„Populisten braucht dann kein Mensch mehr“ Martin Beyer, Schriftsteller, Bamberg _3.4.2020.

Lieber Martin wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn man mir als Student gesagt hätte, ich würde mit Anfang 40 einmal viel Zeit damit verbringen, zu puzzeln, dann hätte ich vermutlich verächtlich geschnaubt. Aber das ist es, was ich gerade tue, und kneten und malen und Lego-Drachenkämpfe verlieren und bei der Sendung mit der Maus selig einschlafen. Davor, dazwischen und danach versuche ich, mich nicht von Sorgen überwältigen zu lassen, dann schreibe ich, träume ich, meditiere ich, suche den digitalen Kontakt mit möglichst vielen Menschen. Und Brot erwerben muss ich auch noch irgendwann, es sind glücklicherweise noch nicht alle Aufträge weggebrochen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uff, ja, das ist schwierig. Auf die Wissenschaft hören, das ist ein Anfang; darauf vertrauen, dass es sicher ist, jetzt auch einen guten Teil der Kontrolle und Selbstwirksamkeit abzugeben – auf Zeit! Weil das bedeutet, solidarisch zu sein. Bei aller Einkapselung nicht vergessen, dass es da auch noch ein „draußen“ gibt und andere Problemlagen, die einer Lösung bedürfen, jetzt aber kaum noch eine Rolle spielen. Und für mich ist immer wichtig: mich mit möglichst viel Kunst zu umgeben. Das darf auch mal eskapistisch sein. Lange nicht mehr gespielte Platten anhören, die Lieblingsfilme rauskramen, die Aktionen im Netz verfolgen, Streaming-Lesungen und Konzerte … es ist eben doch ein Grundnahrungsmittel, das man ohne schlechtes Gewissen hamstern darf.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Bedeutung hat Literatur und Kunst dabei?

Ich würde ja zu gerne jenen Zukunftsforscher folgen, die da sagen, wenn das alles durchgestanden ist mit Corona, dann werden wir merken, dass sich vieles auch zum Positiven verändert haben wird. Populisten braucht dann kein Mensch mehr (denn was haben sie in der Krise schon bewirkt); die Globalisierung wird nicht aufgegeben, aber es wird wieder lokaler gedacht und agiert; was das Digitale kann und nicht kann, wissen wir dann sehr genau (und können es auch besser bedienen); Klimaschutz haben wir dann unfreiwillig praktiziert und haben gemerkt, dass das gar nicht so schlimm ist, auf die zehnte Dienstreise zu verzichten; das Lesen ist wieder „Kult“; wir alle sind uns wieder näher, sind freundlicher, glauben lieber wieder den vertrauenswürdigen Quellen. Das, was sich sowieso entwickeln wollte und vielleicht musste, wird sich dann entwickelt haben. Nun, das würde ich gerne glauben, aber der Zyniker in mir plappert immer dazwischen. Und dann sind wir auch bei der Kunst und ihrer Bedeutung. Klar, wenn wir sie ernst nähmen, würden wir viele große und kleine Gedankenspiele, neue Rollenmuster, Szenarien, Modelle und vermutlich auch viel Liebe darin finden – und wir haben vielleicht schmerzlich gespürt, wie das ist, wenn sie aus dem analogen öffentlichen Leben verbannt wird (nicht, dass das in anderen Ländern nicht auch ohne Corona passiert). Aber nehmen wir sie jetzt wirklich ernst? Und wenn ja, wie lange? „Die Literatur wird leisten müssen, was sie immer und überall leisten muss, sie wird die blinden Flecken in unserer Vergangenheit erkunden müssen und die Menschen in den neuen Verhältnissen begleiten.“ Das sagte Christa Wolf, und das erscheint mir realistisch(er) (wenn auch das schon sehr viel ist, was Literatur und Kunst da leisten sollen).

 

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Was liest Du derzeit?

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. Hannes Köhler: Ein mögliches Leben.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Romanprojekt möchtest Du uns mitgeben?

Wie Birgit Birnbacher tue ich mir sehr schwer, mit Selbstzitaten zu arbeiten. Und der neue Roman „Und ich war da“ erkundet dann ja auch eher die blinden Flecken der Vergangenheit. Vielleicht ein Satz aus dem Manuskript, an dem ich momentan arbeite, weil das dann eher noch Werkstattcharakter hat: „Wer von uns stellt die vernünftigen Fragen, dachte sie. Wer die richtigen.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute und auch viel Spaß beim Puzzeln noch!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Beyer, Schriftsteller

Aktueller Roman von Martin Beyer: Und ich war da, Ullstein Verlag, 2019

 

3.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _Bachmannpreis 2019_Klagenfurt.

 

https://literaturoutdoors.com

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