„Literatur muss sich aus dem Fenster lehnen: ungeschminkt und unfrisiert“ Anna Baar, Schriftstellerin _ Klagenfurt 9.4.20

 

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis auf die Abendstunden, die ich oft und gerne bei Vronis selbstgemachtem Hollersaft im Theatercafé verbringe, hat sich am Alltag in Klagenfurt, wo ich jetzt sozusagen feststecke, wenig geändert. Tagsüber bin ich bis auf zwei „Freigänge“ mit meinem Boxerhund Levi ohnehin zuhause bei der Arbeit. Ich stehe also wie immer spätestens um sieben auf, trinke eine Tasse Kaffee, hirsche mit Levi eine Stunde lang durch den nahegelegenen Wald, arbeite bis Mittag, koche für meinen Sohn David und mich, arbeite bis vier weiter, drehe mit Levi eine zweite Runde. Danach wird es ungewohnt.

Dass das Leben draußen nicht seinen gewohnten Lauf nimmt, hat für mich aber auch etwas Beruhigendes, weil ich ja einsamkeitserprobt bin, ungern einkaufen gehe (schon gar nicht das, was man shoppen nennt) und größere Gesellschaften nicht gut ertrage. Jetzt fällt das Gefühl weg, anders, also irgendwie absonderlich zu sein. Andererseits beunruhigt mich der Gedanke, nicht einfach aufbrechen zu können, wenn ich wollte – und vieles will man ja erst recht, sobald man es nicht mehr kann. Ich bin es gewohnt, zwischen Klagenfurt und Wien zu pendeln, dann und wann auf meine dalmatinische Insel zu fahren. Und natürlich fehlen jetzt wichtige Menschen, vor allem Ben, mein älterer Sohn, der seit zwei Jahren in Wien lebt, oder mein ebenfalls dort lebender Bruder, die Eltern und Freunde ….

Auch dass die Grenzen zwischen meinen Heimaten wieder dicht sind, bereitet mir Unbehagen. Wir wollten meine Ende Dezember gestorbene Großmutter in der Osterwoche auf der Insel Brač „beisetzen“, wie man so sagt. Jetzt steht ihre Urne in unserem Inselhaus auf dem Komon vis-à-vis ogledala, wie sie die nach Aceton, Medizin und Schuhpaste duftende Kommode gegenüber dem Spiegel immer genannt hat, und es kommt mir so vor, als würde dort nun ein lieber Flaschengeist die Stellung halten und sich ins Fäustchen lachen über die Quarantäne, die uns Hinterbliebene zum Aufschub seiner unfreiwilligen „letzten Ruhe“ zwingt.

Aus meiner Lesereise in die USA, die für April geplant war, wird vorerst ebenfalls nichts.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besinnung – so ein aus der Zeit gefallenes Wort, das jetzt mitten in die Zeit trifft. Vielleicht gelingt es uns durch die notgedrungene Einschränkung, unsere Freiheit, Frieden, Wohlstand und all das viele Gute, mit dem wir hier sonst noch gesegnet sind, zu schätzen und Scheinbedürfnisse zu überdenken. Wir werden ja alle zurückgeworfen auf die Frage: Was brauche ich wirklich? Viele, viele konnten ja auch vor der so genannten Krise nicht uneingeschränkt teilhaben, und nicht aufgrund geschlossener Geschäfte, sondern schlicht, weil sie es sich nicht leisten konnten, auf Urlaub zu fliegen, Ski fahren zu gehen oder mehr als unbedingt nötig einzukaufen. Bestimmt erfahren jetzt unzählige Menschen Erleichterung, weil sie nun eine Zeit lang nicht das Gefühl haben müssen, nicht mithalten zu können.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Vor wenigen Wochen noch war viel von ökologischen Fußabdrücken die Rede, aber wenig davon, was wir auf Erden an Gutem hinterlassen, was wir in unserer Reichweite zum Beispiel zum Frieden beitragen bei allem Kampfgeist …. Ich sage mir jetzt immer öfter: Sei für andere da! Und lern gefälligst verzeihen!

Lustig ist, dass wir zwar zum Rückzug verdonnert wurden, einander aber mehr und mehr ins Allerprivateste einlassen. Dieser Blick durchs weit geöffnete Schlüsselloch! Mich interessiert oft gar nicht so sehr, was einer in einer Skype- oder Video-Botschaft von sich gibt, aber ich schaue mir begeistert an, wie er haust, mit welchen Bildern und sonstigen Siebensachen er sich umgibt, welche Bücher im Regal im Hintergrund zu sehen sind.

Und apropos Bücher: Auch in der Literatur wird es eine neue Öffnung brauchen, werden die Texte wieder mehr mit ihren Verfassern zu tun haben, also wenigstens ihre Handschrift tragen müssen, um glaubwürdig zu sein. Gerade sie wird sich von den Gesetzen des Marktes befreien müssen, will sie mehr als Placebo oder Narkotikum sein. Der flotte Plotter ist kein Revolutionär, sondern Unterhalter. Unterhaltung allerdings, so toll ihre aufheiternde oder anästhesierende Wirkung in schweren Zeiten ist, schreibt nicht Geschichte. Ich hoffe, dass der Lagerkoller mehr und mehr Schreibende in einen heilsamen Wahnsinn treibt, sie zu Aufrührern, zu Aufständischen macht, solchen, die sich, um im Bild dieser Tage zu bleiben, weit aus den Fenstern lehnen. Ungeschminkt und unfrisiert.

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Was liest Du derzeit?

