„An den Ufern der Seine“ Die magischen Jahre von Paris 1940-1950, Agnes Poirier. Neuerscheinung Klett-Cotta Verlag.

 

 

„An den Ufern der Seine“ Die magischen Jahre von Pars 1940-1950, Agnes Poirier. Neuerscheinung Klett-Cotta Verlag.

Es sind Tage der politischen Ungewissheit und der Angst, die im Sommer 1939 ganz Europa und die Welt ergreifen. In Paris werden die Kunstschätze des Louvre in Sicherheit gebracht, um das Vermächtnis und Gedächtnis der Kunst in den folgenden langen Jahre des dunkelsten Kapitel der Menschheit überdauern zu können. 1940 wird Frankreich erobert und besetzt. Nun beginnen Zeiten der Zensur und der strengen Bestrafung jeglicher Form von politischer Kritik und Widerstand. Doch in der Seine Metropole finden sich Künstler, die in Wort, Theater, Bild und Musik ihren Anspruch von Freiheit bewahren wollen und sie tun dies unter höchster Gefahr. Als 1945 die Befreiung erfolgt, werden die Cafes, Theater, Kinos und Galerien zu Treffpunkten und Ausdruck eines neuen Geistes von Lebensfreude und auch gesellschaftlicher Wachsamkeit und Anspruch. Namen wie Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Samuel Beckett, Marguerite Duras oder auch Miles – sind hier unter vielen beispielhaft zu nennen. Es werden neue Formen des Schreibens „Nouveau Roman“ entwickelt und es kommt zu einem regen Austausch und Zusammenarbeit mit Fotografen und unterschiedlichsten Künstlern und Kunstformen. Eine neue Zeit bricht an und Paris wird zu einem Mittelpunkt von Kunst und Lebensvision – „Magische Jahre“…

Die in Paris geborene und international tätige Journalistin Agnes Catherine Poirier legt mit „An den Ufern der Seine. Die magischen Jahre von Paris 1940-1950“ eine kulturgeschichtliche Zeitreise vor, die in Inhalt und Stil begeistert. Die Autorin schafft es beeindruckend eine wesentliche Epoche europäischer Gesellschafts- und Kulturgeschichte zwischen den Polen von Krieg und Freiheit mitreißend zu öffnen und im spannenden Erzählstil wiederzugeben.

„Ein Buch, das mitreißend von der Kraft der Kunst zwischen Krieg und Freiheit und dem vielfältigen Leben in einer wunderbaren Stadt erzählt.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 5_2019

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„100 Zeugnisse des Glaubens“ Magazin _GEO Chronik

„100 Zeugnisse des Glaubens“ Magazin _GEO Chronik

Es sind zentrale unübersehbare Monumente, bescheidene Orte der Ruhe und Stille oder Sammelplätze tausender Menschen, welche „Zeugnisse des Glaubens“ in Vergangenheit und Gegenwart darstellen. Äußere und innere Baukraft und Ausdauer stellten oft in jahrzehnte- und jahrhundertelangen Vorhaben und Ringen zentrale archetektonische Mittelpunkte religiöser Vielfalt weltumspannend im Querschnitt der Kontinente und der Weltgeschichte her. Die Faszination ist dabei ebenso elementar wie deren unüberschaubare Fülle, der wir uns nur in ausgewählten Schwerpunkten nähern können. Das vorliegende Chronikmagazin des GEO Magazin Teams gibt nun einen beeindruckenden Überblick an steinernen, historischen wie lebendigen gegenwärtigen „Zeugnissen des Glaubens“ und öffnet wie erläutert Geschichte, Architektur und Motivation einer äußeren wie inneren Welt menschlicher Sinnsuche.

Zunächst sticht die umfassende Fotoauswahl wie Bildqualität des Chronik Magazins ins Auge und die Wahrheit der Metapher „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ findet hier beeindruckend ihre Gültigkeit. Es ist vor allem die kräftige Bildsprache, die auch die einzelnen Vorstellungen religiöser Bauwerke und Phänomene in historischen, archäologischen, soziologischen und medizinisch-psychologischen Bezügen bestimmt. Die Texterläuterungen sind darauf gut abgestimmt und informieren kompakt wie laden zu weiteren persönlichen Vertiefungen des geweckten Interesses ein.

