„Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen“ Angela Lehner, Schriftstellerin_Wien 8.4.2020

 

Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus? 

Ich habe Glück. Ich bin größtenteils mit dem Touren durch und befinde mich ohnehin gerade auf einem Schreib- und Rechercheaufenthalt in Stuttgart. Morgens versuche ich zu Schreiben. Wenn ich merke, dass ich von der aktuellen Situation bedrückt bin, mache ich mir einen Kaffee, höre Musik und notiere gute Gedanken. Die les ich mir dann selber vor und gehe wieder arbeiten. Am Nachmittag geh ich in die Sonne oder mache Sport. Am Abend handarbeite ich (sticken, stricken, Freundschaftsbänder, zeichnen,…) und schaue Gilmore Girls oder ich lese. Der zwischenmenschliche Kontakt geht mir schon ab, aber im Vergleich zu den Leuten, die sich jetzt angackn, weil sie in Isolation Homeoffice machen müssen, bin ich es ja gewohnt, viel allein zu sein. Mich gut selbst aushalten zu können ist meine Superpower, die ich in die Corona-Krise mitbringe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit und Müßiggang. Sich nicht von der Amygdala den Tag versauen lassen, sondern rational Fakten und Wahrscheinlichkeiten durchdenken.

Müßiggang würde ich in der jetzigen Zeit gerne allen als Handlungsanweisung mitgeben. Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen.

 

 

Ramona-Waldner-8

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Das weiß man ja gar nicht, was mit Subventionen und ausreichend Zeit nicht doch wieder an seinen alten Platz zurückrollen wird. Natürlich wird es eine längere Übergangsphase und Veränderungen geben. Ich sehe aber ganz viel Potential in den Leuten selbst. Unglaublich eigentlich, was sich Selbständige und Kulturschaffende jetzt schon alles als Zwischenlösungen einfallen haben lassen. Ich hatte zum Beispiel schon meine erste Video-Lesung beim Homestage-Festival. Außerdem habe ich grundsätzlich schon einen tiefen Glauben daran, dass der Mensch es im Leben immer wieder schaffen kann, zu seinen alten beschissenen Verhaltensweisen zurückzufinden.

Die Rolle der Literatur, ja. Jetzt, wo wir alle auf uns selbst und unsere Gedankenwelten zurückgeworfen sind, merken wir ja vielleicht doch, dass Kunst und Kultur ja gar nicht so ein Schas ist, den man bei der Planung eines jeden Finanzhaushaltes als erstes wegrationalisieren muss. Den Menschen, der die Isolationszeit ohne Filme, Literatur oder Musik verbringt, schau ich mir an. Man kann nur hoffen, dass das den Leuten nach der Krise im Gedächtnis bleibt. Dass man später nicht wieder im Kontext der Entlohnungsfrage mit aller Feigheit behauptet, Kunst- und Pflegeberufe seien nicht unbedingt „systemrelevant“.

 

Was liest Du derzeit?

Der Gesang der Fledermäuse – Olga Tokarczuk
Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Gut passt eine Stelle aus „Normal People“ von Sally Rooney:

 

„Still, Connell went home that night and read over some notes he had been making for a new story, and he felt the old beat of pleasure inside his body, like watching a perfect goal, like the rustling movement of light through leaves, a phrase of music from the window of a passing car. Life offers up these moments of joy despite everything.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angela Lehner, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Angela Lehner: Vater Unser, Hanser_BerlinVerlag 2019

 

2.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Ramona Waldner.

 

https://literaturoutdoors.com

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