 Alte Briefe lieber Freunde, und Briefe meiner verstorbenen Großeltern an mich als Kind. Außerdem Peter Handkes „Das zweite Schwert“. André Hellers neues Buch „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ liegt schon auf dem Nachttisch bereit. Und ich freue mich auf den gerade erst erschienenen Gedichtband „Erste und letzte Gedichte“ meines lieben, so sehr vermissten Freunds Fabjan Hafner.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In meinem nächsten Roman, an dem ich dieser Tage noch ein bisschen herumfeile, befindet sich der Ich-Erzähler seltsamerweise in einer ähnlichen Lage wie wir alle jetzt. Er sitzt in einem Zimmer, glaubt sich da festgehalten. Gegen Ende stellt sich heraus: Er ist Gefangener seiner selbst. An einer Stelle meint er: „Wer Geschichten wie ich erzählt, braucht nirgendwo hin zu gehen. Er sollte wohl in der Lage sein, sich die Ferne zu denken.“ Und dann: „Wozu eine Sehnsucht stillen, wenn sie der Antrieb ist? Obwohl mich in seltenen Augenblicken dieses nervöse Fernweh befällt, das den Menschen zum Aufbruch bewegt, und nicht aus Wanderlust, Neugierde, Ehrgeiz, sondern weil es das Leben so will, rühr ich mich nicht vom Fleck. (…) Das Leben draußen geht weiter. Das ist es, was mich stört.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Baar, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Anna Baar: „Als ob sie träumend gingen“, Wallstein Verlag 2017. 

https://annabaar.at/anna-baar.html

 

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Anna Baar.

 

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„Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen“ Angela Lehner, Schriftstellerin_Wien 8.4.2020

 

Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus? 

Ich habe Glück. Ich bin größtenteils mit dem Touren durch und befinde mich ohnehin gerade auf einem Schreib- und Rechercheaufenthalt in Stuttgart. Morgens versuche ich zu Schreiben. Wenn ich merke, dass ich von der aktuellen Situation bedrückt bin, mache ich mir einen Kaffee, höre Musik und notiere gute Gedanken. Die les ich mir dann selber vor und gehe wieder arbeiten. Am Nachmittag geh ich in die Sonne oder mache Sport. Am Abend handarbeite ich (sticken, stricken, Freundschaftsbänder, zeichnen,…) und schaue Gilmore Girls oder ich lese. Der zwischenmenschliche Kontakt geht mir schon ab, aber im Vergleich zu den Leuten, die sich jetzt angackn, weil sie in Isolation Homeoffice machen müssen, bin ich es ja gewohnt, viel allein zu sein. Mich gut selbst aushalten zu können ist meine Superpower, die ich in die Corona-Krise mitbringe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit und Müßiggang. Sich nicht von der Amygdala den Tag versauen lassen, sondern rational Fakten und Wahrscheinlichkeiten durchdenken.

Müßiggang würde ich in der jetzigen Zeit gerne allen als Handlungsanweisung mitgeben. Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen.

 

 

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Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Das weiß man ja gar nicht, was mit Subventionen und ausreichend Zeit nicht doch wieder an seinen alten Platz zurückrollen wird. Natürlich wird es eine längere Übergangsphase und Veränderungen geben. Ich sehe aber ganz viel Potential in den Leuten selbst. Unglaublich eigentlich, was sich Selbständige und Kulturschaffende jetzt schon alles als Zwischenlösungen einfallen haben lassen. Ich hatte zum Beispiel schon meine erste Video-Lesung beim Homestage-Festival. Außerdem habe ich grundsätzlich schon einen tiefen Glauben daran, dass der Mensch es im Leben immer wieder schaffen kann, zu seinen alten beschissenen Verhaltensweisen zurückzufinden.

Die Rolle der Literatur, ja. Jetzt, wo wir alle auf uns selbst und unsere Gedankenwelten zurückgeworfen sind, merken wir ja vielleicht doch, dass Kunst und Kultur ja gar nicht so ein Schas ist, den man bei der Planung eines jeden Finanzhaushaltes als erstes wegrationalisieren muss. Den Menschen, der die Isolationszeit ohne Filme, Literatur oder Musik verbringt, schau ich mir an. Man kann nur hoffen, dass das den Leuten nach der Krise im Gedächtnis bleibt. Dass man später nicht wieder im Kontext der Entlohnungsfrage mit aller Feigheit behauptet, Kunst- und Pflegeberufe seien nicht unbedingt „systemrelevant“.

 

Was liest Du derzeit?

Der Gesang der Fledermäuse – Olga Tokarczuk
Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Gut passt eine Stelle aus „Normal People“ von Sally Rooney:

 

„Still, Connell went home that night and read over some notes he had been making for a new story, and he felt the old beat of pleasure inside his body, like watching a perfect goal, like the rustling movement of light through leaves, a phrase of music from the window of a passing car. Life offers up these moments of joy despite everything.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angela Lehner, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Angela Lehner: Vater Unser, Hanser_BerlinVerlag 2019

 

2.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Ramona Waldner.

 

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„Von schlechten Eltern“ Tom Kummer. Roman. Tropen/Klett-Cotta Verlag.

 

„Von schlechten Eltern“ Tom Kummer. Roman. Tropen/Klett-Cotta Verlag.

Weit nach Mitternacht – „Fahrtrichtung Osten. Kein Gegenverkehr. Tote Dörfer, als gebe es eine Ausgangssperre“. Bei jeder Fahrt kreuzen sich Ziel, Straße und Gedanken. Asche leuchtet auf der Fahrbahn und auf der Windschutzschutzscheibe erscheint ein Gesicht. Jetzt wird es Zeit für die Tablette, um den Geschäftsmann ins Hotel Bellevue zu bringen. Wenigstes der Gast soll ankommen, wenn er es schon nicht kann. Sein Blick fällt auf das Foto der Söhne und ihrer Mutter. Sie ist tot wie auch die Frau des Fahrgastes. Über den Tod zu sprechen ist in der Nacht leichter. Aber Wahrheiten gibt es hier nicht. Als sie angekommen sind, nimmt er das hohe Trinkgeld nicht an. Er kehrt zurück in die Wohnung zu seinem Sohn.