Die Chronik selbst ist historisch fortlaufend aufgebaut und beginnt bei den ältesten Zeugnissen menschlichen Glaubens vor rund 40 000 Jahren und bietet dann eine fortlaufende Auswahl bis in die Gegenwart. Thematische Analysen und eine Übersichtstabelle wie ein Stichwortregister finden sich am Ende des knapp 140 Seiten starken Magazins, das als sehr anspruchsvolles wie ebenso gelungenes Projekt bezeichnet werden kann.

„Eine Chronik, welche die Vielfalt religiöser Welt in Geschichte und Gegenwart sehr lebendig veranschaulicht und in ihrer Bildsprache wie Ansprache fasziniert wie beeindruckt.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 5_2019

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„Der Untergang der Welt von gestern“ Wien und die k.u.k. Monarchie 1911-1919, Arne Karsten. Neuerscheinung Beck Verlag.

 

„Der Untergang der Welt von gestern“ Wien und die k.u.k. Monarchie 1911-1919, Arne Karsten. Neuerscheinung Beck Verlag.

Wien. 1911. Eine Millionenmetropole, in welcher Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft ganz neue Wege gehen, während das riesige Reich der Monarchie immer mehr zerbricht. Doch noch ist der Krieg weit und in den Salons der Stadt treffen sich Schriftsteller, Künstler, Musiker, Ärzte und suchen im Austausch und Fest Inspirationen und Ideen Raum zu geben. Und es sind auch Frauen, die im Bereich der Kunst, Mode, Literatur und Presse einen neuen Ort des Selbstbewusstseins und der Kreativität suchen und ihren Platz darin beanspruchen, finden und auch behaupten. Eine dieser Frauen ist Stephanie Bachrach, die Tochter eines aufstrebenden Kaufmannes aus Mähren, der nach Wien gezogen war und rasch den Aufstieg unter die bedeutenden wirtschaftlichen Protagonisten der Reichshauptstadt schaffte. Regelmäßige Urlaube in Bad Ischl mit Dienerschaft und Gesellschaftsdame unterstrichen dies deutlich. Sie kennzeichnen aber auch den Prestigedruck, dem Julius Bachrach schließlich auch erlag. Sein Selbstmord lastet schwer auf der Familie. Seine Tochter sucht nun eigene Wege zu gehen, um mit diesem Familiendrama zu leben. Morphium wird eine Zuflucht sein wie auch der Weg als Muse und Freundin in den Salons der Stadt. Einer Stadt und einer Zeit, die auf ihre letzten Tage zugeht, die auch für Stephanie tragisch enden sollten…

Arne Karsten, Historiker und Kunsthistoriker am Historischen Seminar der Bergischen Universität Wuppertal, legt mit „Der Untergang der Welt von gestern“ eine kompakte Zusammenschau der letzten Jahre der Donaumonarchie, des Ersten Weltkrieges wie der europäischen Neukonstitution vor. Der Autor geht dabei wesentlich von den Tagebüchern und Briefen Arthur Schnitzlers (Wiener Schriftsteller, Arzt) und dessen Kontakten zu wesentlichen Protagonisten der Wiener Moderne aus. Das tragische wie in vielem nur abrisshaft bekannte Leben von Stephanie Bachrach bildet dabei eine narrative Mitte, welche das Buch zu einem sehr persönlichen wie lebendigen Panoptikum der Zeit macht und Leserin und Leser spannend in die „Welt von gestern“ mitnimmt.

„Eine bemerkenswerte Einladung in eine Stadt, eine Zeit und ein Leben voll Wunder, Rätsel und Tragik.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 4_2019

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„Frauenzimmer“ Frauen schreiben Geschichte. Begeisternde Uraufführung des „Alice Ensemble“ Wien, 3.5.2019

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„Frauenzimmer“ Frauen schreiben Geschichte. Begeisternde Uraufführung des „Alice Ensemble“ Wien, 3.5.2019

Eine Cellistin und fünf Frauen in ausdrucksstarken historischen Kostümen sind zunächst im Halbdunkel der Bühne zu sehen. Es liegt viel hinter ihnen und noch mehr vor ihnen. Das ist an der Nachdenklichkeit und den Koffern und Taschen zu erkennen. Buch, Stift, Gedanken und Mimik unterstreichen dies eindrücklich. Ein Ziel, zu dem sie allein unterwegs sein werden, ist zu spüren. Die Ansprache an das Publikum kommt in Spannung und Neugierde an.

