„Angst darf auch artikuliert werden“ Martin Gruber, Regisseur_Wien 1.4.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Neben im Zimmer auf und ab gehen, kochen, putzen, lesen, chatten, fernsehen, beobachte ich Vögel auf meinem Balkon. Eine einst gelebte Liebe hat mir mal ein Buch „Gartenvögel lebensgroß“ geschenkt, das macht sich jetzt bezahlt. Ich kann sie benennen, wenn ich will. Es ergibt sich auch sonst die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Die ersten Blüten sind zu sehen, die Hortensien auf meinem Balkon zeigen schon die ersten Blätter. Ein Sommer mit Freunden und Rotwein lässt sich also schon erahnen.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir erleben eine – zwar erzwungene, aber doch – Zeit des Innehaltens. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst macht natürlich auch Angst. Und diese Angst darf auch artikuliert werden. Man sucht sich ein Gegenüber am anderen Ende der Leitung. Und ein anderes Gegenüber sucht, findet dich. Die gelebte Einsamkeit löst naturgemäß eine Sehnsucht nach Zweisamkeit (ok, vielleicht nicht bei Allen), nach Miteinander, aus. Es ist das Miteinander, das uns überleben lässt.

 

In Deinen aktuellen Theaterprojekten „Wie geht es weiter“ und „Heile mich“ mit dem aktionstheater ensemble geht es um Sehnsüchte und Sinnsuche, um die Herausforderungen, Wirrungen und Hoffnungen von Mensch und Gesellschaft. Beide Titel sind dabei jetzt auch beklemmend real geworden. Welche gesellschaftlichen „Heilungsprozesse“ kommen auf uns Im Tag-Danach der Pandemie in Neubeginn und Orientierung zu? Was ist jetzt und dann dabei wesentlich? Wie wird es weitergehen?

Wenn wir diese Wirrungen und Hoffnungen weiterdenken und das auf eine Gut–Böse Dichotomie reduzieren, hat entweder die Stunde der Kriegsgewinnler, also der Spekulanten, oder die Stunde eines, analog zum vorher Gesagten, einigermaßen, gerechten Miteinanders geschlagen. Wenn die Türen wieder aufgehen. Diese Situation lässt sich aber wohl nicht so einfach auf einen Kampf zwischen Mordor und Auenland herunterbrechen. Beim aktionstheater ensemble werden wir dieses Gegensatzpaar, befürchte ich, in uns selbst suchen müssen… Allgemein politisch sehe ich durchaus die Chance eines Paradigmenwechsels. Der Verteilungsdiskurs wird, glaube ich, ein anderer werden. Mit dümmlichen Floskeln wie: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ wird es nicht mehr getan sein. Ich habe dieses Sprüchlein im Übrigen für unsere Kunst Lounge „Salon d´amour“ einmal umgedichtet, das geht nun so: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut“.

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Was liest Du derzeit?

Gedichte. Hier eines von Gert Jonke, der, obwohl er nicht mehr lebt, heute nahe ist:

Oft gehe ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe.

Und während ich wieder stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe ohne zu wissen warum

ich stundenlang pausenlos

in meinem Zimmer auf und ab gehe

erkenne ich plötzlich dass mein ganzes Dasein

nie etwas anders gewesen ist als

ein einziges stundenlanges pausenloses

Aufundabgehen im Zimmer.

 

Welches Zitat aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„Um was geht es wirklich, um was geht es uns wirklich?“ aus „Kein Stück über Syrien“

Apropos: Nach der Premiere zu „Platzen Plötzlich“, eine Arbeit über das Paradoxon eines „ewigen Wirtschaftswachstums“, habe ich Gert Jonke einen Blumenstrauß mit Hortensien geschenkt. Er hat mich um drei Uhr nachts angerufen und gesagt, dass Hortensien seine Lieblingsblumen sind. Das war ihm wichtig. Er wird dabei sein, auf dem Balkon.

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Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte, die ja auch jetzt im „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis Mo. 13. April auf www.aktionstheater.at als kostenloser Stream in fernsehtauglicher Qualität präsentiert werden und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich möchte mich bedanken.