Nächste Nacht geht es weiter. Tiefer in die Nacht. Immer weiter und weiter. Sätze werden gewechselt und Bilder steigen in seinem Kopf auf. Gespräche über Tolkien und Sexualität. Dann das warme Wasser des Sees und die Verwandlung in Schrecken. Es ist als ob er im Auto allen Bildern der Vergangenheit entkommen wolle und doch sie auch wecke. Wenn die Fahrt endet, beginnt der Tag ohne Ende. Und dann wieder die Nacht. Das Unterwegssein ins Nirgendwo. Doch wer ist auf diesem Weg schlussendlich? Er am Lenkrad oder die Gesichter am Rücksitz? Ein Mensch oder ein Land?…

Der Schweizer Autor Tom Kummer legt mit seinem Roman „Von schlechten Eltern“ ein mitreißendes existentielles roadmovie vor, das in großer direkter Sprachkraft Sinn und Leben reflektiert. Leserin und Leser sitzen gleichsam mit dem Ich-Erzähler am Lenkrad und machen sich auf zu nächtlichen Begegnungen, Gesprächen und Erinnerungen wie unerträglichem Schmerz.

Ein Roman, der sehr selbstbewusst und unbeirrt sprachliche Wege geht und damit zu einer spannenden Einladung in Erlebnis und Überraschung wird.

 

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„Diese seltsame jetzige und dann schon gestrige Situation in Kunst zu verwandeln“ Leander Fischer, Schriftsteller_7.4.2020

 

Lieber Leander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, absurderweise hat sich mein Tagesablauf kein bisschen verändert. Albert Vigoleis Thelen spricht ja schon vom Schriftsteller als Stubenhocker, und Selbstbespiegelung geht nicht nur in „Die Insel des zweiten Gesichts“ auf Mallorca zwischen den eigenen vier Wänden am besten. Da muss man ja bloß ehemalige FPÖ-Koryphäen fragen. Auch Musik, die Nachrichten, Satireserien und Filme, wissenschaftliche sowie fiktionale Literatur, die mein Schreiben hauptsächlich speisen, konsumiere ich recht gerne windgeschützt und in geheizten Räumen. Traurig wird es wohl erst, wenn der Frühling draußen hinterm Fenster vor der Tür steht, in der Tür und sagt: „na, versucht mal, mit mir zu telefonieren.“ Klimawandel, könnte man sich auch mal wieder drüber unterhalten. Ich glaube, der CO²-Ausstoß geht runder grade, so ganz generell.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dasselbe wie immer, keine Panik, Gelassenheit, Gymnastik, Lesen.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?
Ich schreibe gerne über Tüftler, die sich zurückziehen, um herumzubasteln. Dummerweise erweisen sich Buchstaben recht oft als widerspenstiges Material. Insofern ist die Frage vielleicht gar nicht, welche Bezüge ich aus dem Schreiben in die Bewältigung der aktuellen Situation mitnehme, sondern viel eher, wie mir die aktuelle Situation dabei hilft, das Schreiben zu bewältigen. Erstmal stellt die jetzige Phase der Pandemie ja eine in unserer neoliberalen Epoche extrem rare Ressource zur Verfügung, und zwar Zeit. Prinzipiell glaube ich, dass Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit eine ganze Weile verjähren, sozusagen gären müssen im Kunstschaffenden, bevor sie überhaupt in einen Werkprozess einfließen können. Insofern will ich auch meinen, dass der Vorrat an verarbeitbarem Material momentan noch nicht aufgebraucht sein dürfte, und Kunstschaffende das nützen sollten. Ich denke, erst in ein paar Jahren ist es wieder nötig, unsere Wohnungen zu verlassen, uns erneut an die Erdoberfläche zu wagen, um frische Eindrücke zu sammeln wie Eichhörnchen Nüsse. Wahrscheinlich werden wir uns dann aber gar nicht allzu lang mit diesen Früchten beschäftigen, werden sie erstmal vergraben oder liegen lassen, und wieder unseren Winterschlaf antreten, uns in unseren Kobel zurückziehen, uns erneut ans Tüfteln machen, weil eben dann der Tag gekommen sein wird, diese seltsame jetzige und dann schon gestrige Situation in Kunst zu verwandeln. Und sollten uns in der Zwischenzeit, oder auch in der Zukunft, heute, morgen, oder übermorgen trotzdem irgendwann die Ideen ausgehen, wie wir unsere Zeit rumbringen, ein paar gute Bücher gibt es ja schon, „Die Stadt der Blinden“ beispielsweise, „Der Tod in Venedig“ das erst unlängst erschienene, absolut umwerfende Buch „Wie ich in einer mailändischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte“, „Die Pest“, und wers noch nicht gelesen hat, Infinite Jest.

 

Was liest Du derzeit?

Momentan lese ich Angela Lehner, Vater Unser, ein Buch, von dem ich von der ersten Seite an überzeugt war, für dessen Lektüre ich mir aber nie die Zeit genommen habe. Die Protagonistin ist in der Irrenanstalt Steinhof interniert, und ich denke oft, okay, liebe Frau Gruber, du hast also Probleme. Schön, das reimt sich sehr unrein aber doch auf Quarantäne. Es ist ein recht lustiges Buch, zu lachen hat man genug. Das tut gut gerade in diesen dunklen Tagen, nur Mut.

