„Literatur wird eine neue Sprache, einen neuen Ausdruck brauchen“ Isabella Feimer, Schriftstellerin_Wien 6.4.2020

 

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf, hm. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er sich nicht verändert hätte, dass ich drauflos schreiben könnte, wie ich es sonst so in meinen Tagen zu Hause tue. Dem ist gerade nicht so. Ich finde die momentane weltweite Situation bedrückend und beängstigend.

Jeder Tag ist neu, und man kann auch nicht sagen, wie er sich emotional entwickeln wird. Ich glaube, genauso sind meine Tage im Moment auch gestaltet. Mich einem größeren Text zu widmen, vollends in andere Welten abzutauchen, empfinde ich zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer bis unmöglich… und letztendlich muss alles, was vor der Krise war, vermutlich alle Lebensbereiche, neu überdacht und gestaltet werden.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig ist, dass wir füreinander da sind. Für die engsten Freundinnen und Freunde, genauso aber für Fremde. Da meine ich, zum Beispiel, die ältere Frau, die mir gegenüber wohnt. Jeden Tag um 18 Uhr klatschen wir und winken einander und verabreden uns, bevor wir die Fenster wieder schließen, für den nächsten Tag.

Es ist wichtig, dass Humor – es kann auch durchaus schwarzer Humor sein – unsere Tage erhellt und dass wir immer noch Schönes sehen – da draußen, und im Inneren.

 

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

 Ich hoffe, dass es ein Neubeginn wird – oder besser gesagt: die logische Konsequenz dieser Veränderung, in der wir uns befinden – und dass wir alle nicht wieder in alte Muster zurückfallen, in das Konsumieren von Welt, von Dingen wie auch Menschen, sobald es uns wieder gestattet ist und dass das Egoausgerichtete mal ein bisschen um sich schaut und sich von seinen Scheuklappen befreit.

Das wäre die Chance, glaube ich, von der gerade viele ZukunftsforscherInnen reden, eine Neuorganisation von Welt und ihren Mechanismen. Da ist die Literatur natürlich nicht ausgenommen. Auch sie wird die Veränderung in sich aufnehmen, wird vielleicht eine neue Sprache brauchen und neuen Ausdruck … sie wird danach suchen, sie wird beides finden. Und auf diese Texte und Bücher und Stücke und Drehbücher freue ich mich dann.

Die Rolle der Literatur jetzt, möchte ich noch hinzufügen: ist Trost, ist Ablenkung, ist es, den Leser und die Leserin um die Welt, auch ins All und darüber hinaus, zu schicken.

 

Was liest Du derzeit?

Zur Zeit lese ich Gedichte quer durch mein Bücherregal, die Tagebücher von Susan Sontag und „Unrast“ von Olga Tokarczuk. Leider lässt mich meine eigene Unrast nicht allzu lange über Texten verweilen, so lese ich immer nur ein paar Seiten. Dann muss ich aktiv etwas tun, etwas notieren, etwas räumen … ach ja, die „Stardust Interviews“ mit David Bowie lese ich auch gerade. Das Buch war das Geschenk einer Freundin, und wenn ich darin lese, kann ich ihr nahe sein.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„sich verirren in einem Wald, der smaragdgrün schimmert, das Licht fangen, das sich zwischen Baumkronen hindurchdrängt, über Blätter streichen, Seide atmen hören, sich fallenlassen in ein Bett aus Moos, darin versinken, verweilen wie im Wohlgefühl von zarten Küssen, umschlungen von Liebkosung sein, sich verirren wollen, Irrfahrt into loneliness … für Einsamkeit muss man lange Wege gehen, denke ich, für jene Einsamkeit zumindest, die erfüllend ist, was, denke ich weiter, wenn wir jetzt anhalten und wieder umkehren würden, was wäre, wenn ich das, was vor uns liegt, nie sehen könnte?“

(Das Zitat stammt aus der Erzählung „Monster“.)

 

Isabella Feimer 3_20

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Erfolg Deine großartige aktuelle Erzählung und alle weiteren Literatur- und Kunstprojekte wie persönlich alles Gute in diesen Tagen!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Feimer, Schriftstellerin, Regisseurin

Aktuelle Erzählung von Isabella Feimer: „Monster“ Limbus Verlag 2018

https://isabellafeimer.wixsite.com/news/literatur

 

25.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Isabella Feimer

 

https://literaturoutdoors.com

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