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

1.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Alle Fotos_Thomas Wunderlich

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Martin Gruber – Leitung & Regie aktionstheater ensemble

 

Geboren 1967 in Bregenz, studierte Schauspiel und gründete 1989 die Theaterformation aktionstheater ensemble, mit der er an zahlreichen Häusern in Österreich, Deutschland und der Schweiz gastierte und an diversen internationalen Festivals wie Bregenzer Festspiele, Kurt Weill Festival, Impuls-Festival, Bregenzer Frühling und den Wiener Festwochen teilnahm.

Gruber begann seine Regiearbeiten 1998 mit multimedialen Klassiker-bearbeitungen von Antigone und Elektra und wurde 1993/1994 mit seiner Georg Büchner-Trilogie bekannt.

 

Seit der Produktion „Welche Krise“ (2009) arbeitet Martin Gruber mit authentischem Textmaterial. In unzähligen Interviews mit SchauspielerInnen, aber auch mit anderen ordinary people werden Textflächen erarbeitet, die nicht zuletzt wegen ihrer Aktualität, Spontaneität und Dringlichkeit gesellschaftspolitische Prozesse besonders wirkmächtig widerspiegeln. Gruber reißt die Original-Interviews aus dem ursprünglichen Kontext und entwickelt, zusammen mit SchauspielerInnen, daraus verblüffende Performances aus Sprache, Musik und Choreografie. Ob der Aktualität der Arbeiten wird Grubers Compagnie vom Feuilleton das Attribut „Schnelle Eingreiftruppe des Theaters“ attestiert.

 

Gruber erarbeitete über 60 Regiearbeiten mit seinem aktionstheater ensemble und inszenierte auch für stehende Häuser u.a. Volkstheater Wien und Volksoper Wien. Er wurde mit mehreren Kulturpreisen ausgezeichnet darunter: NESTROY. Theaterpreis 2016, Heidelberger Theaterpreis, Auszeichnung „Vorarlberger des Jahres in Wien 2017“, Ehrengabe für Kultur des Landes Vorarlberg 2016 sowie die Nominierung für den NESTROY. Theaterpreis 2015.

 

„Es könnte auch sein, dass Literatur alles nur schlimmer macht“ Anselm Neft, Schriftsteller_Hamburg 31.3.2020

Lieber Anselm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich generell zu Hause schreibe, ändert sich an meiner Arbeitsweise nichts. Allerdings kann ich derzeit weder Schauplätze des nächsten Romans bereisen noch in Bibliotheken recherchieren. Und die Abende und Wochenenden gestalten sich anders: sonst bin ich zwei-, dreimal in der Woche zum Boxen gegangen, zu Lesungen, zu Freunden, in Kneipen oder Cafés. Auch unsere Lesebühne hier in Hamburg kann derzeit nicht mehr stattfinden. Der Sport fehlt mir jetzt gerade am meisten. Allerdings hat der Verein gerade damit begonnen Lehrvideos online zu stellen und ermuntert seine Mitglieder zu einer täglichen Routine. Das alles ist natürlich weitgehend irrelevant bis gelogen: Tatsächlich findet ein Großteil meines Leben in einer Parallelwelt statt, in der ich gefangen bin und aus der ich, wenn überhaupt, nur schreibend und fiktiv berichten kann.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich vermute: Zuwendung. Rücksichtnahme. Geld. Gutes Immunsystem. Internet. Und wie immer: Glaube, Liebe, Hoffnung.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?

 

Ich verstehe die erste Frage nicht. Und auf die zweite weiß ich keine Antwort. Vielleicht passt zu beiden Fragen: Ich habe die Fähigkeit eine weitere Welt zu erfinden und mich hauptsächlich darin zu bewegen, das ist wahrscheinlich für mich und andere hilfreich. Ich bin mir aber nicht sicher. Es könnte auch sein, dass Literatur, das erfundene Leben, als Ersatz für (körperliche) Lebendigkeit und Nähe eine Droge ist, die alles nur schlimmer macht. Ich habe über diese Frage mal einen vielleicht etwas zu hermetischen Text in Klagenfurt vorgelesen. Hör ihn dir bitte noch einmal an!

