, tanze, spiele und lache ich von 8:00-12:00 mit den kleinen Kindern meiner Kindergartengruppe, in der ich als Teilzeitpädagogin arbeite. Nach Dienstschluss und meinem 40-minütigen Spaziergang nach Hause, beginnt der künstlerische Teil meines Tages. Zu Hause angekommen finden meine Privatstunden in Tanz, Gesang und Schauspiel statt, in denen ich mich insbesondere auf die paritätische Prüfung zur Musicaldarstellerin vorbereite. Anschließend heißt es für mich singen üben, Uniseminare besuchen, Haushalt erledigen, Texte lernen und für Prüfungen lernen.

Julia Hagenhofer, Darstellende Künstlerin in Privatausbildung

Kurz vor 18:00 ist Bauchmuskeltraining an der Reihe und ab 18:00 beginnen meine Abendtanzkurse oder meine Zeit das in Tanzen neu Erlernte zu üben.

Nach einer Runde Dehnen ist es für mich Zeit zu duschen, Haare zu waschen und zu föhnen. Nach einem Abendessen und Zähne putzen geht es für mich zwischen 0:00 und 01:00 ins Bett.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass wir alle in dem Jahr gelernt haben, wie wichtig es ist, auf sich selbst, seine Familie und Freunde und auf die eigene Gesundheit zu schauen. Ich hatte früher das Gefühl mein Leben spielt sich wie ein Hamsterrad ab und durch die Pandemie ist ein Teil von mir zu Ruhe gekommen und hat sich mehr auf mich als Person fokussiert. Auch wenn ich immer noch einen vollgefüllten Tagesablauf habe, merke ich, dass sich viel Druck, den ich mir selbst immer gemacht habe, gelöst hat.

Trotz allem musste in diesem Jahr jede im Kunstbereich tätige Person stark zurückstecken und deshalb finde ich es umso wichtiger die Hoffnung und die Liebe zur Kunst und zum Theater dabei nicht zu verlieren.

Auch wenn die Kunst, die Musik und das Theater vielleicht in Zeiten einer Pandemie nicht als systemrelevant definiert werden hat es trotzdem eine unfassbar große Relevanz. Kunst, Theater und Musik gibt den Menschen – ob KünstlerIn oder ZuseherIn – unfassbar viel und schafft es Menschen auf diversen Ebenen zu erreichen, sie auf eine Reise mitzunehmen und zu berühren. Kunst und Kultur wird gebraucht und ist wichtig. Und das muss man sich auch in schwierigen Zeiten vor Augen halten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass ein Neubeginn eine großartige Chance sein kann, etwas zu verändern. Gerade im Bereich von Theater/Schauspiel und der Kunst an sich erhoffe ich mir eine Veränderung und eine Weiterentwicklung im positiven Sinne. Ich erhoffe mir, dass der Bereich keine Unsicherheiten, insbesondere im finanziellen Sinne, mehr mit sich bringt, dass dieser Sparte eine größere Relevanz seitens der Regierungen dieser Welt zugesprochen wird und, dass die Menschen nach dieser mittlerweile sehr langen Zeit der Pandemie zu schätzen wissen, wie wichtig das Theater/ Schauspiel und die Kunst an sich ist. 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich etwas lesen möchte, was mich interessiert, lese ich meistens unterschiedliche Blogs. Im Moment lese ich allerdings insbesondere sehr langwierig, wissenschaftliche Texte von meinen Seminaren auf der Universität.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist, dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht“ – William Shakespeare

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen“ – Dietrich Bonhoeffer

„Work hard, be kind and amazing things will happen” – Conan O’Brien

„Believe you can, and you’re halfway there” – Theodor Roosevelt

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musical-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Hagenhofer_Darstellende Künstlerin in Privatausbildung

Fotos_Selbstporträt_Julia Hagenhofer

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vielleicht kann die Krise unseren Sinn für Werte wieder wecken“ Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler_Kassel/D 13.5.2021

Lieber Jörn-Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich gehe einem Brotberuf nach, mit dem ich mein Künstlerdasein finanziere. Ich mache kein Homeoffice, in dieser Hinsicht hat sich also nicht sehr viel geändert. Ansonsten halte ich mich seit gut einem Jahr sehr streng an die Kontaktbeschränkungen. Darunter leidet natürlich (ich schreibe nur in Bezug auf meine Künstlerexistenz) vor allem der Austausch mit Kollegen.

Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler

Ich engagiere mich in verschiedenen Gruppen. Ich bin Mitglied in der Kasseler Künstlergruppe Kunstbalkon (https://kunstbalkon.de/), gehöre zum Forum für ästhetische Praxis (https://www.aesthetische-perspektiven.de/), betreibe mit fünf weiteren Künstler:innen den Blog 8Argos (https://8argos.jimdofree.com/8argo/) und bin im Vorstand des documenta-Forums Kassel (https://documentaforum.de/)

Für die meisten dieser Gruppen gehören natürlich eigentlich der regelmäßige Austausch und Treffen zum Kern dessen, was man eigentlich macht. Doch die Treffen sind nun auf Zoom & Co verlegt. Das ist zwar für eine Zeit lang okay ist, aber natürlich kein vollwertiger Ersatz. Für die Künstlergruppe Kunstbalkon heißt das darüber hinaus, dass unser Ausstellungsbetrieb sehr stark eingeschränkt ist.

Meine eigentliche künstlerische Arbeit besteht im Wesentlichen aus Zeichnen. Mein Gefühl ist, dass ich seit Corona sogar noch mehr und intensiver zeichne als zuvor. Dass unser Leben einen Anfang und ein Ende hat, ist „thematisch“ (oder wie man es auch nennen will) öfter in den Arbeiten präsent. Insgesamt ist die ironische Dimension meiner Arbeit etwas in den Hintergrund getreten und die lyrische steht mehr im Vordergrund – wenn ich mich nicht in mir selbst irre.

Ich hoffe, dass in diesem Jahr die wichtige Ausstellung im Hugenottenhaus Kassel „Doppelzimmer“ vom 16. Juli bis 26. September 2021 über die Bühne gehen kann. Auch hier hängt natürlich alles an der zukünftigen Corona-Entwicklung. Dort werde ich (hoffentlich) mit der geschätzten Kollegin Kathrin Brömse Zeichnungen zeigen können. In den 24 Räume des Hauses zeigen im Sommer Zweiergruppen aus ganz Deutschland ihre Kunst > https://hugenottenhaus.com/

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vertrauen und Solidarität. Vernunft. Ein Sinn für Poesie.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich habe nicht die geringste Ahnung, ehrlich gesagt. Ich hoffe, dass Kunst eine Kraft gegen den Nihilismus ist. Unter Nihilismus verstehe ich die Idee, dass nichts einen Wert in sich selbst hat. Dass die Kunst hier eine Gegenkraft ist, wäre schön – ich würde aber nicht darauf wetten. Aber: vielleicht kann die Krise selbst unseren Sinn für Werte wieder wecken – wer weiß das schon. Manchmal lernt man die Dinge nämlich erst dann richtig zu schätzen, wenn sie einem fehlen.

Staunen, A4, Mischtechnik auf Papier, 2020 _ Jörn-Peter Budesheim

 

Was liest Du derzeit?

Vieles. Insbesondere lese ich intensiv in einem Buch, zu dem ich selbst einen kleinen Teil beitragen durfte, nämlich den Gedichtband von Jana Volkmann „Investitionsruinen“. Darin finden sich ca. zwei Dutzend Zeichnungen von mir. Es entstanden in der „Corona-zeit“ > https://janavolkmann.wordpress.com/2021/01/08/investitionsruinen

Ansonsten lese ich (neben anderem) einiges zu Beuys, der in diesem Jahr 100 geworden wäre. Das Buch „Joseph Beuys“ von Philip Ursprung scheint mir dabei sehr empfehlenswert zu sein.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ihr lest keine Gedichte? Seid ihr wahnsinnig?“ (N.N.)

Vielen Dank für das Interview lieber Jörn-Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler

… wurde 1960 in Marburg geboren. Er lebt und arbeitet als bildender Künstler in Kassel. In den letzten Jahren konzentriert sich seine künstlerische Arbeit nahezu ausschließlich auf die Zeichnung, in der Regel kleinere Werke auf Papier. Sein Thema ist der Mensch („Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“ Hölderlin)

https://sites.google.com/view/budesheim

Foto_Andreas Maria Schäfer > 2019 in der Galerie 17QM, Marburg

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Zu zeigen, dass wir sehr wohl relevant sind“ Stefan Ofner, Schauspieler_Villach 13.5.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diese Frage wurde mir in unterschiedlichen Ausführungen in den letzten Monaten immer wieder gestellt und ich stelle sie mir selbst auch beinahe täglich. Als es mir einmal zu blöd war, habe ich mir die Antwort von Georg Danzer ausgeborgt: „Was soll i machen, i wixx, sonst nix.“ Doch zurück zur harten Realität.

Mein Tagesrhythmus hat sich seit Beginn der Pandemie verschoben. Ich war zuvor ein notorischer Frühaufsteher, jetzt beginne ich den Tag zumeist so um acht Uhr und frühstücke in Begleitung einer Tageszeitung am Tisch und der „Bezaubernden Jeannie“ im Fernsehen.