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Welchen Textimpuls aus Deinen Literaturprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Einen kleinen Teaser in eigener Sache, und zwar einen etwa einseitigen Ausschnitt aus einem Hörspiel, das ich für Deutschlandradio schreibe, verfasst witzigerweise im Oktober vergangenen Jahres, als noch kaum die Rede von Corona war. Ich werde nämlich im Oktober normalerweise jedes Jahr krank:
„Es war derzeit heißt und August. Eine Südwestströmung herrschte und füllte das Sommerloch. Zeitungen feilten an Schlagzeilen und spielten auf Spanische Grippe an. Denn ein Virus kursierte auf den Boulevards und spukte durch Umtrunkstuben von Krug zu Krug. Es reichte eine wiederverwendete Halbe, speichelkontaminiert der Zapfhahn. Alsbald lag ein weiteres Glas daran, wie unstillbare Säuglinge, die im Anschluss Mütter-Väter-Verwandten-Münder küssen. Die Grippe grassierte an Lippen entlang durch Absturzschuppen und infizierte die Filter und Tips herumgereichter Kippen und Spliffs. Die sickness schlich in Wirtslungen und trudelte weiter in den Clubuntergrund, den supersonic-Saibling, die acid-Äsche, das crazy Werk und die ille Forelle, alle am Kanal gelegen. Im Outdoorbereich regnete es Kontakte und nicht allzu selten Gegrapsche. Im Bauch der Hallen hagelte das Stroboskop. Licht brachte die tanzenden Körper erst zum Schwitzen und dann zum Gleißen. Der Film rann langsam nackte Arme hinab und die leichten T-Shirts trieften bald, die schweren Jeans zum Auswringen nass. Die Tropfen krochen in die Socken und flatschten durch die Löcher in zertanzten Turnschuhsohlen zu Boden. Wie frisch gewienert glitschte die Tanzfläche und bald der ganze Club ein einziger Pfuhl. Die Party kochte und die Moleküle hopsten, die Tanzenden rasten in vor Fieber vibrierender Luft. Klang schlug in perlenglänzende Gesichter, Schallwellen drangen in Ohrmuscheln, und zur Sperrstunde strebten alle heim, wie Quellen der Krankheit, die sich ein Delta bahnen aus dem Springbereich der Clubs, der desease Saibling, die amphe-Äsche, das ätzende Werk und die sicke Forelle. Und so sprudelt der Virus mutiert durch Studentenbuden, strudelt Stiegen und Treppenhäuser hinauf, tröpfcheninfiziert die Nachbarn beim sporadischen Hallosagen, setzt sich an Briefkästen und Wassergläsern fest, Zahnputzbecher und DHL-Pakete, danke, dass Sie das annehmen. Die Pandemie legte so viele Kinder flach, dass Herr Gerber eines Morgens ganz alleine in seinem Hallenbad saß. Kein Schwimmschulkurs war da, klasse!“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Leander und viel Erfolg für Deine aktuellen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leander Fischer, Schriftsteller, Deutschlandfunk Preisträger 2019_Klagenfurt. 

 

23.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _ Klagenfurt 2019.

 

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„Literatur wird eine neue Sprache, einen neuen Ausdruck brauchen“ Isabella Feimer, Schriftstellerin_Wien 6.4.2020

 

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf, hm. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er sich nicht verändert hätte, dass ich drauflos schreiben könnte, wie ich es sonst so in meinen Tagen zu Hause tue. Dem ist gerade nicht so. Ich finde die momentane weltweite Situation bedrückend und beängstigend.

Jeder Tag ist neu, und man kann auch nicht sagen, wie er sich emotional entwickeln wird. Ich glaube, genauso sind meine Tage im Moment auch gestaltet. Mich einem größeren Text zu widmen, vollends in andere Welten abzutauchen, empfinde ich zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer bis unmöglich… und letztendlich muss alles, was vor der Krise war, vermutlich alle Lebensbereiche, neu überdacht und gestaltet werden.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig ist, dass wir füreinander da sind. Für die engsten Freundinnen und Freunde, genauso aber für Fremde. Da meine ich, zum Beispiel, die ältere Frau, die mir gegenüber wohnt. Jeden Tag um 18 Uhr klatschen wir und winken einander und verabreden uns, bevor wir die Fenster wieder schließen, für den nächsten Tag.

Es ist wichtig, dass Humor – es kann auch durchaus schwarzer Humor sein – unsere Tage erhellt und dass wir immer noch Schönes sehen – da draußen, und im Inneren.

 

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

 Ich hoffe, dass es ein Neubeginn wird – oder besser gesagt: die logische Konsequenz dieser Veränderung, in der wir uns befinden – und dass wir alle nicht wieder in alte Muster zurückfallen, in das Konsumieren von Welt, von Dingen wie auch Menschen, sobald es uns wieder gestattet ist und dass das Egoausgerichtete mal ein bisschen um sich schaut und sich von seinen Scheuklappen befreit.

Das wäre die Chance, glaube ich, von der gerade viele ZukunftsforscherInnen reden, eine Neuorganisation von Welt und ihren Mechanismen. Da ist die Literatur natürlich nicht ausgenommen. Auch sie wird die Veränderung in sich aufnehmen, wird vielleicht eine neue Sprache brauchen und neuen Ausdruck … sie wird danach suchen, sie wird beides finden. Und auf diese Texte und Bücher und Stücke und Drehbücher freue ich mich dann.

Die Rolle der Literatur jetzt, möchte ich noch hinzufügen: ist Trost, ist Ablenkung, ist es, den Leser und die Leserin um die Welt, auch ins All und darüber hinaus, zu schicken.

 

Was liest Du derzeit?