 

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Was liest Du derzeit?

W.G. Sebald „Austerlitz“ und „Das Lachen der Täter“ von Klaus Theweleit. Außerdem lese ich gerade zwischendurch noch mal Kurzgeschichten von Robert Aickman, „The Swords“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Und dann liegt hier schon das neue Buch von Benjamin Maack auf dem Nachttisch: „Wenn das noch geht, dann kann es nicht so schlimm sein“.

 

Welchen Textimpuls aus Deinen Romanen möchtest Du uns mitgeben?

„Ich erhob mich vom Bett, stöhnte leise und begann, mich anzuziehen.“ (aus „Die bessere Geschichte“)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Anselm, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und Deine weiteren  Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anselm Neft, Schriftsteller

Aktueller Roman: Anselm Neft, Die bessere Geschichte (Rowohlt Verlag, 2019)

 

31.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _2018, Bachmannpreis.

 

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„Leben, lieben, lachen, leiden_in der Zeit, die wir haben“ Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Bildender Künstler_Kärnten_30.3.20

 

Lieber Hubert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin Frühaufsteher, gehöre zur Risikogruppe, doch mein Leben nimmt auch ohne soziale Kontakte wie gewohnt seinen Lauf. Um 6 Uhr gibt es Frühstück und danach sitze ich bis Mittag am Schreibtisch, um meine Gedanken der Nacht und die vielen Eindrücke der letzten Tage poetisch in eine Form zu gießen. Da ich in einem Dorf ohne Nahversorger lebe, bin ich gezwungen einmal pro Woche in die Stadt zu fahren, um mich mit Lebensmittel zu versorgen. In Zeiten von Corona ist es ein großes Glück im eigenem Haus mit riesigen Garten zu leben. Nach dem Mittagessen gehe ich in den Wald oder am Fluss spazieren. Danach mein Nachmittagskaffee, Arbeiten im Haus und Garten und um 18 Uhr Abendessen. Natürlich sehe ich mir abends die neuesten Meldungen von der Corona im TV an. Ich bin nun Mitglied beim Kärntner Schriftstellerinnen-Verband und habe nach jahrelanger Vereins-Abstinenz meine literarische Heimat gefunden. Bis zur Nachtruhe um 22 Uhr widme ich mich hin und wieder diesen sozialen Kontakten im Internet.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig ist es jetzt die Maßnahmen, welche die Bundesregierung und die Behörden getroffen haben, prinzipiell zu befolgen. Das heißt: achtsam zu sein, zuhause bleiben, wenn nötig, außer Haus nur allein gehen und den erforderlichen Abstand zu anderen Personen halten! Wenn möglich keine öffentlichen Verkehrsmittel benützen und vor allem mehrmals die Hände waschen!

 

Wir stehen jetzt vor großen Herausforderungen in der aktuellen Situationsbewältigung und auch den Perspektiven eines Neubeginns. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Hier beginne ich gleich bei der Literatur: Literaten sollten mit der Corona Krise achtsamer umgehen. Es gibt viele Besserwisser, die hintennach mit ihren harschen Kritiken viele Maßnahmen der Behörden verurteilen. Dann gibt es Kabarettisten, die glauben von der Wirtschaft mehr zu verstehen als die Experten und geben in Medien kontraproduktive Ratschläge. Sie schreiben SARS Covid 19 der Globalisierung oder dem Klimawandel zu. Der Meinung bin ich nicht, denn bei der asiatischen, spanischen oder Honkong Grippe war die Globalisierung und der Klimawandel kein Thema. Was wir neu überdenken sollten, betrifft unseren Lebensstil, die Korrektur der Globalisierung und die Abhängigkeit, welche damit verbunden ist. Europa müsste wieder regionaler werden und die Konzerne in ihrer Profitgier in Schranken weisen!

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Was liest Du derzeit?

Die großen Dichter, insbesondere meine Favoritin „Ingeborg Bachmann“ habe ich konsumiert. Eigentlich halte ich es hier mit „Peter Handke“, der irgendwann mal gesagt hat, er will sich den eigenen Sprachduktus erhalten! Manuskripte von vier Büchern liegen in der Schublade, eine Publikation sollte es heuer geben und deshalb überarbeite ich derzeit viele meiner Texte.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Büchern möchtest Du uns mitgeben?