Die meiste Zeit verbringe ich im Moment mit dem Vorbereiten von kommenden Projekten in diesem und im nächsten Jahr. Die letzten Wochen über quälte ich mich durch diverse Förderanträge – because money makes the Theater World go round. Wenn mich die Muse küsst, schreibe ich am Programm für die nächste Produktion unter meiner künstlerischen Leitung, die „LustGARTEN Revue – Simply the Rest“, die im August stattfinden wird. Diese Comedy-Revue ist sozusagen das „Lockdown Baby“ von mir und meinen Kolleg:innen und findet heuer zum zweiten Mal statt. Daneben arbeitete ich an der Fertigstellung meines ersten Solokabaretts „Wieso?“ und zwischendurch habe ich auch das Vergnügen für das Sommertheater und ein Kinderstück proben zu können. Die Proben finden momentan aber nur sporadisch statt und sind vom „Normalbetrieb“ weit entfernt.

Davon abgesehen koche ich, versuche an der frischen Luft den Kopf freizubekommen und gehe Radfahren oder mache den fünftausendsten Corona Spaziergang – und täglich grüßt der Lockdown. Zwischendurch treffe ich mich mit einem der Handvoll Freunde, die ich momentan regelmäßiger sehe. Aber im Grunde habe ich vom Pandemiealltag die Nase voll und harre jeden Tag dem Moment, an dem heißen wird: hiermit erklären wir diese Pandemie für beendet! Was mir in den letzten Monaten besonders bewusst geworden ist, ist der Umstand, wie sinnlos sich für mich ein Tag anfühlt, an dem ich nicht meiner Arbeit nachgehen kann. Insofern versuche ich, jeden Tag mit Sinn zu füllen und mir meinen Humor zu bewahren.

Stefan Ofner, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Am wichtigsten ist es auf uns zu schauen und zu wissen, was tut uns gut und was kann ich für andere tun, damit wir diese Zeit möglichst unbeschadet überstehen. Nicht nur jetzt sondern immer gilt, wer sich schlecht fühlt, wer Probleme hat, soll sich Hilfe holen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das letzte Jahr an irgendeiner Psyche spurlos vorübergegangen ist. Zudem sollten wir alle so schnell wie möglich geimpft werden und unsere Regierung kapiert hoffentlich bald, dass Theater/ Kino/ Kulturveranstaltungen mit Sicherheitskonzepten nicht nur möglich, sondern sehr sehr sicher sind, siehe der Versuch in Spanien oder Liverpool. Hier hoffe ich sehr auf die Zeit nach dem 19. Mai.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass sich die Rolle des Theaters oder der Kunst an sich durch die Pandemie verändern wird. Wir haben weiterhin die Aufgabe, den Menschen neue Sichtweisen aufzuzeigen, aktuelle Themen anzusprechen unbequem zu sein und ihnen manchmal auch einfach nur ein temporäres Ausbrechen aus ihrem Alltag zu ermöglichen.

Ich denke aber, dass es wichtig sein wird all denjenigen, die im vergangenen Jahr meinten, wir seien nicht relevant, zu zeigen, dass wir sehr wohl relevant sind. Dass Kunst, abgesehen von einem sehr starken Wirtschaftszweig in diesem Land, der Sauerstoff ist, den Seele und Geist zum Atmen brauchen. Ich freue mich einfach darauf, wenn es so weit ist, meinem Publikum zeigen zu können, wie sehr ich es vermisst habe.

Was liest Du derzeit?

Vorwiegend „dienstliche“ Literatur, nämlich die Textbücher für die nächsten Produktionen oder Recherchematerial für die Texte die ich schreibe. Ansonsten recycle ich bereits gelesenes aus meinem Bücherregal, darunter waren unter anderem „München“ von Robert Harris, Flemings „Goldfinger“ und „Hannibal“, Ta Ta.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eines stammt von Nietzsche, eines von mir, möge das Raten beginnen:

„Alle Lust will Ewigkeit – will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

„Kunst ist in der Lage die Seele zu heilen, man muss es nur zulassen.“

Stefan Ofner, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Ofner, Schauspieler

www.stefanofner.at

Fotos_Julian Pirker.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Literatur bieten sich jetzt online neue Möglichkeiten“ Hartwig Mauritz, Schriftsteller_ Vaals/NL 12.5.2021

Lieber Hartwig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Alltag verläuft ähnlich wie in Vor-Corona-Zeiten. Unter der Woche steht viel Arbeit an. In meinem Brotberuf bin ich Lehrer an einem Berufskolleg in Alsdorf tätig. Auch in den Ferien und an den Wochenenden muss ich mich auf den Unterricht vorbereiten, der durch den Online-Unterricht ein besonderes Format erhalten hat und jeweils immer wieder neu erstellt werden muss. Hinzu kommt die Umstrukturierung unserer Schule, und der Einsatz in neuen Lerngruppen und Fächern seit Schuljahresbeginn, der sehr zeitraubend ist.