Zur Zeit lese ich Gedichte quer durch mein Bücherregal, die Tagebücher von Susan Sontag und „Unrast“ von Olga Tokarczuk. Leider lässt mich meine eigene Unrast nicht allzu lange über Texten verweilen, so lese ich immer nur ein paar Seiten. Dann muss ich aktiv etwas tun, etwas notieren, etwas räumen … ach ja, die „Stardust Interviews“ mit David Bowie lese ich auch gerade. Das Buch war das Geschenk einer Freundin, und wenn ich darin lese, kann ich ihr nahe sein.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„sich verirren in einem Wald, der smaragdgrün schimmert, das Licht fangen, das sich zwischen Baumkronen hindurchdrängt, über Blätter streichen, Seide atmen hören, sich fallenlassen in ein Bett aus Moos, darin versinken, verweilen wie im Wohlgefühl von zarten Küssen, umschlungen von Liebkosung sein, sich verirren wollen, Irrfahrt into loneliness … für Einsamkeit muss man lange Wege gehen, denke ich, für jene Einsamkeit zumindest, die erfüllend ist, was, denke ich weiter, wenn wir jetzt anhalten und wieder umkehren würden, was wäre, wenn ich das, was vor uns liegt, nie sehen könnte?“

(Das Zitat stammt aus der Erzählung „Monster“.)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Erfolg Deine großartige aktuelle Erzählung und alle weiteren Literatur- und Kunstprojekte wie persönlich alles Gute in diesen Tagen!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Feimer, Schriftstellerin, Regisseurin

Aktuelle Erzählung von Isabella Feimer: „Monster“ Limbus Verlag 2018

https://isabellafeimer.wixsite.com/news/literatur

 

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„Literatur ist Mahnerin, Aufrührerin und Mediatorin“ Daniela Meisel, Schriftstellerin_4.4.2020

 

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin kein Morgenmensch und der Alltag ohne Schule verleitet natürlich dazu, länger im Bett zu bleiben. Ich versuche aber für meine Kinder konsequent zu sein und unter der Woche um eine feste Uhrzeit aufzustehen, damit hier mit der Zeit nicht alles völlig aus dem Ruder läuft (heute habe ich ein bisschen geschummelt, aber nur um eine viertel Stunde! Ehrlich!). Nach dem gemeinsamen Frühstück beginnen die Kinder mit ihren Aufgaben und ich laufe von einem zum anderen (immer wenn ich beim einen bin, hat der andere eine überaus dringende Frage – ganz klar!) und helfe bei Mathe und Deutsch oder lausche den Leseversuchen. Meine Große (16) erledigt ihre Schulgeschichten zum Glück lieber alleine. Nach den Aufgaben scheuche ich die Kids ein bisschen in den Garten, oder sie sind eh schon so outdoorhungrig, dass sie nach dem Fallenlassen des Stifts, von selbst hinausstürmen. Ich spazier dann auch dort herum, sehe nach dem Gewächshaus und freue mich über Salatsprösslinge, Schnittlauchspitzen und Korianderkeime. Nachmittags fungiere ich als Fußball- und Judotrainerin, da meine Söhne von ihren Verbänden umfangreiche Heimprogramme erhalten haben – das Wachstum meiner Expertise in diesen Sportarten weist bereits den berüchtigten exponentiellen Kurvenverlauf auf! Wenn die Kinder dann das Handy oder die Switch auspacken dürfen, setze ich mich an den Schreibtisch und tauche in andere Welten ab. Aktuell bin ich auch an der Organisation von zwei Literaturwettbewerben für SchülerInnen beteiligt, die wir im Team, der momentanen Lage entsprechend, auf digital umstellen. Da ich sonst ja weniger mit Telekonferenzen zu tun habe, fand ich das Meeting per Laptop eigentlich ganz lustig.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist natürlich leicht zu sagen, schaut auf die guten Seiten, wenn die eigene Existenz nicht bedroht ist, man nicht im überlasteten Gesundheitssystem arbeitet oder an keiner einschlägigen Vorerkrankung leidet. Für alle anderen halte ich das aber für durchaus wichtig. Was ist positiv an der momentanen Situation? Wie sieht der Alltag im Vergleich zu meinem Leben davor aus und was nehme ich mir daraus für die Zukunft mit? Vielleicht kann ich meine Terminlast in der Zeit nach der Krise reduzieren, mehr Qualitytime mit meinen Liebsten verbringen oder die Natur wieder bewusster genießen und ehren – ein altmodisches Wort, aber ich denke dabei an den Umgang traditionell lebender Inuit (in diesem Zusammenhang möchte ich auch ein gleichermaßen ergreifendes wie verstörendes Lieblingsbuch empfehlen: Anatomie einer Nacht von Anna Kim) oder anderer Naturvölker mit ihren Ressourcen. Außerdem tut es unglaublich gut, zu erleben, wie viel Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft gebündelt ist und jetzt durch das Virus entfesselt wird. Dieser Zusammenhalt ist schon eine Macht, die man dem Angreifer entgegenstellt.

 

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Was den generellen Neubeginn betrifft, bin ich noch ein wenig skeptisch. Ich stelle mir das vor, wie bei einer persönlichen Erkrankung. Solange man leidet, ist einem nichts wichtiger als gesund zu werden, man nimmt sich einen Haufen Verbesserungen für die Zukunft vor – gesünder zu essen, mehr Bewegung zu machen, öfter nach draußen zu gehen – und dann, wenn man fit ist, läuft nach kurzer Zeit alles wieder genau wie davor. Ich fürchte, das liegt in der Natur des Menschen, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren! Die Literatur hat die Aufgabe, uns einen Spiegel vorzuhalten, den Finger in die Wunde zu legen, uns die Augen eines anderen zu öffnen. Sie ist Mahnerin, Aufrührerin und Mediatorin. Wenn wir beim Lesen mit dem Verstand und dem Herzen dabei sind, wird sie uns immer eine bereitwillige Orientierungshilfe sein.

 

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Was liest Du derzeit?

Der Steppenwolf von Hermann Hesse

Wir müssen über Kevin reden von Lionel Shriver

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

 Gegen zwei verlässt der letzte Gast den Jagerwirten. Die Großmutter klappt das Kassabuch zu, streicht über den Einband aus Leinen und legt die Feder weg. Tinte tropft auf die Schank – der Fleck eine winzige Sonne in Schwarz.