  • „Wenn auf der Erde die Liebe und der Friede herrschen würden, wäre das Leben ein Fest, denn beides sind die Grundpfeiler der Schöpfung!“

 

  • „Mensch sein, leben, lieben, lachen, leiden; in der Zeit, die wir haben – ist „Mensch Sein“. „Sich selbst gewahr werden!“ Ohne Vergebung, kein Bleiben, keine Existenz; ohne Fehler Mensch sein – Menschen bleiben. „Sich selbst auf sich nehmen!“ Die Zeit ist in uns, die uns bleibt!“

 

  • „Der Friede und die Liebe sind das Salz der Erde; die Habgier und der Krieg die Nacht des Lebens!“

 

  • „Die Zunge betet sich im Leben weiter wund, doch den Mund sollte man stets auftun, aber nicht in den Himmel schreien. Wichtig ist bewirkter Fingerzeig, zielend auf gewisse Kreise, danach kehrt Friede ein!“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Hubert, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Bildender Künstler

Publikationsauswahl: Reflexionen (2017), Friedenswind (2013) _weitere_alle Hermagoras Verlag.

 

 

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„Gerade jetzt – ohne Kunst geht es nicht. Es braucht Vision und Freiheit.“ Jacqueline Berg, Hamburg_29.3.20

 

Liebe Jacqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hier in Hamburg richtet sich natürlich auch wesentlich nach den Vorgaben für das öffentliche Leben. Die unmittelbare Begegnung und Bewegung ist wie überall stark eingeschränkt. Das Leben geht wesentlich „drinnen“ weiter. Aber es geht natürlich weiter. Und das bedeutet für mich, Gespräche zu führen mit Menschen, die mir wichtig sind und malen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksicht, Liebe, Miteinander.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Für einen Aufbruch ist es immer wichtig, bedacht zu sein. Aber ebenso sind Mut und das nach Vorne blicken entscheidend. Beides braucht es jetzt, persönlich wie gesellschaftlich.

Die Kunst gibt uns Mut wie Kraft und Inspiration. In guten und in schlechten Zeiten. Gerade jetzt – ohne Kunst geht es nicht. Es braucht Vision und Freiheit. Das ist Zukunft.

 

 

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Was liest Du derzeit?

Connie Willis, Die Jahre des schwarzen Todes

 

Welches Impuls aus Deinen aktuellen Kunstprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Wie jeder seine Welt sieht, liegt in seinen Händen.

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Jacqueline und viel Erfolg für Deine Kunstprojekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jacqueline Berg, Bildende Künstlerin

 

29.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Etwas zu haben, an dem wir festhalten, uns festhalten können“ Cornelia Travnicek, Schriftstellerin_Wien_ 28.3.2020

 

Liebe Cornelia,  sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Katzen füttern, Tee trinken und lesen, Gedichte übersetzen, Home-Office (von Mo-Fr, je nach Firmenbedarf), Katzen füttern, etwa eine Stunde Gartenarbeit, Sport, Auftragstexte und -videos produzieren, mit meiner Familie telefonieren, Kochen, Katzen füttern, Lesen oder Streamen

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns in dieser Zeit nicht zu verlieren, etwas zu haben, an dem wir festhalten, uns festhalten können.

 

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In Deinem neuen Roman „Feenstaub“ geht es um Lebensinseln und Parallelwelten in einer Stadt. Auch um Wege zum Leben. Es geht um Träume, Visionen und (harte) Realitäten. Vor einem Neubeginn in Visionen und Realitäten werden auch wir jetzt gesellschaftlich stehen bzw sind mittendrin. Welche inneren und äußeren Prozesse sind für einen Neubeginn grundsätzlich, und für den aktuellen besonders, ganz wesentlich?

Der Neubeginn ist schon in der Krise angelegt: Schon jetzt werden neue Wege des Zusammenlebens und kulturellen Austausches gefunden, Dienstleistungen neu bewertet, Lebensumstände evaluiert, Räume neu geordnet. Der Neubeginn, der sonst oft schwerfällt, ist nun von den äußeren Umständen verordnet. Eine Chance?