Ab dem 12.April war ich wieder fast 10 Stunden am Tag in der Schule. Ich lebe hinter der deutsch-niederländischen Grenze im Aachener Grenzort Vaals und muss seit Dienstag 06.April alle 72 Stunden einen Corona-Schnelltest beibringen, weil an der Grenze seit diesem Tag kontrolliert wird. Man muss sich über die aktuelle Corona-Lage informieren, um nicht böse Überraschungen zu erleben und seit dem 06. April muss ich mich zwei Mal in der Woche testen lassen, um nicht an der Grenze abgewiesen zu werden.

Zum Lesen und Schreiben komme ich in den Pausen zwischendurch und am Wochenende.

Hartwig Mauritz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns ist es nun wichtig, gesund zu bleiben und in diesen Corona-Zeiten nicht die Nerven zu verlieren, wegen der vielen Maßnahmen und Restriktionen, der Ungewissheit über den Fortgang der Pandemie. Auch ist es wichtig, seine sozialen Beziehungen nicht einschlafen zu lassen und die technischen Möglichkeiten zu nutzen, die uns die Digitalisierung bietet, um mit den Mitmenschen in Kontakt zu treten, damit Freundschaften nicht abreißen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Während der Pandemie hat die Digitalisierung in der Gesellschaft stark zugenommen. Das Format der Videokonferenz hat im Geschäfts-, Schul- und Universitäts-Bereich Eingang gefunden und die Kommunikation im beruflichen Umfeld dominiert. Vereine und Kirchen halten Sitzungen und Veranstaltungen über Videokonferenzsysteme ab. So hat auch die Kultur dieses Format übernommen. Museen bieten Onlineführungen an. Konzerte können gestreamed werden, Lesungen und Seminare finden online statt und bieten somit für die Verbreitung von Literatur neue Möglichkeiten auch über die Pandemiezeit und über die lokale Begrenzung hinaus.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich von Stefan Zweig „Drei Dichter ihres Lebens“. Die Lektüre der Gedichtbände „sonnengesang“ von Norbert Hummelt und „im glasberg“ von Nadja Küchenmeister habe ich gerade abgeschlossen. Meist lese ich einen Lyrik- und einen Prosaband parallel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Hölderlin „Die Nacht“

„Seid gegrüßt, ihr zufluchtsvolle Schatten,

Ihr Fluren, die ihr einsam um mich ruht;“

Vielen Dank für das Interview lieber Hartwig, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hartwig Mauritz, Schriftsteller

Hartwig Mauritz | Zur Person | Poetenladen

Foto_privat.

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und während alles vergeht, leben wir weiter. Als Poeten, Eiferer, Gezeichnete“ Alexandra Friewald, Künstlerin_Wien 12.5.2021

Liebe Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da mein Leben gerade im Umbruch ist, stellt sich auch mein Tagesablauf gerade um. Mit meiner neu gewonnenen Freiheit kann ich nun endlich noch mehr Zeit und Energie in meine künstlerischen Tätigkeiten investieren und mich bisher vernachlässigten Projekten widmen. Da vieles eingeschränkt ist – von einem Lockdown zum nächsten – habe ich nun auch die Ruhe, nach einem jahrelangen Kunstprojekt alles neu zu überdenken und in ein neues Gewand zu kleiden. So arbeite ich an einer neuen Website, an der Neuauflage meiner Lyrikbände und an einem Kunstband für meine Aquarell-Reihe.

Mein derzeitiger Tagesablauf – ohne feste Reihenfolge: Meine Projekte am PC bearbeiten, Yoga/Meditation, im Zuge meiner psychosozialen Ausbildung habe ich auch immer wieder Präsenz- oder Onlinetermine, an die frische Luft gehen, malen, schreiben und viel lesen.

Alexandra Friewald, Künstlerin_Malerin, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Flexibel sein. Annehmen können, was ist. Dankbar sein für das, was man hat. Aufs Wesentliche besinnen.

Aber auch: Treten wir einen Schritt zurück und durchleuchten wir. Legen wir uns auf die Lauer. Befragen wir unsere ganz eigene Mitte. Bleiben wir intim. Lassen wir unsere Augen akribisch hineinsehen. Suchen wir nach dem roten Faden. Nutzen wir unsere Hände und greifen wir nach dem, was ist. Erkunden wir unseren Geist und gleichen wir ab. Suchen wir nach dem Kontext. Schütteln wir uns den Staub von den Füßen. Mit Herz und Verstand. Mit innigster Weisheit.