Dann nehmen sie das Gepäck auf und erzählen vom Weg hierher. Vom durch Mauern gehen. Von Erwartungen und Grenzen des Lebens. Die Bühne wird nun zur spektakulären, mitreißenden Landkarte von Vision und Persönlichkeit, Zeit und Selbstbewusstsein in Geschichte und Gegenwart…

 

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Das 2015 gegründete Wiener „Alice Ensemble“ setzt in ihrer neuesten Produktion wagemutig auf die szenische Bühnenkarte von Rezeption, Narration, Variation und Dynamik. Das Wechselspiel biographisch-historischer Mitte und Dramatik erfordert eine Fülle von schauspielerischer Variation, um die Vielfalt der Perspektiven im Bühnentransfer sprechen zu lassen. Es braucht dazu auch wesentlich Momente von Stille, in dem das Publikum selbst Entscheidungen von Beobachtung und Wahrnehmung trifft. Die Ausdrucksmöglichkeiten von Theater sind dabei bis an die Grenzen gefordert.

Nicht viele moderne Bühnen sind zu dieser Herausforderung bereit. Das „Alice Ensemble“ ist es und versteht zu überraschen. Es begeistert mit Ansprache, Dialog und Choreographie. Im variantenreichen Bühnenspiel gelingt ein szenischer Rhythmus, der Aufmerksamkeit, Emotion, Spannung und Humor in Erzählung und kritischem Gegenwartstransfer fulminant ankommen lässt. Das Öffnen der Biographien von Anne Bonny, Amelia Earhart, Emily Davison, Florence Nightingale und Ida Pfeiffer im Blick auf gegenwärtige Rollen- und Selbstbilder und der Stimmung gegenwärtiger Existenz wird selbstbewusst umgesetzt. Das Ensemble spielt alle szenischen Register und hebt damit Biographie zum mitreißenden Bühnenleben und zum Prozess persönlicher Reflexion von Kontext, Inspiration und Utopie.

Dem Ensemble, welches selbst Regie führt, ist zu Mut und Schauspielkunst zu gratulieren und es sind auch die Kostüme anzusprechen, die sicherlich Maßstäbe in Ausdruck, Gesamtbild wie Detail setzen und dieses wichtige Stilmittel eindrücklich wirken lassen. Ebenso ist auf das dialogische Cellospiel in variantenreicher Performance hinzuweisen. Einmalig wie dies szenisch gesetzt wird.

„Ein Theaterabend, der selbstbewusst auf Biographie und Transfer setzt und damit in Spiel und Ansprache begeistert.“

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davFrauenzimmer – Frauen schreiben Geschichte. Alice Ensemble

Ensemble: Sophie Isermann, Denise Neckam, Lisa Neumaier, Leonie Reiss, Caroline Weber

Regie: Ensemble

Regie Assistenz: Charlotte Morschhausen

Cello: Jana Thomaschütz

Kostüme: Alma Kugic

 

Weitere Spieltermine: 04./10./11. Mai 2019

 

Walter Pobaschnig, Wien 5_2019

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Alle Fotos: Walter Pobaschnig

 

 

 

 

 

 

„Columbus und seine Zeit“ Alfred Kohler. Beck Verlag.

 

„Columbus und seine Zeit“ Alfred Kohler. Beck Verlag.

Der junge Webersohn träumt am Hafen von der Zukunft. Von Reisen und Abenteuern. Er will die Stadt verlassen, das steht fest. So spannend er die Möglichkeiten der Zukunft sieht, so wichtig ist ihm eine Struktur und Bahn auf der sich seine Träume vorwärts zu bewegen haben. Mit Interesse folgt er den Überlegungen der Zeit zur Entwicklung des Weltverständnisses. Die Epizykeltheorie (Bewegung der Erde/eines Planeten im Kreis eines Kreises) befindet sich Aufbruch. Der Sonne kommt nun eine wesentliche Bedeutung zu und damit verändert sich auch die Sicht auf die Erde und ihre Struktur – etwa ihre Seewege. Kartographie wie Mathematik werden für den jungen wagemutigen Seefahrer zum persönlichen Kompass, der ihn aufbrechen lässt. Ihn selbst inmitten einer Gesellschaft im Wettlauf um Land und Vision außerhalb des europäischen Kontinentes. Es sind unbekannte Wege zu denen die „alte“ Welt an der Zeitenwende aufbricht – und diese werden alles verändern…