 

Was liest Du derzeit?

Den „Atlas of Poetic Botany” – ein Buch über ungewöhnliche Pflanzen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem neuen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Mir kommt vor, als wüsste ich, dass man das Fliegen bereits in dem Moment verlernt hat, in dem man zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob man es überhaupt kann.“

Cornelia Travnicek, Feenstaub

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Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia und viel Erfolg für Deinen neuen großartigen Roman und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Travnicek, Schriftstellerin

Aktueller Roman : Feenstaub (2020), Picus Verlag.

https://www.corneliatravnicek.com/

 

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„Brauchen wir all diesen Wohlstand wirklich?“ Sophie Reyer, Schriftstellerin_Wien_ 27.3.2020

 

Liebe Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

 Eigentlich wie immer, nur dass ich leider niemanden mehr sehe sondern alle Termine per Skype oder Telefon erledige, was mich befremdet und traurig macht.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In Verbindung und Beziehung bleiben.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?

 

Ich starte demnächst einen Krisenblog auf der HP der Schule für Dichtung – wichtig ist es jetzt, das Kollektiv zu stärken und Zeichen zu setzen. Ich sehe derzeit eine sehr große Chance für den Betrieb. Neue Vernetzungen entstehen, Blogs und Home -Office – Lesungen schießen wie Pilze aus dem Boden, man bemüht sich, in Verbindung zu sein und sich wieder auf die wesentlichen Fragen zu besinnen: worum geht es im Leben? Was ist Glück? Brauchen wir all diesen Wohlstand wirklich?

 

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Was liest Du derzeit?

Faulkners „Requieum für eine Nonne“, den Manga „Avatar“ und „Allerleirauh – Kindergedichte“ von Enzensberger sowie einen literaturtheoretischen Diskurs über Märchen und ihre Bedeutung für die gegenwärtige Comic- Film- und Computerspielindustrie.

 

Welchen Impuls aus Deinen Literaturprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sophie und viel Erfolg für Deine aktuellen Buchneuerscheinungen und kommenden Literaturprojekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sophie Reyer, Schriftstellerin

 

Aktuelle Bücher von Sophie Reyer_

„Das stumme Tal“ Emons Verlag,  2020.

„Die Riesin von Tirol“ Edition Raetia 2020.

 

Weitere Informationen: 

https://sophiereyer.com/

 

 

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„Todesfuge – Biographie eines Gedichts“ Thomas Sparr. DVA Verlag.

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„Todesfuge – Biographie eines Gedichts“ Thomas Sparr. DVA Verlag.

Die Shoa. Da ist der Tod der Eltern in der unerbittlichen Maschinerie der Vernichtung. Dem Sohn gelingt das Entkommen. Doch die Bilder des Todes bleiben ein Begleiter wie die Erfahrungen von Gewalt und Leiden…

Jetzt heißt es nur Flucht. Die Stadt Wien ist ein Sehnsuchtsort der Familie gewesen, schon immer. Schließlich schafft er es dort anzukommen. Im Gepäck nur die Schwere der Jahre. Und Worte. So viele. Überall…

Die Trümmer des Krieges sind auch in Wien zu sehen. Langsam beginnt wieder das Leben. Das Wort ist ein wesentlicher Teil davon. Das freie Wort und die Poesie. Er scheibt Gedichte, lernt Menschen kennen, Künstlerfreunde und auch die Liebe…

Die junge Ingeborg Bachmann wird zu seiner Liebenden, Unterstützenden. Das Wort verbindet sie aber die Geschichte der Ereignisse lastet schwer auf Ihnen. Sie suchen nach Wegen zur Freiheit in allem…

Dann führt sein Weg nach Paris. Ingeborg Bachmann bleibt eine Unterstützerin seines Weges im Wort. Ihre Bekanntheit hilft jetzt auch dem jungen Dichter. Sie tritt für ihn ein und er liest 1952 bei der Gruppe 47 sein Gedicht „Todesfuge“. Es bleibt zunächst in der Runde missverstanden. Doch es ist ein Meilenstein moderner Poesie im Bewusstsein der Shoa und der Frage nach Gegenwart und Zukunft…

 

Eine Spurensuche, die einen der größten Dichter der Moderne im Prozess des Schreibens und der Voraussetzungen, Gegebenheiten und Entwicklungen dazu beeindruckend vorstellt.