Und: Wenn man es nicht schon hat, wäre es gut, sich „Höhlenkompetenz“ anzueignen. Das heißt zu lernen, auch gut und liebevoll mit sich selbst zurechtzukommen. Grundsätzlich ist dies ein „Überlebens-Skill“.

„Aber wenden wird es sich, immerhin“ Alexandra Friewald_ Aquarell

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Wesentlich und ausschlaggebend für jeden Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft an sich wird der Mut und die Hingabe zur Flexibilität sein. Wie beweglich sind wir – im Denken, Fühlen und Handeln? Vertraute Strukturen lösen sich auf, alles ist im Wandel, teils existenziell.

Dies betrifft natürlich auch die Kunst, die seit letztem Jahr leider immer weiter in die Ecke „Luxusprodukt“ gerückt ist. Der Maslowschen Bedürfnispyramide nach ist es verständlich, was aber nicht bedeutet, es nicht auch von anderer Seite aus betrachten zu dürfen: Unsere Psyche, unser „Herz“ braucht ebenso Energie wie unser Körper.

„We are all stories, in the end“ – diese Geschichten, die wir uns selbst erzählen und die die Gesellschaft sich erzählt, werden ausschlaggebend sein, machen uns aus. Und dafür brauchen wir unsere Phantasie, Schöpferkraft, Kreativität, einen Flow, in den wir uns immer wieder hineinlegen können. Und genau das ermöglicht uns Kunst, ob als Schaffende oder Betrachter, Hinterfragende, Begreifende.

Hier möchte ich einen Auszug aus einem meiner Texte zitieren:

Das Künstlerdasein ist so eng verwoben mit dem Menschendasein. Jede Unebenheit, jeder Stein und jedes Kreuz, selbst das geringste Dunkel leben darin. Es lässt sich nicht verschieben, in keine Nacht. Wenn es regnet, trägst du die Farben des Wassers im Gesicht. Und während alles vergeht, leben wir weiter. Als Poeten, Eiferer, Gezeichnete, immer wieder Fragende. Mit anderen Sichtweisen, mit solchen, die eine emotionale Aufgeladenheit besitzen.

Diese Welt braucht Denker, Besinner, Empathen, Träumer. Die Schraffur der Ungewissheit, die alles überzieht, ist unsere Spielwiese. Die einzige, die wir haben.

Poetisiert euch!

„Ein Wagnis hinter den Rippen“ Alexandra Friewald_ Aquarell

Was liest Du derzeit?

Wie so oft lese ich parallel mehrere Bücher:


Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen – essayistischen Arbeiten von Herman Melville

Sachbuch: Die Berufung für Hochsensible – von Luca Rohleder

Roman: Im Garten Numen – von Erik R. Andara

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kunst ist wie alles Kreative eine Möglichkeit, mit sinnlichen Mitteln den Geist zu erheben und dient dazu, dem Schmerz einen Sinn abzugewinnen und den Ursprung des Schönen zu ergründen.

(John Ruskin)

„Der ewige Traum vom Meer“ Alexandra Friewald_ Aquarell

Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandra Friewald_ Künstlerin_Malerin, Lyrikerin

Alexandra Friewald – deep passion water art (alexandra-friewald.at)

Alle Fotos_Alexandra Friewald.

13.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dieser Roman kommt nicht aus dem Kopf“ Elena Platon_Schauspielerin_Wien_ 50 Jahre Malina_12.5.2021

Wir leben gerade in der Energie des Romans. Unsicherheit, Erwartung, Veränderung. Wir warten alle jetzt.

Die Gegenwart ist eine Dekonstruktion. Eine Reflexion und ein Sehen was passiert. Auch ein Weg zu uns selbst. Eine Zerstörung, wie in Malina.

Unsere Welt war sicher. Wir wussten wer wir sind. Und jetzt plötzlich dieser Prozess von Identität. Wie integriere ich Veränderungen? Wo gehe ich hin? Das sind auch die Fragen des Romans.

Verstand und Leidenschaft. Wir wollen beide Welten und unterdrücken viel dabei.

Empathie würde vieles verändern – zwischen uns.

Wie ist mein Weg im Schauspiel jetzt? Es ist eine riesige Arbeit mit und zu sich selbst.

Du musst in der Kunst auf Dich aufpassen. Eine gute Basis ist wichtig.

Kunst ist ein Lernen, es ist Technik. Ein emotionales Arbeiten.

