„Angst darf auch artikuliert werden“ Martin Gruber, Regisseur_Wien 1.4.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Neben im Zimmer auf und ab gehen, kochen, putzen, lesen, chatten, fernsehen, beobachte ich Vögel auf meinem Balkon. Eine einst gelebte Liebe hat mir mal ein Buch „Gartenvögel lebensgroß“ geschenkt, das macht sich jetzt bezahlt. Ich kann sie benennen, wenn ich will. Es ergibt sich auch sonst die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Die ersten Blüten sind zu sehen, die Hortensien auf meinem Balkon zeigen schon die ersten Blätter. Ein Sommer mit Freunden und Rotwein lässt sich also schon erahnen.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (10)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir erleben eine – zwar erzwungene, aber doch – Zeit des Innehaltens. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst macht natürlich auch Angst. Und diese Angst darf auch artikuliert werden. Man sucht sich ein Gegenüber am anderen Ende der Leitung. Und ein anderes Gegenüber sucht, findet dich. Die gelebte Einsamkeit löst naturgemäß eine Sehnsucht nach Zweisamkeit (ok, vielleicht nicht bei Allen), nach Miteinander, aus. Es ist das Miteinander, das uns überleben lässt.

 

In Deinen aktuellen Theaterprojekten „Wie geht es weiter“ und „Heile mich“ mit dem aktionstheater ensemble geht es um Sehnsüchte und Sinnsuche, um die Herausforderungen, Wirrungen und Hoffnungen von Mensch und Gesellschaft. Beide Titel sind dabei jetzt auch beklemmend real geworden. Welche gesellschaftlichen „Heilungsprozesse“ kommen auf uns Im Tag-Danach der Pandemie in Neubeginn und Orientierung zu? Was ist jetzt und dann dabei wesentlich? Wie wird es weitergehen?

Wenn wir diese Wirrungen und Hoffnungen weiterdenken und das auf eine Gut–Böse Dichotomie reduzieren, hat entweder die Stunde der Kriegsgewinnler, also der Spekulanten, oder die Stunde eines, analog zum vorher Gesagten, einigermaßen, gerechten Miteinanders geschlagen. Wenn die Türen wieder aufgehen. Diese Situation lässt sich aber wohl nicht so einfach auf einen Kampf zwischen Mordor und Auenland herunterbrechen. Beim aktionstheater ensemble werden wir dieses Gegensatzpaar, befürchte ich, in uns selbst suchen müssen… Allgemein politisch sehe ich durchaus die Chance eines Paradigmenwechsels. Der Verteilungsdiskurs wird, glaube ich, ein anderer werden. Mit dümmlichen Floskeln wie: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ wird es nicht mehr getan sein. Ich habe dieses Sprüchlein im Übrigen für unsere Kunst Lounge „Salon d´amour“ einmal umgedichtet, das geht nun so: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut“.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (7)

 

Was liest Du derzeit?

Gedichte. Hier eines von Gert Jonke, der, obwohl er nicht mehr lebt, heute nahe ist:

Oft gehe ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe.

Und während ich wieder stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe

erkenne ich plötzlich dass mein ganzes Dasein

nie etwas anders gewesen ist als

ein einziges stundenlanges pausenloses

Aufundabgehen im Zimmer.

 

Welches Zitat aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„Um was geht es wirklich, um was geht es uns wirklich?“ aus „Kein Stück über Syrien“

Apropos: Nach der Premiere zu „Platzen Plötzlich“, eine Arbeit über das Paradoxon eines „ewigen Wirtschaftswachstums“, habe ich Gert Jonke einen Blumenstrauß mit Hortensien geschenkt. Er hat mich um drei Uhr nachts angerufen und gesagt, dass Hortensien seine Lieblingsblumen sind. Das war ihm wichtig. Er wird dabei sein, auf dem Balkon.

Martin Gruber_aktionstheater ensemble (c) Thomas Wunderlich (1) loi

 

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte, die ja auch jetzt im „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis Mo. 13. April auf www.aktionstheater.at als kostenloser Stream in fernsehtauglicher Qualität präsentiert werden und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich möchte mich bedanken.

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

1.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Alle Fotos_Thomas Wunderlich

https://literaturoutdoors.com

 

 

Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

Geboren 1967 in Bregenz, studierte Schauspiel und gründete 1989 die Theaterformation aktionstheater ensemble, mit der er an zahlreichen Häusern in Österreich, Deutschland und der Schweiz gastierte und an diversen internationalen Festivals wie Bregenzer Festspiele, Kurt Weill Festival, Impuls-Festival, Bregenzer Frühling und den Wiener Festwochen teilnahm.

Gruber begann seine Regiearbeiten 1998 mit multimedialen Klassiker-bearbeitungen von Antigone und Elektra und wurde 1993/1994 mit seiner Georg Büchner-Trilogie bekannt.

 

Seit der Produktion „Welche Krise“ (2009) arbeitet Martin Gruber mit authentischem Textmaterial. In unzähligen Interviews mit SchauspielerInnen, aber auch mit anderen ordinary people werden Textflächen erarbeitet, die nicht zuletzt wegen ihrer Aktualität, Spontaneität und Dringlichkeit gesellschaftspolitische Prozesse besonders wirkmächtig widerspiegeln. Gruber reißt die Original-Interviews aus dem ursprünglichen Kontext und entwickelt, zusammen mit SchauspielerInnen, daraus verblüffende Performances aus Sprache, Musik und Choreografie. Ob der Aktualität der Arbeiten wird Grubers Compagnie vom Feuilleton das Attribut „Schnelle Eingreiftruppe des Theaters“ attestiert.

 

Gruber erarbeitete über 60 Regiearbeiten mit seinem aktionstheater ensemble und inszenierte auch für stehende Häuser u.a. Volkstheater Wien und Volksoper Wien. Er wurde mit mehreren Kulturpreisen ausgezeichnet darunter: NESTROY. Theaterpreis 2016, Heidelberger Theaterpreis, Auszeichnung „Vorarlberger des Jahres in Wien 2017“, Ehrengabe für Kultur des Landes Vorarlberg 2016 sowie die Nominierung für den NESTROY. Theaterpreis 2015.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s