 Die Geschichte eines Gedichtes und dessen Revolution der Sprache im Angesicht der Shoa.

 

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„Das Theater hat mir oft gezeigt, was es an Stärke zu vermitteln vermag“ Maxi Blaha, Schauspielerin_Wien, 26.3.2020

 

Liebe Maxi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

 Ich bin mit meinem 9 jährigen Sohn Nepomuk in selbstgewählter Quarantäne. Koche, mache mit ihm Hausaufgaben… Dazwischen telefoniere ich mit meiner Londoner Autorin Penny Black, die mein neues Theatersolo schreibt, das im Herbst uraufgeführt werden soll…

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mitgefühl, Sorgfalt und uns selbst nicht so wichtig zu nehmen. Wir müssen nun weniger an uns selbst denken, sondern an die Alten, Schwachen, Kranken. Wichtig ist, den Mut nicht zu verlieren und die Kraft, die Hoffnung und das Mitgefühl.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?

Die Kunst ist das, was uns Kraft und Hoffnung gibt.

Das Theater hat mir oft gezeigt, was es an Stärke zu vermitteln vermag.

Oft haben mir Zuseherinnen erzählt oder geschrieben, wie sehr sie betroffen und berührt waren. Dieser Aspekt der menschlichen Rührung ist für mich immer schon wesentlich. Das wird immer mein Hauptmotor für mich als Künstlerin sein. Ich sehe die Rührung und das Mitgefühl als wesentliche Kraft des Theaters.

 

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Was liest Du derzeit?

Die Schnitzlers.

 

Welches Zitat, welche Szenerie aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

 

Bertha von Suttner!!!

https://m.youtube.com/watch?v=O1utpYdxnjs&t=4s&fbclid=IwAR2lhSGrAduVpMFREHUVIF4ZGhhvtB9wo1Q6DoG-mVKucuTsnkD77–qc04

 

Vielen Dank für das Interview liebe Maxi und viel Erfolg für Dein aktuelles großartiges Theaterprojekt „Berta von Suttner“ wie Deine weiteren Projekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: Maxi Blaha, Schauspielerin

Aktuelles Theaterprojekt:  „Berta von Suttner“

http://maxiblaha.at/

 

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Foto_Walter Pobaschnig: Maxi Blaha in „Emilie Flöge“ (2018), Belvedere Wien.

 

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„Vielleicht kann die jetzige Krise die Menschen (und nicht nur „die Politiker“) lehren, dass es anders gehen kann“ Leopold Federmair, Schriftsteller _ Japan_5 Fragen_25.3.2020

Lieber Leopold, Du lebst in Japan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst, etwas ruhiger vielleicht, aber im März ist an der Uni, wo ich meinem Brotberuf nachgehe, sowieso vorlesungsfrei. Geplant war, dass ich die zweite Märzhälfte mit meiner Familie in Venedig verbringe, daraus wurde nichts. Und auch aus dem für 31. März in der Alten Schmiede zu Wien geplanten Symposion mit Peter Henisch, Olga Martynova, Anna Weidenholzer, Robert Stripling wird vorläufig nichts. Schriftsteller haben ja die meiste Zeit home office. Die derzeit laufende Vorbereitung für dieses Symposion über die Zukunft des Romans bzw. das Projekt, zu dem es gehört, hat aus uns fünfen etwas wie eine kleine Urgemeinde gemacht, so sehe ich das (ein bisschen selbstgefällig) zumindest, aber physisch zusammengekommen sind wir bisher nicht. Durch das Nicht-Reisen-Müssen (ja!) habe ich mehr Zeit zur Verfügung, der Roman, an dem ich arbeite, geht schneller voran, als ich das von ihm erwartet hatte.