Bachmann geht da ganz in die Tiefe der Persönlichkeit, in Richtung des Instinktes. In Licht und Dunkel. Scheut keine Fallhöhe.

Es gibt dieses Verständnis, diesen Instinkt von ars vita. Etwa bei Fellini, La strada. Sie muss sterben, dass er sich verändert. Es ist ein Selbstopfer. Es gibt dieses Momentum von Kunst. Das Opfer. Das Feuer.

Ivan und Malina sind Sehnsüchte. Beides braucht es.

Ivan ist kein Mann für das Leben. Aber Leidenschaft kannst Du nicht kontrollieren.

Hoffnungslos ist niemand.

Selbstverzeihung und Selbstliebe ist der Weg zueinander. Es ist schwer aus sich rauszukommen.

Frauen haben die Kraft nein zu sagen.

Malina gibt jetzt 50 Jahre danach Impulse wie das Verschwinden zu verhindern ist. Es geht darum als Frau eine Kraft zu entwickeln, die eigene Identität auszudrücken. Auch zu wissen, Du kannst alles!

Es braucht starke Rollenvorbilder für Frauen in einer männerdominierten Welt.

Das Problem ist, wir hören nicht zu. Wir sind zu beschäftigt. Es liegt in der Kommunikation.

Das Patriarchat ist sehr stark. Das zeigt sich etwa in der Umweltkrise.

Männer können sich oft nicht vom Patriarchat lösen. Es ist ein Problem des Selbstwertes. Das ist auch stark kulturabhängig.

Es gibt noch Männer wie Ivan aber auch Fortschritte darin. Männer bewegen sich.

Leidenschaft verbrennt. Das kann nicht lange dauern. Aber wir brauchen das.

Liebe auf den ersten Blick gibt es. Ich glaube an die Liebe.

In der Liebe musst Du im Moment sein. Präsent sein. Das ist das Problem heute. Wir sind immer irgendwo.

Es gebe mehr Liebe, wenn wir hier wären, präsent wären.

Gemeinsame Interessen, Aktivitäten verbinden. Das fehlt bei Ivan und Malina.

Ivan ist der Liebhaber. Malina ist der Freund. Idealerweise sollte es eine Person.

Ich liebe Wien.

Ich habe so viele interessante Leute hier kennengelernt. Kunst, Kultur lässt begegnen und verbindet.

Das Theater befand sich immer zwischen Entertainment und Kunst. Es wird jetzt seine Themen verändern. Es wird um Selbsterkenntnis gehen. Um das Verstehen.

Theater muss gut gemacht sein. Das ist das Wichtigste.

Mann muss Mut haben, so etwas zu schreiben.

Dieser Roman kommt aus ganz inneren Persönlichkeitsschichten, das ist nicht erklärbar. Es kommt nicht aus dem Kopf.

Ingeborg Bachmann verkörperte ihr Werk. Das ist ganz ganz besonders.

Ingeborg Bachmann hat nicht vorsichtig gelebt, so soll man leben.

Man muss das Leben lieben.

Theater ist ein sozialer Raum und ein Sinnraum

Das Theater braucht gute Schriftsteller*innen.

Kontrolle ist eine Illusion. You have to commit, sagt mein Yoga-Lehrer.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Elena Platon _ Schauspielerin _Wien.

„Wir brauchen gute Geschichten und gute Erzähler*innen, um eine bessere Zukunft zu gestalten!“ Elena Platon, Schauspielerin_ Wien 16.3.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Cafè Prückel_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

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„Was braucht die Kunst?“ Patricia Büttiker, Schriftstellerin_Zürich 11.5.2021

Liebe Patricia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hier in Zürich ist trotz der Pandemie gleichgeblieben. Manchmal versuche ich bereits am Morgen aus dem Alltag auszubrechen, indem ich nach dem Duschen mit dem linken Fuß aus der Badewanne steige, statt immer nur mit dem rechten. Bis vor kurzem durfte ich mich über das Krähen eines prächtigen Hahns freuen. Ein Nachbar hat sich während der Pandemie Hühner angeschafft; er war nicht der einzige, wie ich irgendwo gelesen habe. Leider sind die Hühner von einem Fuchs gefressen worden, weil der Nachbar an einem Abend vergaß, das Gatter zu schließen. Den Tag verbringe ich mit Schreiben oder mit meinem Broterwerb. Um zweiundzwanzig Uhr lösche ich das Licht.

