„Gute Gedichte kommunizieren mit Menschen auf vielschichtige und tiefe Weise“ Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin_Zürich 10.5.2021

Liebe Anne-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Alles findet zuhause und online statt. Zwar verbrachte ich den Arbeitstag auch vor der Pandemie schon am Bildschirm, dass aber kulturelle Veranstaltungen, Debatten, Buchpromotionen, Begegnungen und der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen komplett in den virtuellen Raum verschoben wurden, sind große Veränderungen. Wer hier nicht mittun kann oder mag, sei es als VerlegerIn, VeranstalterIn oder AutorIn ist gar nicht mehr präsent, was ich sehr schade finde. Viele Liveveranstaltungen wurden ersatzlos gestrichen. Andererseits erhalte ich jetzt Gelegenheit, Streamings aus Berlin, Wien oder Budapest zu sehen, wo ich früher vor Ort sein musste.

Jeden Morgen stelle ich mir die Frage, was Priorität hat, in letzter Zeit waren es meine Übersetzungsarbeiten aus dem Ungarischen und das Vorbereiten einer Buchpublikation. Im Mai erscheinen ausgewählte Gedichte von Tamás Jónás im Berliner KLAK Verlag. Falls ich Zeit und Ruhe finde, schreibe ich an eigenen neuen Texten. Mein Tag wird immer wieder unterbrochen von Arbeiten im Haushalt, sie scheinen mir in der Pandemie nicht weniger geworden zu sein, zwangsläufig kümmern wir uns mehr um unseren Wohn-, Ess- und Arbeitsraum oder ich helfe meiner Mutter.

Entweder über Mittag oder gegen Abend versuche ich eine Stunde Bewegung einzubauen, sei es ein Spaziergang oder Sport, selbst Trainingseinheiten finden jetzt online statt, Fitness at home nennt sich sowas. Diese Woche schickte unsere Verwaltung ein Rundschreiben wegen Ruhestörung an alle Mieter und Mieterinnen, tja, alles muss zuhause passieren und jetzt ist es auch nicht recht.

Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Menschen eine Ausstiegsperspektive zu bieten. Einzig die Impfungen vermögen dies, weshalb sich viele baldmöglichst impfen lassen möchten. Bislang ist in der Schweiz aber erst sieben Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, der wirtschaftlich wichtige Kanton Zürich bildet das Schlusslicht, über Achtzigjährige warten noch auf ihre erste Dosis. Dabei haben wir das teuerste Gesundheitswesen Europas.

Trotz des Unmuts und der verbreiteten Müdigkeit bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in Geduld und Gelassenheit zu üben, ein starker Kontrast zur dauererregten Öffentlichkeit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

An einen größeren Aufbruch, gar Neubeginn glaube ich nicht. Zu viele Menschen sehnen sich nach ihrem alten Leben zurück. Eher werden die gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen, die uns vor der Pandemie beschäftigten, wie beispielsweise der Klimawandel oder die Migration, verschärft in den Vordergrund rücken. Elemente des Technologieschubs, den die Pandemie ausgelöst hat, werden erhalten bleiben. Wesentlich für die Menschen, das hat uns Corona sowohl im beruflichen, schulischen als auch privaten Alltag deutlich spüren lassen, wird es sein, die echten Begegnungsräume wieder zu öffnen.

Der Literatur kommt in den westeuropäischen Demokratien schon lange nicht mehr die Rolle zu, Ersatz für fehlende öffentliche Diskussionen zu historischen und politischen Themen zu bieten, gar gesellschaftliche Prozesse anzustoßen, eine Funktion, die sie beispielsweise in Ungarn und anderen Ländern Ostmitteleuropas teilweise bis heute noch innehat. Bei uns steht sie mehr für sich, wobei es sowohl formal als auch thematisch eine große Vielfalt gibt. Gute Gedichte kommunizieren mit Menschen auf vielschichtige und tiefe Weise, regen ihre Fantasie, ihr Hirn an. Solche Momente zu ermöglichen, finde ich wesentlich.

Was liest Du derzeit?

Oh, ich lese kreuz und quer, häufig Gedichte, gestern las ich im Phantasus von Arno Holz. Georg Trakl begegnet mir regelmäßig, jemand postete zu Beginn der Pandemie sein Sonett Dämmerung, ich fand es nicht in meinem Büchlein, also druckte ich es, schnitt es aus und legte es hinein. Ich lese aber nicht nur in deutscher Sprache. Ohne die Pandemie wäre ich jetzt in Budapest und würde mich an den Ständen des internationalen Buchfestivals,das bis 2019 im April stattfand, durch die Neuerscheinungen blättern. Diese Möglichkeit vermisse ich. Im Schoß der Heimat lese ich mit Begeisterung in den Stoffen von Friedrich Dürrenmatt, dessen 100. Geburtstag wir feiern. Die Ausstellung im Museum Strauhof, das ich jedem und jeder literaturinteressierten Zürich-Reisenden empfehlen möchte, konnte ich im Herbst gerade noch besuchen, bevor alles wieder zuging.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus der Ballade Minotaurus von Friedrich Dürrenmatt:

„Er wich zurück, sein Spiegelbild ebenso, und allmählich ging ihm auf, daß er sich selber sich gegenüber befand. Er versuchte zu flüchten, doch wohin er sich auch wandte, stets stand er sich selber gegenüber, er war eingemauert von sich selber, überall war er selber, endlos war er selber, vom Labyrinth ins Unendliche widergespiegelt. Er spürte, daß es nicht viele Minotauren gab, sondern nur einen Minotaurus, daß es nur ein Wesen gab, wie er eines war, ein anderes nicht vor ihm und ein anderes nicht nach ihm, daß er der Vereinzelte war, der zugleich Aus- und Eingeschlossene, ….“

Vielen Dank für das Interview liebe Anne-Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anne-Marie Kenessey, Schriftstellerin

Anne-Marie Kenessey | Poetenladen | Zur Person

Foto_privat.

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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