„Literatur muss sich aus dem Fenster lehnen: ungeschminkt und unfrisiert“ Anna Baar, Schriftstellerin _ Klagenfurt 9.4.20

 

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis auf die Abendstunden, die ich oft und gerne bei Vronis selbstgemachtem Hollersaft im Theatercafé verbringe, hat sich am Alltag in Klagenfurt, wo ich jetzt sozusagen feststecke, wenig geändert. Tagsüber bin ich bis auf zwei „Freigänge“ mit meinem Boxerhund Levi ohnehin zuhause bei der Arbeit. Ich stehe also wie immer spätestens um sieben auf, trinke eine Tasse Kaffee, hirsche mit Levi eine Stunde lang durch den nahegelegenen Wald, arbeite bis Mittag, koche für meinen Sohn David und mich, arbeite bis vier weiter, drehe mit Levi eine zweite Runde. Danach wird es ungewohnt.

Dass das Leben draußen nicht seinen gewohnten Lauf nimmt, hat für mich aber auch etwas Beruhigendes, weil ich ja einsamkeitserprobt bin, ungern einkaufen gehe (schon gar nicht das, was man shoppen nennt) und größere Gesellschaften nicht gut ertrage. Jetzt fällt das Gefühl weg, anders, also irgendwie absonderlich zu sein. Andererseits beunruhigt mich der Gedanke, nicht einfach aufbrechen zu können, wenn ich wollte – und vieles will man ja erst recht, sobald man es nicht mehr kann. Ich bin es gewohnt, zwischen Klagenfurt und Wien zu pendeln, dann und wann auf meine dalmatinische Insel zu fahren. Und natürlich fehlen jetzt wichtige Menschen, vor allem Ben, mein älterer Sohn, der seit zwei Jahren in Wien lebt, oder mein ebenfalls dort lebender Bruder, die Eltern und Freunde ….

Auch dass die Grenzen zwischen meinen Heimaten wieder dicht sind, bereitet mir Unbehagen. Wir wollten meine Ende Dezember gestorbene Großmutter in der Osterwoche auf der Insel Brač „beisetzen“, wie man so sagt. Jetzt steht ihre Urne in unserem Inselhaus auf dem Komon vis-à-vis ogledala, wie sie die nach Aceton, Medizin und Schuhpaste duftende Kommode gegenüber dem Spiegel immer genannt hat, und es kommt mir so vor, als würde dort nun ein lieber Flaschengeist die Stellung halten und sich ins Fäustchen lachen über die Quarantäne, die uns Hinterbliebene zum Aufschub seiner unfreiwilligen „letzten Ruhe“ zwingt.

Aus meiner Lesereise in die USA, die für April geplant war, wird vorerst ebenfalls nichts.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besinnung – so ein aus der Zeit gefallenes Wort, das jetzt mitten in die Zeit trifft. Vielleicht gelingt es uns durch die notgedrungene Einschränkung, unsere Freiheit, Frieden, Wohlstand und all das viele Gute, mit dem wir hier sonst noch gesegnet sind, zu schätzen und Scheinbedürfnisse zu überdenken. Wir werden ja alle zurückgeworfen auf die Frage: Was brauche ich wirklich? Viele, viele konnten ja auch vor der so genannten Krise nicht uneingeschränkt teilhaben, und nicht aufgrund geschlossener Geschäfte, sondern schlicht, weil sie es sich nicht leisten konnten, auf Urlaub zu fliegen, Ski fahren zu gehen oder mehr als unbedingt nötig einzukaufen. Bestimmt erfahren jetzt unzählige Menschen Erleichterung, weil sie nun eine Zeit lang nicht das Gefühl haben müssen, nicht mithalten zu können.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Vor wenigen Wochen noch war viel von ökologischen Fußabdrücken die Rede, aber wenig davon, was wir auf Erden an Gutem hinterlassen, was wir in unserer Reichweite zum Beispiel zum Frieden beitragen bei allem Kampfgeist …. Ich sage mir jetzt immer öfter: Sei für andere da! Und lern gefälligst verzeihen!

Lustig ist, dass wir zwar zum Rückzug verdonnert wurden, einander aber mehr und mehr ins Allerprivateste einlassen. Dieser Blick durchs weit geöffnete Schlüsselloch! Mich interessiert oft gar nicht so sehr, was einer in einer Skype- oder Video-Botschaft von sich gibt, aber ich schaue mir begeistert an, wie er haust, mit welchen Bildern und sonstigen Siebensachen er sich umgibt, welche Bücher im Regal im Hintergrund zu sehen sind.

Und apropos Bücher: Auch in der Literatur wird es eine neue Öffnung brauchen, werden die Texte wieder mehr mit ihren Verfassern zu tun haben, also wenigstens ihre Handschrift tragen müssen, um glaubwürdig zu sein. Gerade sie wird sich von den Gesetzen des Marktes befreien müssen, will sie mehr als Placebo oder Narkotikum sein. Der flotte Plotter ist kein Revolutionär, sondern Unterhalter. Unterhaltung allerdings, so toll ihre aufheiternde oder anästhesierende Wirkung in schweren Zeiten ist, schreibt nicht Geschichte. Ich hoffe, dass der Lagerkoller mehr und mehr Schreibende in einen heilsamen Wahnsinn treibt, sie zu Aufrührern, zu Aufständischen macht, solchen, die sich, um im Bild dieser Tage zu bleiben, weit aus den Fenstern lehnen. Ungeschminkt und unfrisiert.

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Was liest Du derzeit?

 Alte Briefe lieber Freunde, und Briefe meiner verstorbenen Großeltern an mich als Kind. Außerdem Peter Handkes „Das zweite Schwert“. André Hellers neues Buch „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ liegt schon auf dem Nachttisch bereit. Und ich freue mich auf den gerade erst erschienenen Gedichtband „Erste und letzte Gedichte“ meines lieben, so sehr vermissten Freunds Fabjan Hafner.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In meinem nächsten Roman, an dem ich dieser Tage noch ein bisschen herumfeile, befindet sich der Ich-Erzähler seltsamerweise in einer ähnlichen Lage wie wir alle jetzt. Er sitzt in einem Zimmer, glaubt sich da festgehalten. Gegen Ende stellt sich heraus: Er ist Gefangener seiner selbst. An einer Stelle meint er: „Wer Geschichten wie ich erzählt, braucht nirgendwo hin zu gehen. Er sollte wohl in der Lage sein, sich die Ferne zu denken.“ Und dann: „Wozu eine Sehnsucht stillen, wenn sie der Antrieb ist? Obwohl mich in seltenen Augenblicken dieses nervöse Fernweh befällt, das den Menschen zum Aufbruch bewegt, und nicht aus Wanderlust, Neugierde, Ehrgeiz, sondern weil es das Leben so will, rühr ich mich nicht vom Fleck. (…) Das Leben draußen geht weiter. Das ist es, was mich stört.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Baar, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Anna Baar: „Als ob sie träumend gingen“, Wallstein Verlag 2017. 

https://annabaar.at/anna-baar.html

 

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Anna Baar.

 

https://literaturoutdoors.com

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