Patricia Büttiker, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht sollten wir mehr Farbe in unseren Alltag bringen:

Wir könnten den Blumenstrauß, den wir für unseren Liebsten vorgesehen haben, zur Abwechslung einer fremden Person schenken, dürfen dann aber nicht beleidigt sein, wenn sie sich verarscht fühlt. Wir könnten die zu Boden gefallene Kochkelle nach oben werfen und hätten damit der Schwerkraft etwas entgegengesetzt, zumindest für einen Augenblick. Wir könnten den Tauben auch mal den Vortritt lassen, denn weshalb gehen wir davon aus, dass sie ausweichen sollen, wenn wir kommen?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Von der Literatur, der Kunst wünsche ich mir, dass sie mich überrascht, mir neue Horizonte eröffnet, abseits des Ausgetretenen und der abstrakten Diskurse; dass sie wieder bescheidener wird. Man könnte die Frage auch umdrehen: Was braucht die Kunst? Bringen wir bei all den Ablenkungen noch die Konzentration auf, uns auf Werke der Bildenden Kunst, der Literatur einzulassen? Bei mir stelle ich eine gewisse Ungeduld fest.

Was liest Du derzeit?

Italo Calvino: Italienische Märchen. Alice Ceresa: Bambine, Geschichte einer Kindheit.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«Ich kenne nicht sehr viele Worte. Allerdings besitze ich drei Lexika, die ich geschenkt erhielt, und ein Fremdwörterbuch, ebenfalls ein Geschenk, doch benütze ich diese Dinger zum Schreiben nie; es würde mich geradezu ärgern, Worte zu gebrauchen, die sich nicht in meinem Wortschatz befinden.» (Aus: Adelheid Duvanel, «Ein ganz gewöhnlicher Waschtag»)

Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patricia Büttiker, Schriftstellerin

www.literaturport.de/Patricia.Buettiker/.

Link zu meiner Veranstaltung an den Solothurner Literaturtagen 14. – 16.5.2021 : www.literatur.ch/gaeste/patricia-buttiker/

Foto_Carl Leyel

7.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„als befände man sich in einem darm“ Juliane Liebert, Schriftstellerin_Berlin 11.5.2021

Liebe Juliane, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich arbeite nachts und schlafe dann bis 15 uhr, außer ich muss tagsüber arbeiten, dann stehe ich gegen sechs auf und arbeite tagsüber. manchmal esse ich was. man weiß nie genau wann, denn es ist wichtig, dass man nie das gleiche an zwei aufeinanderfolgenden tagen zur selben zeit tut, sonst beginnt das universum, sich zu langweilen.

Juliane Liebert, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

ffp2 masken! die verhindern (so habe ich gehört), dass sich alle willkürlich ins gesicht husten und wir dann in krankenhausfluren sterben müssen, weil es nicht genug intensivbetten gibt. und impfungen!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

na, wenn es einen aufbruch und neubeginn gäbe, aber es gibt ja nur ein langsames aufhören und dann ein leichtes öffnen und dann geht alles wieder zu, zack. als befände man sich in einem darm (ich weiß nicht genau, wie es sich anfühlt, in einem darm zu sein. ich weiß aber, wie es sich anfühlt, langsam verdaut zu werden. nämlich so. )

und die kunst, die kunst ist immer da. wenn, dann spielen wir eine rolle in ihr.

Was liest Du derzeit?

therese und isabelle von violette leduc, kurt cobains tagebücher.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

angesichts der mietensituation und der mit ihr einhergehenden wut der berliner empfehle ich dieses video:

(ich empfehle es aber auch sonst!)

Vielen Dank für das Interview liebe Juliane, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Juliane Liebert, Schriftstellerin

Juliane Liebert

Foto_Claude Gerber

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gute Gedichte kommunizieren mit Menschen auf vielschichtige und tiefe Weise“ Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin_Zürich 10.5.2021

Liebe Anne-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Alles findet zuhause und online statt. Zwar verbrachte ich den Arbeitstag auch vor der Pandemie schon am Bildschirm, dass aber kulturelle Veranstaltungen, Debatten, Buchpromotionen, Begegnungen und der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen komplett in den virtuellen Raum verschoben wurden, sind große Veränderungen. Wer hier nicht mittun kann oder mag, sei es als VerlegerIn, VeranstalterIn oder AutorIn ist gar nicht mehr präsent, was ich sehr schade finde. Viele Liveveranstaltungen wurden ersatzlos gestrichen. Andererseits erhalte ich jetzt Gelegenheit, Streamings aus Berlin, Wien oder Budapest zu sehen, wo ich früher vor Ort sein musste.

Jeden Morgen stelle ich mir die Frage, was Priorität hat, in letzter Zeit waren es meine Übersetzungsarbeiten aus dem Ungarischen und das Vorbereiten einer Buchpublikation. Im Mai erscheinen ausgewählte Gedichte von Tamás Jónás im Berliner KLAK Verlag. Falls ich Zeit und Ruhe finde, schreibe ich an eigenen neuen Texten. Mein Tag wird immer wieder unterbrochen von Arbeiten im Haushalt, sie scheinen mir in der Pandemie nicht weniger geworden zu sein, zwangsläufig kümmern wir uns mehr um unseren Wohn-, Ess- und Arbeitsraum oder ich helfe meiner Mutter.