Alfred Kohler, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien legt mit „Columbus und seine Zeit“ eine umfassende Zusammenschau und Erläuterung der gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen der großen Entdeckungsreisen am Übergang zur Neuzeit vor. In sieben Kapiteln lässt er Autor Leserin und Leser der Persönlichkeit und Biographie von Christoph Kolumbus (1451 – 1506) in einem interessanten wie mitreißenden Dialog mit wesentlichen gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit folgen und damit die Entdeckung Amerikas im Rahmen der Voraussetzungen, Bedingtheiten und weitreichenden Folgen verstehen. Es ist beeindruckend wie kompakt der Autor Weltgeschichte auf den Punkt bringen kann und auch Reflexionen zu gegenwärtigen Entwicklungen öffnet.

„Ein Buch, das eine Welt und eine Persönlichkeit im Aufbruch historisch beeindruckend wie mitreißend darstellt und auch wesentliche Perspektiven gegenwärtiger Fragestellungen öffnet.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 4_2019

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„Die Ahnenpyramide“ und „Das letzte Jahr“ Ilse Tielsch. Romane. Neuerscheinungen Atelier Verlag

 

„Die Ahnenpyramide“ und „Das letzte Jahr“ Ilse Tielsch. Romane. Neuerscheinungen Atelier Verlag

 

Die Ahnenpyramide

Es ist der Lebensbeginn und der ist für die junge Anni ein Abenteuer voll von Geschichten und Geheimnissen. Die Phantasie wird zum Kompass einer Welt, die es zu entdecken gilt und die jeden Tag neue Überraschungen und Erfahrungen öffnen. Die zwei Sprachen ihrer Kindheit werden zum spannenden vertrauten Ausdrucksmittel, das so viele Möglichkeiten der Beschreibung bietet und auch den eigenen Namen in viele Variationen hebt. Wie die Reime, die zum geliebten Spiel in der Gruppe werden und Anni noch so lange in Erinnerung bleiben werden…

Doch eines Tages wird Anni vom Vater zum großen Tisch aus Nussholz in das Speisezimmer gebeten und ihr Blick fällt auf Namen in Kästchen, die eine Pyramide bilden. Der Vater erklärt ihr, dass dies die Ahnenfolge der Familie sei. Anni fühlt nun die Schwere der Vergangenheit, die an ihr zieht und welche die Elfenleichtigkeit der Kindheit schwinden lässt. Das Gewicht der Welt wird nun erstmals für sie sichtbar und ihr Heranwachsen wird nun zur Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Lebensrahmen in Familie, Ort und Zeit. Biographische Schwere und persönliche Lebensneugier haben sich nun die Waage zu halten in den folgenden Geschehnissen und Jahren in Krieg, Leiden und dem steten Neubeginn in Leben und Gesellschaft. Dem Weiterwachsen der Ahnenpyramide zwischen Himmel und Erde aus Abgrund und Dunkel…

Die österreichische Autorin und Germanistin, Ilse Tielsch (geboren in Auspitz/Hustopece), legt mit ihrem Generationenroman „Die Ahnenpyramide“ eine beeindruckende Familiengeschichte im konkreten historischen Ausgangspunkt und Kontext wie ebenso eine beispielhafte erzählerische Gesamtschau eines Jahrhunderts vor. In direkter persönlicher Perspektive und beobachtender, fast fotografischer, Sprachform lässt die Autorin gleichsam in einer Lebensgeschichte eine Dokumentation (österreichische Monarchie/Fluchterfahrung/Neubeginn) entstehen, die literarisch an die großen Zeitgeschichte Reportagen Österreich I, II von Hugo Portisch/Sepp Riff erinnert. Es ist ein ganz außergewöhnlicher Kunstgriff, der Ilse Tielsch mit Ersterscheinen des Romans 1980 (Neuauflage 2019) gelingt und der die österreichische Seele in Sturz, Abgrund und Neubeginn eindringlich nachzeichnet.