 

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Warum das Virus in Japan so zurückhaltend ist, kann ich nicht sagen, es hat etwas Rätselhaftes. Die Schulen sind früh geschlossen worden, aber die Regeln werden nicht sehr strikt gehandhabt, allgemeine Ausgangsbeschränkungen gibt es nicht. Natürlich hätte ich Gründe zur Hand, die Reinlichkeit der Japaner (kann man verallgemeinern!), Distanziertheit, keine Bussis, kein Händeschütteln, dann auch die geringe Luftverschmutzung, auch in den Metropolen… Trotzdem, es bleibt rätselhaft.

Tagesablauf, wenn du’s genau wissen willst: Aufstehen, frühstücken, Blick ins Internet, Frühstück für meine Tochter machen, mit dem Fahrrad in mein Studio an der Uni fahren, schreiben, manchmal ein Café (ja!) besuchen, auch Spaziergänge in den Wäldern und zwischen den Feldern, im ersten Frühling, die Kirschbäume beginnen zu blühen, viel früher als in früheren Jahren, gegen Abend einkaufen, kochen, essen, häufig sehen wir danach im Heimkino (home cinema) Filme, zuletzt einen japanischen von 1999, Popoya („Der Bahnvorstand“), nach einer Erzählung von Jiro Asada, im Schnee von Hokkaido spielend, wunderbarer Film in der Tradition von Yasujiro Ozu, Shohei Imamura etc.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Wir alle“, das bezieht sich vermutlich auf Österreich oder Europa. Ich verfolge die viralen Corona-Entwicklungen in diversen Ländern, sie sind recht unterschiedlich (und die Erhebung und Darstellung ist unterschiedlich), z. B. sind meine Freunde in Spanien derzeit ziemlich in der Bredouille, sprich in einem echten Ausnahmezustand, aber ich kann ihnen keine Ratschläge geben. Vieles liegt ohnehin auf der Hand. Das Wort „viral“ hatte bis vor kurzem einen coolen und elanvollen Bedeutungshof, der mich ehrlich gesagt ziemlich genervt hat. To go viral, oh! Jetzt hat sich eine ganz andere, ältere und nicht metaphorische Bedeutung zurück in den Vordergrund gedrängt. Vielleicht kann das auch heilsame Wirkungen haben.

 

In Deinen Romanprojekten geht es auch wesentlich um Beschreibung von Lebenserfahrungen/-kontexten. Es geht dabei um persönliche Wahrnehmungen, Herausforderungen und gesellschaftliche Prozesse.

Auch jetzt wird es ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen bzw stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Seit Jahren frage ich mich, anfangs zögernd, ob wir nicht zwangsläufig auf eine neue Katastrophe zusteuern. Zyklentheorie und so. Im 20. Jahrhundert gab es zwei sehr große Katastrophen (und mittlere wie die Spanische Grippe), nach dem ersten Weltkrieg hat man nicht viel daraus gelernt, nach dem zweiten schon, aber nach ungefähr einem halben Jahrhundert begannen gewisse „Errungenschaften“, das Wort ist gar nicht so schlecht, doch wieder zu bröckeln, und Neues kam nicht in Sicht, nur Altes. (Eigentlich müsste ich die Wirtschaftskrise von 1929 hinzufügen, und den darauf folgenden New Deal, den neuen contrat social.) Vielleicht kann die jetzige Krise die Menschen (und nicht nur „die Politiker“) lehren, dass es anders gehen kann, dass man Alternativen ausarbeiten kann, dass wir, auch wenn wir uns streiten, doch eine Gemeinschaft sind und der Streit in deren Dienst stattfinden sollte. Was mir in den letzten Jahren Sorgen machte, ist das Lagerdenken, der mangelnde Respekt vor dem anderen – was, wie man jetzt sieht, auch heißen kann: Mangel an Distanz zum anderen.

In Japan sollten die Leute aus dem jetzigen Stillstand im Schulsystem, der zum Glück nicht unnötig von „school at home“ durchkreuzt wird, weil die Ferien sowieso immer mit Hausaufgaben zugemüllt sind, lernen, dass es nichts bringt, immer alles noch mehr zu verbessern, zu vermehren, zu vergrößern, aus- und anzufüllen. Dass Spiel und Nichtstun und Schlafen wichtig und schön sind. Das hat man den hiesigen Kindern nämlich ausgetrieben, und die Kinder nehmen es in ihre Erwachsenenexistenz, in die sogenannte Arbeitswelt, mit.