Entweder über Mittag oder gegen Abend versuche ich eine Stunde Bewegung einzubauen, sei es ein Spaziergang oder Sport, selbst Trainingseinheiten finden jetzt online statt, Fitness at home nennt sich sowas. Diese Woche schickte unsere Verwaltung ein Rundschreiben wegen Ruhestörung an alle Mieter und Mieterinnen, tja, alles muss zuhause passieren und jetzt ist es auch nicht recht.

Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Menschen eine Ausstiegsperspektive zu bieten. Einzig die Impfungen vermögen dies, weshalb sich viele baldmöglichst impfen lassen möchten. Bislang ist in der Schweiz aber erst sieben Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, der wirtschaftlich wichtige Kanton Zürich bildet das Schlusslicht, über Achtzigjährige warten noch auf ihre erste Dosis. Dabei haben wir das teuerste Gesundheitswesen Europas.

Trotz des Unmuts und der verbreiteten Müdigkeit bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in Geduld und Gelassenheit zu üben, ein starker Kontrast zur dauererregten Öffentlichkeit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

An einen größeren Aufbruch, gar Neubeginn glaube ich nicht. Zu viele Menschen sehnen sich nach ihrem alten Leben zurück. Eher werden die gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen, die uns vor der Pandemie beschäftigten, wie beispielsweise der Klimawandel oder die Migration, verschärft in den Vordergrund rücken. Elemente des Technologieschubs, den die Pandemie ausgelöst hat, werden erhalten bleiben. Wesentlich für die Menschen, das hat uns Corona sowohl im beruflichen, schulischen als auch privaten Alltag deutlich spüren lassen, wird es sein, die echten Begegnungsräume wieder zu öffnen.

Der Literatur kommt in den westeuropäischen Demokratien schon lange nicht mehr die Rolle zu, Ersatz für fehlende öffentliche Diskussionen zu historischen und politischen Themen zu bieten, gar gesellschaftliche Prozesse anzustoßen, eine Funktion, die sie beispielsweise in Ungarn und anderen Ländern Ostmitteleuropas teilweise bis heute noch innehat. Bei uns steht sie mehr für sich, wobei es sowohl formal als auch thematisch eine große Vielfalt gibt. Gute Gedichte kommunizieren mit Menschen auf vielschichtige und tiefe Weise, regen ihre Fantasie, ihr Hirn an. Solche Momente zu ermöglichen, finde ich wesentlich.

Was liest Du derzeit?

Oh, ich lese kreuz und quer, häufig Gedichte, gestern las ich im Phantasus von Arno Holz. Georg Trakl begegnet mir regelmäßig, jemand postete zu Beginn der Pandemie sein Sonett Dämmerung, ich fand es nicht in meinem Büchlein, also druckte ich es, schnitt es aus und legte es hinein. Ich lese aber nicht nur in deutscher Sprache. Ohne die Pandemie wäre ich jetzt in Budapest und würde mich an den Ständen des internationalen Buchfestivals,das bis 2019 im April stattfand, durch die Neuerscheinungen blättern. Diese Möglichkeit vermisse ich. Im Schoß der Heimat lese ich mit Begeisterung in den Stoffen von Friedrich Dürrenmatt, dessen 100. Geburtstag wir feiern. Die Ausstellung im Museum Strauhof, das ich jedem und jeder literaturinteressierten Zürich-Reisenden empfehlen möchte, konnte ich im Herbst gerade noch besuchen, bevor alles wieder zuging.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus der Ballade Minotaurus von Friedrich Dürrenmatt:

„Er wich zurück, sein Spiegelbild ebenso, und allmählich ging ihm auf, daß er sich selber sich gegenüber befand. Er versuchte zu flüchten, doch wohin er sich auch wandte, stets stand er sich selber gegenüber, er war eingemauert von sich selber, überall war er selber, endlos war er selber, vom Labyrinth ins Unendliche widergespiegelt. Er spürte, daß es nicht viele Minotauren gab, sondern nur einen Minotaurus, daß es nur ein Wesen gab, wie er eines war, ein anderes nicht vor ihm und ein anderes nicht nach ihm, daß er der Vereinzelte war, der zugleich Aus- und Eingeschlossene, ….“

Vielen Dank für das Interview liebe Anne-Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin

Anne-Marie Kenessey | Poetenladen | Zur Person

Foto_privat.

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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