„Acht haben wieder anschreiben lassen!“

Der Großvater brummt und schaut aus dem Fenster, der Punkt in der Ferne scheint zu wachsen und er wischt sich den Bratensaft vom Schnauzbart – das Klebrige bleibt. Die Großmutter betrachtet das Kassabuch. „Wir sind auf unserem Sonntagsspaziergang!“, ruft sie und tätschelt Fredas Locken, nimmt den Filzhut von der Ofenbank und legt ihn vor ihrem Mann auf den Tisch. Eingehakt verlassen die Großeltern die Gastwirtschaft und Freda beobachtet das Paar Richtung Wald und auf den Mittagshügel stapfen. Zuerst drückt Gewicht auf die Schultern der Alten, dann wird ihr Gang aufrechter. An der Kuppe des Hügels verschwimmen ihre Umrisse ins Licht.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Meisel, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Daniela Meisel: Wovon Schwalben träumen_ Picus Verlag, 2018

http://www.danielameisel.com/

 

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„Populisten braucht dann kein Mensch mehr“ Martin Beyer, Schriftsteller, Bamberg _3.4.2020.

Lieber Martin wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn man mir als Student gesagt hätte, ich würde mit Anfang 40 einmal viel Zeit damit verbringen, zu puzzeln, dann hätte ich vermutlich verächtlich geschnaubt. Aber das ist es, was ich gerade tue, und kneten und malen und Lego-Drachenkämpfe verlieren und bei der Sendung mit der Maus selig einschlafen. Davor, dazwischen und danach versuche ich, mich nicht von Sorgen überwältigen zu lassen, dann schreibe ich, träume ich, meditiere ich, suche den digitalen Kontakt mit möglichst vielen Menschen. Und Brot erwerben muss ich auch noch irgendwann, es sind glücklicherweise noch nicht alle Aufträge weggebrochen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uff, ja, das ist schwierig. Auf die Wissenschaft hören, das ist ein Anfang; darauf vertrauen, dass es sicher ist, jetzt auch einen guten Teil der Kontrolle und Selbstwirksamkeit abzugeben – auf Zeit! Weil das bedeutet, solidarisch zu sein. Bei aller Einkapselung nicht vergessen, dass es da auch noch ein „draußen“ gibt und andere Problemlagen, die einer Lösung bedürfen, jetzt aber kaum noch eine Rolle spielen. Und für mich ist immer wichtig: mich mit möglichst viel Kunst zu umgeben. Das darf auch mal eskapistisch sein. Lange nicht mehr gespielte Platten anhören, die Lieblingsfilme rauskramen, die Aktionen im Netz verfolgen, Streaming-Lesungen und Konzerte … es ist eben doch ein Grundnahrungsmittel, das man ohne schlechtes Gewissen hamstern darf.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Bedeutung hat Literatur und Kunst dabei?

Ich würde ja zu gerne jenen Zukunftsforscher folgen, die da sagen, wenn das alles durchgestanden ist mit Corona, dann werden wir merken, dass sich vieles auch zum Positiven verändert haben wird. Populisten braucht dann kein Mensch mehr (denn was haben sie in der Krise schon bewirkt); die Globalisierung wird nicht aufgegeben, aber es wird wieder lokaler gedacht und agiert; was das Digitale kann und nicht kann, wissen wir dann sehr genau (und können es auch besser bedienen); Klimaschutz haben wir dann unfreiwillig praktiziert und haben gemerkt, dass das gar nicht so schlimm ist, auf die zehnte Dienstreise zu verzichten; das Lesen ist wieder „Kult“; wir alle sind uns wieder näher, sind freundlicher, glauben lieber wieder den vertrauenswürdigen Quellen. Das, was sich sowieso entwickeln wollte und vielleicht musste, wird sich dann entwickelt haben. Nun, das würde ich gerne glauben, aber der Zyniker in mir plappert immer dazwischen. Und dann sind wir auch bei der Kunst und ihrer Bedeutung. Klar, wenn wir sie ernst nähmen, würden wir viele große und kleine Gedankenspiele, neue Rollenmuster, Szenarien, Modelle und vermutlich auch viel Liebe darin finden – und wir haben vielleicht schmerzlich gespürt, wie das ist, wenn sie aus dem analogen öffentlichen Leben verbannt wird (nicht, dass das in anderen Ländern nicht auch ohne Corona passiert). Aber nehmen wir sie jetzt wirklich ernst? Und wenn ja, wie lange? „Die Literatur wird leisten müssen, was sie immer und überall leisten muss, sie wird die blinden Flecken in unserer Vergangenheit erkunden müssen und die Menschen in den neuen Verhältnissen begleiten.“ Das sagte Christa Wolf, und das erscheint mir realistisch(er) (wenn auch das schon sehr viel ist, was Literatur und Kunst da leisten sollen).

 

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Was liest Du derzeit?

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. Hannes Köhler: Ein mögliches Leben.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Romanprojekt möchtest Du uns mitgeben?

Wie Birgit Birnbacher tue ich mir sehr schwer, mit Selbstzitaten zu arbeiten. Und der neue Roman „Und ich war da“ erkundet dann ja auch eher die blinden Flecken der Vergangenheit. Vielleicht ein Satz aus dem Manuskript, an dem ich momentan arbeite, weil das dann eher noch Werkstattcharakter hat: „Wer von uns stellt die vernünftigen Fragen, dachte sie. Wer die richtigen.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute und auch viel Spaß beim Puzzeln noch!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Beyer, Schriftsteller

Aktueller Roman von Martin Beyer: Und ich war da, Ullstein Verlag, 2019

 

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„Nicht auf die vergessen, die jetzt nicht einmal die Möglichkeit haben, sich regelmäßig die Hände zu waschen“ Ines Birkhan, Schriftstellerin_Wien 2.4.2020

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gerade bin ich brotjobmäßig kurzfristig arbeitslos und viel mit meinen zwei Kindern zusammen. Das ist schön. Für das Schreiben bleibt auch jetzt wenig Zeit, aber daran ist mein Organismus gewöhnt und spinnt die Narrative wie ein Hintergrundrauschen weiter. An das lässt sich immer andocken.