 

Was liest Du derzeit?

Unendlicher Spaß von David Foster Wallace (schon lange) und Gedanken dichten von George Steiner (seit kurzem). Ich höre in diesen Tagen Country Music, besonders Townes Van Zandt, zeitlebens ein Außenseiter, unglücklich und großartig. Long live the United States, carajo!

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Wasserbläschen wandern

das Bächlein hinab

Schattige Kreuze am Grund

 

Vielen Dank für das Interview lieber Leopold und viel Erfolg für Deinen neuen Roman und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leopold Federmair, Schriftsteller

Aktueller Roman:  Leopold Federmair, Die lange Nacht der Illusion (2020), Otto Müller Verlag

 

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„Sicher ist bisher nur eines: Es wird nicht so werden wie vorher.“ Isabella Straub, Schriftstellerin _ 5 Fragen_24.3.2020.

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich jetzt nicht so dramatisch verändert: Ich bin auch vorher hauptsächlich allein zu Hause vor dem Computer gesessen. Im Pyjama und mit ungewaschenen Haaren.
Neu ist, dass ich täglich koche und die Spaziergänge an der frischen Luft noch mehr schätze. Neu ist auch eine gewisse neurotische Ader, die jetzt fröhliche Urständ‘ feiert: Kommt mir ein Mensch auf dem Gehsteig entgegen, wechsle ich schon mal die Straßenseite.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass es bei allen schrecklichen Bildern doch wichtig ist, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich vertraue dabei auf die Innovationskraft der Menschheit: Ich bin davon überzeugt, dass es bald ein Medikament geben wird, mit dem man die schweren Fälle behandeln kann. Es gibt bereits Beatmungsventile aus dem 3D-Drucker; Textilfirmen, die Atemschutzmasken für Krankenhäuser nähen und Nachbarschaftshilfen an jeder Ecke. Wir halten Abstand und rücken doch alle näher zusammen.

In Deinem aktuellen Roman „Wer hier schlief“ geht es um Sehnsucht und Liebe im dystopischen Kontext von persönlicher Existenz. Es geht dabei um die Herausforderungen, Wirrungen und Hoffnungen. Auch jetzt wird es ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich wie persönlich stehen bzw stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Im Moment habe ich noch gar kein Bild von diesem Neubeginn. Die Krise legt die Wunden auf die vulnerabelsten Stellen unserer Gesellschaft. Ohne Zweifel ist der Rückzug, ein zeitweiliger Stillstand auch gut für uns und die Welt – wobei ich das jetzt nicht romantisieren will. Was ich bemerke, ist jedenfalls ein immenser Wille, diese Krise gemeinsam zu stemmen – ich spreche hier auch von den wirtschaftlichen Konsequenzen. Schön wäre es, wenn wir diese Haltung in die Normalität 2.0 hinüberretten könnten. Denn sicher ist bisher nur eines: Es wird nicht so werden wie vorher.

Was liest Du derzeit?

Ich habe mir zuerst überlegt, Isolations-Romane noch einmal zu lesen („Die Wand“ von Marlen Haushofer oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic), bin aber jetzt doch dazu übergegangen, Texte zu lesen, in denen das Leben nur so pulsiert, um dieses „Vorher“ nicht zu verlieren: „Ein Mann der Tat“ (Richard Russo) und „Wie später ihre Kinder“ (Nicolas Mathieu). Soeben habe ich eine der Great American Novels von Meg Wolitzer beendet – für mich immer ein Garant für gute Unterhaltung.

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Lieber ein expressionistisches Gedicht von Jakob von Hoddis – denn Humor wird uns retten. Und wenn nicht, dann macht er das Unerträgliche wenigstens erträglich.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei,

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

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Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Straub, Schriftstellerin 

https://isabellastraub.at/

Aktueller Roman von Isabella Straub: Wer hier schlief_ Verlag Blumenbar bei Aufbau, 2017

Fotos_Stefan Schweiger.

20.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com