Ilse Tielsch_ Foto _ Walter Pobaschnig

„Ein Roman, der die tragische Seele einer Nation wie des Kontinentes in mitreißender Erzählung schonungslos offenlegt und damit erschüttert wie auch in der Gegenwart mahnt“

 

Motiv _ Walter Pobaschnig

 

 

Das letzte Jahr

Für Elfi ist es das Fahrrad, das die Welt in Bewegung erschließt. Und das kommt ihren Gedanken gleich, die ständig in Bewegung sind und die im Lesen ihren guten Ort finden. Das junge Mädchen lernt im Fahrtwind und den Stationen Menschen und Ort gut kennen und überlegt, welche Berufe es wohl für sie geben könnte. Ziele und noch mehr Träume bestimmen Fahrrad-, Schul- und Spazierwege. Doch auch die große Geschichte holt das kleine mährische Dorf in seiner Vielschichtigkeit, Gemeinsamkeit und Lebensfreude ein. Das Jahr 1938 wird zu einer Zäsur und jetzt werden die Fahrradwege auch zur Beobachtung von ideologischen Gräben zwischen Menschen, die schließlich zu Gräbern werden sollten. Doch Elfi geht ihren Weg der Jugend und den Traum eines Lebens, das bis zum Himmel reichen will, weiter in Beobachtung, Freude und Mitgefühl…

Ilse Tielsch kann einfach großartig erzählen und zudem individuellen Lebenslauf und dramatisches Zeitgeschehen einmalig verbinden. Ein Buch als historisches wie psychoanalytisches Ereignis.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Zwingli und Luther – Ihr Streit über das Abendmahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen“ Band I und II, Walther Köhler. Gütersloher Verlagshaus.

 

 

„Zwingli und Luther – Ihr Streit über das Abendmahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen“ Band I und II, Walther Köhler.

Es sind die großen Gedenkjahre der Reformation, die auch den Beginn des 21.Jahrhunderts kennzeichnen. 2017, die Thesenveröffentlichung von Martin Luther in Wittenberg gilt als Initialzündung der weitreichenden reformatorischen Prozesse in Theologie, Kirche, Politik und Gesellschaft.

2019 ist nun das Gedenkjahr an Ulrich Zwingli und sein umfangreiches reformatorisches Wirken. Am 1.Januar 1519 trat der aus einfachen Verhältnissen stammende und in der Schweiz 1484 geborene Priester, der eine gute theologische wie humanistische Ausbildung (Studien in Wien, Basel) besaß sein Amt am Großmünsterstift in Zürich an. Der ambitionierte Priester verfügte auch über eine umfangreiche Privatbibliothek und war der griechischen Sprache mächtig, die ihn seine Predigtschwerpunkte des Neuen Testamentes tiefgehend vorbereiten ließ. Im Zuge der folgenden Jahre kam es zu grundlegenden Veränderungen des religiösen wie gesellschaftlichen Leben in Zürich, an denen Zwingli wesentlichen Anteil hatte. Kirche, Bildung und Stadt bekamen ganz neue Formen, die noch heute die reformierte Tradition (benannt nach Ulrich Zwingli und Johannes Calvin) der evangelischen Kirche prägen.

Zum reformatorischen Anspruch Martin Luthers gibt es nun Parallelen (etwa die Bedeutung und Maßgabe der Schrift/Bibel wie die Ablehnung des Zölibates und das geschlechtsoffene Predigtamt) aber auch wesentliche Unterschiede, etwa im Verständnis des Kirchenraumes (strenges Bilderverbot in der reformierten Tradition) oder im Sakramentsverständnis das Abendmahl betreffend. Letzteres kann als theologische Mitte wie Grenze der Begegnung und Zusammenarbeit der beiden Reformatoren Zwingli und Luther gesehen werden über die sie nicht hinaus konnten und die auch in Gesprächen nicht überwunden werden konnte. Hier trafen wesentlich die Theologen in einem sakramentalen Streitpunkt aufeinander, dessen Hintergründe aber weitreichender gewesen sein dürften, die in diesem Thema aber fokussierten.

Der evangelische Theologe Walther Köhler (geb.1870 in Elberfeld/Wuppertal -1946, Heidelberg) war einer der bedeutendsten Kirchenhistoriker des 20.Jahrhunderts. Sein Forschungsschwerpunkt war insbesondere die Reformationsgeschichte und dabei auch die theologischen Besonderheiten der evangelischen Konfessionen.

1924 (Band II 1943) erscheint sein bahnbrechendes wie umfangreiches Werk zum Abendmahlsverständnis Zwingli und Luthers, welches nun in einer zweibändigen Neuauflage des Gütersloher Verlagshauses 2017 als Reprint erschienen ist. Im Vorwort weist der Autor auf sein Ansinnen hin, einen Beitrag zum guten Miteinander zwischen den evangelischen Konfessionen leisten zu können – „…so wäre sein höchster Zweck erfüllt.“

Köhler legt seine Studie in zwei großen Schwerpunkten an, welche auch die Inhalte der zwei Bände markieren.