Der Stresspegel ist, seit Covid-19 in Italien gelandet ist, hoch. Ich mache mir Sorgen um geliebte gefährdete Personen, mit einer solchen lebe ich unter einem Dach. Düstere Vorahnungen/Einbildungen plagen mich. Ich versuche mit Humor gegenzusteuern, das gelingt nur punktuell.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Genau beobachten. Vielleicht setzt dieser Virus einen Prozess in Gang, der das Diktat des Neoliberalismus aufweicht. Es könnten Pisten sichtbar werden. – Wahrscheinlich nur ein Wunschgedanke.

Ganz wichtig ist sicher, die Relativität der Miserie in Österreich im Auge zu behalten und nicht auf die zu vergessen, die jetzt nicht einmal die Möglichkeit haben, sich regelmäßig die Hände zu waschen oder Abstand zu halten, weil sie Geflüchtete sind und rechtlos eingepfercht verharren müssen. Stichwort Lesbos.

Auf persönlicher Ebene ist es wichtig, andere bei den eigenen emotionalen Talfahrten möglichst nicht mitzureißen und Rationalität walten zu lassen.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literatur- und Kunstprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur/Kunst in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?

 

Ich denke über den Tod nach. Über den Umgang unserer Kultur mit Tod.

Kunst ist immer wichtig! Aber es ist schön, wenn jetzt mehr Leute Zeit zum Lesen haben.

 

dav

 

 

 

Was liest Du derzeit?

 

Bruce Sterling – the caryatids

 

Welchen Textimpuls aus Deinen Literaturprojekten möchtest Du uns mitgeben?

 

Es gab eine Tür, aber nicht immer war sie sichtbar. Um zu eruieren, ob jemand von draußen zurückgekommen war oder nicht, musste diese Tür außer Acht gelassen werden. Ihr Öffnen und Schließen zu beobachten, erschien unmöglich, außer man trat selbst durch die Tür.

aus „abspenstig“ – aktuelles Romanmanuskript

 

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Ines, viel Freude und Erfolg für Deine Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ines Birkhan, Schriftstellerin, Tänzerin, Choreografin

Aktueller Roman von Ines Birkhan: „Untot, du geteilte Welt“ Roman, Bibliothek der Provinz, 2017

Website

http://www.inesbirkhan.com/

 

 

2.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _2019_Station bei Ingeborg Bachmann, 1030 Wien.

 

https://literaturoutdoors.com

„Angst darf auch artikuliert werden“ Martin Gruber, Regisseur_Wien 1.4.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Neben im Zimmer auf und ab gehen, kochen, putzen, lesen, chatten, fernsehen, beobachte ich Vögel auf meinem Balkon. Eine einst gelebte Liebe hat mir mal ein Buch „Gartenvögel lebensgroß“ geschenkt, das macht sich jetzt bezahlt. Ich kann sie benennen, wenn ich will. Es ergibt sich auch sonst die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Die ersten Blüten sind zu sehen, die Hortensien auf meinem Balkon zeigen schon die ersten Blätter. Ein Sommer mit Freunden und Rotwein lässt sich also schon erahnen.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (10)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir erleben eine – zwar erzwungene, aber doch – Zeit des Innehaltens. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst macht natürlich auch Angst. Und diese Angst darf auch artikuliert werden. Man sucht sich ein Gegenüber am anderen Ende der Leitung. Und ein anderes Gegenüber sucht, findet dich. Die gelebte Einsamkeit löst naturgemäß eine Sehnsucht nach Zweisamkeit (ok, vielleicht nicht bei Allen), nach Miteinander, aus. Es ist das Miteinander, das uns überleben lässt.

 

In Deinen aktuellen Theaterprojekten „Wie geht es weiter“ und „Heile mich“ mit dem aktionstheater ensemble geht es um Sehnsüchte und Sinnsuche, um die Herausforderungen, Wirrungen und Hoffnungen von Mensch und Gesellschaft. Beide Titel sind dabei jetzt auch beklemmend real geworden. Welche gesellschaftlichen „Heilungsprozesse“ kommen auf uns Im Tag-Danach der Pandemie in Neubeginn und Orientierung zu? Was ist jetzt und dann dabei wesentlich? Wie wird es weitergehen?

Wenn wir diese Wirrungen und Hoffnungen weiterdenken und das auf eine Gut–Böse Dichotomie reduzieren, hat entweder die Stunde der Kriegsgewinnler, also der Spekulanten, oder die Stunde eines, analog zum vorher Gesagten, einigermaßen, gerechten Miteinanders geschlagen. Wenn die Türen wieder aufgehen. Diese Situation lässt sich aber wohl nicht so einfach auf einen Kampf zwischen Mordor und Auenland herunterbrechen. Beim aktionstheater ensemble werden wir dieses Gegensatzpaar, befürchte ich, in uns selbst suchen müssen… Allgemein politisch sehe ich durchaus die Chance eines Paradigmenwechsels. Der Verteilungsdiskurs wird, glaube ich, ein anderer werden. Mit dümmlichen Floskeln wie: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ wird es nicht mehr getan sein. Ich habe dieses Sprüchlein im Übrigen für unsere Kunst Lounge „Salon d´amour“ einmal umgedichtet, das geht nun so: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut“.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (7)

 

Was liest Du derzeit?

Gedichte. Hier eines von Gert Jonke, der, obwohl er nicht mehr lebt, heute nahe ist:

Oft gehe ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe.

Und während ich wieder stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe

erkenne ich plötzlich dass mein ganzes Dasein

nie etwas anders gewesen ist als

ein einziges stundenlanges pausenloses

Aufundabgehen im Zimmer.