Der Autor thematisiert zunächst im Rückgriff auf umfangreiches Quellenstudium (Briefe, Traktate) die Genese und theologischen Prämissen des Abendmahlverständnisses von Ulrich Zwinglis wie es sich im Religionsgespräch von Marburg 1929 schließlich manifestierte. Ausführlich werden theologische Standpunkte und Ereignisse der Zeit dargestellt und erläutert. Beeindruckend dabei die umfassende Quellenbearbeitung und kontextuelle Aufbereitung. Besonders bemerkenswert ist auch die Analyse des theologischen wie gesellschaftspolitischen Umfeldes der beiden Reformatoren und ihrer Einflüsse und Spannungsfelder.

Im Band II werden schließlich die unmittelbaren Argumente der Reformatoren beim Marburger Religionsgespräch 1529 dargelegt, die schließlich im Verständnis von Symbolik (Zwingli) und Realpräsenz Christi (Luther) zu unüberbrückbaren Trennlinien wurden. Köhler setzt auch hier einen umfassenden theologischen wie kirchengeschichtlichen Rahmen und stellt damit das theologische Gespräch in einen umfassenden Kontext der Folgeereignisse.

Hervorzuheben ist zusammenfassend neben der fundierten theologisch-kirchengeschichtlichen Darstellung und Erläuterung eines der wesentlichen Kristallisationspunkte der Reformation die kontextuelle Vermittlung und narrative Kraft des Autors, welche ein anspruchsvolles theologisches Thema gut lesbar wie spannend aufbereitet.

„Ein wesentliches Stück Reformations-, Theologie- und Weltgeschichte in kompakter wie spannender Form aufbereitet und erzählt.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 5_2019

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„Mein Hundemund“ Werner Schwab, fulminant mutige Inszenierung am Werk X-Petersplatz, Wien, 27.4.19.

„Mein Hundemund“ Werner Schwab am Werk X-Petersplatz, Wien, 27.4.19.

Hundemund _ 3

Sein Bein und viel mehr an Seele blieb im Krieg. Fortgerissen. Jetzt ist es ein Kriechen, Verstecken und Warten auf das Ende zwischen all dem Müll, der sich in schweren schwarzen Säcken türmt wie die Macht und Ohnmacht eines Lebens in dieser vollen leeren Welt. Die Kraft fehlt ihm, um neue Lebensziele zu erkennen oder zu gewinnen. Für ihn und für alle um ihn ist alles längst verloren…

 

Hundemund _ 2

 

Seine Frau versucht ihn verzweifelt an seinen Platz und seine Aufgabe in Beruf und Familie zu erinnern. Doch er kann längst nicht mehr. Es ist ein Requiem der Resignation und ein Manifest der Anklage, das er starr zwischen Blut und Gedächtnis spricht, flüstert und schreiend wiederholt. Der Schmerz menschlicher Natur holt sich hier alles und auch seinem Sohn gelingt es nicht, seine Aufmerksamkeit zu motivieren. Doch bevor er seinen Abschied nimmt, müssen Frau und Sohn, Himmel und Erde seine sprachliche Wut und Wucht ertragen. Draußen warten die Hunde und da sein Schmerz – der Blitz und Donner endloser Nacht. Bis zur Grabesstille zwischen einer Handvoll Erde oder was davon noch übrig ist…

 

Hundemund _ 1

Alexandru Weinberger-Bara inszeniert das sprachgewaltige Werner Schwab Stück „Mein Hundemund“ (Uraufführung 1992, Schauspielhaus Wien) als existentielles Requiem in einer erdrückenden Welt, die, in Geschichte und Gegenwart, jeglichen Lebensimpuls zerstört. Mittels eines eindrücklichen Kostüm-und Bühnenbildes, in welchem Müllberge zentral Bewegung einengen und damit bestimmen, hebt der Regisseur in einem wagemutigen Kunstgriff die wuchtige kritische Ansprache Schwabs in einen Kontext globaler Herausforderungen des 21.Jahrhunderts.

Hundemund _ 5

 

Ein Wagnis, welches Regisseur Weinberger-Bara hier eingeht und dem zu gratulieren ist. Es ist ein höchst beachtlicher dramatischer Transfer und öffnet mutig wie anspruchsvoll Möglichkeiten zeitgenössischen Theaters in Ansprache und Dialog von Bühne und Publikum. So war Schwab noch nie zu hören und vor allem zu sehen.

Jens-Ole Schmieder, mit sensationell eindrücklichen Spiel, wie das Ensemble mit Sonja Kreibich und Benjamin Vanyek setzen diese aufmerksame Inszenierung in bester Schauspielkunst um.

Ebenso ist das Kostümbild hervorzuheben – Antoaneta Stereva trifft die Inszenierung großartig, insbesondere auch Mutter und Sohn als Abbild in Kleidung und Style der 1980er Jahre. Hervorragend auch Musik/Sound_David Lipp und die Technik/Regieassistenz – Andreas Stockinger.

 

„Bahnbrechendes Theater, welches die Sprachwucht Werner Schwabs an den globalen Fragestellungen und Friedhöfen der Gegenwart fulminant ankommen lässt.“

 

„Mein Hundemund“ Werner Schwab

Inszenierung Alexandru Weinberger-Bara

Weitere Vorstellungen: 2., 3., 4., 8., 9. und 10.5.2019, jeweils 20h.

Werk X-Petersplatz, Petersplatz 1, 1010 Wien.

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Walter Pobaschnig, Wien 4_2019

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„Damals“ Siri Hustvedt. Roman. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

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„Damals“ Siri Hustvedt. Roman. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Es ist der heiße Sommer 1978 als die junge Frau in Manhattan ankommt. Eine Insel, die jetzt zum Abenteuerland für die Studentin aus Minnesota werden sollte. So der Wunsch, die Erwartung und der Wille. Bevor es zu den langen Tagen und Nächten der Prüfungsvorbereitungen in den Bibliotheken der Universität geht, soll aber noch eine Welt im Schreiben entstehen. Soll sich Phantasie und Realität im Wort drehen. Hier im schäbigen dunklen Apartment, das Freiheit und Interesse jetzt endlich Raum gibt. So viel gibt es jetzt zu entdecken in der neuen Stadt. Endlose Spaziergänge zu Buchhandlungen, Restaurants und Überraschungsorten werden zu Impulsen des Schreibens und der persönlichen Erfahrung. Das Tagebuch wird zum Begleiter für das eigene Erleben und die Gedanken und Reflexionen der SchriftstellerInnen und DenkerInnen der Zeit und der Vergangenheit. Ebenso aber wird das unmittelbare Leben Tür an Tür, Wand und Wand, zur Herausforderung von Wahrnehmung und Handlung. Die rituellen Gesänge der Nachbarin werden mehr und mehr zu Rufen in Schrecken und Angst und jetzt gilt es sich den Geheimnissen und täglichen Abgründen der Welt zu stellen und damit auch den Weg zu sich selbst zu finden…

Der neue Roman, der Bestsellerautorin, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin, Siri Hustvedt, ist eine fulminante moderne Abenteuergeschichte, die einen biographischen wie geistesgeschichtlich gesellschaftshistorischen Bogen erzählerisch zu spannen vermag, der bis zum Finale in Atem hält. Die literarische Konstruktion in Rückblick, Reflexion und Ausblick schenkt Leserin und Leser auch Räume persönlicher Erinnerung und erzeugt so eine dialogische Ansprache, die einzigartig ist. Das erzählerische Experiment der Autorin wird so zu einem Leseerlebnis, das kritisch Rollenbilder und Denkwege moderner Gesellschaft in packender story öffnet und auch mutig Position bezieht.

Bemerkenswert ist auch die grafische Illustration (Zeichnungen) der Autorin im Text, die sehr fein Erzählung und Gedankenwelt begleitet und auch eine neue künstlerische Seite Siri Hustvedts öffnet.

„Ein Roman, der in Spannung und Anspruch mutige neue Wege geht und damit alles gewinnt.“

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Über die Ferne der finsteren Fluren hebt mich mein Stern…“ Paul Celan, Lebensorte _ Wien

 

Paul Celan (23.11.1920 Czernowitz/Rumänien +20.4.1970
Paris)
Der Dichter erreichte im Dezember 1947 Wien und fand
zunächst Aufnahme in einer Flüchtlingsunterkunft
(adaptierte Schule) in Hernals. Städtische Hilfe und
Freunde ermöglichten ihm wesentlich seinen weiteren Weg.
Alle Fotos: Walter Pobaschnig