 

Welches Zitat aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„Um was geht es wirklich, um was geht es uns wirklich?“ aus „Kein Stück über Syrien“

Apropos: Nach der Premiere zu „Platzen Plötzlich“, eine Arbeit über das Paradoxon eines „ewigen Wirtschaftswachstums“, habe ich Gert Jonke einen Blumenstrauß mit Hortensien geschenkt. Er hat mich um drei Uhr nachts angerufen und gesagt, dass Hortensien seine Lieblingsblumen sind. Das war ihm wichtig. Er wird dabei sein, auf dem Balkon.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (1) loi

 

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte, die ja auch jetzt im „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis Mo. 13. April auf www.aktionstheater.at als kostenloser Stream in fernsehtauglicher Qualität präsentiert werden und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich möchte mich bedanken.

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

1.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Alle Fotos_Thomas Wunderlich

https://literaturoutdoors.com

 

 

Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

Geboren 1967 in Bregenz, studierte Schauspiel und gründete 1989 die Theaterformation aktionstheater ensemble, mit der er an zahlreichen Häusern in Österreich, Deutschland und der Schweiz gastierte und an diversen internationalen Festivals wie Bregenzer Festspiele, Kurt Weill Festival, Impuls-Festival, Bregenzer Frühling und den Wiener Festwochen teilnahm.

Gruber begann seine Regiearbeiten 1998 mit multimedialen Klassiker-bearbeitungen von Antigone und Elektra und wurde 1993/1994 mit seiner Georg Büchner-Trilogie bekannt.

 

Seit der Produktion „Welche Krise“ (2009) arbeitet Martin Gruber mit authentischem Textmaterial. In unzähligen Interviews mit SchauspielerInnen, aber auch mit anderen ordinary people werden Textflächen erarbeitet, die nicht zuletzt wegen ihrer Aktualität, Spontaneität und Dringlichkeit gesellschaftspolitische Prozesse besonders wirkmächtig widerspiegeln. Gruber reißt die Original-Interviews aus dem ursprünglichen Kontext und entwickelt, zusammen mit SchauspielerInnen, daraus verblüffende Performances aus Sprache, Musik und Choreografie. Ob der Aktualität der Arbeiten wird Grubers Compagnie vom Feuilleton das Attribut „Schnelle Eingreiftruppe des Theaters“ attestiert.

 

Gruber erarbeitete über 60 Regiearbeiten mit seinem aktionstheater ensemble und inszenierte auch für stehende Häuser u.a. Volkstheater Wien und Volksoper Wien. Er wurde mit mehreren Kulturpreisen ausgezeichnet darunter: NESTROY. Theaterpreis 2016, Heidelberger Theaterpreis, Auszeichnung „Vorarlberger des Jahres in Wien 2017“, Ehrengabe für Kultur des Landes Vorarlberg 2016 sowie die Nominierung für den NESTROY. Theaterpreis 2015.

 

„Es könnte auch sein, dass Literatur alles nur schlimmer macht“ Anselm Neft, Schriftsteller_Hamburg 31.3.2020

Lieber Anselm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich generell zu Hause schreibe, ändert sich an meiner Arbeitsweise nichts. Allerdings kann ich derzeit weder Schauplätze des nächsten Romans bereisen noch in Bibliotheken recherchieren. Und die Abende und Wochenenden gestalten sich anders: sonst bin ich zwei-, dreimal in der Woche zum Boxen gegangen, zu Lesungen, zu Freunden, in Kneipen oder Cafés. Auch unsere Lesebühne hier in Hamburg kann derzeit nicht mehr stattfinden. Der Sport fehlt mir jetzt gerade am meisten. Allerdings hat der Verein gerade damit begonnen Lehrvideos online zu stellen und ermuntert seine Mitglieder zu einer täglichen Routine. Das alles ist natürlich weitgehend irrelevant bis gelogen: Tatsächlich findet ein Großteil meines Leben in einer Parallelwelt statt, in der ich gefangen bin und aus der ich, wenn überhaupt, nur schreibend und fiktiv berichten kann.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich vermute: Zuwendung. Rücksichtnahme. Geld. Gutes Immunsystem. Internet. Und wie immer: Glaube, Liebe, Hoffnung.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?

 

Ich verstehe die erste Frage nicht. Und auf die zweite weiß ich keine Antwort. Vielleicht passt zu beiden Fragen: Ich habe die Fähigkeit eine weitere Welt zu erfinden und mich hauptsächlich darin zu bewegen, das ist wahrscheinlich für mich und andere hilfreich. Ich bin mir aber nicht sicher. Es könnte auch sein, dass Literatur, das erfundene Leben, als Ersatz für (körperliche) Lebendigkeit und Nähe eine Droge ist, die alles nur schlimmer macht. Ich habe über diese Frage mal einen vielleicht etwas zu hermetischen Text in Klagenfurt vorgelesen. Hör ihn dir bitte noch einmal an!

 

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Was liest Du derzeit?

W.G. Sebald „Austerlitz“ und „Das Lachen der Täter“ von Klaus Theweleit. Außerdem lese ich gerade zwischendurch noch mal Kurzgeschichten von Robert Aickman, „The Swords“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Und dann liegt hier schon das neue Buch von Benjamin Maack auf dem Nachttisch: „Wenn das noch geht, dann kann es nicht so schlimm sein“.

 

Welchen Textimpuls aus Deinen Romanen möchtest Du uns mitgeben?

„Ich erhob mich vom Bett, stöhnte leise und begann, mich anzuziehen.“ (aus „Die bessere Geschichte“)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Anselm, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und Deine weiteren  Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anselm Neft, Schriftsteller

Aktueller Roman: Anselm Neft, Die bessere Geschichte (Rowohlt Verlag, 2019)

 

31.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _2018, Bachmannpreis.

 

https://literaturoutdoors.com